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Fat House vor dem Oberen Belvedere

ERWIN WURM legt Hand an Performative Skulpturen

Erwin Wurm, House Attack, Performance, 2012 © Gerald Y. Plattner

Ein Architekt, der seine Häuser attackiert

Dem Rezipienten wird einiges abverlangt. Er steht vor hausähnlichen Gebilden, denen offenbar Gewalt widerfahren ist. Mehr sieht er nicht. Nun ist er selbst, seine Phantasie und sein Reichtum an Ideen gefragt, wie er dem Schaffensprozess dieses seltsamen Architekten, der die von ihm modellierten Häuschen malträtiert hat, auf die Spur kommt. Hilfreich ist der Untertitel der Ausstellung ERWIN WURM (bis 10. September 2017), der mit „Performative Skulpturen“ andeutet, wie und warum die einzelnen Schöpfungen zu ihren Blessuren gekommen sind. Die fotografierten Aktionen wurden bereits Kunstgeschichte. Sie sind Teil einer großen Trilogie, die Erwin Wurm selbst mit Wortskulptur, One Minute Sculpture und Performative Skulptur umreißt. In diesem Dreieck lotet Erwin Wurm seit 35 Jahren die Grundbedingen der Skulptur wie Masse, Volumen, Gewicht, Statik und Proportion mit durchaus unterhaltsamen Ergebnissen aus. Man braucht sich nur einmal durch sein Narrow House gezwängt haben.

Ausstellungsansicht "Erwin Wurm - Performative Skulpturen"

Die Einrichtung: Schmale Fauteuils, flache Bücher und ein Klo, auf dem der kleinste Hintern keinen Platz hätte. Bequemer zu begehen ist das Fat House, das derzeit den Touristen vor der barocken Front des Oberen Belvedere ungeheuren Spaß bereitet. Nicht weniger amüsant sind die Performativen Skulpturen der „House Attack“ im 21er Haus. So hat sich Wurm beispielsweise auf sein Elternhaus gelegt und es durch sein Körpergewicht deformiert. Er ist auf den Narrenturm gesprungen und hat ein Loch ins Hochsicherheitsgefängnis Stammheim gegraben. Die deutsche Bunkerarchitektur war ihm einen Tritt wert.

 

Immer ist es Rebellion gegen Angepasstheit und Regulierung, jedoch in einer verspielten Art und Weise. Die vorgeblichen Zornausbrüche sind die eigentlichen skulpturalen Schaffensprozesse. Wurm will Hand an seine Arbeiten anlegen. Sie wieder zu seinen persönlichen Werken machen.

Er überspitzt so das Prinzip der bildhauerischen Arbeit und persifliert sie. Dass dabei der unvoreingenommene Betrachter die Skulpturen mit den Augen auf Spuren untersucht und Rückschlüsse auf die inneren Motive des Künstlers zu ziehen versucht, mag ein frommer Wunsch des Ko-Kurators Severin Dünser sein. Jedenfalls fad wird einem mit Erwin Wurm nicht, er ist schließlich der Garant für verrückte Ideen, mit denen der gute alte Begriff von Kunst nachvollziehbar mit neuen Inhalten erfüllt wird.

Ausstellungsansicht "Erwin Wurm - Performative Skulpturen"
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