100 Arbeiten aus dem breiten Spektrum österreichischer Fotokunst
Menschen, Dinge und die Linse
Es ist einzig und allein der Wille eines Künstlers, der aus einem Foto ein Kunstwerk schafft. Die Fotografie war anfangs der Kunst vorbehalten, oder besser, Künstler wollten das Licht als Mittel der Darstellung für sich beanspruchen. Ihr Bestreben nach exklusivem Gebrauch dieses Mediums war jedoch vergebens. Bald wurde es zum Handwerk, von Meistern seines Faches in deren Ateliers ausgeübt, und zum Mittel der Illustration, beherrscht von Fotoreportern, die damit auf einen Blick fassliche Informationen lieferten. Zu guter Letzt war es der Amateur, der sich das Foto zunutze machte, schlicht um Erinnerungen zu knipsen.
Dennoch hat in der ganzen Zeit seither das Foto in der Kunst überlebt, wenn auch im Schatten von sensationellen Aufnahmen begnadeter Profis, die sich mit ihrer Kamera im rechten Moment am richtigen Ort befinden und auch auf den Auslöser drücken. Kaum einer dieser Könner bezeichnet(e) sich als Künstler. Weder ein Franz Hubmann, noch ein Lois Lammerhuber oder ein Gerhard Trumler hätten sich je auf diesen Begriff reduzieren lassen. Sie waren und sind die Stars der österreichischen Fotografie, die ihre Bilder nicht zu erklären brauchen. Mit ihren Aufnahmen machen sie vielmehr von sich aus eine bisher nicht wahrgenommene Wirklichkeit sichtbar.
Neben vielen Künstlern, man kann sie kennen wollen oder nicht, ist Franz Hubmann ebenfalls in der Ausstellung „FOTOS, österreichische Fotografien von den 1930ern bis heute“ im 21er Haus (bis 5. Mai 2013) vertreten. Zu Recht! Fotografie als fester Bestandteil der österreichischen Kunstgeschichte soll lesbar gemacht werden, heißt es seitens der Verantwortlichen (Kuratoren Severin Dünser, Axel Köhne). Der Motor dahinter ist das Anliegen von Agnes Husslein-Arco, eine „Fotografiesammlung“ auf- und auszubauen und innerhalb der Sammlung des Hauses (Belvedere) die Fotografie verstärkt zu positionieren.
Gezeigt werden im 21er Haus knapp 100 künstlerische Arbeiten aus dem breiten Spektrum heimischer Fotokunst der vergangenen Jahrzehnte, von 1936 mit surrealistischen Arbeiten von Herbert Bayer bis zu jüngsten Positionen (knallige Stillleben von Robert F. Hammerstiel, sattsam bekannte Selbstbetrachtungen einer Elke Silvia Krystufek oder SW-Retro von Nadim Vardag aus 2007).
Drei Leitmotive liegen der Werkauswahl zugrunde: die Menschen, die Dinge, die uns umgeben, und die Linse zwischen all dem – also die Fotografie selbst. Präsentiert werden sie in der von Clegg & Guttmann eigens entwickelten Ausstellungsarchitektur mit Zwischenwänden, die sich an der Konstruktion des 21er Hauses orientieren und immer wieder neue Sichtachsen auf die gezeigten Bilder eröffnen.
Als Das Prinzip der klaren Formen bezeichnet Oswald Oberhuber die Arbeits- und Denkweise von Fritz Wotruba (1907-1975). Der Maler, Grafiker und Bildhauer Oberhuber ist Mitautor des von der Wilfried Seipel & Fritz Wotruba Privatstiftung herausgegebenen Buches WOTRUBA. Leben, Werk und Wirkung (Brandstätter 2012). Als Wotrubas Schüler und, wie Oberhuber sagen darf, dessen Freund beschreibt er in diesem Beitrag einen Menschen, der von seinem Können, seinem Genie überzeugt war und deswegen auf die meisten seiner Zeitgenossen distanziert und unzugänglich wirkte.
Diese Kantigkeit, diese Kraft eines Bildhauers, wie sie uns in den Werken von Fritz Wotruba gegenübersteht, war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg notwendig, um sich in einer verunsicherten Umgebung mit einem bisher nicht gekannten Ausdruck in der Kunst durchsetzen zu können. Die Sockelfigur des jungen Wotruba, so Oberhuber, war die Verwirklichung des klassischen Prinzips. Sie wurde mehr und mehr auf das Grundprinzip der (männlichen) Gestalt reduziert, bis zu den aus Quadern und Würfeln zusammengesetzten menschlichen Figuren.
Im Zuge von Bühnenaufträgen (Salzburger Festspiele 1965, Deutsche Oper Berlin 1967) setzte sich Wotruba auch mit dem Raumgedanken auseinander. In diesen Bühnebildern erscheint der Mensch klein gegenüber den übermächtigen Auftürmungen kantiger Blöcke, wie von Zyklopen aufeinander geschichtet. Von wilden Giganten errichtet scheint auch die Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit am St. Georgenberg in Wien-Mauer (Entwurf Foto links). Geplant wurde sie 1967, posthum erbaut 1976, nach Überwindung von Anfeindungen skandalösen Ausmaßes von Seiten der Architekten und der Amtskirche (Oberhuber).
Im 21er Haus hat Werk und Nachlass von Fritz Wotruba, einem der wesentlichen Künstler des 20. Jahrhunderts, nach langer Suche nun Heimat gefunden. Aus Anlass des 105. Geburtstages wurde dazu von der Fritz Wotruba Privatstiftung die Ausstellung „Wotruba. Leben, Werk und Wirkung“ (bis 7. April 2013) gestaltet. Neben zahlreichen Skulpturen und Zeichnungen des Bildhauers werden noch nie ausgestelltes Dokumentationsmaterial wie Fotos, Archiv-Dokumente, Korrespondenzen etc, vor allem aber die Rezeption seines Lebens und Werks in Gesellschaft, Kunstkritik und Literatur vermittelt.
Die Sammlung: Zeitgenössische Kunst im praktischen Überblick
Von der „Modernen Galerie“ zum 21er Haus
1903 wurde das Belvedere zur „Modernen Galerie“; mit der Aufgabe, zeitgenössische österreichische Kunst im internationalen Kontext zu sammeln. Allein, in den mehr als 100 Jahren, die seither vergangen sind, fand sich nicht der Platz, dieser Sammlung eine eigene, großzügige Galerie zu widmen. Was immer die Gründe dafür waren, aber der Ausstellungsbetrieb hielt sich an die Klassiker, die sich eben leichter verkaufen lassen als ein Stück Kunst, das erst als solches akzeptiert werden muss.
Mit der Eröffnung des 21er Hauses im Jahr 2011 als Wiener Museum für zeitgenössische Kunst unter der Ägide des Belvedere war auch genügend Ausstellungsfläche vorhanden, um dem ursprünglichen Auftrag gerecht werden zu können. 2.200 m² beherbergen nun „Die Sammlung“, bestehend aus rund 3.000 Werken, vom Beginn der Nachkriegsmoderne bis in die Gegenwart, mit Arbeiten, von denen etliche trotz ihrer Bedeutung und Qualität noch nie gezeigt werden konnten. Wechselnde Ausstellungen im ersten Stock des 21er Hauses sollen ab nun diese Werke aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, so die Intention seitens des Belvedere.
Mit einem systematischen Überblick über wesentliche Momente des österreichischen Kunstgeschehens wird man diesem Vorhaben auf ansprechende Weise gerecht. Für die erste Präsentation wurden die Sammlungsbestände in fünf Diskursfelder aufgeteilt, oder einfacher gesagt, in nachvollziehbare Themenkreise: Kunstszenen, Schriftbilder, Nach der Malerei, Verhandlung der Moderne und Knoten/Reihe/Struktur.
Bestückt sind die einzelnen Stationen mit zentralen Werken der Sammlung, ein wenig in der Art eines gut gestalteten Schulbuches für den Kunstunterricht. Man braucht über Arbeiten und Namen nicht mehr zu diskutieren, ob gut oder schlecht. Die Zeit hat sie längst in die Kunstgeschichte eingebaut und zu einem fixen Bestandteil unserer jüngeren Kultur gemacht, z. B. Arnulf Rainer, Oskar Kokoschka, Maria Lassnig, Friedensreich Hundertwasser, Herbert Boeckl, Lucie Stahl oder Padhi Frieberger. Im 21er Haus sind sie endlich dort, wo wir jederzeit bei ihnen vorbeischauen können.
„Schöne Aussichten!“ zur Eröffnung des 21er Hauses
„Wild Cube“
für die Kunst unserer Zeit
Es ist also fertig gestellt, das 21er Haus, das sich momentan als einziges fertiges Gebäude im weiteren Umkreis des (abgerissenen) Südbahnhofes auszeichnet. Wien und damit ganz Österreich hat ein neues Museum der Gegenwartskunst erhalten. Entsprechend staatstragend wurde dem 21er Haus von Marcus Geiger der rote Teppich ausgerollt, besser gesagt, das ganze Gebäude wurde mit riesigen Fahnen und Teppichen drapiert, bzw. teilverhüllt.
Fritz Wotruba: Torso
Lucio Fontana: Struttura al neon per la IX Triennale di Milano 1951/2011
Marcus Geiger: Triicoflagg (Sondereinfärbung im "Belvedere-Rot")
Die übrigen künstlerischen Beiträge zur Weihe des Hauses stammen u.a. von Franz West (er setzt in den von Sonnenlicht durchfluteten Räumen auf die besonderen Qualitäten des Mondlichtes), Peter Kogler mit einer Installation zu Künstlerporträts, Andrea Fraser (sie präsentiert eine überdreht-hysterische Museumsführung) und Lucio Fontana. Seine Neonskulptur Struttura al neon per la IX Triennale di Milano öffnet den Raum für die vierte Dimension der Architektur.
Der „Wild Cube“ stammt von Lois Weinberger, der diesen der gängigen Präsentation im gängigen White Cube entgegensetzt. Auch das 21er Haus könnte ein Wild Cube sein, ein Platz, wo mit der Kunst des 21. Jahrhunderts die Post abgeht. Aber stattdessen hält man sich an das gute alte 20er Haus aus 1962 – nicht nur architektonisch Rücksichten statt Aussichten; und daran sind nicht zuletzt die oben erwähnten etwas ältlich wirkenden Eröffnungsbeiträge schuld.
museum in prograss/Peter Kogler
Dass Aktualität der Kunst nichts mit den Jahren ihrer Entstehung zu tun hat, beweist Fritz Wotruba (1907-1975). Nach 1945 prägte er als Künstler und Lehrer die österreichische Bildhauerei. 1963 wurde seine erste große Retrospektive im Museum für das 20. Jahrhundert gezeigt. Wie selbstverständlich ist er auch ins 21er Haus eingezogen, wo sein künstlerischer Nachlass (u.a. 500 Arbeiten aus Stein, Bronze und Gips) in dauernden und temporären Ausstellungen präsentiert wird.