Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Tobias Moretti, Vergissmeinnicht-Chor © Reinhard Werner/Burgtheater

ROSA ODER DIE BARMHERZIGE ERDE als berührende Schau auf das Ende

Mariia Shulga, Tobias Moretti © Reinhard Werner/Burgtheater

Das gnädige Vergessen im fröhlichen Wartesaal des Todes

Désiré war Bibliothekar, der sich spielend Titel, Autoren und Inhalte der Bücher merkte und begeistert Shakespeare-Verse rezitierte. Er kann einfach nicht vergessen, so auch seine erste Liebe, Rosa, die in seiner Erinnerung zu Julia wird und in seinem Gedächtnis immer mehr Platz einnimmt. Ganz im Gegensatz zu der Frau, die ihm zwei Kinder geboren hat und mit der er noch verheiratet ist. Sie heißt Moniek, er nennt sie aber nur Camilla, so gründlich hat er sie vergessen, behauptet er, der den Demenzkranken nur spielt. Die Aufnahmeprüfung hat er mit Auszeichnung bestanden, bestätigt ihm seine Tochter Charlotte. Er hält konsequent die Realität von sich fern, auch in für ihn schweren Momenten, als Charlotte ihm gegenüber von ihrer Verzweiflung spricht. Aber nur so kann bei Rosa sein, seiner Julia. Sie ist ihm diesbezüglich ein Stück vorausgegangen, verbringt ihre letzten Tage in diesem Pflegeheim in dumpfer Wahrnehmungslosigkeit und hat aufgrund ihres Gedächtnisverlusts keine Ahnung, wie nahe ihr Romeo ist. Grausam ist die Tatsache, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Sabine Haupt, Tobias Moretti © Reinhard Werner/Burgtheater

So muss diese Liebesgeschichte, die zu den rührendsten und schönsten der Weltliteratur zählt, unter den Vorzeichen des Verfalls der körperlichen und geistigen Kräfte bis zu ihrer Erfüllung in nebeneinander liegenden Gräbern in der barmherzigen Erde durchgespielt werden.

Tobias Moretti, Gertraud Jesserer © Reinhard Werner/Burgtheater

Luk Perceval hat das Buch von Dimitri Verhulst für dieses Stück mit Szenen aus Shakespeares Romeo und Julia verquickt. Um Romeo herum treten die Angestellten des Pflegeheimes und Moniek als Julia, Lorenzo, Mercutio oder Benvolio auf. Der Zuschauer wird damit in eine Zwischenwelt aus hehrem Theater und tristen Alltag geführt, die auf faszinierende Weise irritiert und dennoch immer wieder gefangen nimmt. Der Vergissmeinnicht-Chor besteht aus zwölf alten, äußerst disziplinierten Damen.

Er kommentiert das Geschehen von einer Arena aus, deren Mitte sich gnadenlos dreht und entweder wie eine Zentrifuge die Daraufstehenden auswirft oder sie zentripetal anzieht, um sie kaum mehr loszulassen (Bühne: Katrin Brack).

 

Verhulst und Shakespeare werden von Marta Kizyma (Aischa/Julia), Gertraud Jesserer (Moneik/Julia), Sabine Haupt als frustrierte Charlotte, Stefan Wieland (Pastor Dirk/Lorenzo), Sylvie Rohrer (Hauptschwester/Mercutio) und Daniel Jesch (Pfleger/Benvolio) stets deutlich getrennt und doch in jedem Fall dem Burgtheater bzw. Akademietheater gerecht dargestellt. Rosa (Mariia Shulga) ist in dieser Inszenierung eine Frau in jüngeren Jahren, aber doch älter als das Mädchen, mit dem Romeo seinen Auftritt bei einer Tanzveranstaltung auf dem Balkon verstolpert hat. Nur langsam und zögerlich findet Désiré zu ihr. Tobias Moretti spielt dabei einen alten Mann, der einen Demenzkranken auch nur spielt. Seine wachen Gedanken werden über Lautsprecher hörbar.

Sie sind stellenweise sarkastisch und reizen sogar zum Lachen, wenngleich das Ganze durchaus alles andere als lustig ist. Immer aber ist es die Sehnsucht nach der Liebe seines Lebens, der er sich nur mit Trippelschritten und gebeugtem Rücken zuwenden kann. Moretti lässt mit hartnäckigem Schweigen den langen Atem des Alterns spürbar werden und wenn er sich am Ende über die sterbende Rosa beugt, wagt man kaum Luft zu holen, um diese wundersame Stille zwischen zwei Menschen am äußersten Rand ihres Lebens nur ja nicht zu stören.

Getraud Jesserer, Stefan Wieland, Vergissmeinnnicht-Chor © Reinhard Werner/Burgtheater

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

DIE GLASMENAGERIE Durchsichtig und mit viel Platz für die Zeit

Glasmenagerie Die Glastiere © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Wenn aus dem goldenen Staub des Mondlichts eine kalte Regendusche wird

Der Untertitel lautet „Ein Spiel der Erinnerungen“, die sich streckenweise mit denen des Autors Tennessee Williams decken. In „Die Glasmenagerie“ tritt er selbst als Tom Wingfield auf, der die Geschichte seiner Familie erzählt. Tom ist stolz auf seinen Spitznamen Shakespeare, der ihm verpasst wurde, weil er während seiner Arbeit in einem Lagerhaus im Keller Gedichte schreibt. Seine Mutter Amanda wurde vor 16 Jahren von ihrem Mann sitzen gelassen und hat ihn und seine Schwester Laura aufgezogen. Das Mädchen ist behindert und verkriecht sich in der ärmlichen Dachwohnung, um mit der Schräge der Raumdecke sogar zu spielen. Ihre wahren Bezugsquellen sind Tiere aus Glas. Sie versucht den Redereien ihrer Mutter, die sich um eine verklärte Vergangenheit mit unzähligen Verehrern drehen, so weit es geht auszuweichen, ebenso wie ihr Bruder, der regelmäßig vorgibt, ins Kino zu gehen und spät nachts besoffen heimkehrt. Im Gegensatz zu Laura hat er Chancen, der beengten Misere und den nervenden Vorhaltungen seitens der Mutter erfolgreich zu entkommen.

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Er will sich nicht mit seinem schlecht bezahlten Job im Lagerhaus abfinden, dazu brennt er innerlich zu sehr, besessen von der Gewissheit, zu Höherem berufen zu sein. Ausgerechnet der einzige Bursch, in den sich seine Schwester als Teenager verliebt hatte, wird von ihm als Verehrer zum Abendessen eingeladen. Aus dem ehemaligen Tausendsassa ist mittlerweile aber ein biederer junger Mann geworden, der aus Mitleid in Laura Erwartungen weckt und sie küsst, umgehend aber vom schlechten Gewissen geplagt wird und heim zu seinem eigentlichen Girlfriend abrauscht.

Glasmenagerie Ensemble © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Unter der Regie von David Bösch wird im Akademietheater die Glasmenagerie dem zerbrechlichen Grundmaterial entsprechend interpretiert. Die einzelnen Regungen der darin gefangenen Personen werden durchsichtig gemacht. Nichts kann versteckt werden, weder die mit verzweifelter Aufdringlichkeit an den Tag gelegte Betulichkeit der Mutter, noch die Zurückgezogenheit Lauras, die sehr gut weiß, dass sie keinem Burschen je gefallen und deswegen kaum geheiratet wird.

Sie ist eben ein seelischer und körperlicher Krüppel, der sich mit Glastieren abgibt statt einen Schreibmaschinenkurs zu besuchen. Der Zuschauer hat zwischen den knappen Dialogen viel Zeit einfach zuzuschauen, wie zu Abend gegessen, wie Karten gespielt oder ohne etwas zu tun dagesessen wird und es trotzdem nicht langweilig wird. Bösch hat viel Platz für die Zeit gelassen, die diesen paar Menschen in ihrer kleinen Mansarde in üppiger Fülle geschenkt ist.

 

Merlin Sandmeyer ist Tom, der noch voll Hoffnungen steckt. Er bringt immer wieder einen Schuss Humor, sogar leise Komik in seine Rolle und versteht es, seinen Tom nach und nach von der klammernden Mutter und geliebten Schwester zu trennen.

Sein Freund Jim O´Connor (Martin Vischer) ist laut Tennessee Williams ein netter junger Mann, der nach einem Durchhänger erste Schritte auf einer Karriereleiter wagt. Regina Fritsch ist eine trotz der Entbehrungen die erstaunlich jung gebliebene Mutter Amanda. Sie versteht es, ihre ohnehin kleine Umwelt virtuos zu kujonieren und blüht angesichts eines Schwiegersohnes in spe zur Eleganz eines in jeder Beziehung unsensiblen Vamps auf. Die etwas dickliche und schüchterne Laura Wingfield wird von Sarah Viktoria Frick mutig und wahrhaftig verkörpert. Sie lässt nie einen Zweifel aufkommen, dass sie weiß, wo es ihr mangelt und tastet sich bei ihrem Schwarm Jim O´Connor dennoch in eine Gefühlslandschaft vor, die ihr aus nachvollziehbaren Gründen verschlossen bleiben wird. Eine berührende Idee der Regie: Ihr Glück, das wie Goldstaub vom Mond her über sie gerieselt ist, wird am Schluss zur kalten Dusche mit dem Wasser, das sich am schrägen Dachfenster vom mittlerweile einsetzenden Regen gesammelt hatte.

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner / Burgtheater

HOTEL STRINDBERG oder besser doch ein Irrenhaus?

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die schicksalsschwere Welt von August Strindberg zur unterhaltsamen Collage im Heute verdichtet

Es gibt nichts Schöneres, als Leuten beim Streiten zuzuschauen. Alfred, ein außer Tritt geratener Regisseur und Drehbuchschreiber, und seine Gattin Charlotte, geweste Schauspielerin, schaffen es, mit ihrer lautstarken Auseinandersetzung, beflügelt vom dafür besten Treibstoff, dem Alkohol, sogar den Concierge zu veranlassen, um Ruhe zu bitten. Als Klimax kommt ans Licht, dass er nicht der Vater des gemeinsam aufgezogenen Mädchens ist. Damit ist Strindberg endgültig im Spiel. Bis dahin ist man auf Raten angewiesen, wie die durchaus heutigen Gestalten mit Smartphone, Googeln und SMS in die von düsteren Schicksalen beherrschte Welt Strindbergs einzuordnen sind. Es ist also durchaus angeraten, sich vor Besuch des Akademietheaters mit den Werken dieses schwedischen Dichters auseinanderzusetzen. Aber es zahlt sich aus. Simon Stone hat mit „Hotel Strindberg“ eine geniale Collage geschaffen, die einem Strindberg in ungemein kurzweiliger unterhaltsamer und vor allem in mitreißender Form nahebringt. Man könnte es durchaus auch als Soap bezeichnen.

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Es würde dem Stück trotz der Hinweise auf Netflix und ähnliche Unterhaltungsmöglichkeiten aber nicht gerecht, weil es erstens viel mehr Tiefgang hat als jede noch so ernsthaft daherkommende TV-Serie und zweitens die Handlungsstränge am Schluss in einem fantastischen, alle Realitäten aufhebenden Showdown gespenstisch vereinigt werden.

Michael Wächter, Aenne Schwarz © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Bühne besteht aus Zimmern eines Hotels irgendwo in Wien, die sich in der letzten Pause in Rezeption und Frühstücksraum und zuletzt in die Zellen eines Irrenhauses verwandeln. In drei Stockwerke kann man jeweils hineinsehen und beobachten, wie sich drinnen neben dem überall laufenden Fernseher sonst noch tut. Eine junge Familie mit Baby legt ein seltsames Paarungsverhalten an den Tag, indem sie unverblümt erzählt, wie sie ein anderer Hotelgast von der Muttermilch befreit habe und dann seinen Finger in ihre Vagina gesteckt hat.

Er gerät darauf in höchste sexuelle Erregung und will mehr hören, was sie ihm aber abschlägt. In einem anderen Zimmer wartet eine junge Frau auf ihren verheirateten Liebhaber, trägt das T-Shirt des Mannes und versucht diesen verzweifelt zu erreichen. Immerhin ist er der Vater des Kindes, mit dem sie seit vier Monaten schwanger ist. An seiner Stelle erscheint aber dessen Ehefrau, die ihre „Nebenbuhlerin“ voll mit Pillen und Alkohol vorfindet und ihren Mann Michael, der alles andere als eine schwangere Freundin will, zu Hilfe holt. Eine reife Frau vergnügt sich mit ihrem Schwiegersohn im Stiegenhaus, während ihr Sohn an seiner Sucht zerbricht. Ein im Moment erfolgloser Autor erwürgt seine Frau, die ihn besucht hat, um gemeinsam die Scheidungspapiere zu unterschreiben, während ein paar Zimmer weiter eine alte Frau, gefesselt an den Rollstuhl, ihre Panik vor dem Gespenst Tod mit ihrem Ehemann bespricht. Obwohl darüber ein nacktes Paar relativ ungestört seiner Zweisamkeit frönt, gibt es keine Peepshow, denn die beiden treiben es im Finstern.

 

Zum Einsatz kommen Franziska Hackl, Barbara Horvath, Roland Koch, Caroline Peters, Max Rothbart, Aenne Schwarz, Michael Wächter, Martin Wuttke und Simon Zagermann

Sie erweisen sich als virtuos wandlungsfähig. Sie sind kaum wieder zu erkennen, wenn sie in verschiedensten Rollen auftreten und jeder der dargestellten Figuren ihren ausgeprägten Charakter verleihen. Mit ihrem schauspielerischen Können tragen sie einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei, dass dieses in einem solchen Ausmaß kaum noch dagewesene Experiment, einen Autor wie August Strindberg in einem Stück zu verpacken, zu einem fesselnden Theatererlebnis wird.

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Vor Sonnenaufgang Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

VOR SONNENAUFGANG Vom Naturalismus zum Existentialismus

Stefanie Dvorak © Reinhard Werner/Burgtheater

Der Voyeurismus, in ihren Problemen gefangene Menschen zu beobachten

Am Morgen wird erst einmal ordentlich geschissen. Zumindest Egon Krause (Michael Abendroth) ist stolz darauf, dass man nach seinem Klogang die Uhr richten kann. Was seine Familie von dieser Offenbarung hält, interessiert ihn nicht. Das andere Geschäft, also seine Einnahmequelle, hat er an seinen Schwiegersohn Thomas Hoffmann (Markus Meyer) weitergegeben. Dessen Frau Martha (Stefanie Dvorak), sie ist Krauses Tochter aus erster Ehe, ist hochschwanger und entsprechend launenhaft. Da ihre Mutter früh verstorben ist, steht ihr die kleine Schwester Helene (Marie-Luise Stockinger) zur Seite. Mit der Stiefmutter Annemarie (Dörte Lyssewski), die zweiten Gattin Krauses, pflegen beide junge Frauen eine nicht allzu innige Beziehung. Es gibt also genügend Spannungen, die in der Luft liegen. Zu allem Überfluss taucht Alfred Loth (Michael Maertens) auf, ein Freund von Thomas aus Studienzeiten. Er ist Journalist „linker“ Ausrichtung und will über die Firma von Thomas Recherchen anstellen, wobei ihm aber bald klar wird, dass er fehl am Platz ist.

Marie-Luise Stockinger © Reinhard Werner/Burgtheater

Er wäre auch bereit, umgehend wieder zu verschwinden, wäre da nicht Helene, die sich in ihn verliebt und mit ihm eine Nacht verbringt. Dass während des Abendessens, bei dem Egon Krause abwesend ist, auch Annemarie an einem erotischen Abenteuer mit Alfred nicht uninteressiert wäre, ignoriert der Adressat geflissentlich. Eine Lichtgestalt könnte Dr. Peter Schimmelpfennig (Fabian Krüger) sein, der Arzt der Familie. Aber er ist zögerlich und zu sehr mit den Problemen dieser Leute vertraut, um der Verbindung von Alfred und Helene seinen Segen zu geben. Dass er am Ende hilflos zuschauen muss, wenn das Kind bei der Geburt stirbt, ist das Pünktchen auf dem schwarzen I in „Vor Sonnenaufgang“, in dem Ewald Palmetshofer den Naturalismus der Vorlage von Gerhard Hauptmann zu einem Hohelied auf den Existentialismus verdüstert hat.

Vor Sonnenaufgang Ensemble Reinhard Werner/Burgtheater

Dušan David Pařízek hat in seiner Regie die textliche Vorgabe von Palmetshofer in genau dieser Tristesse umgesetzt, die eine solche Story sehenswert macht. Er liefert Anschauungsmaterial für den Voyeurismus der weniger Unglücklichen, die sich einen Abend lang am Zerbrechen von Menschen an ihren Problemen weiden können; einen anderen Grund, sich dieses Stück anzuschauen gibt es nicht. Oder doch? Es ist die grandiose Besetzung, die dafür aufgeboten wurde.

Die von diesen Schauspielern gesprochenen Texte von Hauptmann bzw. Palmetshofer gehen unter die Haut. Zum Sehen gibt es nur die dominierende hässliche Betonwand der Rückseite der Bühne. Davor sind ein Klavier, eine Klomuschel und ein kahles Gestell aufgebaut, dessen Rand zum Sitzen und Diskutieren taugt. Beleuchtet werden die Schauspieler von zwei Overheadprojektoren mit kaltem Licht. Das Bettzeug für die Liebesnacht von Alfred mit Helena sind riesige Papierfetzen, die Anfangs das Gestell nach hinten abdeckten und herabgerissen wurden. Es wird bis zur Unheimlichkeit klar, dass Träume von einer besseren Welt unnötig sind, da ohnehin jeder seiner Bestimmung ausgeliefert ist und weder Chancen noch den Willen hat, daraus auszubrechen. Die drei jungen Männer reden lang und breit von der Aussichtslosigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen.

Der Alte praktiziert den Existentialismus bereits, indem er sich Nacht für Nacht in einer Kneipe betrinkt und seine meist jugendlichen Saufkumpane frei hält. Die Frauen bleiben auf sich allein gestellt. Auf ihre Männer können sie sich nicht verlassen. So probiert es Thomas ungeniert bei Helene, die ihn selbstverständlich zurückweist. Aber auch aus ihrer unverkrampften Liebe zu Alfred wird nichts, als der Jammer im Hause Krause diesem zuviel wird und er wortlos das Geschehen verlässt.

Vor Sonnenaufgang Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

CORIOLAN Ein Unbeugsamer ist untragbar für Feind und Freund

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Shakespeare war offenbar kein Vertreter der Volksherrschaft

Coriolan ist eine Gestalt aus der römischen Heldengeschichte. Zu seinem Namen kam er, als er als Feldherr mehr oder weniger im Alleingang die Stadt Corioli der feindseligen Volsker eroberte. Caius Martius, so sein bürgerlicher Name, sollte Konsul werden, was aber die beiden Volkstribunen Sicinia Veluta und Junius Brutus zu verhindern wissen. Sie haben Angst um ihr Amt, das von einer überragenden Persönlichkeit wie Coriolan abgeschafft werden könnte. Sie hetzen das wankelmütige Volk auf und Coriolan wird verbannt. Der schlägt sich verbittert auf die Seite des Gegners und zieht gegen Rom. Erst auf Fürsprache seiner Mutter sieht er von einer Eroberung ab. Nach seiner Entscheidung muss er jedoch erkennen, dass er auch von seinem ehemaligen Erzfeind und nunmehrigen Mitstreiter Tullus Aufidius verraten worden ist und zieht es vor, sich selbst zu erstechen, bevor ihn die Volsker umbringen. Die Römer haben sich damit eine Parabel von einem Unbeugsamen geschaffen, die vor bedingungslosem Andienen an die Plebejer warnen sollte, die sich mit Brot und Spielen allzu leicht kaufen ließen.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Gleichzeitig zeigte sie die drastischen Folgen auf, die alle diejenigen erwartete, die sich aus welchem Grund immer gegen S.P.Q.R. stellten. William Shakespeare hat den Stoff aufgenommen, wohl weniger um damit zu moralisieren, als seine Meisterschaft in der Darstellung des Seelenlebens eines solchen Mannes bis ins kleinste Fältchen seines Denkens und Fühlens aufzublättern. Dass der Dichter aus Stratford-upon-Avon kein Freund von Volksherrschaft und Plebisziten war, daran lässt er keinen Zweifel. Seine Titelfigur stellt er hoch über die schreiende Masse und vor allem über die Volkstribunen, die bei ihm zu windschiefen verachtungswürdigen Politikern werden.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Regisseurin Carolin Pienkos hat Coriolan in ein zeitloses Umfeld gestellt. Je weniger an Bühnenbild (Walter Vogelweider) und Kostümen (Heide Kastler) vorhanden sind, umso dichter wird das Spiel der Darsteller möglich. Wenn es um die Umsetzung von Schlachten geht, genügt ein geflammter Gazevorhang, hinter dem sich das blutige Treiben abspielt. Der Senat und das Forum Romanum werden nur angedeutet und der rebellierende Plebs hinter einen gar nicht so unüberwindlichen Gitterzaun verbannt.

Dort muss sich das Volk auch von Menenius Agrippa (Martin Reinke), einem Freund Coriolans, die berühmte Geschichte vom Magen anhören, gegen den sich alle anderen Körperteile auflehnten, und sie akzeptieren. Konsul Cominius (Bernd Birkhahn) ist seinem Feldherrn treu ergeben, kann aber nicht verhindern, dass die beiden Volkstribunen ihr böses Spiel zumindest in der ersten Etappe gegen Coriolan gewinnen. Sylvie Rohrer ist als Sicinia Veluta eine unsympathische Schlange, die stets das richtige Argument findet, um ihre niedrigen Interessen durchzusetzen. Ihr zur Seite steht Hermann Scheidleder, dem als Junius Brutus alles recht ist, was seine Bequemlichkeit nicht stört. Sie haben eine ähnlich undankbare Rolle wie Markus Meyer, der als Tullus Aufidius jede Schlacht gegen Coriolan verliert und durch dessen Selbstmord sogar um den letzten Sieg gebracht wird.

 

Cornelius Obonya ist Caius Martius, genannt Coriolan. Er gibt den Aufrechten, der seiner Wahrheit treu bleibt, ein Dickschädel, den man sich aber nicht anders vorstellen möchte. Es sind unzählige Nuancen, mit denen Obonya die Entscheidungen und das Verhalten dieses Feldherrn nachvollziehbar macht. Sein Credo wird ihm zum Verhängnis: „Herrschaft des Volkes heißt, dass die Regierung nichts beschließen kann ohne die Zustimmung der Dummen.

Die berührendsten Momente sind dennoch die Dialoge mit Elisabeth Orth als Volumnia, die auch im Stück seine Mutter ist. Die Römerin hat ihren Sohn zur Unbeugsamkeit erzogen und hat nun, als er mit einer Streitmacht vor Rom steht, die undankbare Aufgabe, ihn zum Einlenken zu bewegen. Allein diese Auseinandersetzung zwischen zwei großen Persönlichkeiten macht dieses Drama von Shakespeare zu einem ergreifenden Erlebnis, das weit über jeden Inhalt und jede Moral hinausgeht.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Max Simonischek, Oliver Stokowski, Roland Koch © Bernd Uhlig

DIE GEBURTSTAGSFEIER Ein „Klassiker“ von Harold Pinter

Die Geburtstagsfeier Ensemble © Bernd Uhlig

Eine Party tiefsinniger Absurditäten

Die Gespräche reißen just an dem Punkt ab, an dem sie Informationen liefern könnten. Keine Zigarette wird angezündet, vom Frühstück wird bestenfalls einmal ein Bissen gekostet und was sich als lustvoller Sex anlässt, findet womöglich, aber keineswegs sicher statt. Nichts wird ausgedacht, schon gar nicht ausgeführt. Sind die beiden Herren, die in der herabgekommenen Pension auftauchen, um sich um einen sehr sonderbaren Dauermieter zu bemühen, nun vom Geheimdienst oder sind sie einfach Erscheinungen eines Albtraums, die mit dem Aufwachen wieder verschwinden? Die Antwort auf diese Frage muss sich jeder Zuschauer selber geben. Freilich gibt es Hilfestellungen, zum Beispiel im Programmheft zur Inszenierung von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ im Akademietheater, in dem der englische Schauspieler Michael Billington unter dem Titel „Erste Stationen“ über die Entstehung dieses Stücks referiert. Die miese Bleibe, in der ein stellungsloser Pianist namens Stanley seine Zeit totschlägt, war in Pinters jungen Jahren eine tatsächliche Übernachtungsmöglichkeit für den damals noch unbeachteten jungen Schauspieler.

Andrea Wenzl, Roland Koch © Bernd Uhlig

Es gab dort den unscheinbaren Betreiber, bei Pinter ist es Petey, der Mann von Meg, einer dicken Frau, die sich nur allzu gern an ihrem jungen Gast vergriff. Man erfährt weiters, dass die beiden Männer, die ihm die Party veranstalten, die Verkörperung der zwei Religionen Judentum und Katholizismus sind, denen der spätere Nobelpreisträger gleichermaßen abhold war. Es sind also eine Reihe autobiographischer Notizen in diesem Stück zu finden. Es bedarf lediglich einiger Aufmerksamkeit, um die dazu passenden Passagen aus den Dialogfetzen herauszuhören. Deren Erkenntnis bringt durchaus einen Zugang zu den ungemein tiefsinnigen Absurditäten, aus denen Harold Pinter die Geburtstagsfeier arrangiert hat.

Max Simonischek, Ninia Petri, Pierre Siegenthaler © Bernd Uhlig

Inszeniert hat Andrea Breth, die dem Ganzen sehr viel Zeit lässt, um es in seiner Undurchsichtigkeit wirken zu lassen. Völlig sinnlose Dialoge, wie die Frage, ob die Cornflakes schmecken, werden liebevoll in aller Breite zelebriert. Finsternis wird ausgekostet und die Scheinwerfer in spannender Dramatik eingesetzt (Lichtdesign: Friedrich Rom). Martin Zehetgruber hat mit der Bühne Innen- und Außenraum zugleich geschaffen, indem er den Esstisch auf den Strand zwischen Gras bewachsene Sandhügeln gestellt hat.

Das Wrack eines gestrandeten Kutters wächst im Laufe des Geschehens vom Hintergrund nach vorne, ohne jedoch das Geschehen wesentlich zu beeinflussen. Die Kostüme sind unaufgeregt. Stanley erscheint in abgeschabtem Sakko, die Hausfrau in dicken Wollstrümpfen, die beiden Geheimnisvollen im grauen Anzug von Momos Zeiträubern und die kleine Lulu, das Mädchen, das ältere Herren mag, im netten Minikleidchen.

Die Geburtstagsfeier Ensemble © Bern Uhlig

Pierre Siegenthaler darf als Petey missmutig des Morgens die Zeitung lesen und dem Plauderdrang seiner Frau Meg (Nina Petri) gegenüber kurz angebunden sein. Lulu hat mit Andrea Wenzel das entsprechend knackige Mädchen gefunden, das wie ein Lichtblick des Normalen diese seltsame Gesellschaft aufmischt. Goldberg (Roland Koch) und McCann (Oliver Stokowski) sind die beiden Eindringlinge, die es trotz ihres geheimnisvollen Auftrags an Komik keineswegs fehlen lassen.

Sie legen einen Tanz aufs Parkett, der bei der Premiere einen Sonderapplaus geerntet hat. McCann ist der sehenswerte Blöde, der vom eloquenten Goldberg als praktisches Werkzeug eingesetzt wird, um, aus welchen Gründen auch immer, den introvertierten Stanley zu kidnappen.

Max Simonischek gibt diesem Burschen, der sich in die Einsamkeit dieser Bude nahe eines englischen Seebades zurückgezogen hat, die Sympathie mit, die man zwangsläufig für einen Menschen empfindet, der sich in dieses nur laut Meg sehr empfohlene Haus zurück gezogen hat, weil er an keinen anderen Ort der Welt mehr hingehen kann. Dass er statt des Klaviers eine Trommel geschenkt bekommt, ist nur eines der Details, die Ordnung in das von Pinter angerichtete Chaos bringen.

Andrea Wenzl, Roland Koch © Bernd Uhlig

Link zum Akademie- & Burgtheater, Foto © Georg Soulek Burgtheater

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