Kultur und Wein

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Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

CORIOLAN Ein Unbeugsamer ist untragbar für Feind und Freund

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Shakespeare war offenbar kein Vertreter der Volksherrschaft

Coriolan ist eine Gestalt aus der römischen Heldengeschichte. Zu seinem Namen kam er, als er als Feldherr mehr oder weniger im Alleingang die Stadt Corioli der feindseligen Volsker eroberte. Caius Martius, so sein bürgerlicher Name, sollte Konsul werden, was aber die beiden Volkstribunen Sicinia Veluta und Junius Brutus zu verhindern wissen. Sie haben Angst um ihr Amt, das von einer überragenden Persönlichkeit wie Coriolan abgeschafft werden könnte. Sie hetzen das wankelmütige Volk auf und Coriolan wird verbannt. Der schlägt sich verbittert auf die Seite des Gegners und zieht gegen Rom. Erst auf Fürsprache seiner Mutter sieht er von einer Eroberung ab. Nach seiner Entscheidung muss er jedoch erkennen, dass er auch von seinem ehemaligen Erzfeind und nunmehrigen Mitstreiter Tullus Aufidius verraten worden ist und zieht es vor, sich selbst zu erstechen, bevor ihn die Volsker umbringen. Die Römer haben sich damit eine Parabel von einem Unbeugsamen geschaffen, die vor bedingungslosem Andienen an die Plebejer warnen sollte, die sich mit Brot und Spielen allzu leicht kaufen ließen.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Gleichzeitig zeigte sie die drastischen Folgen auf, die alle diejenigen erwartete, die sich aus welchem Grund immer gegen S.P.Q.R. stellten. William Shakespeare hat den Stoff aufgenommen, wohl weniger um damit zu moralisieren, als seine Meisterschaft in der Darstellung des Seelenlebens eines solchen Mannes bis ins kleinste Fältchen seines Denkens und Fühlens aufzublättern. Dass der Dichter aus Stratford-upon-Avon kein Freund von Volksherrschaft und Plebisziten war, daran lässt er keinen Zweifel. Seine Titelfigur stellt er hoch über die schreiende Masse und vor allem über die Volkstribunen, die bei ihm zu windschiefen verachtungswürdigen Politikern werden.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Regisseurin Carolin Pienkos hat Coriolan in ein zeitloses Umfeld gestellt. Je weniger an Bühnenbild (Walter Vogelweider) und Kostümen (Heide Kastler) vorhanden sind, umso dichter wird das Spiel der Darsteller möglich. Wenn es um die Umsetzung von Schlachten geht, genügt ein geflammter Gazevorhang, hinter dem sich das blutige Treiben abspielt. Der Senat und das Forum Romanum werden nur angedeutet und der rebellierende Plebs hinter einen gar nicht so unüberwindlichen Gitterzaun verbannt.

Dort muss sich das Volk auch von Menenius Agrippa (Martin Reinke), einem Freund Coriolans, die berühmte Geschichte vom Magen anhören, gegen den sich alle anderen Körperteile auflehnten, und sie akzeptieren. Konsul Cominius (Bernd Birkhahn) ist seinem Feldherrn treu ergeben, kann aber nicht verhindern, dass die beiden Volkstribunen ihr böses Spiel zumindest in der ersten Etappe gegen Coriolan gewinnen. Sylvie Rohrer ist als Sicinia Veluta eine unsympathische Schlange, die stets das richtige Argument findet, um ihre niedrigen Interessen durchzusetzen. Ihr zur Seite steht Hermann Scheidleder, dem als Junius Brutus alles recht ist, was seine Bequemlichkeit nicht stört. Sie haben eine ähnlich undankbare Rolle wie Markus Meyer, der als Tullus Aufidius jede Schlacht gegen Coriolan verliert und durch dessen Selbstmord sogar um den letzten Sieg gebracht wird.

 

Cornelius Obonya ist Caius Martius, genannt Coriolan. Er gibt den Aufrechten, der seiner Wahrheit treu bleibt, ein Dickschädel, den man sich aber nicht anders vorstellen möchte. Es sind unzählige Nuancen, mit denen Obonya die Entscheidungen und das Verhalten dieses Feldherrn nachvollziehbar macht. Sein Credo wird ihm zum Verhängnis: „Herrschaft des Volkes heißt, dass die Regierung nichts beschließen kann ohne die Zustimmung der Dummen.

Die berührendsten Momente sind dennoch die Dialoge mit Elisabeth Orth als Volumnia, die auch im Stück seine Mutter ist. Die Römerin hat ihren Sohn zur Unbeugsamkeit erzogen und hat nun, als er mit einer Streitmacht vor Rom steht, die undankbare Aufgabe, ihn zum Einlenken zu bewegen. Allein diese Auseinandersetzung zwischen zwei großen Persönlichkeiten macht dieses Drama von Shakespeare zu einem ergreifenden Erlebnis, das weit über jeden Inhalt und jede Moral hinausgeht.

Coriolan Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Max Simonischek, Oliver Stokowski, Roland Koch © Bernd Uhlig

DIE GEBURTSTAGSFEIER Ein „Klassiker“ von Harold Pinter

Die Geburtstagsfeier Ensemble © Bernd Uhlig

Eine Party tiefsinniger Absurditäten

Die Gespräche reißen just an dem Punkt ab, an dem sie Informationen liefern könnten. Keine Zigarette wird angezündet, vom Frühstück wird bestenfalls einmal ein Bissen gekostet und was sich als lustvoller Sex anlässt, findet womöglich, aber keineswegs sicher statt. Nichts wird ausgedacht, schon gar nicht ausgeführt. Sind die beiden Herren, die in der herabgekommenen Pension auftauchen, um sich um einen sehr sonderbaren Dauermieter zu bemühen, nun vom Geheimdienst oder sind sie einfach Erscheinungen eines Albtraums, die mit dem Aufwachen wieder verschwinden? Die Antwort auf diese Frage muss sich jeder Zuschauer selber geben. Freilich gibt es Hilfestellungen, zum Beispiel im Programmheft zur Inszenierung von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ im Akademietheater, in dem der englische Schauspieler Michael Billington unter dem Titel „Erste Stationen“ über die Entstehung dieses Stücks referiert. Die miese Bleibe, in der ein stellungsloser Pianist namens Stanley seine Zeit totschlägt, war in Pinters jungen Jahren eine tatsächliche Übernachtungsmöglichkeit für den damals noch unbeachteten jungen Schauspieler.

Andrea Wenzl, Roland Koch © Bernd Uhlig

Es gab dort den unscheinbaren Betreiber, bei Pinter ist es Petey, der Mann von Meg, einer dicken Frau, die sich nur allzu gern an ihrem jungen Gast vergriff. Man erfährt weiters, dass die beiden Männer, die ihm die Party veranstalten, die Verkörperung der zwei Religionen Judentum und Katholizismus sind, denen der spätere Nobelpreisträger gleichermaßen abhold war. Es sind also eine Reihe autobiographischer Notizen in diesem Stück zu finden. Es bedarf lediglich einiger Aufmerksamkeit, um die dazu passenden Passagen aus den Dialogfetzen herauszuhören. Deren Erkenntnis bringt durchaus einen Zugang zu den ungemein tiefsinnigen Absurditäten, aus denen Harold Pinter die Geburtstagsfeier arrangiert hat.

Max Simonischek, Ninia Petri, Pierre Siegenthaler © Bernd Uhlig

Inszeniert hat Andrea Breth, die dem Ganzen sehr viel Zeit lässt, um es in seiner Undurchsichtigkeit wirken zu lassen. Völlig sinnlose Dialoge, wie die Frage, ob die Cornflakes schmecken, werden liebevoll in aller Breite zelebriert. Finsternis wird ausgekostet und die Scheinwerfer in spannender Dramatik eingesetzt (Lichtdesign: Friedrich Rom). Martin Zehetgruber hat mit der Bühne Innen- und Außenraum zugleich geschaffen, indem er den Esstisch auf den Strand zwischen Gras bewachsene Sandhügeln gestellt hat.

Das Wrack eines gestrandeten Kutters wächst im Laufe des Geschehens vom Hintergrund nach vorne, ohne jedoch das Geschehen wesentlich zu beeinflussen. Die Kostüme sind unaufgeregt. Stanley erscheint in abgeschabtem Sakko, die Hausfrau in dicken Wollstrümpfen, die beiden Geheimnisvollen im grauen Anzug von Momos Zeiträubern und die kleine Lulu, das Mädchen, das ältere Herren mag, im netten Minikleidchen.

Die Geburtstagsfeier Ensemble © Bern Uhlig

Pierre Siegenthaler darf als Petey missmutig des Morgens die Zeitung lesen und dem Plauderdrang seiner Frau Meg (Nina Petri) gegenüber kurz angebunden sein. Lulu hat mit Andrea Wenzel das entsprechend knackige Mädchen gefunden, das wie ein Lichtblick des Normalen diese seltsame Gesellschaft aufmischt. Goldberg (Roland Koch) und McCann (Oliver Stokowski) sind die beiden Eindringlinge, die es trotz ihres geheimnisvollen Auftrags an Komik keineswegs fehlen lassen.

Sie legen einen Tanz aufs Parkett, der bei der Premiere einen Sonderapplaus geerntet hat. McCann ist der sehenswerte Blöde, der vom eloquenten Goldberg als praktisches Werkzeug eingesetzt wird, um, aus welchen Gründen auch immer, den introvertierten Stanley zu kidnappen.

Max Simonischek gibt diesem Burschen, der sich in die Einsamkeit dieser Bude nahe eines englischen Seebades zurückgezogen hat, die Sympathie mit, die man zwangsläufig für einen Menschen empfindet, der sich in dieses nur laut Meg sehr empfohlene Haus zurück gezogen hat, weil er an keinen anderen Ort der Welt mehr hingehen kann. Dass er statt des Klaviers eine Trommel geschenkt bekommt, ist nur eines der Details, die Ordnung in das von Pinter angerichtete Chaos bringen.

Andrea Wenzl, Roland Koch © Bernd Uhlig

Markus Meyer, Regina Fritsch © Reinhard Werner Burgtheater Johann Adam Oest ©

LUDWIG II. Irritierend faszinierende Bühnenfassung von Viscontis Film

Ludwig II., Szenenfoto © Reinhard Werner Burgtheater

Ich werde ein Rätsel bleiben, für die anderen und für mich selbst

Für die Bayern ist Ludwig II. der Kini, ihr König, der längst ebenso verehrt wird wie unsere Sisi, Elisabeth, Kaiserin von Österreich. Wie groß muss erst die Begeisterung sein, wenn diese beiden Gestalten aufeinandertreffen, sollte man glauben. Als der Film LUDWIG von Luchino Visconti 1972 in die Kinos kam, hielt sich die Freude daran allerdings in Grenzen. Helmut Berger in der Hauptrolle war zwar der schönste König aller Zeiten, aber in seiner zur Schau getragenen Laszivität alles andere als nach dem Geschmack der Bayern. Ähnlich verhielt es sich in Österreich mit Elisabeth, die von der damals bereits mit der süßen Sisi identifizierten Romy Schneider gespielt wurde. Die Enttäuschung blieb nicht aus. Da es sich um eine Aufarbeitung historischer Gestalten handelt, kann man nur mehr vermuten, wem sie mehr geähnelt haben, der idealisierten Figur aus der Tradition, dem kritischen Verismo eines Visconti oder dem Ludwig II, wie er für eine Produktion des Burgtheaters derzeit von Markus Mayer Gestalt erhält.

Regina Fritsch, Markus Meyer © Reinhard Werner Burgtheater

Der junge Regisseur Bastian Kraft ist dem ebenfalls jungen König Ludwig II. auf den Trittspuren des Films gefolgt, hat jedoch durch die Reduktion auf die Bühne beeindruckend neue lebendige Facetten dieser längst zur Traumgestalt aufgeblasenen Persönlichkeit sichtbar gemacht.

In seiner Inszenierung lässt Kraft Immer deutlicher zum Ausdruck kommen, dass Ludwig in seinem eigenen Siegelbild gefangen ist, zusammen mit seiner gesamten Umgebung, angefangen von seiner Mutter, der Verlobten Sophie über die Beamten des Hofes oder Cosima Wagner bis zum Nervenarzt Bernhard von Gudden. Sie alle werden von Markus Meyer gespielt und ihre Gesichter auf eine schräge Fläche über der Bühne projiziert, um von dort aus mit ihrem Alter Ego zu kommunizieren.

Markus Meyer mit Spiegel © Reinhard Werner Burgtheater

Nur zwei Personen unterscheiden sich vom König. Einmal ist es Sisi mit Regina Fritsch als ungewöhnlich lebensbejahende und praktisch veranlagte Frau, die mit Ludwig die Liebe zur Nacht verbindet, die sich aber in keiner Weise in irrealen Illusionen zu verlieren droht.

Zum anderen ist es Richard Wagner, der den schwärmerischen König mit seinem Genie in seinen chronischen Geldnöten als Geisel nimmt. Wagner war ein dominanter Typ, schroff, rücksichtslos, dämonisch, seines Wertes voll bewusst. Johann Adam Oest legt seinen Wagner hingegen als zwar geldgierigen, aber doch sanften älteren Herrn an und schafft damit eine vom gewohnten Bild Wagners weit abweichende Figur. Aber wie auch immer; der historische Richard Wagner wurde erfolgreich aus dem Königreich vertrieben, heute rauft man sich in Bayreuth um Opernkarten, bei den Schlössern Ludwigs muss man sich Tage vorher anmelden, um überhaupt hineinzukommen, und der Platz am Starnberger See ist ein Wallfahrtsort für alle, die sich von den unsterblichen Legenden um das geheimnisvolle Ableben eines gekrönten Hauptes erschaudern lassen wollen.

Markus Meyer und Markus Meyer © Reinhard Werner Burgtheater

Nicholas Ofczarek (Hamm), Michael Maertens (Clov) © Bernd Uhlig

„Endspiel“ von Samuel Beckett – mit Denk-Anstoß

Nicholas Ofczarek (Hamm), Michael Maertens (Clov) © Bernd Uhlig

Nichts ist komischer als das Unglück

Man darf lachen, laut dem Autor Samuel Beckett soll man sogar viel lachen, wenn man zusehen darf, wenn vier Menschen offensichtlich ihrem Untergang geweiht sind. Die „Handlung“, so man von einer solchen sprechen kann, beschränkt sich auf die Aussichtslosigkeit in einer Situation, die an die absolute Leblosigkeit nach einem Atomangriff denken lässt. Hamm, sein Diener Clov und seine Eltern Nell und Nagg leben abgeschottet in einer Holzbaracke. Der blinde Hamm sitzt in einer Art Rollstuhl, eher ein Thronsessel mit Rädern, aber er weiß, wie man den Speiseschrank öffnet. Clov kann nicht sitzen und ist auf sich allein gestellt unfähig, an die Lebensmittel zu gelangen. Die beiden Alten haben bei einem Unfall mit dem Tandem ihre Beine verloren und vegetieren in Coloniakübeln. Die Situation ist also alles andere als heiter, eben das „Endspiel“, oder wie es Clov gleich zu Beginn deutlich macht: „…Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.“ Im Raum stehen bleibt „vielleicht“, denn bis zum Schluss bleibt alles offen, auch das Ende selbst.

Barbara Petritsch (Nell), Michael Maertens (Clov) © Bernd Uhlig

Die Produktion „Endspiel“ unter der Regie von Dieter Dorn hat nun nach den Salzburger Festspielen am 4. September 2016 im Akademietheater in Wien Premiere gefeiert. Nicholas Ofczarek thront als dämonischer, tyrannischer Hamm exakt in der Mitte der großen Holzkiste, die nach Hochgehen des Vorhangs bedrohlich auf das Publikum zurollt. Das ganze Stück hindurch malträtiert er Clov, der mit Michael Maertens die ruhige, fast rührende Komik erhält, wenn er mit zappelnden Schritten und fast slapstickartigen Missgeschicken seinen Besorgungen nachgeht.

Er holt mühsam eine Stehleiter, um aus den beiden Fenstern am oberen Rand der Hinterwand hinaussehen zu können. Mit einem Fernglas schaut er ins Nichts, außer auf ein lebloses Meer und eine ebenso leblose Erde. Wenn er anfangs nach und nach seine Mitspieler bzw. deren Behältnisse abgedeckt hat, entspinnen sich Gespräche, deren Sätze jeder für sich genommen sinnlos erscheint, aber gerade dadurch ständige Denkprozesse auszulösen imstande ist. Sie sind wortreiche Plädoyers für die Absurdität des Daseins und gleichzeitig eine ätzende Parodie auf den Existentialismus.

Nicholas Ofczarek (Hamm), Michael Maertens (Clov) © Bernd Uhlig

In einer der ergreifendsten Szenen versuchen Nell und Nagg einander zu küssen. Es gelingt nicht, sie sind gefangen in ihrer Unterlage aus Sand im Mistkübel. Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier geben ihren Figuren die Menschlichkeit, die rund um sie dem Kampf um das eigene Überleben gewichen ist.

Nell entzieht sich der Situation durch den Tod, Nagg probiert erfolglos verunglückte Beziehungen zu seinem Sohn wieder aufleben zu lassen. Clov versucht es mit dem Ausreißen. Er hat sich reisefertig gemacht, bleibt aber neben seinem Koffer, gestützt auf einen Regenschirm, regungslos stehen, während sich die „Bühne“ wieder in den Hintergrund entfernt und sich Hamm in seinem Schlussmonolog unbeeindruckt zeigt, wohl wissend, dass es für keinen von ihnen einen sinnvollen Ausweg aus diesem „Endspiel“ geben wird.

Nicholas Ofczarek (Hamm), Michael Maertens (Clov) © Bernd Uhlig

Link zum Akademie- & Burgtheater, Foto © Georg Soulek Burgtheater

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