Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

ÖSTERREICH Fotografie 1970 – 2000

Seiichi Furuya Rattersdorf, 198

Kein schöner Land und seine schiachen Leut´

Wenn ein Künstler zur Kamera greift, trifft sein Blick durch den Sucher selten auf Nettes und Freundliches. Aber gerade diese Diskrepanz zum Bild, das wir uns zu gerne von uns selber machen, schafft ein Stück Wahrheit, die möglicherweise nicht sehr schmeichelhaft ist, jedoch genau den Punkt trifft, der uns zur Autoreflexion anregen könnte. Insofern ist die Ausstellung in der Albertina mit dem wahrlich patriotischen Titel „ÖSTERREICH Fotografie 1970 – 2000“ (bis 8. Oktober 2017) eine feine Gelegenheit zur Einkehr in unser abgelichtetes Seelenleben. Nix ist´s dort mit Idylle und Ästhetik! In manchen der gezeigten Gesichter tauchen Altlasten auf, die über Jahrzehnte in deren Zügen überlebt haben.

Leo Kandl In der Grube – Kniekuss, 1979-1980 Albertina, Wien

Die Landschaft wird zum grauen Vordergrund für einen düsteren Horizont und die Häuser zum Beweis für die Ideenlosigkeit von Baummeistern, deren Entwürfe nachhaltig die Gegend verschandeln. Die Hässlichkeit wurde zum Programm und geschätzten Motiv, sowohl hinter als auch vor der Kamera.

Manfred Willmann Ohne Titel 1981–1989, Abzug 1992 Österreichische Fotogalerie, Mus. d. Mod. Salzburg

Freilich sollte man dabei den Zeitraum bedenken, in dem diese Fotografien entstanden sind. Die 1970er waren das Jahrzehnt des Aufbruchs und des Aufbäumens gegen althergebrachte Muster. Die ersten wilden Jahre österreichischen Kunstschaffens waren bereits Vergangenheit, der Schock hatte aber angehalten. So war es nur recht und billig, dass auch die Fotografen ihren Betrag zur Verstörung der Bevölkerung beitrugen. Unter dem Vorwand der Dokumentation von Realität machten sich Künstler wie Manfred Willmanns und Heinz Cipulka daran, ihre ganz normale Umgebung einmal so zu sehen, wie man sie eigentlich nicht wahrhaben wollte. Willmanns knallte mit dem Blitzlicht gegen Sonnenuntergänge, vor denen geschlachtete Tiere ausgeweidet werden.

Czipulka, der selbst vom Wiener Aktionismus kommt, findet seine Poesie in Vierertableaus verwirklicht, die unaufgeregt vom ländlichen Alltag und dessen belanglosen Requisiten erzählen.

 

Um sich objektiv mit österreichischer Geschichte auseinandersetzen zu können, bedarf es offenbar des inneren Abstandes eines in der Fremde Geborenen. Seiichi Furuya, ein in Österreich lebender Japaner, befasste sich mit der Gegenwart der 1980er-Jahre.

Er war fasziniert vom Eisernen Verhang, den Wachtürmen und den Schildern, die in an sich freundlichen Weingärten vor der Todesgefahr im Falle einer unvorsichtigen Grenzüberschreitung warnten. Eher auf das Land innerhalb dieser Grenzen beziehen sich die Werke von Nikolaus Walter, Branko Lenart und Robert F. Hammerstiel. Es geht ihnen um kulturelle Identitäten, die sich nicht zuletzt in der erlesenen Gästeschar einer Wiener Weinschank manifestieren, oder wie in den Fotografien von Lisl Ponger zum Thema Migration, in einer Umgebung, die zwar in Österreich liegt, scheinbar aber nichts mit dem jeweiligen geographischen Raum gemein haben. Kurz gesagt, es geht um Lebenswirklichkeiten in Österreich und um einen Kampf um den Begriff Heimat, dem mit den Werken dieser Fotografen bis heute ein klarer Spiegel vorgehalten wird.

Elfriede Mejchar Ohne Titel (aus der Serie Simmeringer Heide und Erdberger Mais
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