Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Will McBride Romy Schneider in Paris Albertina, Wien © Will McBride Estate/Berlin

ACTING FOR THE CAMERA Die inszenierte Fotografie

Anonym Der Bildhauer Hans Gasser und Werkstattgehilfen bei der Arbeit, 1855-1857 © Albertina

Der Fotograf als Künstler oder der Künstler als Fotograf

Rudolf Schwarzkogler war schonungslos zu sich selbst, um im Sinne des Wiener Aktionismus die Betrachter zu schockieren. Er verhüllte sich wie eine Mumie in Mullbinden und fügte sich sichtlich schmerzhafte Verletzungen zu. Die Selbstquälerei war Teil einer seiner Aktionen, die er Schritt für Schritt von der Kamera ablichten ließ. Es gab den Ton an, was fotografiert werden sollte und war damit in gewissem Sinne auch selbst der Fotokünstler, denn wer auf den Auslöser der Kamera gedrückt hat, ist in diesem Fall uninteressant. Das Gleiche gilt für Erwin Wurm, der in einer seiner One Minute Sculptures  aus 1997 kopfüber in einer Kiste steckt.

Arnulf Rainer hingegen ließ sich recht harmlos ablichten, um sein Porträt im Anschluss zu übermalen. Es ist immer ihr eigener Körper, der als Arbeitsmaterial für künstlerische Ideen herhalten musste.

 

Diese Arbeiten bilden Abschluss der Ausstellung ACTING FOR THE CAMERA (bis 5. Juni 2017), die mit rund 150 Werken aus der Fotosammlung der Albertina eine erfolgreiche Reihe (Black & White 2015, Land & Leute 2016) fortsetzt. Man ist stolz darauf, dafür in einer seit dem 19. Jahrhundert nach und nach wohl gefüllten Schatzkammer visuellen Wissens kramen und auch in der dritten Präsentation neue Aspekte der Fotografie als Möglichkeit der Kunstproduktion präsentieren zu können.

Erwin Wurm one minute sculpture, 1997; Abzug: 2000 Albertina, Wien

Im Fokus stehen nunmehr (Selbst-)Inszenierungen von Modellen für die Fotokamera. Die Zeitspanne reicht von den 1850er-Jahren bis in die Gegenwart. Es beginnt mit einer Daguerreotypie. Sie zeigt den Bildhauer Hans Gasser und seine Werkstattgehilfen bei der Arbeit und dürfte zwischen 1855 und 1857 entstanden sein. Mit großer Geste bearbeitet darauf der Meister mit Hammer und Meißel eine Gipsfigur. Mag sein, dass der Bildhauer vor der Aufnahme dagegen Einwände hatte, denn mit dem ersten Schlag wäre die Figur zerbröckelt. Aber nachdem er ohnehin die Bewegung aufgrund der langen Belichtungszeit nicht ausführen durfte, dürfte ihm der (anonyme) Fotograf erklärt haben, dass dieses Detail ohnehin niemanden auffallen würde.

 

Es folgen Bewegungsstudien, beispielsweise von Ottomar Anschütz um 1890. Er wollte Bewegungsabläufe nachvollziehbar machen und ließ seine Modelle einen Speerwurf durchführen.

Die Abgebildeten agieren ebenso auf genaue Anweisung des Fotografen wie die Frauen auf Otto Schmidts Akten, die er als Vorlage für Künstler geschaffen hatte, die aber bald als pornografische Bilder „unter dem Ladentisch“ gehandelt wurden.

Im 3. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wagte man sich an die fotografische Darstellung des Tanzes, der damals als Ausdruckstanz eine Kunstform der Avantgarde darstellte. Sie sind Zeugnisse für eine intensive Zusammenarbeit von Tänzern und Fotografen. Die ausdrucksstarken Inszenierungen waren stilprägend für ihre Zeit. Im Rahmen von Filmproduktionen entstanden auch Rollenporträts, bei denen in den Wiener Ateliers Künstlerinnen wie Trude Fleischmann oder Madame d´Ora führend waren. Berührend sind die Fotos, die Will McBride 1964 von Romy Schneider geschaffen hat. Sie zeigen eine fröhliche junge Frau, die in einer Drehpause eine Zigarette raucht und unbeschwert lachend dem Fotografen Modell sitzt. Wir wissen heute, dass diese Pose nicht der sensiblen Schauspielerin entsprochen hat, es war eben insezenierte Fotografie, acting for the camera.

Rudolf Koppitz Im Schoße der Natur, 1923 © Albertina
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