Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Jahrmarkt von St. Georg, um 1559 (Detail) © Albertina, Wien

BRUEGEL Das (wahrhaftige) Zeichnen einer (fantastischen) Welt

Der Alchemist, 1558 bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders

„Ansichtskarten“ aus dem Jahr 1555

Pieter Bruegel der Ältere (geb. 1525/1530, gest. 1569) war in jungen Jahren aus den flachen Niederlanden nach Italien gereist. Die Überquerung der Alpen mit ihren schroffen Felsen und den gefährlich engen Straßen durch enge Täler hat ihn offenbar derart fasziniert, dass er eine ganze Reihe von Landschaftszeichnungen angefertigt hat. Er war einer der ersten Holländer, die genau hingesehen und die Gebirgswelt „nach der Natur“ wiedergegeben haben. Diese Werke leiten den Besucher in eine grandiose Ausstellung der Albertina, die bis 3. Dezember 2017 unter dem Titel „BRUEGEL Das Zeichnen der Welt“ anhand von 80 Bildern (Originalzeichnungen und Druckgrafiken) zu erleben ist. Es ist tatsächlich ein Erlebnis, Bruegel gegenüber zu stehen, sich ihm so weit nähern zu dürfen, dass man die unzähligen Details, die seine Welt bevölkern, erkennt.

Maler und Käufer, um 1565 © Albertina, Wien

Schwieriger wird es schon, das dichte Treiben der Figuren zu verstehen. Sichtbar wird jedoch der große Bogen, der seine überaus komplexen Arbeiten umschließt. Sie sind auf den ersten Blick humorvoll, mit Spaß bis zur Derbheit, werden damit aber zu beeindruckenden Karikaturen, die ihre Zeit und die gesellschaftlichen Verhältnisse schonungslos kritisieren. Direktor Albrecht Schröder bezeichnet Bruegel als Moralist, der Tragik und Größe, Lächerlichkeit und Schwäche des Menschen zu thematisieren wusste. Unwillkürlich denkt man an die Stücke von William Shakespeare, die fast zeitgleich entstanden sind, oder an Don Quijote von Cervantes. Sie alle führen uns in eine Zeit, die so fern scheint, bei genauem Hinsehen aber genügend Parallelen zur Gegenwart enthält.

Hasenjagd, 1560 © Albertina, Wien

Eingeteilt ist die Ausstellung in sieben Kapitel. Den Anfang macht „Erlebnis der Alpen“, gefolgt von „Gestochene Ethik“. Es handelt sich dabei um die Darstellungen von Sprichwörtern, Genreszenen und moralisierenden Gleichnissen, die bald zu einem Markenzeichen des Künstlers wurden. Einen Zugang bieten möglicherweise die Bildunterschriften, die in ihren erdigen Formulierungen durchaus von Bruegel selbst stammen könnten (beispielsweise bei Die Epileptikerinnen von Meulebeeck: dit syn dye pelgerommen di op sint Jans dach buyten

bruessel te meulebeec danssen moeten ende als sy ouer een brugge gedanst oft gesprongen hebben dan sin sy genesen vor een heel Jaer van Sint Jans sieckte). Der dritte Teil zeigt die unübersehbaren Gemeinsamkeiten mit Hieronymus Bosch (um 1450-1516). Sie werden als kluger Schachzug des jungen Bruegel in Hinsicht auf die Verkäuflichkeit seiner Bilder gewertet. Die Identifikation geht so weit, dass Bruegel eigene Zeichnungen mit Bosch signiert beziehungsweise sehr deutlich auf das Vorbild (beispielsweise bei „Die großen Fische fressen die Kleinen“) hinweist. Er hat die Formen- und Motivsprache von Bosch so geschickt weiterentwickelt, dass der Kunstschriftsteller Dominicus Lampsonius bereits im 16. Jahrhundert Bruegel als „neuen Hieronymus Bosch“ rühmt.

Der Esel in der Schule, 1556 Berlin, Kupferstichkabinett

In „Diablerie und Drolerie“ wird der Moralist Bruegel sichtbar. In den „Sieben Todsünden“, die zwischen 1556 und 1557 gezeichnet und 1558 gedruckt wurden, tummeln sich neben weiblichen Figuren als Vertreterinnen der jeweiligen Sünde groteske Gestalten, die als Pfau, Truthahn, Bär, Kröte, seltsame menschliche Figuren oder Mischwesen zu erkennen sind. Es sind Ausgeburten einer Fantasie, die den Blick gefangen nimmt, ebenso wie die Bilder in „Trinken, Tanzen, Feiern: Die Bauernkirmes“. Es wird getanzt, gefressen, gesoffen und ohne Genierer geschissen und gekotzt.

Am Rande dieses brutal rustikalen Treibens werden lokale Bräuche dokumentiert und ein Genrebild des ländlichen Lebens gezeigt. „Im Lauf der Jahreszeiten“, von denen Bruegel nur den Frühling und den Sommer vollenden konnte, ist der Arbeit dieser Bauern gewidmet. Im Frühling werden Beete werden bestellt, Schafe geschoren und Liebespaare genießen die erwachenden Gefühle. Der Sommer findet seinen Ausdruck in der Feldarbeit der Bauern, die anders als die Figuren der vorangegangenen Zeichnungen eine ungewöhnliche Plastizität erhalten.

 

Eines der Schlüsselwerke ist zweifellos „Maler und Käufer“ im letzten Abschnitt „Von Kunst und Künstlern“. Der Künstler steht an einer unsichtbaren Staffelei, sein Blick scheint nach innen gerichtet, um sich das entstehende Bild vorstellen zu können. An ihn drängt sich von hinten ein vorgeblicher Kunstkenner, dessen Griff an den Geldbeutel andeutet, dass er zu zahlen bereit ist, was immer der andere malt. Es ist das Manifest der Verachtung des Kunstschaffenden für das Unverständnis des Käufers und gleichzeitig für die ihn umgebende Gesellschaft.

Tatsache ist, dass sich die Werke Bruegels schon zu dessen Lebzeiten höchster Beliebtheit erfreuten. In Form des Kupferstiches fanden sie schnelle Verbreitung, und zwar nicht unter den von ihm so oft dargestellten Bauern, sondern in der gebildeten Elite. Als Druckwerke haben sie auch die Zeiten überdauert, denn von den Handzeichnungen sind weltweit nur mehr an die 60 Stück erhalten. Sechs davon besitzt die Albertina, die damit über einen der weltweit größten Bestände von Originalen aus der Hand von Pieter Bruegel dem Älteren verfügt.

Die großen Fische fressen die kleinen, 1556 © Albertina, Wien
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