Zeichnungen aus allen künstlerischen Phasen Klimts in der Albertina
Subtile Gratwanderung zwischen linearer Gelöstheit und formaler Disziplin
Es müsste nicht der 150. Geburtstag sein, um Gustav Klimt (*14. Juli 1862) neben seinen epochalen Gemälden auch als Zeichner würdigen zu dürfen. Für die Albertina ist ein solcher Anlass jedoch gleichzeitig Auftrag. Sie besitzt sie nicht weniger als 170 seiner bedeutendsten Blätter, mit Werken aus allen Arbeitsphasen des Künstlers und gilt als Zentrum der Erforschung der Zeichnungen Gustav Klimts. 130 wohl ausgewählte Arbeiten, ergänzt mit Leihgaben aus österreichischen und internationalen Sammlungen, ergeben eine sensationelle Schau: GUSTAV KLIMT, DIE ZEICHNUNGEN (bis 10. Juni 2012).
r.g.o.: Fischblut (Illustration für "Ver Sacrum"), 1897/98 Private collection, courtesy Galerie St. Etienne, New York
r.: Weibliches Bildnis (Studie für "Unkeuschheit", Beethovenfries, Wiener Secession), 1901 Albertina, Wien
r.u.: Liegende (Studie für "Wasserschlangen II"), 1904 Albertina, Wien
l.o.: Liegender Akt, 1912/13 Leopold Museum, Wien
l.u.: Liegendes Mädchen und zwei Handstudien (Studie für "Theater Shakespeares", Wiener Burgtheater), 1886/87 Albertina, Wien
Leiste: Dame mit Federhut, 1908 Albertina, Wien
Titelseite: Bildnis einer Dame mit Cape und Hut, 1897/98 Albertina, Wien
In die vier Hauptphasen seines Schaffens gliedert sich auch die Ausstellung: Historismus und früher Symbolismus, angesetzt zwischen 1882-1892, dem der Aufbruch zur „Moderne“ und Secession folgen (1895-1903), der Goldene Stil (1903-1908) und die späten Jahre bis zu seinem Ableben 1918. Werke wie die Übertragungsskizze für die drei Lebensalter oder die ikonenhafte, mit Gold bearbeitete Zeichnung des Liebespaares im Zusammenhang mit „Der Kuss“ werden in diesem Zusammenhang erstmals in Wien gezeigt.
Im Mittelpunkt von Klimts zeichnerischem Werk (über 4000 Blätter) steht die menschliche, vor allem weibliche Figur. Seine Zeichnungen stehen zwar in Beziehung zu den Gemälden und viele davon könnten als Studien angesehen werden. Sie sind aber durchwegs selbständige Werke, in denen Klimt – nicht zuletzt aufgrund der Spontaneität, die ihm durch den schnellen Strich und der Freiheit, sich über Tabus hinwegzusetzen, ermöglicht wurde – weit über die darstellerische Umsetzung der Themen in den Gemälden hinausgehen konnte.
Klimts gezeichnete Figuren werden gleichermaßen als sinnlich und transzendent beschrieben und seine Arbeitsweise als subtile Gratwanderung zwischen linearer Gelöstheit und formaler Disziplin. Er beherrscht meisterhaft die Kunst der Linie, die sich in der fotografisch-realistischen Präzision der 1880er Jahre genauso offenbart wie in der fließenden Linearität um 1900, der metallisch-linearen Schärfe seiner Entwürfe für große Gemälde und der feinen, nervös anmutenden Strichführung in den hocherotischen Zeichnungen seiner späten Jahre.
Impressionismus auf Papier: Vollendung des spontanen Gedankens
Der erste Eindruck zählt
Pastellkreide, Bleistift und Tuschepinsel, auch damit haben Impressionisten gearbeitet. Erwartet man dabei jedoch nur Skizzen für große Gemälde, wird man auf erfreulichste Weise enttäuscht. Mit dem Impressionismus wurde die Zeichnung erstmals aus diesem Dienst befreit. Viele der Arbeiten sind eigenständige Werke, vollendete erste Gedanken vor dem Motiv, eben Impressionen, die nur mit Wasserfarben oder Zeichnung derart spontan festgehalten werden können.
An Techniken wurde alles das verwendet, was unkompliziert eingesetzt werden kann und was der freien Natur standhält. Zum „Licht machen“, also zur Weißhöhung, wurde einfaches Deckweiß genauso ungeniert eingesetzt wie der Radiergummi, mit dem dunkle Farbeflächen aufgerissen wurden. Schwarze Kreide und Aquarell ermöglichten die unmittelbare Empfindung eines Regentags (Paul Signac in „Montauban bei Regen“, 1922) und Gouache die sommerliche Stimmung auf den Feldern bei Pontoise (Camille Pissarro „Bäuerinnen bei der Feldarbeit“, 1881).
Aus einem bis dahin ungekanntem Blickwinkel lässt Edgar Degas den Betrachter das Bühnengeschehen verfolgen („Tänzerinnen im Alten Opernhaus“, 1877), indem er ihn als heimlichen Zuschauer aus der Gasse zuschauen lässt. Henri de Toulouse-Lautrec und Pierre-August Renoir machen ihn gar zum Voyeur. Der eine beobachtet Frauen beim Ankleiden („Frau beim Anziehen eines Strumpfes“, 1894), der andere erfreut sich an nackten Mädchen, die sich übermütig am Strand balgen („Badende mit einer Krabbe spielend“ 1897-1900).
Die Farben sind leicht, hell und indifferent. Aus weichem Nebelschleier taucht geheimnisvoll die Waterloo Bridge in London auf (Claude Monet, 1883), duftig und kaum greifbar zeigt sich das „Château Noir und das Gebirge Sainte-Victoire“ bei Paul Cézanne (1890-1895). Oder sie sind fest und leuchtend, wie auf dem Porträt der „Dame im Pelz“ (1880), dem Édouard Manet eigentümliches Strahlen durch meisterhaften Einsatz von Pastell verliehen hat.
Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen von Impressionisten und Postimpressionisten werden nun in der Albertina bis 13. Mai 2012 präsentiert. Man darf sich rühmen, weltweit erstmals eine Impressionisten-Schau ausschließlich mit Arbeiten auf Papier geschaffen zu haben, darüber hinaus in einer kaum noch erlebten Opulenz mit über 200 Werken von Manet, Monet, Degas, Renoir, Gauguin oder Cézanne.
Zur Ausstellung erschienen ist der Katalog „IMPRESSIONISMUS: PASTELLE, AQUARELLE, ZEICHNUNGEN“ (€ 29,- in Deutsch, € 32 in Englisch) mit einführenden Beiträgen von Christopher Lloyd u.a. über Impressionismus auf Papier, einer auf das Thema bezogenen Biografie des jeweiligen Künstlers von Christine Ekelhart und vor allem den in großzügigem Format gezeigten Blättern, von denen sehr viele nach dem Abhängen im Sinne ihres eigenen Überlebens wieder in dunklen Mappen verschwinden werden.
René Magritte – bedeutende Werke aus aller Welt in der Albertina
Die Wirklichkeit der Träume
René Magritte (1898-1967) war systematisch auf der Suche nach einem „überwältigenden Effekt“, der das Mysterium der Welt offenbart. Es scheint, er wurde fündig in Träumen, wie sie von den Tibetern als „Gaukelei der Götter“ bezeichnet werden. Der Belgier Magritte ist Surrealist, darf aber darauf nicht beschränkt werden. Vielmehr hat er eine Welt sichtbar gemacht, eine, die uns umgibt, die wir aber erst durch seine Bilder wahrnehmen können.
René Magritte zählt zu den beliebtesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er wird auch in der Albertina für mehr als regen Zustrom an Besuchern sorgen. So besehen ist es nahezu unglaublich, dass dieser Maler seinen Lebensunterhalt bis Anfang der 1950er Jahre durch Gebrauchsgrafik verdienen musste. Auf die Frage, was er denn am meisten verabscheue, antwortete er 1946: „Ich hasse meine Vergangenheit… Ich hasse auch angewandte Kunst [und] Werbung.“
Das Œuvre von René Magritte umfasst Gemälde, Papierarbeiten, Objekte. Fotografie und Kurzfilme. Die Albertina zeigt daraus rund 250 Exponate aus aller Welt und allen Stadien seiner künstlerischen Laufbahn; u.a. Hauptwerke wie „Der bedrohte Mörder“, „Das Reich der Lichter“ oder „Golconda“ – zu sehen bis 26. Februar 2012, also viel zu kurz für eine derart bedeutende Ausstellung, der jedoch ein praktischer Katalog beigegeben wurde: Magritte von A-Z zum Preis von € 29,-.
Dem Maler fällt es leicht, physikalische Grundgesetze außer Kraft zu setzen. Riesige Steine schweben als Ballons durch die Gegend, Gesichter verschwinden wie in einer Bluebox und aus dem häuslichen Kamin rast ein Schnellzug, um die Zeit zu durchbohren. Kaum meint der über das Bild wandelnde Blick, sich an einer Realität ausruhen zu können, wird er bereits vom nächsten Detail verunsichert, um sich neuerlich fragen zu müssen, was ihm denn tatsächlich das Bild erzählt.
Auf der Suche nach Antworten ist es legitim, die Psychoanalyse eines Sigmund Freud zu Rate ziehen. Magrittes Liebende haben verhüllte Häupter, wohl ähnlich dem Kopf seiner Mutter. Sie wurde nach ihrem Selbstmord durch Ertrinken (1912) mit dem um den Kopf gewickelten Nachthemd aufgefunden. Oder man geht dem Einfluss nach, den Giorgio Chirico auf Magritte ausgeübt hat, der ihm die „befreiende Kraft des poetischen Bildes“ vermachte.
Zwischentöne. Die Sammlung Forberg in der Albertina
Eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Sammelns
2007 wurde von Mathias und Eva Forberg die Sammlung Forberg der Albertina als unbefristete Dauerleihgabe übergeben. 40 herausragende Werke ergänzen nun seither die bestehende Sammlung des Hauses vor allem im Bereich der Klassischen Moderne, zeigt man sich seitens der Albertina hocherfreut: Gemälde und Skulpturen, Arbeiten aus Papier und Druckgrafiken von außergewöhnlicher Qualität von Künstlern wie Picasso, Fernand Léger, von Mitgliedern des „Blauen Reiter“ und vor allem eine exquisite Auswahl von Werken Paul Klees.
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r.o.: Paul Klee Kojen, 1930 Museum Ludwig Köln, Leihgabe aus Privatbesitz
Dieser vertiefte Sinn liegt auch der weiteren Sammlertätigkeit von Mathias Forberg zugrunde. Er hat sich ebenfalls der Klassischen Moderne verschrieben – die zur Zeit seines Vaters freilich noch als Gegenwartskunst anzusehen war. Er vergleicht dieses gezielte Zusammenführen mit dem Vorgehen eines Pianisten, „der auf sehr persönliche Weise die ihm vorgegebenen Noten interpretiert, bzw. sie zum Leben erweckt. Indem ich Bilder zueinander führe, gebe ich auch meine ganz persönliche Interpretation, wie Dinge aufeinander wirken.“
Mathias Forberg selbst spricht bescheiden vom Torso einer Sammlung, die sein Vater Kurt Forberg seit den 1950er Jahren angelegt hatte. Als er sie 1990 übernahm, war sie bereits durch Schenkungen, Erbschaft etc. auseinandergerissen gewesen.
Der absolut nicht unbescheidene Rest lässt jedoch deutlich die Intention des Sammlers durchscheinen, dessen ganz persönlichen Zugang zu den einzelnen Werken. Kurt Forberg erwarb und trug zusammen, was ihn interessierte und ihm gefiel – in erster Linie, um damit zu leben.
In der Albertina sind diese Arbeiten erstmals als die Sammlung Forberg in ihrer verbliebenen Gesamtheit zu sehen (bis 22.01.2012). Die Ausstellung in dieser Form entspricht in mehrfachem Sinn der Überzeugung der Leihgeber. Zum einen ist Kunst dazu da, um von der Öffentlichkeit wahrgenommen und in einen Diskurs eingebracht zu werden. Zum anderen ist durch die geschlossene Präsentation die Möglichkeit eröffnet worden, Kunstwerke und damit die Künstler und ihre Zeit in Kommunikation zueinander zu bringen, Verbindungen oder Spiegelungen zu schaffen und Zwischentöne hör- bzw. sichtbar zu machen.
Seinerzeit, also 1965, mag das Bild „Lucky Lulu Blonde“ wegen seiner üppigen Busenschönen die Gemüter erhitzt haben. Heute ist es eher die Zigarettenschachtel, die Anstoß erregt. Aber Mel Ramos, 1935* in Kalifornien, dürfte sich nie gefragt haben, was sich gehört – und er malt, was ihm als Kunst erscheint.
Kunsthistorisch zählt Mel Ramos zur Pop Art und neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein (dzt. mit Black & White ebenfalls in der Albertina) zu deren Hauptvertretern, allerdings in Ausprägung der West Coast. Auch er verwendet Motive aus Comic und Werbung, jedoch in anderer Technik. Wenn die East-Coast die Rasterung des Druckes für sich imitiert, ist es bei ihm ein dicker Pinselstrich, der seinen Gestalten Leben gibt.
l.o.: I still get a Thrill when I see Bill #3, 1978
r.u.l.: Study for: The Green Lantern, 1962
r.u.r.: Statue Study #1, 1978
r.o.: Della Monty, 1971
l.u.: Pha. White Goddess, 1963
g.u.: Plenti-Grand Odalisque, 1973
Sein Markenzeichen sind die Commercial Pin-ups. Bilder von nackten, makellos schönen Mädels fanden sich in jedem Soldaten-Spind. Mel Ramos hat sich ihrer angenommen und sie mit diversen Konsumgütern verknüpft – und durch meist seltsame, immer aber augenzwinkende Zusammensetzung dieses Sujet zur Kunst erhoben.
Die Ölbilder sind Pop Art in reinstem Sinne, eventuell auch Bad Painting, wenn Mel Ramos in gleicher Weise ungeniert über ehrwürdige Gemälde wie Goyas Maja Desnuda oder Modiglianis Akte reflektiert. Man kann alle diese Bilder auch aus guter Entfernung genießen, die Käseecken, auf denen sich die Nackedei räkelt oder die Ketchup-Flasche, an der selbstbewusst eine ebenso wenig bekleidete junge Frau mit herausforderndem Blick lehnt.
Nahe hingehen sollte man bei den vielen Zeichnungen in dieser Ausstellung. Dort finden sich die Gedanken zu den Öl-Schinken (ein Ausdruck für diese Bilder, der kaum anderswo besser zutrifft) und, wie bei einer Schnitzeljagd, die Hinweise auf den Sinn der Pop Art in der Art eines Mel Ramos. Sein Strich ist großartig, ebenso seine legere Art, mit dem Bleistift Flächen zu schaffen. Aber wer hätte ihm für Zeichnungen so viel bezahlt wie für die großen Ölbilder und je soviel Anerkennung gezollt, dass jeder auf den ersten Blick Mel Ramos erkennt, und wenn schon nicht seinen Namen, dann seine Bilder, die „Girls, Candies & Comis“ (bis 29. Mai 2011 in der Albertina).
Roy Lichtenstein (1923-1997) und die Pop-Art sind längst zu einem Begriff verschmolzen. Er gilt als eine ihrer Schlüsselfiguren. Im Kopf hat man überdimensionale Comics, bunt, knallig, eben poppig. Am Anfang standen jedoch schwarz-weiß Zeichnungen, Black & White, wie sie derzeit in der Albertina zu sehen sind.
Der Maler stellte schon in den 1950er Jahren regelmäßig in New York aus. Kubismus und Abstrakter Expressionismus waren die Traditionen, denen er sich unterworfen hatte. Bis Roy Lichtenstein 1961 eine radikale Neuorientierung vollzog.
Die Kunst hatte damals begonnen, Gegenstände aus der Alltagswelt und der Massenkultur für sich als Motive zu entdecken. Das Gewohnte und Gewöhnliche wird in Happenings seiner Banalität entrissen. Es wird überhöht zum verzerrten pars pro toto für einen Lebensstil, dessen gefährliche Harmlosigkeit durch die Kunst entlarvt wird
Roy Lichtenstein entwickelt für seine Schöne Welt eine neue Bildsprache, die er vorerst in Zeichnungen umsetzt. Als Technik wird das Benday-Druckverfahren imitiert, eine Rasterung, die in den 1950er und 60er Jahren für Comic-Labels benutzt wird. Er schafft damit Zeichnungen und Malereien, die entfernt wie Drucke aussehen, verdreht also die Grenzen zwischen Original und Kopie verwirrend ineinander. Die Kritik ist irritiert. 1964 titelt das Life Magazin „Ist er Amerikas schlechtester Künstler?“ Die Kunstgeschichte hat die Frage mit einem klaren Nein beantwortet (siehe erster Satz!).
Bereits die Zeichnungen, die zwischen 1961 und 1968 entstehen, weisen diese wesentlichen Merkmale auf. Sie sind keineswegs nur Skizzen, sondern autonome Kunstwerke, anhand derer sehr eindrücklich die Genese von Lichtensteins Kunst verfolgt werden kann. 60 Stück sind derzeit in der Albertina zu sehen, von Finger Pointing (1961), Bratatat! (1962), Woman in Bath (1963), Him (1964) bis Atomic Landscape (1966), zusammen mit den Arbeitsutensilien des Zeichners, um auch in die Technik dieser kunstvollen Imitationen von Imitationen nachvollziehbar zu machen.
Das graphische Werk des „Blauen Reiter“ in der Albertina
Sichtbar gemachte Gedanken
1911, also genau vor 100 Jahren, organisierten Wassily Kandinsky und Franz Marc eine Ausstellung mit Werken von Künstlern, die ein gemeinsames Ziel verband: das Geistige in der Kunst auszudrücken, statt Wirklichkeit abzubilden. Diese künstlerische Absicht war damals nichts Außergewöhnliches. Die Fotografie hatte sich längst der Wirklichkeit angenommen. Die Kunst, in erster Linie die Malerei, wurde dadurch vor ein existentielles Sinnproblem gestellt, das Gruppen wie die Futuristen Italiens oder die Kubisten Picasso und Braque jeweils auf ihre Weise zu lösen versuchten.
Trotzdem, diese Ausstellung sollte, zumindest für einige Jahre, München zur Hauptstadt der Kunst erheben. Es waren Künstler verschiedenster Richtungen vertreten, allein verbunden durch das Kredo Kandinskys, dass „Kunst nicht eine Frage der Form, sondern des künstlerischen Gehaltes ist.“
Blau galt ihnen als die am stärksten spirituelle Farbe. Das Pferd wurde als Symbol der Natur zum gegenständlichen Attribut der Gruppe. Franz Marc, der Pferde liebte und sie aus dieser Liebe heraus zu einem kristallenen Turm verband, fand gemeinsam mit Kandinsky, den es die Darstellung von Reitern angetan hatte, den Namen „Blauer Reiter“. Laut Marc sollte diese lose Gemeinschaft „der Ruf werden, der die Künstler sammelt, die zur neuen Zeit gehören, und der die Ohren der Laien weckt.“
Nach und nach hatten sich Heinrich Campendonk, Lyonel Feininger, Alexej Jawlenksky, Paul Klee, Alfred Kubin, August Macke, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter dem Blauen Reiter angeschlossen. Mitte 1912 erscheint der Almanach, in dem das theoretische Grundgerüst der Vereinigung dargelegt ist und Ziele einer neuen, in die Zukunft gerichteten Kunst formuliert sind.
Die von ihnen beschworene Zukunft hat diese Gruppe allerdings im Stich gelassen. 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde der „Blaue Reiter“ zersprengt. Die Künstler suchten jeder für sich ihren Weg, auf dem sie erneut von Widrigkeiten eingeholt wurden. Feininger, Kandinsky und Klee werden von Walter Gropius an das Bauhaus in Weimar geholt, um dort zu lehren – bis dieses 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wird. Tragisch berührt das Schicksal von August Macke (1887*). Während einer Tunisreise mit Paul Klee und Louis Moilliet entstehen die reifen Werke eines 27jährigen. Bei Ausbruch des Weltkrieges wird er zum Kriegsdienst eingezogen und fällt am 26. September 1914 an der französischen Front.
In dieser kurzen Zeit der gegenseitigen Auseinandersetzung mit dem „Blauen Reiter“ entstand eine Fülle an richtungweisenden Werken. Ein großer Teil des Nachlasses befindet sich im Lenbachhaus in München. Mit der Albertina präsentiert es nun erstmals im gemeinsamen Kontext des „Blauen Reiter“ Arbeiten auf Papier. Sie sind wie jedes graphische Werk verräterisch. Die spontanen Striche führen den Betrachter direkt in das Denken und Empfinden des Künstlers. Das Auge braucht auf diesem Weg keine Ölschichten, und seien sie noch so mitteilsam bunt, durch mühsames Reflektieren zu überwinden. Kandinsky hat seine großen Gemälde penibel in Aquarell-Skizzen vorbereitet, Paul Klee ist seinen Weg zu den feinen Linien über die Zeichnungen seines Kindes gegangen und Alfred Kubin legt ebenfalls in Zeichnungen die abgründigen Phantasien seiner Albträume bloß.
Bis 15. Mai 2011 hat man die einmalige Gelegenheit, diese sonst großteils unter Verschluss gehaltenen Arbeiten in der Ausstellung „Der Blaue Reiter. Aus dem Lenbachhaus und der Albertina“ in der Propter Homines Halle der Albertina zu sehen.