Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Aufführung teleklavier, 1990 Privatsammlung, © Gerhard Rühm

GERHARD RÜHM Entdecker der visuellen Poesie

motorische meditation, 1985 © Gerhard Rühm Foto: © N. Lackner/UMJ

Äußerste Reduktion und Verdichtung auf das Essentielle

Zu den Werken von Gerhard Rühm heißt es im Ausstellungskatalog, dass Gegenwartserlebnis und die zeitliche Dimension der Sprache ebenso zentrale Motive wie die sprachliche Konstituierung des Subjekts, die Möglichkeiten und Grenzen des geistigen und emotionalen Selbstausdrucks bilden. In dieser Definition ist jedoch auch die Grenze des Zugangs zu Rühms Œuvre umrissen. Die in der ihm gewidmeten Ausstellung des Kunstforum Wien (bis 28. Jänner 2018) gezeigten Arbeiten sind zwar amüsant anzuschauen, allein der tatsächliche Bezug des Publikums dürfte im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen sein. Sie sind in einer Zeit entstanden, als sich in Österreich niemand außer ein paar „Verrückten“ vorstellen konnte, dass Conceptual Art, Dadaismus oder Happenings ernsthafte Kunstäußerungen sein könnten, dabei waren diese nichts anderes als eine Renaissance von avantgardistischen Strömungen, die selbst mehrere Jahrzehnte zurück lagen und in ihrer Weise bereit klassisch geworden waren.

ohne titel, 1955 Fotocollage und Schreibmaschine auf gelblichem Papier © mumok

Rühms „visuelle Poesie“ aus Collagen mit verklebten Texten, die wie Zensurbalken nur einige Wörter offen lassen, oder Gedichte aus einem absurden Schwall von Silben hätten genauso gut Anfang der 1920er-Jahre entstehen können. Seine „konkrete Poesie“ wurzelt in der Auseinandersetzung mit den Kompositionsprinzipien Anton Weberns und dem Miteinbeziehen der Sprache, deren Klang und Artikulation bis zum letzten Laut ausgelotet und ausgekostet wird.

 

Im Kreis der „Wiener Gruppe“, bestehend u. a. aus Friedrich Achleitner, H.C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener begann auch Gerhard Rühm mit seinem Schaffen an die (damals schockierte und irritierte) Öffentlichkeit zu treten.

Man konnte sich hierzulande wenig mit seinen Wanderungen über die Grenzen von Musik, Dichtung und bildnerischer Kunst anfangen. Anderswo, beispielsweise in Berlin, war man diesbezüglich um einiges weiter. In Österreich setzte es 1964 ein Publikationsverbot, was Rühm dazu bewog, nach West-Berlin zu gehen und auf Leute der Fluxus-Szene wie Daniel Spoerri oder John Cage zu treffen. In Hamburg war Rühm von 1972 bis 1995 als Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste tätig. Mit Ausstellungen im Kulturhaus Graz (1980), im Museum Moderner Kunst Wien (1981) und im Rupertinum Salzburg (1987) setzte auch eine Heimkehr des vertriebenen Sohnes ein, die unter anderem im Österreichischen Kunstpreis für Literatur 1991 gipfelte. Die jetzige Ausstellung ist damit eine schuldige Verbeugung vor Gerhard Rühm, aber genauso eine durchaus notwenige Erinnerung an einen bedeutenden, doch ganz gern auch vergessenen Vertreter österreichischen Kunstschaffens.

leseinsel, 2011 © Gerhard Rühm Foto: © Christine König Galerie: Iris Ranzinger
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