Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Kraft des Alters Ausstellungsansicht © Johannes Stoll/Belvedere Wien

DIE KRAFT DES ALTERS hat nix mit Anti-Aging am Hut

Alex Katz Redsweater 1999 © Foto Martin Url © Bildrecht Wien

Starke künstlerische Zugänge zum letzten Lebensabschnitt

Das einzig Tröstliche: Jeder, sofern er es erlebt, kommt einmal dorthin. Er wird alt. Die Arithmetik ist gnadenlos. Man kann die stets wachsende Zahl an Jahren bestenfalls behübschen. Etwas Creme auf die Falten, sportlich den Tag angehen und die morgendlichen Wehwehchen zu ignorieren versuchen, das sind ein paar Möglichkeiten, um sich zumindest selbst noch jung zu fühlen. Der größte Unsinn ist die in diesem Zusammenhang gerne lancierte Volksweisheit, dass man so alt ist wie man sich fühlt. Die Wahrheit sagen einem schon die anderen, ganz ohne Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit. Die einzige wirkungsvolle Begegnung mit dem, auch wenn es grausam klingt, letzten Lebensabschnitt ist die Kreativität. Sie kann, gepaart mit der Erfahrung und einer Jahrzehnte langen Routine zu immer neuen „Geburten“ führen. Der Geist muss nicht zwangsläufig impotent und auch nicht unansehnlich werden.

Joyce Tenneson Christine Lee 2002 © Joyce Tenneson

Pablo Picasso, der immerhin 91 wurde und bis zum letzten Moment schöpferisch tätig war, hat dazu sehr gescheit festgestellt, dass man schon sehr lange leben müsse, „um jung zu werden“. Das Geheimnis der Jungend liegt also in der Bejahung der wachsenden Zahl der Lebensjahre und der Erkenntnis, dass darin eine Menge ungeahnter Möglichkeiten steckt. Laut Statistik steigt die Lebenserwartung. Darauf ist zwar kein Verlass. Es kann heute oder morgen ganz plötzlich aus sein. Aber bis dahin heißt es: Carpe Diem und nütze die Potenz der späten Jahre!

Karl Mediz „Die Eismänner“ vor 1902 © Johannes Stoll / Belvedere Wien

Die Ausstellung im Belvedere mit dem tröstlichen Titel „Die Kraft des Alters“ (bis 4. März 2018) eröffnet einen Blick auf Kunst, die vor abgebrauchten Körpern, schlaffer Haut und trüben Augen keine Scheu hat. Zusammengestellt wurden dafür historische und aktuelle Zugänge. So hat Henry de Toulouse-Lautrec in einer Lithographie aus 1893 die Lächerlichkeit eines beleibten älteren Herrn an der Seite einer jungen Frau karikiert, gegen die Karl Mediz „Die Eismänner“ als vier würdige Greise stellt. Gustav Klimt hat 1899 einem „Alten Mann auf dem Totenbett“ Reverenz erwiesen.

Egon Schiele, der selbst nur 28 Jahre lebte, hat 1912 ohne Scheu vor unansehnlich gewordenen Körperformen den „Akt einer stehenden alten Frau“ gezeichnet.

 

Man trifft die Werke vieler bekannter Künstler, auffällig ist dabei die Dichte von Frauen, die sich mit dem Verwelken menschlicher Schönheit auseinandergesetzt haben. Joyce Tenneson hat alte Frauen in originellen Posen fotografiert, ohne sie zu entstellen. Viel mehr hat sie das verbliebene Ebenmaß in den Zügen dieser Damen betont und ihnen damit neue Würde gegeben. Die deutsche Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz hat dem Alter trocken ins Gesicht gesehen, in ihren Selbstbildnissen nichts beschönigt, aber auch nichts ins Negative verändert.

Das ist das Älterwerden und nichts anderes. So sieht eine Frau eben aus, wenn sie über 40, an die 50 oder 71 ist. Ungemein viel Witz strahlt „The Last Droplets of the Day“ (2014) von Aleah Chapin aus. Grauhaarige Frauen balgen sich nackt auf einer Wiese, man sieht ihren Gesichtern das Vergnügen an, mit dem sie die letzten Strahlen der Abendsonne genießen. Ihnen ist es vollkommen wurscht, dass Busen und Bauch bereits hängen, und was zufällige Betrachter davon halten mögen. Bei ihnen geht es nicht mehr um einen Schönheitswettbewerb, sondern um die Freude an einem Leben, in dem nicht mehr auf Kalorien oder Figur geachtet werden muss, oder kurz gesagt, um den Spaß an der Kraft des Alters.

Egon Schiele Selbstseher II (Tod und Mann) 1911 © Leopold Museum Wien
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