Kultur und Wein

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Skizzenbuch Josef Maria Auchentaller Sgrafittofries aus dem besprochenen Buch

BRIEFE AUS GRADO Emma Auchentaller als Pionierin eines Badeortes

Plakat von Josef Maria Auchentaller aus dem besprochenen Buch

Als Grado noch bei Österreich war – aus der persönlichen Sicht einer bemerkenswerten Frau

Wenngleich viele Stunden dauernde Flugreisen den Urlaub an der Adria längst abgelöst haben, hat der Ort Grado doch bis heute einen seltsam wunderbaren Klang. Man verbindet damit ein Stück Altösterreich, Hotels mit dem Charme des Wiener Jugendstils, mediterrane Promenaden und sich sonnende noble Herrschaften in herrlich altmodischen Badegewändern. Nostalgie pur! Nicht ganz unbeteiligt an diesem Nimbus ist ein Plakat, das seinerzeit der Secessionist Josef Maria Auchentaller entworfen hat. Es zeigt zwei Damen in eleganten Sommerkleidern vor einer Strandszene mit dem Text SEEBAD GRADO ÖSTERREICHISCHES:KÜSTENLAND und sollte Besucher aus Wien in den Süden des Kaiserreiches locken. Die beiden Frauen haben Namen. Rechts steht halb verdeckt Martha Thonet und vorne deren Schwester Emma Auchentaller. Sie war die Gattin des Malers, die vom Erfolg dieser Werbekampagne in ganz besonderer Weise profitierte. Als Tochter des erfolgreichen Schmuckfabrikanten Scheid hatte sie dessen Geschäftstüchtigkeit geerbt, aber auch seinen Eigensinn.

Briefe aus Grado Cover

Gegen seinen Willen hatte sie einen noch unbekannten, mittellosen Künstler geheiratet. Während eines Aufenthalts in Grado im Sommer 1900 verliebte sich Emma Auchentaller in das damals noch schwer erreichbare Fischerdorf in der Lagune. Es sollte nicht bei Erholungsaufenthalten bleiben. Umgehend kaufte sie eine aufgelassene Festung und machte daraus das Hotel Fortino, ein beliebtes Feriendomizil der Wiener Gesellschaft der K&K Monarchie. Dazu mischte sie den bis dahin etwas verschlafenen Ort, der eigentlich eine Insel ist, kräftig auf und trug nicht unwesentlich zur Entwicklung von Grado zu einem topmodernen und mondänen Seebad bei.

Emma Auchentaller, gemalt von ihrem Gatten aus dem besprochenen Buch

Die Herausgeberin Christine Casapicola ist auf ein Konvolut von Briefen gestoßen, die Emma Auchentaller und ihr Mann Pepi, also Josef Maria Auchentaller, in diesen Jahren an ihre Eltern geschrieben haben. Sie wurden nun transkribiert und zu einem Buch zusammengefasst, das auf unvergleichlich lebendige Weise diese Zeit beschreibt (Emma Auchentaller Briefe aus Grado 1900 – 1912, erschienen im Verlag Braitan). Der Leser blickt Emma dabei über die Schulter, vergisst die mehr als hundert Jahre, die seither vergangen sind, und lebt mit, wenn sie ihrer Mutter von den Sorgen mit der Krankheit von Tochter Maria, von den Festen, die sie perfekt ausgerichtet hat, aber auch vom Vergnügen eines entspannenden Bades im Meer erzählt. Es darf geschmunzelt werden, wenn Emma ihrem Vater in schönsten Worten um den Bart geht, um ihn damit um Geld anzuschnorren. Sie benötigt es für Investitionen, die sie aus den doch nicht so üppigen Einkünften ihres Gatten nicht bestreiten kann.

Genauso aber berichtet sie ihm stolz von den Fortschritten, die ihre Unternehmungen in Grado zeitigen. Ganz nebenbei verfolgt man die Entwicklungen in der damaligen Wiener Kunstszene, in der Auchentaller neben Gustav Klimt, Otto Wagner oder Kolo Moser zu einem der wesentlichen Protagonisten zählte. Zwischen den Briefen finden sich als besonderes Zuckerl Zeitungsausschnitte, die über tagesaktuelle Ereignisse berichten und die Geschehnisse damit in ihrer Zeit verorten.

Die Korrespondenz erstreckt sich über zwölf im Großen und Ganze unbeschwerte Jahre. Sie endet mit einem Brief vom 12. November 1912, den Emma Auchentaller jedoch mit düsteren Worten beschließt: Wenn mir der politische Himmel nicht so schrecklich aussähe, was werden wir da noch alles erleben, ich habe ganz schwarze Gedanken für die Zukunft. Mit dem Kriege wird es wohl ernst werden, es ist schrecklich, wir haben eine traurige Zeit vor uns. Es küßt + umarmt Euch innig Eure treue Tochter Emma

Leuchtturm und altes Fortino aus dem besprochenen Buch

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