Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Sarah Viktoria Frick, Matthias Mosbach, Christopher Nell © Reinhard Werner/Burgtheater

EIN SOMMERNACHTSTRAUM, aus dem man gar nicht gern erwacht

Ein Sommernachtstraum Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

Eine wahrhaft lustige Nacht, wenn Geister- und Menschwelt durcheinander geraten

Für jedes gute Theater gehört auch die Produktion von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ in das Programm. Diese Komödie beinhaltet wirklich alles, was ein gutes Stück ausmacht. Sie verführt die Zuschauer in eine phantastische Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, eben was richtiges Theater stets machen sollte. Sie bringt die Menschen zum Lachen, lässt sie mit Verliebten leiden und die Bösen hassen. Vor allem schenkt sie ihnen das Gefühl, Teil einer Welt zu sein, die jenseits aller biederen Realität existiert. Aber Vorsicht, dort treibt Puck sei Unwesen! Es kann ganz leicht passieren, dass er auch denen einen Streich spielt, die gar nichts mit ihm zu tun haben und sich mitten im Zuschauerraum sicher fühlen. So geschehen in der Burg, wenn Puck frech durch das Parterre streicht und sich einen x-beliebigen Zuschauer herausfischt und ihn auf die Bühne zu Oberon schleppt, um ihn dann vor aller Augen blöd stehen zu lassen. Der Mann hat den unfreiwilligen Auftritt zwar etwas betreten, im Übrigen aber schadlos überlebt, ganz ohne Szenenapplaus, den er sich wohl verdient hätte.

Ein Sommernachtstraum Ensemlbe © Reinhard Werner/Burgtheater

Aber in einem Sommernachtstraum kann eben alles passieren. Das ganze Repertoire vom hemmungslosen Blödeln bis zum herzhaften Übertreiben ohne Schmiere, das schaffen in dieser Qualität nur Burgschauspieler. Es bräuchte dazu gar nicht die berühmte Rüpelkomödie, die ja für sich bereits ein geniales Stück wäre, weil einfache Leute wie der Zimmermann Peter Squenz oder der von seinem Talent überzeugte Weber Zettel mehr rührend als lächerlich sind, wenn sie sich über eine antike Tragödie wagen. Aber ohne die schauspielernden Handwerker wäre dieser Traum nur halb geträumt. Denn auch die anderen wie Herzog Theseus und seine Amazone Hippolyta , der Feenkönig Oberon und seine auf einen Knaben versessene Gattin Titania genießen die Komik, die diesen Rollen inhärent ist. Ganz zu schweigen von den jungen Paaren, die sich in der unheimlichen Wildnis eines verzauberten Waldes im wahrsten Sinn des Wortes verirren.

Daniel Jesch, Alexandra Henkel © Reinhard Werner/Burgtheater

Leander Haussmann hat für die Burg bei „Ein Sommernachtstraum“ Regie geführt. Er hat das Potential dieses Hauses voll genützt und nichts ausgelassen, was wohl schon der Autor, also William Shakespeare, für sein Publikum bereitgehalten hätte. Das Bühnenbild ist für eine moderne Inszenierung erstaunlich opulent, die Maschinerie wird bis zum Höhenflug von Puck ausgereizt und, wenn es auch nicht erforderlich wäre, wird geknallt und geschossen, um ordentlich Blut fließen zu lassen.

Um für das Aufeinandertreffen von Geister- und Menschenwelt die entsprechende Kulisse zu schaffen, wird die Szenerie mit dichtem Nebel verhüllt. Dieser Kunstgriff ist durchaus hilfreich, um die vier grundverschiedenen Personengruppen logisch unter einen Hut zu bringen: das Fürstenpaar, die Liebenden, die Elfen und die Handwerker. Puck ist sozusagen der Libero und hat in dem ganzen Treiben einen Freibrief. Wenn er am Anfang aus einer Schachtel steigt und am Ende vor dem Vorhang übrig bleibt, ist klar, dass er das erste und letzte Wort hat. Das steht ihm auch zu, denn ohne seine Schlampereien würden Demetrius und Helena sowie Lysander und Hermia kaum ein Paar.

Christopher Nell, Johannes Krisch, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak © Reinhard Werner/Burgtheater

Christopher Nell ist ein großartiger Puck, der sich so wunderbar menschlich irren und deswegen mit sich hadern kann, dass es einem das Herz zerreißt. Sein Chef Oberon hat mit Johannes Krisch einen Darsteller gefunden, der ihm entsprechende Würde verleiht. Dessen Gattin Titania (Stefanie Dvorak) ist jung und hübsch, tut einem seltsamerweise aber keinen Moment leid, wenn sie sich in ihrer Verblendung mit den zum Esel verwandelten Zettel und seinem großen R-Ohr am moosigen Bett vergnügt.

Alexandra Henkel wird als Hippolyta zur schießwütigen Pistolenlady. Sie versteht es, ihren zukünftigen Gatten Theseus (Daniel Jesch) mit Handschellen und anderen SM-Spielchen in Fahrt zu bringen. Martin Vischer (Lysander), Matthias Mosbach (Demetrius), Sarah Viktoria Frick (Hermia) und Mavie Hörbiger (Helena) finden nach einem grausamen Bäumchen wechsle dich Spiel doch zur richtigen Paarung und sind dabei nie etwas anders als vier junge Leute, die eben verliebt sind.

Martin Vischer, Sarah Viktoria Frick © Reinhard Werner/Burgtheater

Bleiben noch die handfesten Burschen aus Athen, die von Martin Schwab als umsichtigen Prinzipal Peter Squenz bei ihrem Auftritt zu Höchstleitungen geführt werden. Er lässt den besoffenen Kesselflicker Tom Schnauz (Hans Dieter Knebel) als Wand einfach an den Boden nageln, damit er sich nicht falsch bewegt. Schnock, der Schreiner (Dirk Nocker), erscheint im Rollstuhl und brüllt gut als Löwe, während Hermann Scheidleder seine nicht unbeträchtliche Statur als Vollmond zur Verfügung zu stellen hat.

Peter Matić ist aller Darling, ein Franz Flaut, seines Zeichens Blasbalgflicker, der verkleidet als Thisbe ganz gerne Männer küsst. Johann Adam Oest ist der Weber namens Zettel und sowohl als ehrgeiziger Schauspieler als auch als Esel eine imponierende Erscheinung. Was er nicht alles erzählen könnte, nachdem er aus dem höchst kuriosen Traum erwacht ist.

Dank eines wundersamen Blümeleins, das Liebe und Harmonie unter die Menschen bringt, gibt es am Ende ein allseitiges Umarmen und Liebhaben. Wo wächst diese Pflanze, die Oberon kennt und Puck gefunden hat? Sie könnte viele Probleme dieser Welt lösen, nicht nur zwischen Donald Trump und Kim Jong-un und allen den anderen Zündlern auf unserem kleinen Planeten, denen an dieser Stelle dringend geraten wird , sich einmal in der Burg „Ein Sommernachtstraum“ anzuschauen.

Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel, Peter Matić © Reinhard Werner/Burgtheater

Liebesgeschichten und Heiratssachen Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

LIEBESGESCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN A richtige Burg-Hetz

Regina Fritsch, Gregor Bloéb © Georg Soulek/Burgtheater

Nestroy eigenwillig, aber grandios

Es geht rund! Und durcheinander! Aber wie soll´s anders sein, wenn es um die geistige Verwirrung junger Menschen geht, die sie Liebe nennen. Der Alten wissen´s besser. Sie wollen sich kaum darum kümmern, außer es geht ums Geld und, wie noch zu Nestroys Zeiten, um Standesdünkel. Dass dabei mordsmäßige Interessenskonflikte entstehen, liegt auf der Hand. Der eine, ein gewisser Anton Buchner, hat nichts im Portmonee, weil sein Vater pleite gemacht hat. Aber er liebt Fanny, die Tochter des zu Reichtum gekommenen Fleischselchers Fett. Deren entfernte Verwandte, die bildhübsche Ulrike, ist verknallt in Alfred, den Sekretär, den sich der nunmehrige Particulier Fett hält. Dass in diesem bescheidenen Burschen der Spross van Marchese Vincelli steckt, ist in diesem Hause weitgehend unbekannt. Nicht uninteressiert an einer guten Partie ist auch ein junger Mann namens Nebel. Er ist nichts, er hat nichts, kann dieses sowohl emotionale wie pekuniäre Unvermögen aber bestens zur Geltung bringen. Er schafft es sogar, sich als das noble Söhnchen erfolgreich ins Gerücht zu bringen.

Elisabeth Augustin, Markus Meyer © Georg Soulek/Burgtheater

Daraufhin gibt es auch für die nicht mehr ganz taufrische, aber umso begütertere Lucia Distel kein Halten mehr. Es muss geheiratet werden. Aber wer wen? Das wird erst ganz am Schluss einigermaßen klar. Die damit verbundenen Verwirrungen hat Nestroy mit einem Feuerwerk an Pointen noch um einiges dichter verwickelt als sie ohnehin schon sind und daraus die Posse mit Gesang „Liebesgeschichten und Heurathssachen“ gemacht, die seit ihrer Uraufführung am 23. März 1843 als Metapher für die strikte Trennung von Liebe und Ehe eingesetzt wird, bis hin zu einer Fernsehsendung, bei der hoffnungslose Fälle verkuppelt werden wollen.

Robert Reinagl, Dietmar König © Georg Soulek/Burgtehater

Regisseur Georg Schmiedleitner hat das TV-Logo, ein sich drehendes Herz, just auf das spitze Dach des Wirthauses gesetzt, wohl um alles klar zu machen. Hier geht´s um sonst nichts als um unter die Haube zu kommen und um eine Hetz auf Burgniveau. Seine sympathischen Heiratskandidaten sind Marie-Luise Stockinger als Fanny, die mit dem biederen Anton Buchner (Martin Vischer) den idealen Partner gefunden hätte. Das zweite Pärchen sind Stefanie Dvorak, die ihrer Ulrike erstaunliche Facetten verleiht, und Christoph Radakovits, der strahlende Hochadelige Alfred, der über alle gesellschaftlichen Schranken hinweg wirklich gut zu ihr passen würde. Allein, wären da nicht die Väter! Gregor Bloéb ist ein wunderbar neureicher Florian Fett, dessen Sofa sich ebenso wie sein Plüschschweinchen per Fernbedienung steuern lassen. Für einen Herrn wie ihn kommt eine Liaison seiner Tochter mit dem Erben eines abgebrannten Kaufmanns nicht in Frage.

Sein Gegenüber ist Marchese Vincelli (Dietmar König), der glaubhaft nobel unter den Zudringlichkeiten von Fett und anderer Beteiligter leidet. Ganz feine Komik bietet die Szene, in der ihm die dralle Wirtin (Elisabeth Augustin) Schnaps kredenzt und er das zweite Stamperl angewidert ausspuckt, nachdem er das erste mit Verachtung und schmerzverzerrtem Gesicht geleert hat. Wie kann sein Sohn eine Frau aus solch niederen Kreisen ehelichen wollen?!

 

Peter Matić ist der Wirt, der im verwegenen Rockeroutfit ausgerechnet vom Habenichts Nebel 286 Gulden und 63 Kreuzer an offener Zeche eintreiben will. Bei Markus Meyer ist er jedoch an den Falschen geraten.

Nestroy hatte sich die Rolle selbst auf den Leib geschrieben und sie dazu verwendet, seine Weltanschauung in lustig witzig bis bitter bösen Bonmots über die Zensur hinweg an das Publikum zu bringen. Meyer ist ein idealer Erbe des großen Meisters der Wiener Volksstücke. Er hält sich zwar in den von einer schrägen Streichergruppe begleiteten Couplets aus der aktuellen Politik heraus, lässt aber an der Verachtung gegenüber all denen, die von der Gnade der Geburt oder der finanziellen Fortuna Nebel überlegen sind, keinen Zweifel offen. Im Grunde ist dieser Taugenichts der klügste und gerissenste von allen, der es fast zuwege bringt, Lucia Distel (eine hinreißende sitzengebliebene Alte: Regina Fritsch) und ihre 40.000 Gulden per Ehe an sich zu reißen. Er ist ja, wie er selbst sagt, für eine Heirat aus Inclination, aber halt einer solchen zum Geld. Als seine Umtriebe schließlich auffliegen, sagt er trotzig einen wahren Satz, der im Grunde auf alle Beteiligten, von der Bühne bis zu den begeistert applaudierenden Zuschauern, hundertprozentig zutrifft: „Mir geht nichts über mich!“

Alexandra Henkel, Markus Meyer © Georg Soulek/Burgtheater

Die Komödie der Irrungen Ensemble © Reinhard Werner

DIE KOMÖDIE DER IRRUNGEN Shakespeare blödlerweise „ernst“ genommen

Sebastian Blomberg, Simon Jensen © Reinahrd Werner

Der große Auftritt eines Nasenrammels

Bis man endlich draufkommt, dass es sich um zwei Zwillingspaare handelt, deren Schicksal William Shakespeare zu einer rasanten Komödie verquickt hat, werden sowohl Schauspieler als auch Publikum vom Regisseur in keiner Weise geschont. Er lässt die Darsteller gegen Wände knallen, in Gruben verschwinden, sie von einem bösartigen Bündel aus Trompeten und Posaunen mit Kakofonie quälend beschallen und vor allem, zum Teil in anschaulicher Zeitlupe, einander ausgesucht Grausliches antun. Schon das Zuschauen tut weh, wenn einer der beiden Antipholus (macht locker die Wandlung von einem zum anderen Bruder deutlich: Sebastian Blomberg) einem der beiden Sklaven Dromio (Simon Jensen, dessen Halskrause verrät, welcher Bruder er gerade ist) anstelle von Schlägen auf den Rücken mit dem Zeigefinger in die Nase fährt. Daran zerrt er ihn wie an einem Nasenring, um ihn anschließend wie eine Diskusscheibe über die Bühne wirbeln zu lassen. Diese Stelle ist auch der große Auftritt eines, wie man in Österreich sagt, Waugas (deutsch: Popels oder Nasenrammels).

Merlin Sandmeyer © Reinahrd Werner

Er wandert einige Szenen lang bedeutungsvoll durch die Besetzung und lässt sich trotz energischen Schüttelns und Wischens nicht so leicht zum Abtreten bewegen.

 

Zu den Torturen zählt auch das Bemühen, möglichst alle Untugenden, denen Shakespearemimen anheimfallen können, auszukosten. Michael Masula hat diesbezüglich als Solinus, Herzog von Ephesus, die Aufgabe, den klassischen Text möglichst gestelzt aufzusagen, Falk Rockstroh als Goldschmied Angelo den Degen so patschert zu führen, dass ihn sogar der Bühnenrand im Zweikampf schlägt, oder Herbert Scheidleder als Kaufmann freundlich grinsend herumzustehen und monoton bekannt zu geben, dass er keine Zeit habe, weil er nach Persien (Serbien?) reisen müsse.

Sebastian Blomberg, Marta Kizyma, Dorothee Hartinger, Stefanie Dvorak © Reinhard Werner

Die anderen sind einfach angehalten, jede Geste maßlos zu übertreiben und jeden Satz entweder mit falschem Pathos zu deklamieren oder die von Shakespeare gänzlich losgelösten Reime gleich ganz danebenbetont von sich zu geben. Der stattliche Doktor Zwick (Dirk Nocker) zwitschert wie ein ängstliches Vöglein: „Der Bart brennt!“, was auch stimmt, aber er erntet dafür nichts als Lacher. Anders der Kerkermeister (Merlin Sandmeyer), ein feingliedriges Bürschchen, das in seiner schlaksigen Ungeschicklichkeit die Begehrlichkeit der mitwirkenden Herren in einem weit größeren Maße weckt als die mit Strapsen aufgemotzte Kurtisane Mavie Hörbiger.

Luciana, die Schwägerin des Epheser Antipholus, reibt sich grunzend am Pfosten des Galgens einen Orgasmus ab, während ihre notgeile Schwester Adriana (Dorothe Hartinger) unwissender Weise dem Bruder ihres Gatten Speise und Bett gewährt. Die Damen sind in erotischer Beziehung generell nicht zurückhaltend, was sowohl für das Kammermädchen Lucie (Marta Kizyma) als auch für Petra Morzé gilt, die sich mit einem atemberaubenden Griff von der Nonnentracht befreit, um im sexy kurzen Kleid ihrem wiedergefundenen, im Gegensatz zu ihr leider gealterten Gatten Ägeon (Klaus Pohl) wieder die Lebensgeister zu wecken.

 

Derart schräge Aufgaben bewältigen freilich nur die besten Schauspieler. Dazu kommt die faszinierende Konsequenz der Inszenierung von Herbert Fritsch.

Beim tosenden Schlussapplaus schwebt er elegant von oben ein, wird allerdings vom Ensemble umgehend im Souffleurkasten versenkt. Angesichts dieser herrlich intelligenten Blödeleien, des virtuosen Slapsticks und der gaudigen Brutalitäten wird man zum lustvollen Masochisten, der begeistert auf den Gugelhupf im Zuschauerraum schaut, während auf der Bühne wieder irgend ein Gag passiert, den man damit leider verpasst: Ein guter Grund mehr, sich „Die Komödie der Irrungen“ gleich ein zweites Mal anzuschauen.

Merlin Sandmeyer, Stefanie Dvorak, Klaus Phol, Petra Morzé © Reinhard Werner
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