Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Liebesgeschichten und Heiratssachen Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

LIEBESGESCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN A richtige Burg-Hetz

Regina Fritsch, Gregor Bloéb © Georg Soulek/Burgtheater

Nestroy eigenwillig, aber grandios

Es geht rund! Und durcheinander! Aber wie soll´s anders sein, wenn es um die geistige Verwirrung junger Menschen geht, die sie Liebe nennen. Der Alten wissen´s besser. Sie wollen sich kaum darum kümmern, außer es geht ums Geld und, wie noch zu Nestroys Zeiten, um Standesdünkel. Dass dabei mordsmäßige Interessenskonflikte entstehen, liegt auf der Hand. Der eine, ein gewisser Anton Buchner, hat nichts im Portmonee, weil sein Vater pleite gemacht hat. Aber er liebt Fanny, die Tochter des zu Reichtum gekommenen Fleischselchers Fett. Deren entfernte Verwandte, die bildhübsche Ulrike, ist verknallt in Alfred, den Sekretär, den sich der nunmehrige Particulier Fett hält. Dass in diesem bescheidenen Burschen der Spross van Marchese Vincelli steckt, ist in diesem Hause weitgehend unbekannt. Nicht uninteressiert an einer guten Partie ist auch ein junger Mann namens Nebel. Er ist nichts, er hat nichts, kann dieses sowohl emotionale wie pekuniäre Unvermögen aber bestens zur Geltung bringen. Er schafft es sogar, sich als das noble Söhnchen erfolgreich ins Gerücht zu bringen.

Elisabeth Augustin, Markus Meyer © Georg Soulek/Burgtheater

Daraufhin gibt es auch für die nicht mehr ganz taufrische, aber umso begütertere Lucia Distel kein Halten mehr. Es muss geheiratet werden. Aber wer wen? Das wird erst ganz am Schluss einigermaßen klar. Die damit verbundenen Verwirrungen hat Nestroy mit einem Feuerwerk an Pointen noch um einiges dichter verwickelt als sie ohnehin schon sind und daraus die Posse mit Gesang „Liebesgeschichten und Heurathssachen“ gemacht, die seit ihrer Uraufführung am 23. März 1843 als Metapher für die strikte Trennung von Liebe und Ehe eingesetzt wird, bis hin zu einer Fernsehsendung, bei der hoffnungslose Fälle verkuppelt werden wollen.

Robert Reinagl, Dietmar König © Georg Soulek/Burgtehater

Regisseur Georg Schmiedleitner hat das TV-Logo, ein sich drehendes Herz, just auf das spitze Dach des Wirthauses gesetzt, wohl um alles klar zu machen. Hier geht´s um sonst nichts als um unter die Haube zu kommen und um eine Hetz auf Burgniveau. Seine sympathischen Heiratskandidaten sind Marie-Luise Stockinger als Fanny, die mit dem biederen Anton Buchner (Martin Vischer) den idealen Partner gefunden hätte. Das zweite Pärchen sind Stefanie Dvorak, die ihrer Ulrike erstaunliche Facetten verleiht, und Christoph Radakovits, der strahlende Hochadelige Alfred, der über alle gesellschaftlichen Schranken hinweg wirklich gut zu ihr passen würde. Allein, wären da nicht die Väter! Gregor Bloéb ist ein wunderbar neureicher Florian Fett, dessen Sofa sich ebenso wie sein Plüschschweinchen per Fernbedienung steuern lassen. Für einen Herrn wie ihn kommt eine Liaison seiner Tochter mit dem Erben eines abgebrannten Kaufmanns nicht in Frage.

Sein Gegenüber ist Marchese Vincelli (Dietmar König), der glaubhaft nobel unter den Zudringlichkeiten von Fett und anderer Beteiligter leidet. Ganz feine Komik bietet die Szene, in der ihm die dralle Wirtin (Elisabeth Augustin) Schnaps kredenzt und er das zweite Stamperl angewidert ausspuckt, nachdem er das erste mit Verachtung und schmerzverzerrtem Gesicht geleert hat. Wie kann sein Sohn eine Frau aus solch niederen Kreisen ehelichen wollen?!

 

Peter Matić ist der Wirt, der im verwegenen Rockeroutfit ausgerechnet vom Habenichts Nebel 286 Gulden und 63 Kreuzer an offener Zeche eintreiben will. Bei Markus Meyer ist er jedoch an den Falschen geraten.

Nestroy hatte sich die Rolle selbst auf den Leib geschrieben und sie dazu verwendet, seine Weltanschauung in lustig witzig bis bitter bösen Bonmots über die Zensur hinweg an das Publikum zu bringen. Meyer ist ein idealer Erbe des großen Meisters der Wiener Volksstücke. Er hält sich zwar in den von einer schrägen Streichergruppe begleiteten Couplets aus der aktuellen Politik heraus, lässt aber an der Verachtung gegenüber all denen, die von der Gnade der Geburt oder der finanziellen Fortuna Nebel überlegen sind, keinen Zweifel offen. Im Grunde ist dieser Taugenichts der klügste und gerissenste von allen, der es fast zuwege bringt, Lucia Distel (eine hinreißende sitzengebliebene Alte: Regina Fritsch) und ihre 40.000 Gulden per Ehe an sich zu reißen. Er ist ja, wie er selbst sagt, für eine Heirat aus Inclination, aber halt einer solchen zum Geld. Als seine Umtriebe schließlich auffliegen, sagt er trotzig einen wahren Satz, der im Grunde auf alle Beteiligten, von der Bühne bis zu den begeistert applaudierenden Zuschauern, hundertprozentig zutrifft: „Mir geht nichts über mich!“

Alexandra Henkel, Markus Meyer © Georg Soulek/Burgtheater

Die Komödie der Irrungen Ensemble © Reinhard Werner

DIE KOMÖDIE DER IRRUNGEN Shakespeare blödlerweise „ernst“ genommen

Sebastian Blomberg, Simon Jensen © Reinahrd Werner

Der große Auftritt eines Nasenrammels

Bis man endlich draufkommt, dass es sich um zwei Zwillingspaare handelt, deren Schicksal William Shakespeare zu einer rasanten Komödie verquickt hat, werden sowohl Schauspieler als auch Publikum vom Regisseur in keiner Weise geschont. Er lässt die Darsteller gegen Wände knallen, in Gruben verschwinden, sie von einem bösartigen Bündel aus Trompeten und Posaunen mit Kakofonie quälend beschallen und vor allem, zum Teil in anschaulicher Zeitlupe, einander ausgesucht Grausliches antun. Schon das Zuschauen tut weh, wenn einer der beiden Antipholus (macht locker die Wandlung von einem zum anderen Bruder deutlich: Sebastian Blomberg) einem der beiden Sklaven Dromio (Simon Jensen, dessen Halskrause verrät, welcher Bruder er gerade ist) anstelle von Schlägen auf den Rücken mit dem Zeigefinger in die Nase fährt. Daran zerrt er ihn wie an einem Nasenring, um ihn anschließend wie eine Diskusscheibe über die Bühne wirbeln zu lassen. Diese Stelle ist auch der große Auftritt eines, wie man in Österreich sagt, Waugas (deutsch: Popels oder Nasenrammels).

Merlin Sandmeyer © Reinahrd Werner

Er wandert einige Szenen lang bedeutungsvoll durch die Besetzung und lässt sich trotz energischen Schüttelns und Wischens nicht so leicht zum Abtreten bewegen.

 

Zu den Torturen zählt auch das Bemühen, möglichst alle Untugenden, denen Shakespearemimen anheimfallen können, auszukosten. Michael Masula hat diesbezüglich als Solinus, Herzog von Ephesus, die Aufgabe, den klassischen Text möglichst gestelzt aufzusagen, Falk Rockstroh als Goldschmied Angelo den Degen so patschert zu führen, dass ihn sogar der Bühnenrand im Zweikampf schlägt, oder Herbert Scheidleder als Kaufmann freundlich grinsend herumzustehen und monoton bekannt zu geben, dass er keine Zeit habe, weil er nach Persien (Serbien?) reisen müsse.

Sebastian Blomberg, Marta Kizyma, Dorothee Hartinger, Stefanie Dvorak © Reinhard Werner

Die anderen sind einfach angehalten, jede Geste maßlos zu übertreiben und jeden Satz entweder mit falschem Pathos zu deklamieren oder die von Shakespeare gänzlich losgelösten Reime gleich ganz danebenbetont von sich zu geben. Der stattliche Doktor Zwick (Dirk Nocker) zwitschert wie ein ängstliches Vöglein: „Der Bart brennt!“, was auch stimmt, aber er erntet dafür nichts als Lacher. Anders der Kerkermeister (Merlin Sandmeyer), ein feingliedriges Bürschchen, das in seiner schlaksigen Ungeschicklichkeit die Begehrlichkeit der mitwirkenden Herren in einem weit größeren Maße weckt als die mit Strapsen aufgemotzte Kurtisane Mavie Hörbiger.

Luciana, die Schwägerin des Epheser Antipholus, reibt sich grunzend am Pfosten des Galgens einen Orgasmus ab, während ihre notgeile Schwester Adriana (Dorothe Hartinger) unwissender Weise dem Bruder ihres Gatten Speise und Bett gewährt. Die Damen sind in erotischer Beziehung generell nicht zurückhaltend, was sowohl für das Kammermädchen Lucie (Marta Kizyma) als auch für Petra Morzé gilt, die sich mit einem atemberaubenden Griff von der Nonnentracht befreit, um im sexy kurzen Kleid ihrem wiedergefundenen, im Gegensatz zu ihr leider gealterten Gatten Ägeon (Klaus Pohl) wieder die Lebensgeister zu wecken.

 

Derart schräge Aufgaben bewältigen freilich nur die besten Schauspieler. Dazu kommt die faszinierende Konsequenz der Inszenierung von Herbert Fritsch.

Beim tosenden Schlussapplaus schwebt er elegant von oben ein, wird allerdings vom Ensemble umgehend im Souffleurkasten versenkt. Angesichts dieser herrlich intelligenten Blödeleien, des virtuosen Slapsticks und der gaudigen Brutalitäten wird man zum lustvollen Masochisten, der begeistert auf den Gugelhupf im Zuschauerraum schaut, während auf der Bühne wieder irgend ein Gag passiert, den man damit leider verpasst: Ein guter Grund mehr, sich „Die Komödie der Irrungen“ gleich ein zweites Mal anzuschauen.

Merlin Sandmeyer, Stefanie Dvorak, Klaus Phol, Petra Morzé © Reinhard Werner

Hexenjagd Ensemble © Georg Soulek Burgtheater

HEXENJAGD Arthur Millers zeitlose Warnung an der Burg

Steven Scharf (Proctor), Marie-Luise Stockinger (Mary) © Georg Soulek Burgtheater

Ein schwarzes Hochamt, zelebriert von Martin Kušej

Man spürt die Fassungslosigkeit, mit der gestandene Leute wie der Bauer John Proctor (Steven Scharf), seine Frau Elizabeth (Dörte Lyssewski) oder der alte Giles Corey (Martin Schwab) diesem Phänomen gegenüberstehen. Über Nacht ist in ihre Welt die Überzeugung eingekehrt, dass es Hexen gibt und Menschen, die sich mit dem Teufel verbünden. Aus ihrem Kopfschütteln wird jedoch bald Angst. Der ganze Wahn wird ernst genommen, obwohl klar ersichtlich ist, dass die Betreiber dieses Unfugs pubertierende Mädchen sind. Sie wurden von Pastor Parris (Philipp Hauß) bei Umtrieben im Wald ertappt und versuchen sich nun durch Lügen vor Sanktionen seitens der puritanischen Gesellschaft zu schützen. Sie behaupten, dass Hexen an ihren vorgetäuschten Krankheiten schuld seien. Das Unglaubliche geschieht: Man glaubt den Mädchen, vor allem ihrer Anführerin, der frühreifen Abigail Williams (Andrea Wenzl). Ein Gericht wird einberufen und das Unheil nimmt seinen verhängnisvollen Lauf, an dessen Ende eine schreckliche Reihe vollstreckter Todesurteile steht.

Andrea Wenzl (Abigail), Marie-Luise Stockinger (Mary), Philipp Hauß (Parris) © Georg Soulek Burgthea

Arthur Miller hat mit diesem Stück historische Begebenheiten in der Stadt Salem in Massachusetts im Jahr 1692 beschrieben und sie als Kommentar zur Kommunistenhatz in der berühmtberüchtigten McCarthy-Ära gedacht. Die HEXENJAGD ist jedoch zeitlos, denn keine noch so helle Aufklärung konnte je verhindern, dass sich die Menschen aufgrund des kleinsten Anlasses im Wahnwitz verrennen, der nicht nur seine eigenen Betreiber, sondern auch die einigermaßen Vernünftigen um sich in den Abgrund reißt.

Hexenjagd Ensemble © Georg Soulek Burgtheater

Martin Kušej hat das Geschehen für das Burgtheater breit angelegt, mit vielen Pausen zum Nachdenken und mit großer Ruhe, die sich auch in den unaufgeregten Dialogen ausbreitet. Die Handlung ist für sich bereits dramatisch genug und braucht keine künstliche Aufregung. Die Darsteller haben damit Gelegenheit, Nuancen fein ziseliert auszuspielen, wie Florian Teichtmeister als Reverend John Hale, der sich angesichts des Wahnsinns vom Gehilfen der Anklage zum nachdenklichen Zweifler wandelt.

Ignaz Kirchner als Hathorne und Michael Maertens als Danforth stellen die hochkarätige Besetzung der Richterbank. Maertens wird zum brandgefährlichen, von seiner Unfehlbarkeit überzeugten Diener einer einzigen, nämlich der von ihm geglaubten Gerechtigkeit: „Da ich Gottes Recht spreche, lasse ich seine Stimme nicht durch Gewinsel zum Schweigen bringen.

Er zweifelt nicht einen Moment an der Existenz von Hexen und geht mit seiner Verbohrtheit den Mädchen auf den Leim, die zuletzt, als sich die Sache gegen sie zu wenden beginnt, unspektakulär abtauchen. Ihr Verschwinden kann die Verurteilten jedoch nicht mehr retten. Proctor, der sein rettendes Geständnis zerreißt, nimmt den Strang, nachdem ihm seine Frau in berührender Stille die Absolution für den Ehebruch mit Abigail erteilt hat.

Andrea Wenzl (Abigail), Steven Scharf (Proctor) © Georg Soulek Burgtheater
Burg Theater Logo 200

Statistik