Kultur und Wein

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Jedermann (stirbt) Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Jedermann (stirbt) in einem mehr oder weniger lustigen Totentanz

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

Das Mysterienspiel, das nicht weiß, ob es moralisieren soll oder nicht

Direktorin Karin Bergmann ist ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Sie ist mit einem neuen „Jedermann“ in die Annalen des Burgtheaters eingegangen. Beauftragt wurde dazu ein Shooting Star der Bühnenautoren: Ferdinand Schmalz. Was man von ihm bisher gesehen hat, ließ Hoffungen auf ein völlig neues Erlebnis dieses doch über viele Jahrzehnte abgespielten Klassikers von Hugo von Hofmannsthal berechtigt erscheinen. Ob sie erfüllt wurden? Theoretisch gesehen kann man nur sagen: teils, teils. Die gewohnt frömmelnden Verse wurden wie Versatzstücke der Salzburger Festspiele in einen zeitgemäßen Text hineingeschnitten, aus dem reichen Mann ein Finanzmagnat gemacht und das Fest in einen umzäunten Garten verlegt, dessen sicheres Gehege zu vielerlei aktueller Symbolik Anlass gibt. Wenn es um die eigentliche Botschaft geht, merkt man die Unsicherheit des Autors leider sehr deutlich. Es wird moralisiert auf Teufel komm raus, in dessen nackten Pelz das Ensemble schlüpft, um sich gleich darauf darüber lustig zu machen. Es ist schwer, daraus klug zu werden.

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

So ein übler Kerl ist dieser Jedermann nämlich gar nicht, dass er eine solche Behandlung im Falle seines Ablebens verdient hätte. Er ist einfach ein taffer Bursch, der mit Milliarden virtuos umgehen kann, um diese in seinen Sack umzuleiten. Was ist daran so verwerflich? Das würde doch ein jeder gern tun, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Außerdem kennt dieser Jedermann die Menschen und legt ihnen gegenüber die entsprechende Verachtung an den Tag, was ihm durchaus Sympathiepunkte beschert.

Markus Hering im Laufrad © Georg Soulek/Burgtheater

Was die praktische Ausführung anbelangt, kann man die Erwartungen an Neues absolut als erfüllt betrachten. Stefan Bachmann hat diesen Jedermann auf eine von Olaf Altmann gestaltete Bühne gestellt. Eine Wand mit einer kreisrunden Öffnung in der Mitte, aus dem sich die runderneuerte Handlung entwickelt. Markus Hering als Jedermann wird in dem im Loch versteckten Laufrad zum Artisten, der während halsbrecherischer Überschläge einem schlicht betuchten Menschen seinen Charakter verleiht.

Die Bandbreite geht vom getriebenen Gewinnler bis zum armseligen Nackten, als der er am Schluss ins Jenseits geholt wird. Seine Frau ist Katharina Lorenz, eine nette junge Dame, die anfangs das Leben an der Seite eines Millionärs genießt, aber verständlicherweise nicht mit ihm in den Tod gehen will. Die Mutter hat mit Elisabeth Augustin die betuhliche Mahnerin gefunden, die zwar nicht ganz genau weiß, wovor sie ihren Sohn warnen soll, aber es in aller Liebe doch tut. Buhlschaft und Tod wurden in der Person von Barbara Petritsch zusammengefasst.

Das Kostüm der Verführerin passt ihr jedoch bei weitem besser als der schwarze Kittel und die etwas kindische Sense, mit der sie später den Jedermann bedroht. Die beiden Vettern, der überhaupt nicht dicke Markus Meyer und der ebenso wenig dünne Sebastian Wendelin sind ein Komikerduo, auf das man sich zurecht freuen darf. Mavie Hörbiger verteilt als Mammon Geldscheine im Publikum und zählt als hinreißende Charity die guten Werke Jedermanns auf. Mit endlosem Bart kenntlich gemacht ist Oliver Stokowski in seiner Funktion als der liebe Gott, der inkognito als armer Nachbar bei Jedermann vorstellig wird, um ihn um eine nicht unbeträchtliche Summe für ein nebuloses Sanierungsprojekt anzuschnorren. Dass er damit bei einem rationalen Geschäftsmann kaum Erfolg haben kann, ist eigentlich selbstverständlich. Keiner von uns, auch nicht Jedermann, wirft sein Geld für so was Unsicheres zum Fenster raus. Das Premierenpublikum hat es sowohl dem Ensemble als auch dem Autor Ferdinand Schmalz mit großem Applaus gedankt, dass es wieder einmal ohne persönlich berührt zu werden, davon gekommen ist.

Markus Hering, Barbara Petritsch © Georg Soulek/Burgtheater

Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

RADETZKYMARSCH Joseph Roths Roman eigenwillig dramatisiert

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Ende der Monarchie schwebt wie bunte Ballons durchs Theater

Es ist von Vorteil, wenn man keine Version von „Radetzkymarsch“ kennt, bevor man die Inszenierung von Johan Simons im Burgtheater erlebt hat; weder den Fernseh-Mehrteiler von Axel Corti noch diverse Bearbeitungen für die Bühne, am wenigsten das Original, also das Buch selbst. Man würde vergeblich nach Joseph Roth suchen, nach seiner unvergleichlichen Art, die Gefühlslandschaften derer zu beschreiben, die am Ende der Habsburger Monarchie zerbrechen. Die Melancholie, die über drei Generationen zur Verzweiflung wächst, der differenzierte Umgang mit dem „feschen“ Militär, mit dem auseinanderstrebende Völker zusammengehalten werden sollten, die Verehrung eines Monarchen, dessen größte Sünde es war, zu lange gelebt zu haben, und die Gewissheit eines Krieges, den so viele wollten und von dem aber jeder wusste, dass er nur verloren gehen kann, das alles wird von Joseph Roth so eindringlich beschrieben, dass es bis heute das Herz des Lesers ergreift, der nach wie vor beim Neujahrskonzert den Rhythmus des Radetzkymarsches begeistert mitklatscht.

Andreas Wenzl © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

In seltsamer Form schwingt dabei der Stolz auf etwas mit, das es schon lange nicht mehr gibt, nämlich Gott und Kaiser, die alles schon zum Guten wenden werden, solange nur die schwarz-gelbe Fahne vor den Kasernen weht. Roth hat damit bereits selbst hart abgerechnet, als er seine Protagonisten dem unausweichlichen Untergang ihrer Welt zutreibt.

Johann Adam Oest © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Burgtheater setzt auf diese ohnehin triste Stimmung noch eins drauf. Auf der Bühne (Katrin Brack) lauern verschieden große Luftballons, durchaus bunt und fröhlich, die nach und nach Eigenleben entwickeln. Sie schweben über die Köpfe des Publikums, werden von diesem zurück gestoßen und sind dennoch auf wundersame Weise stets dort, wo sie die jeweiligen Akteure auf der Bühne brauchen, um damit zu balgen, sich lasziv zu räkeln oder sie mit einem ordentlichen Knall zu zerreißen.

 

Das Personal wie Arbeiter, Diener, Kutscher und Soldaten wartet im Hintergrund auf seine Auftritte. Die stattliche Anzahl von Hauptfiguren, die ein solcher Roman verlangt, ist mit einer Handvoll Schauspielern besetzt. Johann Adam Oest beweist, dass nicht unbedingt lautes Schreien Qualität ausmacht. Er ist Moser, der Maler, der den Held von Solferino als Jugendlicher gemalt hat, aber auch Kaiser Franz Joseph I., der flüsternd und doch bis in die letzte Reihe verständlich die Botschaft des Kriegsausbruchs „An meine Völker“ richtet.

Daniel Jesch, schneidig trotz der kurzen Hosen, ist in diversen Uniformjacken Kapellmeister Slama (im Roman ist Slama ein Gendarm), Major Zoglauer und Rittmeister Tattenbach. Steven Scharf schafft den Spagat zwischen dem grüblerischen Max Demant, dem jüdischen Regimentsarzt, und dem unendlich reichen Graf Chojnicki, der aufgrund geistiger Zerrüttung am Schluss jedoch im Narrenhaus Steinhof landet. Jacques, der uralte Diener der Trotta, ist mit Merlin Sandmeyer sehr jung besetzt, ebenso wie Skowronnek, der Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmannes Trotta. Die Frauen im kurzen Leben des Leutnants Carl Joseph von Trotta sind allesamt Andrea Wenzl, die bereits den Fünfzehnjährigen als Katharina Slama verführt, als Valérie von Taußig, die trotz ihrer Liaison mit Chojnicki sich ein Gspusi mit Carl Joseph anfängt, und als Eva, die Frau von Demant, des einzigen Freundes von Leutnant Trotta.

 

Als Bezirkshauptmann Baron Franz von Trotta und Sipolje bringt Falk Rockstroh viel von Joseph Roth ins Geschehen ein. Er spricht, wie es der Romanautor geschrieben hat, und er handelt auch wie ein wahrer Monarchist, der mit einem Kaiser alt geworden ist und diesem immer ähnlicher wird.

Ganz anders sein Sohn Carl Joseph (Philipp Hauß), der offenbar mit seiner Weigerung, lange Hosen anzuziehen, seine Abneigung gegen die ihm aufgedrängte Karriere als Leutnant ausdrückt. Ein Kommandeur in Unterhosen ist nicht unbedingt lächerlich, aber doch kaum als Offizier der so hoch gerühmten kaiserlich-königlichen Armee anzusehen, zumal er seine Verzweiflung über die verfehlte Berufswahl dem mit den Ballons spielenden Zuschauern mit großem Einsatz seiner Stimme mitteilt.

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ein Volksfeind Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

EIN VOLKSFEIND als Märchen, pompös und moralisierend

Joachim Meyerhoff mit Megaphon und die Gartenzwerge © Georg Soulek/Burgtheater

Politiker und Kapitalisten sind korrupt, Redakteure nervös und nur der Arzt ist der Gute

Der Norweger Henrik Ibsen hat mit „En folkefiende“ eine Abrechung mit der öffentlichen Meinung ins Auge gefasst, vor allem mit der, die seine zwei Stücke „ Et dukkehjem“ (Nora oder Ein Puppenheim) und „ Gengangere. Et familjedrama i tre akter“ (Gespenster) als skandalös empfunden haben. Dazu eignet sich natürlich großartig ein von den Mächtigen vertuschter Skandal, in diesem Fall das von einer Lederproduktion verseuchte Heilwasser eines Badeortes. Der Kurarzt kommt aufgrund eines Gutachtens seiner Universität dahinter und will die Anstalt sofort schließen. Ihm entgegen steht sein Bruder, der Bürgermeister dieser Kleinstadt. Als Politiker kann und will er keinen Schatten auf seinen Ort werfen lassen. Die im Unwissen gehaltene Bevölkerung steht selbstverständlich auf Seiten des Politikers und betrachtet den Arzt bald als Volksfeind, der den endlich angelaufenen Fremdenverkehr beeinträchtigen könnte. Die örtliche Presse, die zu Beginn den Arzt zu unterstützen gedenkt, fällt ebenfalls um und hilft mit, die Angelegenheit geflissentlich unter den Teppich zu kehren.

Joachim Meyerhoff © Georg Soulek/Burgtheater

Ihr Motto: Wir schreiben nichts und damit lügen wir nicht. Ibsen hat damit nicht sein stärkstes Drama geschaffen. Zu eindeutig sind die Rollen in Gut, Böse und Rückgratlos verteilt. Es ist und bleibt eine persönliche Revanche an all denjenigen, die er nicht mochte und die ihn nicht wollten. Da hilft auch jede Beschwörung von Wahrheit und Freiheit nichts, mit der Ibsen nicht gerade sparsam umgeht. „Ein Volksfeind“ wird den Ruch der beleidigten Leberwurscht nicht los, so sehr man sich auch bemühen mag, ihn zum Klassiker der nordischen Theaterliteratur zu erklären.

Eisrevue am Burgtheater © Georg Soulek/Burgtheater

Die Regisseurin Jette Steckel scheint Herrn Ibsen aber auf den Leim gegangen zu sein. Sie hat für das Burgtheater die (sehr) deutsche Fassung ihres Vaters Frank-Patrick Steckel herangezogen. Aus dem aussichtslosen Kampf des Widerständlers wird ein Märchen, in dem ein Deus ex machina letztlich alles zum Guten für den Guten wendet. Warum die Inszenierung zu einer Eisrevue wird, erschließt sich nicht so einfach, aber es hat Wirkung, wenn alles so schön dahingleitet, außer dem Hauptdarsteller, der zu Fuß gehen muss.

Überlagert werden die Auseinandersetzungen mit emotional aufwühlender Stimmungsmusik (Friederike Bernhardt oder Martin Mader). Monströse Gartenzwerge sind das Volk, das von Haus aus dumm ist. Zu allem Überfluss wird zuletzt noch ein Video mit Katastrophen eingespielt, dem ein in seinem Pathos bereits kitschiger Monolog noch drauf gesetzt wird. Aus „Ein Volksfeind“ wird damit ein Märchen, pompös und vor allem bis zur Unerträglichkeit moralisierend.

Friederike Bernhardt, Mirco Kreibich © Georg Soulek/Burgtheater

Dennoch kann sich die Burg auf ihre Schauspieler verlassen. Sie erledigen alles, was von ihnen verlangt wird, verlässlich mit Bravour. Dr. Tomas Stockmann ist Joachim Meyerhoff, der als verantwortungsvoller Badearzt ebenso glänzt wie als vorbildlicher Familienvater und nicht zuletzt als Prediger, der lediglich am Phlegma der Gartenzwerge scheitert. Sein jüngerer Bruder Peter Stockmann ist nicht nur beredter Bürgermeister, sondern auch ein eleganter Eisläufer.

Mirco Kreibich legt eine sensationelle Kür hin, wenn es darum geht, die Redaktion des Volksboten von seiner Realpolitik zu überzeugen. Zu dieser zählen der dumme Billing (Matthias Mosbach), der nervöse Herausgeber Aslaksen (Peter Knaack) und der junge Idealist und Chefredakteur Erik Hovstad (Ole Lagerpusch). Dessen Freundin ist Petra (Irina Sulaver), Tochter von Dr. Stockmann, die zu ihrem Vater hält und dem jungen Mann damit das Leben nicht gerade leichter macht.

Ihre Mutter, die Kinderärztin Kathrin, ist Dorothee Hartinger und die beiden Buben Eilif und Morten jeweils drei Darsteller alternierend. Was immer er auch spielt, er ist ein Erlebnis. Ignaz Kirchner gibt nachvollziehbar den anfangs verstockten, später ungemein jovialen Lederfabrikanten Morten Kiil, der seiner Familie in gutem Gedächtnis bleiben will und sich deswegen vom rücksichtslosen Kapitalisten in einen Großvater verwandelt, der seinen Enkeln eine heile Welt hinterlassen will.

Irina Sulaver, Ole Lagerpusch © Georg Soulek/Burgtheater

Schlechte Partie Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

SCHLECHTE PARTIE Komödie mit tragischem Ende

Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek @ Reinhard Werner/Burgtheater

Wenn so unpassende Sachen wie die Wahrheit gesagt werden

Alexander Ostrowskij (1823 bis 1886) gilt als Dichter von Komödien. Er hat seine Landsleute bestens damit unterhalten, indem er ihnen in seinen Stücken einen Spiegel vorgehalten hat. Er hat sie – wie jeder andere gute Komödiendichter auch – schonungslos porträtiert, die einzelnen Typen bis ins Extrem verzerrt und damit genau diejenigen zum Lachen gebracht, die damit gemeint waren. Die russische Gesellschaft der Zarenzeit wurde zu seinem Spielplatz, auf dem er genügend Stoff gefunden hat, um seine Zeitgenossen in pointierter Weise lächerlich zu machen, ohne sie ihrer Würde zu berauben.

 

„Schlechte Partie“ wurde von Alexander Nitzberg aus dem Russischen übersetzt und von Alvis Hermanis am Burgtheater inszeniert. Man kennt freilich das Original nicht, um sagen zu können, wie sich diese Komödie mit traurigem Ausgang beispielsweise auf einem Moskauer Theater ausnimmt. Deutlich zu spüren ist aber die russische Breite, in der die an sich schnell erzählte Handlung zu einem Kuchenteig mit süßen bunten Streuseln ausgewalzt wird.

Michael Maertens, Nicholas Ofczarek © Reinhard Werner/Burgtheater

Ein hübsches Mädchen verliebt sich in einen windigen Wolgaschiffer, der sich aus Geldnöten aber anderweitig verlobt. Es dauert ein ganzes Jahr, bis diese Wahrheit ans Licht kommt. Inzwischen hat sich das Mädchen aus Angst sitzenzubleiben einem patscherten Postbeamten versprochen. Es kommt zum finalen Showdown, der einige Tote hinterlässt. Das ganze spielt sich in der Gesellschaft eines betuchten Kaufmanns und eines noch reicheren älteren Herrn ab, die als treue Gäste im Hause der Mutter des Mädchens regelmäßig verkehren.

Witzige Wendungen in der Konversation und komische Figuren wie der Robinson oder die trockenen Kommentare des Kellners Gawrilo machen dem Zuschauer das Epische des Geschehens durchaus erträglich. Man darf sich getrost in die mehr als dreistündige Abhandlung einer an sich wenig aufregenden Geschichte fallen lassen, weil diese erstens sehr stimmig dargeboten wird und zweitens aufgrund einer Bombenbesetzung ein mehr als kurzweiliges Vergnügen darstellt.

Dörte Lyssewski, Peter Simonischek © Reinhard Werner/Burgtheater

Dörte Lyssewski ist das „Tantchen“ Charita Ignatjewna Ogudalowa, das geschickt die Herren um einige Hunderter erleichtert, um sich ihren für ihre Verhältnisse etwas zu aufwändigen Haushalt leisten zu können. Ihr Kapital ist Larissa, die schöne Tochter, der die Männerwelt zu Füßen liegt.

Martin Reinke, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek © Reinhard Werner/Burgtheater

Marie-Luise Stockinger ist tatsächlich eine Augenweide, die tanzen kann und damit die Träume dieses Mädchens sichtbar macht. Außerdem sagt sie so unpassende Sachen wie die Wahrheit, die nicht jedem schmeckt, der sich in ihrem Dunstkreis bewegt. Dem reichen älteren Herrn namens Mokij Parmenowitsch Knurow hat man einen mächtigen Backenbart verpasst und damit den großen Peter Simonischek nahezu unkenntlich gemacht. Martin Reinke als Wassilij Danilowitsch tritt mit Augenbinde auf.

Er hält sich kaltherzig an das Wort eines Kaufmanns, nachdem er den Besitz an Larissa an Knurow beim Münzwerfen verspielt hat. Fabian Krüger lässt seinen Robinson versoffen über die Bühne wanken, jede nur erreichbare Flasche ergreifen und unvergleichlich jämmerlich kotzen, nachdem er sich mit schlechtem Burgunder über die Maßen abgefüllt hat. Stille Beobachter des Ganzen sind Gawrilo (Hermann Scheidleder) und Iwan (Hans Dieter Knebel), die als Kellner in ihrem Lokal Zeugen der Männergespräche werden, während sie Champagner in Teegläsern für je 15 Rubel servieren. Dem abgewrackten Wolgaschiffer Sergej Sergejewitsch Paratow gibt Nicholas Ofczarek die Faszination, die ihn für ein junges Ding wie Larissa ungeheuer anziehend macht.

Larissas Appetit ist so groß, dass ihre Mutter feststellen muss, dass sie allein im Gedanken mit ihm auf seinem Schiff zu sein, bereits sabbert. Gegen ihn hat der kleine Beamte Julij Kapitonowitsch Karandyschew von Haus aus keine Chance. Trotzdem hält er um die Hand von Larissa an... Michael Maertens balanciert diesen Versager zwischen stiller Komik und der Rührung, die er durch seine Unbeholfenheit erweckt, bis zum bitteren Ende dieses Lustspiels, das vollkommen humorlos den Tod von Larissa und Sergeij vorgesehen hat.

Peter Simonischek, Hermann Scheidleder, Michael Martens, Marie-Luise Stockinger © Reinhard Wernerr

Sarah Viktoria Frick, Matthias Mosbach, Christopher Nell © Reinhard Werner/Burgtheater

EIN SOMMERNACHTSTRAUM, aus dem man gar nicht gern erwacht

Ein Sommernachtstraum Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

Eine wahrhaft lustige Nacht, wenn Geister- und Menschwelt durcheinander geraten

Für jedes gute Theater gehört auch die Produktion von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ in das Programm. Diese Komödie beinhaltet wirklich alles, was ein gutes Stück ausmacht. Sie verführt die Zuschauer in eine phantastische Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, eben was richtiges Theater stets machen sollte. Sie bringt die Menschen zum Lachen, lässt sie mit Verliebten leiden und die Bösen hassen. Vor allem schenkt sie ihnen das Gefühl, Teil einer Welt zu sein, die jenseits aller biederen Realität existiert. Aber Vorsicht, dort treibt Puck sei Unwesen! Es kann ganz leicht passieren, dass er auch denen einen Streich spielt, die gar nichts mit ihm zu tun haben und sich mitten im Zuschauerraum sicher fühlen. So geschehen in der Burg, wenn Puck frech durch das Parterre streicht und sich einen x-beliebigen Zuschauer herausfischt und ihn auf die Bühne zu Oberon schleppt, um ihn dann vor aller Augen blöd stehen zu lassen. Der Mann hat den unfreiwilligen Auftritt zwar etwas betreten, im Übrigen aber schadlos überlebt, ganz ohne Szenenapplaus, den er sich wohl verdient hätte.

Ein Sommernachtstraum Ensemlbe © Reinhard Werner/Burgtheater

Aber in einem Sommernachtstraum kann eben alles passieren. Das ganze Repertoire vom hemmungslosen Blödeln bis zum herzhaften Übertreiben ohne Schmiere, das schaffen in dieser Qualität nur Burgschauspieler. Es bräuchte dazu gar nicht die berühmte Rüpelkomödie, die ja für sich bereits ein geniales Stück wäre, weil einfache Leute wie der Zimmermann Peter Squenz oder der von seinem Talent überzeugte Weber Zettel mehr rührend als lächerlich sind, wenn sie sich über eine antike Tragödie wagen. Aber ohne die schauspielernden Handwerker wäre dieser Traum nur halb geträumt. Denn auch die anderen wie Herzog Theseus und seine Amazone Hippolyta , der Feenkönig Oberon und seine auf einen Knaben versessene Gattin Titania genießen die Komik, die diesen Rollen inhärent ist. Ganz zu schweigen von den jungen Paaren, die sich in der unheimlichen Wildnis eines verzauberten Waldes im wahrsten Sinn des Wortes verirren.

Daniel Jesch, Alexandra Henkel © Reinhard Werner/Burgtheater

Leander Haussmann hat für die Burg bei „Ein Sommernachtstraum“ Regie geführt. Er hat das Potential dieses Hauses voll genützt und nichts ausgelassen, was wohl schon der Autor, also William Shakespeare, für sein Publikum bereitgehalten hätte. Das Bühnenbild ist für eine moderne Inszenierung erstaunlich opulent, die Maschinerie wird bis zum Höhenflug von Puck ausgereizt und, wenn es auch nicht erforderlich wäre, wird geknallt und geschossen, um ordentlich Blut fließen zu lassen.

Um für das Aufeinandertreffen von Geister- und Menschenwelt die entsprechende Kulisse zu schaffen, wird die Szenerie mit dichtem Nebel verhüllt. Dieser Kunstgriff ist durchaus hilfreich, um die vier grundverschiedenen Personengruppen logisch unter einen Hut zu bringen: das Fürstenpaar, die Liebenden, die Elfen und die Handwerker. Puck ist sozusagen der Libero und hat in dem ganzen Treiben einen Freibrief. Wenn er am Anfang aus einer Schachtel steigt und am Ende vor dem Vorhang übrig bleibt, ist klar, dass er das erste und letzte Wort hat. Das steht ihm auch zu, denn ohne seine Schlampereien würden Demetrius und Helena sowie Lysander und Hermia kaum ein Paar.

Christopher Nell, Johannes Krisch, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak © Reinhard Werner/Burgtheater

Christopher Nell ist ein großartiger Puck, der sich so wunderbar menschlich irren und deswegen mit sich hadern kann, dass es einem das Herz zerreißt. Sein Chef Oberon hat mit Johannes Krisch einen Darsteller gefunden, der ihm entsprechende Würde verleiht. Dessen Gattin Titania (Stefanie Dvorak) ist jung und hübsch, tut einem seltsamerweise aber keinen Moment leid, wenn sie sich in ihrer Verblendung mit den zum Esel verwandelten Zettel und seinem großen R-Ohr am moosigen Bett vergnügt.

Alexandra Henkel wird als Hippolyta zur schießwütigen Pistolenlady. Sie versteht es, ihren zukünftigen Gatten Theseus (Daniel Jesch) mit Handschellen und anderen SM-Spielchen in Fahrt zu bringen. Martin Vischer (Lysander), Matthias Mosbach (Demetrius), Sarah Viktoria Frick (Hermia) und Mavie Hörbiger (Helena) finden nach einem grausamen Bäumchen wechsle dich Spiel doch zur richtigen Paarung und sind dabei nie etwas anders als vier junge Leute, die eben verliebt sind.

Martin Vischer, Sarah Viktoria Frick © Reinhard Werner/Burgtheater

Bleiben noch die handfesten Burschen aus Athen, die von Martin Schwab als umsichtigen Prinzipal Peter Squenz bei ihrem Auftritt zu Höchstleitungen geführt werden. Er lässt den besoffenen Kesselflicker Tom Schnauz (Hans Dieter Knebel) als Wand einfach an den Boden nageln, damit er sich nicht falsch bewegt. Schnock, der Schreiner (Dirk Nocker), erscheint im Rollstuhl und brüllt gut als Löwe, während Hermann Scheidleder seine nicht unbeträchtliche Statur als Vollmond zur Verfügung zu stellen hat.

Peter Matić ist aller Darling, ein Franz Flaut, seines Zeichens Blasbalgflicker, der verkleidet als Thisbe ganz gerne Männer küsst. Johann Adam Oest ist der Weber namens Zettel und sowohl als ehrgeiziger Schauspieler als auch als Esel eine imponierende Erscheinung. Was er nicht alles erzählen könnte, nachdem er aus dem höchst kuriosen Traum erwacht ist.

Dank eines wundersamen Blümeleins, das Liebe und Harmonie unter die Menschen bringt, gibt es am Ende ein allseitiges Umarmen und Liebhaben. Wo wächst diese Pflanze, die Oberon kennt und Puck gefunden hat? Sie könnte viele Probleme dieser Welt lösen, nicht nur zwischen Donald Trump und Kim Jong-un und allen den anderen Zündlern auf unserem kleinen Planeten, denen an dieser Stelle dringend geraten wird , sich einmal in der Burg „Ein Sommernachtstraum“ anzuschauen.

Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel, Peter Matić © Reinhard Werner/Burgtheater
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