Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Fall Alexander Girardi Ensemble © Rolf Bock

DER FALL ALEXANDER GIRARDI Dramatisierung eines dramatischen Lebens

Anna Sophie Krenn, Alfons Noventa © Rolf Bock

Ein Superstar muss vor dem Narrenturm flüchten

Alt Wien und Alexander Girardi, diese beiden gehören zusammen wie der Hut mit dem Rostbraten. Ganz Wien kleidete sich so wie sein Star und in herrschaftlichen wie bürgerlichen Küchen wurde die angebliche Lieblingsspeise Girardis serviert. Der Mann hatte einfach Charisma und, wie man aus zeitgenössischen Berichten erfährt, eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Er verstand es, auch schwache Stücke allein mit seiner unvergleichlichen Komik zu Kassenmagneten und manch flaues Lied durch seinen Gesang zum Gassenhauer zu machen. Gerühmt wurde seine natürliche Stimme, die von keinerlei Gesangsausbildung verdorben war und damit offenbar haargenau auf die Couplets und sogar Arien der von ihm verkörperten Figuren passte. Wenn es heißt, dass die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, so trifft das bei Alexander Girardi in keiner Weise zu. Er ist bis heute Legende. Sogar kunstferne Zeitgenossen können sich zumindest am Rande mit diesem Namen was anfangen. Dass auch Girardi seine Probleme hatte, ist im trostvollen Vergessen der Vergangenheit untergegangen.

Anna Sophie Krenn © Rolf Bock

Dass zum Beispiel die Stimmbänder bei den doch schwierigen Gesangnummern nicht mitmachen wollten und er deswegen Kokain verschrieben bekam, oder dass er mit der Schauspielerin Helene Odilon eine alles andere als glückliche Ehe verlebte und auf ihr Betreiben beinahe im Narrenturm gelandet wäre (ein damals ausgiebig betratschter Skandal!). Es zu wissen, tut jedoch der Verehrung dieses einst Großen der Wiener Bühnen kaum einen Abbruch.

Der Fall Alexander Girardi Ensemble © Rolf Bock

Nici Neiss ist den Spuren dieser Gerüchte nachgegangen und hat daraus ein Theaterstück mit dem Titel „Der Fall Alexander Girardi“ geschrieben und mit bekannten Melodien zu einer Art Minioperette (am Klavier: Béla Fischer) ausgebaut. Ort der Uraufführung am 20. April 2018 war die Freie Bühne Wieden und das Ensemble der unter der Prinzipalin Michaela Ehrenstein längst schon zum Inventar zählenden Schauspieler. Regisseur Reinhard Hauser führt die Zuschauer in das Wien des Fin de Siècle.

Er benutzt dazu schwarze Schemen als Volksmeinung und großflächige Projektionen. Auf diese Weise betritt man sogar die Villa von Katharina Schratt (Michaela Ehrenstein herself), um dort auf den Kaiser (als äußerst würdiger und leutseliger Franz Joseph: Gerhard Dorfer) zu treffen, der den berühmten Girardi-Rostbraten als erster genießen kann. Auch der Guglhupf fehlt nicht, wird aber von Gustl Schreiber, dem selbstlos hilfreichen Freund Girardis (Felix Kurmayer), mit großer Wonne verzehrt. Als Mann für alle Fälle, also Schani, Prof. Wagner Jauregg, Kellner und Journalist fungiert René Magul, während John Fricke als finsterer Dr. Hoffmann, Baron Rothschild, Inspizient und Hotelportier seine Vielseitigkeit beweist. Die ebenfalls gefeierte Schauspielerin Helene Odilon hat mit Anna Sophie Krenn eine passende Darstellerin gefunden:

attraktiv in ihrer Jugend und großartig als eine vom Schlag getroffene verbitterte Frau. Alfons Noventa hat die Ehre, einen so bedeutenden Schauspieler wie Girardi verkörpern zu dürfen, und er kann es auch. Er schlüpft in dessen Person, genießt mit Nonchalance die hymnischen Kritiken, die seinerzeit über seine Auftritte geschrieben wurden, leidet wie ein Hund, wenn seine heiß geliebte Gattin sich anderweitig vergnügt, und singt zu Herzen gehend das Fiakerlied. Dass dieser Fall ein Happy End genommen hat, ist, so die Autorin Neiss, Katharina Schratt zu verdanken, die sogar die höchste Instanz im Reich, den Kaiser persönlich, erfolgreich für die Rettung des Idols des Wiener Theaterpublikums eingespannt hat.

Michaela Ehrenstein, Alfons Noventa © Rolf Bock

Zusammen ist man weniger allein Ensemble © Rolf Bock

ZUSAMMEN IST MAN WENIGER ALLEIN beim Sprung über den eigenen Schatten

Anatol Rieger, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

Eine warmherzige WG aus vier grundverschiedensten Charakteren

Philibert erholt sich von der Verachtung, die die Welt ihm zeitlebens entgegengebracht hat, durch historische Lektüre. Dass er stottert, macht ihn eigentlich grundsympathisch, aber offenbar können nur die wenigsten damit umgehen. Es mag verwundern, dass er Franck in seiner vorübergehenden Wohnung bei sich aufgenommen hat. Der junge Mann arbeitet als Koch, liebt Motorräder und hält scheinbar überhaupt nichts von Hochkultur. Er trinkt sein Bier, ist mürrisch und schleppt von Zeit zu Zeit Mädels in sein Zimmer ab. Irgendwie haben sich die beiden Junggesellen jedoch zu einem Burgfrieden zusammengerauft, allerdings nur so lange, bis Camille aus dem Duo ein Trio macht. Ihr Geld verdient sie als Putzfrau und schafft in ihrer Freizeit tolle Zeichnungen. Die Konflikte zwischen ihr, der sensiblen jungen Frau, und dem bärbeißigen Franck bleiben nicht aus. Erst als Paulette, die Großmutter von Franck, in die WG geholt wird, scheint sich Entspannung abzuzeichnen. Die gute Frau war in einem Altersheim derart unglücklich, dass sogar ihr Enkelsohn Erbarmen gezeigt hat.

MIchela Ehrenstein, Alexander Wussow © Rolf Bock

Camille versteht es mit unendlichem Einfühlungsvermögen, die alte Dame zum Bleiben zu bewegen und ihr wieder Lebensmut zu vermitteln. Was aus Franck und Camille wird, steht auf einem anderen Blatt, das es sich allerdings zu lesen, bzw. anzusehen lohnt. Nichts ist spannender als Menschen dabei zu beobachten, wenn sie versuchen, über ihren Schatten zu springen.

Dany Sigel, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

„Zusammen ist man weniger allein“ entstand nach dem Roman von Anna Gavalda und wurde von Anna Bechstein für die Bühne bearbeitet. Helmut Fuschl hat für die Freie Bühne Wieden Regie geführt, die raffinierte Ausstattung, eine adrette Wohnung und zwei Nebenschauplätze in einem, stammt von Siegbert Zivny und die praktischen Kostüme wurden von Babsi Langbein entworfen. Mit Alexander Wussow wurde ein Glücksgriff getan. Er spielt den altadeligen Philibert als reinen Tor.

Er ist sich seiner Einschränkungen punkto männlicher Attraktivität bewusst, kann aber seinem Herzen keinen Gefallen abschlagen. Sein so verschiedenes Gegenüber ist Franck (Anatol Rieger), der stets das Raubein hervorkehren will, im Grund aber ein äußerst gutmütiger Kerl ist. Allein, mit Camille, die von der Prinzipalin der FBW, Michaela Ehrenstein, verkörpert wird, kann sich der bei Frauen an sich routinierte Bursch wenig anfangen. Sie entwickelt sich vom kränkelnden grauen Mäuschen zum Engel, der auf die Erde herabgestiegen ist. Den Titel hat ihr niemand anderer verliehen als Paulette. Dany Sigel ist eine hinreißende alte Dame.

Bereits am Anfang schwärmt sie in faszinierend leisen Tönen von ihren verloren gegangenen Träumen. Sie lebt noch in ihrem Garten, den sie längst nicht mehr besitzt, und ist das fleischgewordene Unglück, als man sie in ein Heim steckt. In dieser WG, die aus durchwegs warmherzigen Menschen besteht, kann sie wieder aufblühen und mit der eigenen Erfahrung die Gefühle all dieser vom Leben geprügelten Mitmenschen in die richtigen Bahnen und damit zum Happy End lenken.

Zusammen ist man weniger allein Ensemble © Rolf Bock
Freie Bühne Wieden Logo 350

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