Wahrlich ein Zeitzeuge der Ewigkeit: 900 Jahre Stift Herzogenburg
Arbeiter im Weinberg Gottes
1112 wurde von Ulrich I., Bischof von Passau, in St. Georgen am Zusammenfluss von Donau und Traisen ein Kloster der Augustiner-Chorherren gegründet. Heute weiß man nicht einmal mehr dessen Standort. Es musste bereits 1244 den häufigen Überschwemmungen weichen und wurde ein Stück weiter die Traisen aufwärts nach Herzogenburg verlegt. Seine Bezeichnung als Stift trägt das Haus zu Recht, da es wie alle Klostergründungen zu dieser Zeit von seinem Gründer bestiftet, also entsprechend ausgestattet wurde, um auf gesunder wirtschaftlicher Basis seinen geistlichen und geistigen Auftrag erfüllen zu können.
Teil dieser Mitgift waren Weingärten, die im Falle von Herzogenburg zum guten Teil in unmittelbarer Nähe des Stiftes gelegen waren, eben im unteren Traisental, einer Gegend, die mit ihren sanften Hügeln und einem idealen Kleinklima prädestiniert für den Weinbau ist. Die Chorherren, sie leben nach der Regel des heiligen Augustinus, waren mit der Seelsorge beschäftigt und damit eher im biblischen Sinn Arbeiter im Weinberg Gottes. Die Arbeit in den klösterlichen Rieden erledigte das Personal, wodurch Herzogenburg, übrigens auch all die anderen großen Stifte, einen maßgeblichen Arbeitgeber und wirtschaftlichen Motor seiner Umgebung darstellte.
Dass im 18. Jahrhundert das Stiftsgebäude von Stararchitekten ihrer Zeit (Jakob Prandtauer, Johann Bernhard Fischer von Erlach und Joseph Munggenast) umgebaut werden konnte, war nicht zuletzt auch auf befriedigende Einkünfte aus dem Weinbau zurückzuführen. Der barocke Glanz, der die Gäste zu Feier des 900 Jahre Jubiläums empfängt, musste jedoch in den letzten Jahren mit großem Aufwand wieder hergestellt werden; eine beachtliche Leistung des Konvents unter der Leitung von Propst Maximilian Fürnsinn, der seinen Mitbrüdern seit 1979! mit väterlicher Umsicht vorsteht und mit stolzer Bescheidenheit darauf verweist, dass alles bestens renoviert ist, abgesehen von der Prälatur, also seinen persönlichen Räumen.
Panorama: Au-Tor; Dreiecksgiebel mit Vasen und Putti, das brennende Herz des hl. Augustinus haltend.
r.o.: Anschlag an der Kanzlei im Stift, dass es (sinngemäß) an diesem Tag keine Amststunden gibt, da die Belegschaft bei der Weinlese beschäfigt sei.
l.o.: Deckengemälde im Festsaal (B. Altomonte 1772); die thronende weibliche Figur (die Frömmigkeit der Passauer Bischöfe) zeigt auf ein Bild eines Weinberges.
l.: Propst Maximilian Fürnsinn l.u.: Stiftsbibliothek
Leiste: Turm der Stifts- und Pfarrkirche Herzogenburg
Im Jubiläumsjahr wird das Stift in Verbindung mit der Ausstellung „Zeitzeuge der Ewigkeit“ für Besucher auch in Teilen zugänglich sein, die an sich den Chorherren vorbehalten sind. In einem ausnahmslos geführten Rundgang durchwandert man die Geschichte entlang von thematischen Schwerpunkten wie der Sammeltätigkeit, die sich im selten gezeigten Aggsbacher Altar, im Raritätenkabinett, der Münzsammlung oder der Bibliothek eindrucksvoll manifestiert.
Die einzelnen Stationen machen das Stift „in der (endlichen) Zeit“ sichtbar. Das Zentrum bildet aber eindrucksvoll ein gekreuzigter Christus. Neben ihm stehen die Worte: Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie verweisen wie ein Vermächtnis des Ordensvaters der Chorherren, des heiligen Augustinus, auf den eigentlichen Grund für die Existenz des Stiftes, das über alle Zeitlichkeit hinweg auf die Ewigkeit ausgerichtet sein soll – für Laien oder überhaupt für Menschen, die zwar mit Kunst, jedoch nicht mit Frömmigkeit umgehen können, keine einfache Botschaft. Verstehen wird man sie ohnehin nicht, aber den Versuch könnte es wert sein, zumal Stift Herzogenburg die ganze Saison hindurch mit einem reichhaltigen Festkalender genügend Gelegenheit dafür bietet.