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Vik Muniz, Verso Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

VIK MUNIZ. VERSO oder Rückseite berühmter Gemälde

Vik Muniz, Verso © Vik Muniz Studio

Die stete Aktualität eines Holzrahmens

Im Oberen Belvedere wird bis 17. Juni 2018 der Künstler Vik Muniz in den Blick gerückt. Geboren ist er in São Paulo, lebt und arbeitet derzeit in New York und in Rio de Janeiro. Seine Werke sind durchaus ungewöhnlich. Er schafft detailgenaue Rückseiten von allseits bekannten Gemälden. Er weiß selbst, dass die Besucher seiner Ausstellungen nicht selten glauben am falschen Platz zu sein. Die Arbeiten lehnen an der Wand, als ob sie erst aufgehängt werden müssten. Erst nach einer Schrecksekunde und der Lektüre des Wandtextes wird ihnen klar, dass eben diese Rückseiten die eigentlichen Kunstwerke sind, dreidimensionale Objekte, deren Schauseite der hölzerne Rahmen, eine Reihe von Stickern und die Leinwand von hinten zeigt. Der Künstler selbst erklärt den Sinn dieser Umkehrung, die eigentlich auch keine ist, da es keine Vorderseite gibt. Der Versuch, sie umzudrehen bringt also nichts. Muniz hat festgestellt, dass gerade Gemälde, die man bereits von Postkarten, Kalenderfotos und Kaffeehäferln kennt, in Gefahr sind, ihren eigentlichen Sinn zu verlieren.

Vik Muniz, Verso (Mona Lisa), 2012 © Studio Vik Muniz

Sie sind Teil ihrer Zeit, in der sie geschaffen wurden und die Vorderseite verrät auch nicht mehr als die Fertigkeit des Malers. Auf der Rückseite, so Vik Muniz, ist das Kunstwerk in seiner Dokumentation stets aktuell. Man kann an Beschriftungen seinen Weg durch Ausstellungen verfolgen, konservatorische Probleme entdecken wie beispielsweise bei „Mona Lisa“, deren Holz teilweise schadhaft ist und an einer Stelle mit einer sogenannten Schwalbe ergänzt werden musste. Die Rückseiten sind überdies so genau gearbeitet, dass sogar auf die Webart der Leinwand Rücksicht genommen wurde und die handschriftlichen Bemerkungen auf den aufgeklebten Zetteln penibel kopiert wurde. Handwerkliche Perfektion und eine sensationell gute Zusammenarbeit mit den jeweiligen Museen sind also die Voraussetzung für ein Werk von Muniz.

Ausstellungsansicht "Vik Muniz. Verso" Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Im Belvedere sind nun „Der Kuss“ von Gustav Klimt und „Umarmung“ von Egon Schiele quasi von hinten zu sehen. Der Künstler erinnert sich, dass er vor mehr als 20 Jahren bewundernd vor Klimts Kuss gestanden ist. Er hatte sich nicht träumen lassen, dass er irgendwann dieses Schlüsselwerk der Kunstgeschichte als Teil seiner Arbeit betrachten könne. Der Betrachter hat damit die einzigartige Möglichkeit, mit genauem Hinschauen der bewegten Geschichte dieser beiden Gemälde nachzugehen.

Angeregt von den Details, die sich im Laufe der Zeit auf den Rückseiten beider Bilder angesammelt haben, kann er selbst mit seiner Phantasie ihren Weg verfolgen. Hilfreich sind dazu zwei Kapitel im zur Ausstellung erschienenen Katalog. Sie beschreiben die Wirren des vergangenen Jahrhunderts. Bei Schiele ist es ein privater Sammler. Der Arzt Heinrich Rieger war jüdischer Abstammung. Seine Sammlung, die laut einem Zeitzeugenbericht aus 1923 diejenige der „Modernen Galerie“, also des heutigen Belvedere, „hundertmal“ übertraf, wurde 1938 „arisiert“.

Rieger selbst konnte nicht aus Wien fliehen und verlor sein Leben im Oktober 1942 in Theresienstadt, seine Frau wurde in Auschwitz ermordet. Das Gemälde selbst heute im Besitz des Belvedere, versehen mit einem Messingschild (allerdings auf der Vorderseite), das an den großen Schiele-Sammler Heinrich Rieger erinnert. Vielleicht ist es auch das einzige Gemälde, das von der sogenannten Schauseite neben anderen Arbeiten von Vik Muniz in der Ausstellung „Verso“ zu sehen ist.

Ausstellungsansicht "Vik Muniz. Verso" Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien
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