Kurzweiliger Umgang mit großen Problemen: Turrinis „Aus Liebe“
Der liebe Gott und das Kind
Ein Problemstück, noch dazu von Peter Turrini, viel mehr war vor der Uraufführung am 16. Mai 2013 nicht verraten worden. Wundersamer Weise war das Haus dennoch gefüllt und die Bereitschaft vorhanden, sich mit einer mehr als bitteren Thematik einen Abend lang auseinander zu setzen. Schließlich geht es um die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was einen an sich normalen Menschen veranlasst, seine Familie auszulöschen. Was sich wie ein finsteres, bleischweres Drama ankündigt, entpuppte sich, gleich vorweg, als intensive, zutiefst bewegende, aber dennoch nicht humorlose Aufarbeitung einer Geschichte, die tragischerweise allzu oft aus täglichen Nachrichten schreit.
Egal wie die Hauptfigur heißt, Turrini hat ihn Michael Weber genannt, jeder von uns kennt einen solchen Typen; durchschnittlich gepflegtes Äußeres, schönes Einkommen, eine hübsche Frau und ein reizendes Kind. Er fällt erst auf, wenn er in einem Baumarkt eine Hacke kauft und nicht genau sagen kann, wofür er das Werkzeug braucht. Der Verkäufer versteht ihn trotzdem. Er selber wurde seitens des kunstsinnigen Besitzers vom Fachberater zum Regalschlichter degradiert. Wer damit gemeint ist? Drei Mal darf man raten. Keinem der Beteiligten geht es wirklich gut, nicht der Witwe, die fremden Herren die Torte weg isst, nicht der alten Hure, nicht einmal dem Polizisten, der mit der Unsicherheit an seinem Posten hadert.
Michael Weber (Ulrich Reinthaller) webt nahezu wortlos durch die Handlung, die von Turrini sehr klar in ein zeitliches Korsett gesteckt wurde. Alles passiert genau auf die Minute. Auch der Mord an Frau und Kind. Da kann auch der liebe Gott nichts dagegen tun. Kurt Sobotka ist die berührende Verkörperung des machtlos gewordenen Allmächtigen, dem nur das Kind (Annika Borde als Flora) zuhören will. Niemand will glauben, wie gut ihm seine Schöpfung gelungen ist. Und Niemand behält leider Recht. Wenn sogar die Liebe zum Mordmotiv wird, hat selbst der liebe Gott verloren. Ob er es schafft, ganz zuletzt zumindest der kleinen Flora wieder Leben einzuhauchen, lässt Turrini herzlos unbeantwortet stehen.
l.o.: Kurt Sobotka als lieber Gott und Annika Borde als Flora
r.o.: Michael (Ulrich Reinthaller) und Elfriede Weber (Sandra Cervik)
r.u.: Szene in der PI Fuhrmannsgasse mit Marianne Nentwich, Ljubiša Lupo Grujčić, Susanna Wigand, Heribert Sasse und Ulrich Reinthaller
r.g.u.: Ulrich Reinthaller u. Siegfried Walther als Sandler
Wie dankbar heitere Passagen aufgenommen werden, beweist der Szenenapplaus für Martin Zauner. Als vortragender Kiberer Otto Nagl legt er eine kabarettreife Szene hin, die durchaus in das Stück vom Mord aus Liebe passt. Etwas zu sehr ins Klamaukhafte rutscht das Ganze, wenn sich Michael als Mörder der Polizei stellen will. Der alte Wachkommandant (Heribert Sasse) und dessen Adlatus Djahan Tuserkani (Ljubiša Lupo Grujčić) wollen davon überhaupt keine Notiz nehmen. Aus deren Wortwahl darf man schließen, dass Turrini auch der Polizei dafür genau auf´s Maul geschaut hat, das erforderlichenfalls nicht nur Sprichwörter, sondern ein anständiges Vokabular an obszönen Ausdrücken virtuos beherrscht.
Herbert Föttinger, Hausherr und Regisseur, verwendet als Bühnenbild „die Schichtarbeiter“, also alle im Stück auftretenden Schauspieler (gezählte 18 Personen und Rollen). Sie sitzen während des ganzen Geschehens aufgereiht wie der stummer Chor einer griechischen Tragödie im Hintergrund, um für die jeweilige Episode an die Rampe zu treten. Es sind immer nur kurze Szenen, in denen aber ausnahmslos alle ihr großes schauspielerisches Können entfalten. Mehr ist ihnen allerdings nicht gegönnt, ganz im Sinn des Autors Peter Turrini, der sich in diesem Stück, wie er sagt, der großen Frage nach dem „Warum“ mit scheinbar kleineren Fragen nähern möchte.
Der Zuschauer wird Zeuge, wie eine Frau ihr Genie verleugnet und schließlich an ihr selbst zerbricht. Welche Rolle dabei Amphetamin, besser bekannt als Speed, spielt, wird zwar mehr als deutlich gemacht. Wie weit der Unbeteiligte jedoch die Unausweichlichkeit dieser Tragödie erfassen kann, bleibt dahin gestellt. Speed steht hier für kreatives Stimulans schlechthin, für die Notwendigkeit, sich mit irgendeiner Form von Drogen, egal ob Alkohol, Nikotin, Kokain oder Ähnlichem in die Lage zu versetzen, Kunst zu schaffen, besser, sie aus dem Nichts herauszuholen, in einem Vorgang, der dem Nüchternen versperrt bleibt, den Kreativen aber beinahe erwürgt.
Der Inhalt von Speed (Autor: Zach Helm) war bis zur Premiere recht geschickt geheim gehalten worden. Jetzt ist´s aber heraußen: Annie, und nicht ihr Freund Jack, ist die Erfolgsautorin eines Buches, das vom gefürchteten Kritiker Mulholland, dem Hasser schreibender Frauen, zum Bestseller gelobt wurde. Da sie jedoch auf Speed angewiesen ist, um überhaupt schreiben zu können, will sie im Hintergrund bleiben. Dass Jack es mit ihr nur gut meint, wenn er ihr aus purer Liebe einen kalten Entzug aufzwingt, ist ihr Untergang. Auch sie liebt diesen Kerl und will um keinen Preis mit anderen Menschen ihr Problem teilen, zu Recht, Annie ist einzigartig und zeigt Größe.
Das Theater in der Josefstadt beweist mit Speed (Good Canary), das 2007 in der Regie von John Malkovich am Théâtre Comédia in Paris einen Theatererfolg feierte, auch noch sechs Jahre danach erstaunliche Jugendfrische (Regie: Stephanie Mohr). Voneinander unabhängige Gespräche werden ineinander verwoben, werden zum Cluster von Gedanken, das dem Stück Speed, in diesem Fall enormes Tempo, verschafft, um sich unmittelbar darauf in lyrischen Dialogen um Sorge und Zuneigung zweier Menschen aufzulösen. Im Rhythmus eines rasenden Herzens treiben Bassbeats das Geschehen weiter, gefolgt von süßlichen Schnulzen, produziert vom Mann auf dem Dach (Wolfgang Schlögl).
Dieser Produktion steht ein Ensemble zur Verfügung, das vergessen macht, dass man im Theater sitzt. Sandra Cervik als Annie macht ihre Sucht und den darauf folgenden Cold Turkey ohne jede übergroße Geste körperlich spürbar. Sie fetzt ungeschminkte Wahrheiten in unsympathische Gesichter (Verlagsmogul Stuart: Christian Futterknecht, dessen Gattin Sylvia: Cornelia Köndgen und Mulholland: Dominic Oley) und klammert sich mit kindlicher Innigkeit an Jack (Raphael von Bargen), dem hilflosen Helfer und unbeholfenen Spender ihres Pseudonyms. Der geldgierige Dealer Jeff (Ljubiša Lupo Grujčić) und der kleine Verleger Charlie (Peter Scholz), der sich mit Jack den großen Durchbruch erhofft, ergänzen großartig dieses ergreifende Bild von der unerbittlichen Zerstörungskraft der Kreativität.
Ein Abend, den die Josefstadt ihrem Publikum schon lange schuldig war
„Sagen Sie uns ein Theater, wo es ein solches Ensemble gibt“, durfte ein bestens gelaunter Direktor Herbert Föttinger nach der Premiere seine Gäste fragen. Es dürfte tatsächlich unmöglich sein, irgendwo auf der Welt eine Bühne zu finden, die einen ganzen Abend lang eine schwungvolle Mischung aus Theater und Revue mit einem solchen Herrenquintett bestreiten kann: Otto Schenk, Kurt Sobotka (beide Jahrgang 1930), Gideon Singer (1926), Albert Rueprecht (1929) und „Benjamin“ Toni Slama (1948) sind jeder für sich Legende, Publikumsliebling, und erst gemeinsam, dann sind sie unübertrefflich in Humor und Schauspielkunst.
Theatermusiker und Regisseur Franz Wittenbrink (*1948) hat ihnen und der Josefstadt „Forever Young“ auf den Leib geschrieben. Schauplatz ist ein Wiener Kaffeehaus mit herrlich gelb verrauchten Wänden, einem in die Jahre gekommenen Ober und einer vielseitigen Kombo. Multiinstrumentalist Herb Berger an den Reeds, deeLinde, die mit ihrem Cello jeder Musik gerecht wird, und am Klavier Wittenbrink und Christian Frank begleiten in ihrem Salettl unermüdlich die Gesangseinlagen im Gastzimmer.
Die musikalische Speisekarte dieses Lokals ist umfangreich. Das Angebot reicht von Fendrich bis Wagner, von Elvis Presley bis Henry Purcell und von Schubert bis eben Wittenbrink. Allein dessen Vertonung von Rilkes Herbsttag wäre schon Grund genug, hinzugehen und sich mit diesem Stück zweieinhalb Stunden zu unterhalten, oder besser, einfach nur unterhalten zu lassen.
Auf Handlung kann bei soviel Musik fast vergessen werden. Richtig, es geht um ältere Kaffeehausbesucher, denen angesichts dreier junger Frauen die Erinnerung wiedererwachte Lendenkraft vorgaukelt. Eine von ihnen ist Antons Pflegerin Rubina (Ruth Brauer-Kvam), die andere das bereits sehr raffinierte Enkerl von Ober Leo (Eva Mayer als Franzi) und die dritte eine ausgewiesene schwarze Witwe (Sona Mac Donald).
Hörenswert, wie diese drei Damen loslegen, zum Beispiel mit Crazy People (The Boswell Sisters). Sie singen und tanzen mit einem Temperament, dass nicht nur die Herren auf der Bühne begeistert mitswingen. Sie reißen auch das sonst recht gesetzte Josefstadtpublikum mit. Es wurde gelacht und mitgepascht, dass es eine Freude ist, und es wird auch so weitergehen. „Forever Young“ ist ein Spaß mit Erfolgsaussicht, auch wenn Ober Otto Schenk ganz zuletzt granteln darf: „Und sowas ist eine lustige Geschichte?“
Hedda Gabler in der Josefstadt: eine erschreckend faszinierende Frau
Alles was ich berühre, wird klein und lächerlich
Zuletzt verstrickt sie sich selber in diesem Geflecht von Dreiecksbeziehungen, das sie aus den Menschen um sich herum geknüpft hat. Hedda Gabler, schöne Domina und schusswütige Waffennärrin, hat, man könnte sagen, aus Versehen einen biederen und kreuzbraven Wissenschaftler geheiratet. Als der ehemalige Geliebte auftaucht, entspinnt sich ansatzlos das Liebesspiel zweier einander belauernder Raubkatzen. Es endet tödlich für beide. Seine betuliche Muse, ihr Ehemann und ein zudringlicher Richter, alle zusammen vermeintliche Beute, können sich somit ungestört dem weiteren Leben widmen.
1891, also vor weit mehr als 100 Jahren, fand die Uraufführung von Henrik Ibsens Hedda Gabler am Residenztheater in München statt. Der Inhalt der moralischen Interpretationen mag sich in dieser Zeitspanne gewandelt haben. Zeitlos geblieben ist die beängstigende Faszination einer Frau, die aufgrund ihrer aggressiv verteidigten Unabhängigkeit die Männer das Fürchten lehrt. So wurde dieser Aspekt offensichtlich auch von Regisseurin Alexandra Liedtke ihrer Inszenierung für das Theater in der Josefstadt zugrunde gelegt, vor allem aber von Maria Köstlinger als stählern kalte Hedda Gabler dem Publikum körperlich spürbar übermittelt.
Raphael von Bargen ist der ideale Widerpart. Sein Eilert Lövborg bringt genau diesen vor Männlichkeit strotzenden versoffenen, aber genialen Wissenschaftler, der geradeso wie Hedda Gabler auf jedwede Konvention pfeift und damit der einzige ist, der diese Frau jemals beeindrucken kann. Er unterliegt ihr erst im Sterben, das den beiden nicht ganz nachvollziehbar von Ibsen vorgeschrieben wurde. Hedda wünscht sich von ihm einen schönen und vor allem selbstgewählten Tod – vergebens, er wird im Bordell durch einen Schuss in den Unterleib getötet. Sie selber, die ohnehin damit hadert, dass alles um sie klein und lächerlich wirkt, erschießt sich furchtlos mit einer Pistole ihres Vaters.
„Sie hat sich erschossen… So etwas tut man doch nicht“, ist der kühle Kommentar der Hinterbliebenen. Deren gekonnte Ein- und Unterordnung in den Dreiecksreigen macht den eigentlichen Reiz des Stückes und dieser Inszenierung aus. Peter Scholz ist das überzeugende Ekelpaket als schmierig zudringlicher Amtsgerichtsrat Brack. Blond, unscheinbar und liebevoll ist Raphaela Möst als Frau Elvsted, die mit all ihrer Weichheit den wilden Lövborg zumindest eine Zeitlang zähmen konnte. Dass der verschrobene Jörgen Tesman nie den Funken einer Chance bei seiner Frau Hedda hatte, nimmt man dem sympathischen Michael Dangl gerne ab und gönnt ihm von Herzen die Küsse seiner Tante, dem Fräulein Juliane Tesman (etwas zu ungestüm: Marianne Nentwich).
Uraufführung: Der Mentor, von „Nestroy“-Preisträger Daniel Kehlmann
Theater ums Theaterschreiben
Die Voraussetzungen scheinen wirklich verlockend zu sein. Der junge Bühnenautor Martin Wegner, von der Kritik als die Stimme seiner Generation gepriesen, wird gegen gutes Geld auf ein elegantes Landgut eingeladen. Dort soll er eine Woche lang mit dem legendären Theaterdichter Benjamin Rubin Gedanken austauschen und an seinem jüngsten Stück arbeiten. Der Schein trügt. Anstelle tiefgründiger Gespräche kommt es zu teils erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Jung und Gealtert, zwischen offenen Zweifeln am eigenen Genie und der uneingestandenen Gewissheit, längst nur mehr von vergangenem Ruhm zu zehren.
Man könnte, muss aber nicht, in der Rolle von Wegner autobiographische Züge von Daniel Kehlmann (*1975) suchen. Immerhin überrieselte diesen erst kürzlich ein wahrer Preisregen (Autorenpreis für sein Stück „Geister von Princeton“ und eine Auszeichnung für die Uraufführung des Bühnenerstlings im Schauspielhaus Graz am Rahmen der „Nestroy“-Gala 2012). Von ihm selber erfährt man, dass er darüber nachgedacht hat, „was wohl in dieser Villa vor sich gegangen sei und was man über diese gemeinsamen Tage erfinden könnte“. Dramatische Ansätze sind zur Genüge vorhanden. Von Kehlmann werden sie noch um die junge Frau von Martin Wegner und einem Kulturfunktionär bereichert, die beide ihr Scherflein zur Handlung beitragen.
Als Mentor war ursprünglich Michael Degen vorgesehen. Er musste jedoch aufgrund einer schweren Erkrankung absagen. Hausherr Herbert Föttinger übernahm im letzten Moment die Rolle – und spielt sie genau so, wie er sie wohl als Regisseur im Kopf hatte: vergilbte Eleganz, die Sprache auf abgenutzte Pointen reduziert, im rechten Moment aber charmant genug, um die Frau seines jungen „Rivalen“ verführen zu können. Sein Benjamin Rubin macht das Stück, das streckenweise zur intellektuellen Nabelschau von Theatermachern gerät, auch für die Theaterbesucher sehenswert.
Ruth Brauer-Kvam ist bemüht, mit Gina Wegner ihre grenzenlose Bewunderung für den Alten glaubhaft zu machen. Florian Teichtmeister (Martin Wegner) hadert dagegen überzeugend mit der gespielten Überlegenheit von Rubin, mit den Zweifeln, die von der eigenen Frau seinem Talent entgegengebracht werden und mit der eigenen Unsicherheit an der Qualität seiner Stücke. Einfacher hat es in diesem Punkt der Funktionär Erwin Wangenroth, der in Siegfried Walther seine Idealbesetzung gefunden hat. Er darf ungeniert mit seinen künstlerischen Ambitionen hausieren gehen und damit auf amüsante Weise einiges an falsch verstandenem Geniekult seitens der anderen Beteiligten bloßlegen.
Oscar Wilde und Lady Windermeres (geistreich beredter) Fächer
Eine im Grund tragische Komödie
Die Fächersprache haben wir längst verlernt. Es soll Zeiten gegeben haben, in denen Konversation ausschließlich über dieses Accessoire in feiner Damenhand abgelaufen ist, zumeist zwischen zwei Beteiligten, denen es nicht gestattet war, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, oder direkt gesagt, weil sie ein verbotenes Verhältnis hatten. Oscar Wilde ruft uns in Lady Windermeres Fächer einige Vokabel dieser subtilen Sprache ins Gedächtnis, indem er dieses Requisit den Ausgang dieses Stücks entscheiden lässt.
In den Hauptrollen finden sich ausschließlich Ladies und Lords oder zumindest Angehörige der Londoner High Society. Deren Standesgenossen waren bei der Uraufführung 1892 am St. James´s Theatre gewiss außerordentlich „amused“, erkannten sie sich doch in einem sehr freundlichen Spiegel wieder. Oscar Wilde ging milde mit ihnen um, ließ sie eine Komödie erleben, indem er den tieftraurigen Anlass unter einer Lawine von sprühendem Wortwitz und einer Sammlung von ungemein geistreichen Aphorismen versteckte. Man vergisst darüber beinahe, dass die verruchte Mrs. Erlynne eine Mutter ist, die zu ihrem Kind finden will und unerkannt wieder von diesem Abschied nehmen muss.
Heute können wir darüber schmunzeln, wenn sich Ladies und Lords anlügen, dass sich die Balken biegen. Ihre Welt ist uns entrückt, und vielleicht macht gerade diese Zeitferne den Charme dieses Stückes aus. Männer machen Frauen auf elegante Weise den Hof, echte oder eingebildete Untreue ist noch von Bedeutung und Diskussionen werden in geschliffener Sprache geführt, wobei einer dem anderen zuhört und die passende Antwort gibt – undenkbar in unseren Tagen.
Um banale alltägliche Verrichtungen brauchte man sich ebenfalls nicht zu kümmern, dafür hatte man einen Butler. Dass diese Nebenrolle in der Josefstadt von Gideon Singer verkörpert wird, ist einer der Gründe, sich das Stück anzusehen. Seine Lady (Pauline Knof) ist ein noch rundum so unerfahrenes Mädchen, dass man sich wundert, dass Mrs. Erlynne tatsächlich ihre Mutter sein soll. Andrea Jonasson ist ein wahrhaft männermordender Vamp, dem man alle moralische Verkommenheit abnimmt, genauso aber auch die Liebe zu ihre Tochter, die sie aus einer verfänglichen Situation rettet, indem sie den eigenen ohnehin ramponierten Ruf aufs Spiel setzt.
Erfrischend glaubwürdig treibt die Herzogin von Berwick (großartig Sona MacDonald) ihr Intrigenspiel und sorgt mit gekonntem Tratsch für das Weiterkommen der Handlung. Die Lords dürfen mitspielen und jeder mit seinen kleinen Schwächen das Publikum unterhalten (Christian Nickel als hilflos seiner ehelichen Treue ausgelieferter Lord Windermere, Martin Niedermair als erfolgloser Hausfreund Lord Darlington oder André Pohl als Mrs. Erlynne hoffnungslos verfallener Lord Augustus Lorton). Ihr gemeinsames Credo aus dem Mund von Darlington: „Wissen Sie, ich fürchte, gute Mensche richten in dieser Welt erheblichen Schaden an...“
Kasimir und Karoline: bedrückende Gegenwart im Spiegel der 1930er Jahre
"Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist..."
...sagt Kasimir. Er lässt sie (Karoline) wieder stehen und haut auf den Lukas, so die Regieanweisung von Ödön von Horváth. In der Josefstadt ist der Rummel ein innen beleuchteter Würfel, dessen aufblitzendes Licht in den Augen schmerzt (Regie: Georg Schmiedleitner). Mensch und Wirtschaftskrise treffen aufeinander in der gespenstischen Lustigkeit des Münchner Oktoberfestes. Der einzige Funke Hoffnung konzentriert sich auf den Zeppelin, der hoch über dem Festgelände dahinfährt. Als das Stück uraufgeführt wurde (1932) konnte Horváth nicht wissen, dass diese Hoffnung wenige Jahre später (1937) in einer Katastrophe verbrennen wird.
„Kasimir und Karoline“ ist aus mehreren Gründen unangenehm. Dass die Sprache vulgär sei, wie seinerzeit die Kritik monierte, ist heutzutage eher eine seiner Stärken, zumal auf die Gemütlichkeit des bayerischen Dialekts verzichtet wird. Schwierig zu verdauen ist viel mehr das Episodenhafte der Handlung. Horváth reiht freudlose Szenen dicht aneinander. Trotz vieler Aufregungen gibt es keine spürbaren Emotionen. Der Zuschauer wird zum Voyeur des Jammers kleiner Leute, den er sich eigentlich ersparen möchte, vor allem in einer Zeit, die grausame Ähnlichkeit mit den 1930er Jahren aufweist, deren Probleme man einst wie heute im Bierdunst einer allgegenwärtigen „Wies´n“ zu ersticken versuchte.
Warum man es sich trotzdem antut, einem eben abgebauten Kraftfahrer und dessen Braut dabei zuzuschauen, wie sie sich auseinander streiten? Wie ein Ganove seine Freundin misshandelt und bei einem läppischen Diebstahl erwischt wird? Wenn Mädchen das bisschen Frau, das ihnen geblieben ist, als letztes Kapital zu Markte tragen und zwei gutsituierte „Herren“ diese billige Bereitschaft auszunutzen gewillt sind?
Die Antwort ist schwierig. In erster Linie sind es die darstellerischen Leistungen der einzelnen Schauspieler, die das Stück sehenswert machen. Harald Windisch (Kasimir) und Katharina Strasser (Karoline) erweisen sich als Akrobaten, die über haufenweise leeren Biergläsern und Autoreifen immer wieder den dünnen Handlungsfaden weiterzuspinnen verstehen. Dem aggressiven Merkl Franz (Thomas Mraz) möchte man im wahren Leben keinesfalls begegnen, ebenso wenig den beiden Alten (Heribert Sasse als schmieriger Kommerzienrat Rauch und Hausherr Herbert Föttinger als lüsterner Landgerichtsdirektor Speer). Jeder kennt auch einen Schürzinger (Peter Scholz), den Antialkoholiker, der aus Untertänigkeit seinem Chef Rauch gegenüber Schnaps säuft und diesem um des eigenen Aufstiegs willen sogar die neugewonnene Freundin (Karoline) überlässt.
Üblicherweise zählt man, um einschlafen zu können, und irgendwann verwirren sich die Zahlen und man ist weg. Der Mann in Turrinis „Endlich Schluss“ zählt bis tausend, um sich dann mit einem Schuss in den Kopf umzubringen. Auch ihm verschwimmt immer wieder die Reihe der Zahlen, aber sie führt ihn dennoch zur tödlichen Tausend, trotz der geballten Erinnerungen an ein Leben, das viele gerne an seiner Stelle gelebt hätten.
Der Mann erzählt vom Erfolg auf jeder Linie, schwärmt von seiner Fähigkeit, nichts Negatives je an sich herangelassen zu haben und wie nebenbei über das Leben getanzt zu sein und er inszeniert für sich selbst auch seinen Abgang als persönliche Schmiere, in der nichts ausgelassen wird, vom Abdunkeln eines abgewohnten Kinderzimmers über die nackte Glühbirne und den Schuss ins verpickte Fenster, um sich in einem einzigen Lichtstrahl mit einem pathetischen „Endlich Schluss“ zu erschießen.
Peter Turrini entdeckt in diesem Monolog aus 1997 dem Zuschauer für einige Augenblicke das Seelenleben eines Schreibers, also auch das seine, obwohl er sagt, dass er sich nie wirklich umbringen wollte, trotz einer hartnäckigen Grundtraurigkeit, die er nie ganz los wurde, und die ihn sogar in die Psychiatrie gebracht hat. In der neuen Fassung für die Josefstadt hat er die Hauptfigur von sich weggeschoben, zum Starjournalisten gemacht, der berufsbedingt zu nahe an Wahrheit und Lüge gelebt hat und dessen Seele (dieses seltsam träge und erinnerungsschwere Ding, Zitat Turrini) am ständigen Dazwischenpendeln zerrissen ist.
Hausherr Herbert Föttinger führt Regie, das beeindruckende Bühnenbild wurde von Rolf Langenfass entworfen. Alexander Pschill ist der Mann, der eineinhalb Stunden lang mit der Zahlenreihe von eins bis Tausend das Josefstadtpublikum auf Spannung hält und die Zuschauer zum Denken animiert, indem er ihnen Zeit gibt, über die von allem moralisierenden Selbstmitleid befreiten Lebenskommentare eines Todeswilligen nachzudenken.