Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Fotografie Stephansplatz Kaufhaus Rothberger © Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek

KAUFT BEI JUDEN! Ein Appell gegen das Vergessen

Postkarte Stephansplatz_Kaufhaus Rothberger © Sammlung Eduard Konrad

Vergilbte Erinnerungen an glanzvolle Geschäfte

Geblieben ist der Name Gerngross, fast schon als nostalgisches Andenken an Silberne und Goldene Sonntage, an denen sich vor Weihnachten in der Mariahilfer Straße Massen von Menschen drängten. Dass seine Gründer aus einer jüdischen Familie stammten, war zu dieser Zeit, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch bereits vergessen, gewaltsam gelöscht von der Shoa. Kaum jemand weiß mehr, dass das heutige Steffl einst M. Neumann hieß und die mondänen Einkaufsstraßen der Stadt bis 1938 von Firmen wie Zwieback, Jacob Rothberger, Braun & Co, Goldmann & Salatsch, Jungmann & Neffe oder Knize beherrscht wurden. Sie alle waren von Wienern jüdischer Herkunft gegründet und betrieben worden.

 

Sie hatten eine am Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Geschäftkultur von Paris nach Österreich gebracht, die hierzulande begeistert aufgenommen wurde. Die Paläste waren von großen Architekten entworfen worden.

Dirndl Rummel © JMW

Sie konnten von allen Menschen betreten werden. Sie durften auch ohne zu kaufen das verlockende Warenangebot mustern und so am Traum des reichen Konsums teilhaben. Erstmals war es auch Frauen ohne männliche Begleitung möglich, außer Haus zu gehen und sich mehr oder weniger unverbindlich in der großen Welt internationaler Mode umzusehen. Geschickte Schaufensterdekorateure und Werbegrafiker schufen Anreize zum Hinschauen auf das, was kreative Schneider entworfen hatten und nun von einer Heerschar von Verkäufern präsentiert wurde.

Medaillen © JMW_S Gansrigler

Die Ausstellung „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ (bis 19. November 2017) widmet sich diesem ganz wesentlichen Teil des jüdischen Wien. Anhand großformatiger Fotos, etlicher Objekte und viel gedruckter Information werden die Entwicklungs-, Erfolgs-, Migrations- und Familiengeschichten der Gründer und Besitzer dieser Betriebe dem Vergessen entrissen. Betont wird auch das maßgebliche Engagement dieser Geschäftsleute für die Entwicklung Wiens in die Moderne. Dabei wird nicht nur auf die oben erwähnten großen Unternehmer ein Schlaglicht geworfen, sondern auch auf die Warenhäuser in der damaligen Vorstadt und auf die Entwicklung im sogenannten Textilviertel um den Rudolfsplatz im Ersten.

Wien war nicht zuletzt durch die vor allem im Handel mit Stoffen äußert tüchtigen Juden zu einer Textilmetropole aufgestiegen.

 

Auch der Grund dafür, dass heutzutage nur mehr wenig bis gar nichts davon zu spüren ist, wird in der Ausstellung eingehend behandelt.

Es werden Erfolgsgeschichten von Vertriebenen im Ausland nachgezeichnet, aber auch die Tragödien erzählt, die sich in den Familien von Betroffenen abgespielt haben, die ausgelöscht wurden oder nicht mehr an die Erfolge vor 1938 anknüpfen konnten. Es ist ein weiter Bogen, der im Jüdischen Museum Wien das Thema „Kauft bei Juden!“ überspannt. Er reicht von der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und behandelt die klassischen Kauf- und Warenhäuser ebenso wie die Einzelhandelsbetriebe, zu denen k.u.k. Hoflieferanten ebenso gehörten wie das kleine Geschäftslokal, in dem man sich mit dessen Besitzer einen wohlfeilen Preis für den neuen Anzug aushandeln konnte.

Silesia Wanduhr_Sammlung Robert Granger © JMW_S Gansrigler

 

TRUDE & ELVIS Ein Leben zwischen Wien, Memphis und Hollywood

Trude Forher mit Elvis Presley © James Forsher Estate

Elvis Presleys jüdische Sekretärin aus Wien

Der große Elvis stand noch am Beginn seines fulminanten Aufstiegs, als ihm die aus Wien emigrierte Trude Forsher (1920 -2000) als Privatsekretärin zur Seite stand. Trude verstärkte das Team seines Managers Colonel Tom Parker. Sie war tüchtig und brachte es in der Männergesellschaft rund um den Sänger, wo Frauen bis dahin noch wenig mitzureden hatten, zur Werbemanagerin und war damit nicht unwesentlich beteiligt am Aufstieg von Elvis Presley zum Superstar. Der berufliche Erfolg forderte jedoch einen hohen persönlichen Preis. Ihr Mann war einfach gesagt eifersüchtig und verließ die Familie, was traurigerweise ihre Entlassung nach sich zog. Geschiedene Frauen waren damals noch ein No-Go. Sie selbst baute dennoch ihre Karriere weiter aus. 1960 gründete sie mit Adolph Zukor II. eine eigene TV-Produktionsfirma. Nach ihrem Rückzug aus dem Showbiz setzte sich Trude für geschiedene Frauen ein, deren Ex-Männer die Alimente verweigerten – und erhielt dafür eine Reihe von Auszeichnungen.

Trude Forsher mit Zsa Zsa Gabor © James Forsher Estate

Trude Adler, wie sie ledig hieß, stammte aus einer jüdischen Familie in Wien. 1938 entkam sie mit knapper Not dem NS-Terror, floh nach London und nahm dort eine Stelle als Dienstmädchen an. Als gut behütete junge Dame hatte sie in diesen Belangen wenig Erfahrung, was dazu führte, dass ihre Arbeitgeber nicht zufrieden waren und sie auf die Straße setzen, wo sie bis zur nächsten Anstellung um ihr Überleben kämpfte. Mit ihren Eltern, die sie nach London holen konnte, übersiedelte sie auf Vermittlung eines Verwandten in die USA. In New York lernte sie Bruno Forsher kennen. 1942 wurde geheiratet. Zwei Söhne folgten. 1951 übersiedelte die junge Familie nach Kalifornien. Trude traf dort auf die zwei ebenfalls aus Wien stammenden Musikproduzenten Jean und Julian Aberbach.

James Forsher, Marcus Patka © Langbein & Partner

Im Verlag der beiden entfernten Verwanden, der sich dem nun gerade aufkommenden Rock 'n' Roll widmete, war auch Elvis Presley unter Vertrag. Ihr selbst war in diesem Moment der Name noch kein Begriff, was sich mit der Arbeit als seine Sekretärin jedoch bald änderte. Hollywood wurde zu ihrem Arbeitsplatz. Sie war Jüdin und damit nicht uninteressant für den Sänger, der sich von diesem Umstand im jüdisch geprägten Musik- und Showbusiness Vorteile bei Verhandlungen erwartete.

Aus der gewiss extrem bewegten Zeit mit Elvis Presley hat sich im Besitz von Trude Forsher eine bemerkenswerte Sammlung an zahlreichen Unikaten aus der früheren Glanzzeit des Rock 'n' Roll-Zeitalters erhalten. Fotos, auf denen Elvis neben der eleganten Trude recht ramponiert herumhängt, Postkarten, ihre Notizblöcke, eine Gitarre von Elvis, Plakate und Plattencover sind nun Objekte der Ausstellung im Jüdischen Museum Wien mit dem Titel „Trude & Elvis. Wien – Memphis – Hollywood“ (bis 12. November 2017). Im Rahmen eines Vermittlungsprogramms geht es, wie auf dem Foto, auf dem Trude mit einem Stenoblock bewaffnet neben Elvis steht, auf einer Zeitreise in Kurzschrift durch Wien. Was würde Trude, könnte sie nach Wien kommen, Elvis in ihrer Geburtsstadt zeigen.

Es muss alles sehr schnell gehen, wie bei einem Kurschriftdiktat. Für Elvis wird noch schnell ein ganz spezielles Wien-Programm konzipiert, mit allem was er sich ansehen, wo er wohnen, wen er treffen und welches Wiener Getränk er bestellen würde. Die Antwort darauf ist der Phantasie überlassen. Der Blick soll jedoch nach vorne gerichtet sein, auf die Frage, ob und an welche Personen, Gebäude und Geschichten in der Zukunft „unserer“ Stadt erinnert werden soll.

Col Parker Besprechung © James Forsher Estate
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