Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ruth Brauer-Kvam, Alexander Pschill © Rita Newman

DIE 39 STUFEN Hitchcock hätte sehr gelacht

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

Eine grausame Verfolgungsjagd, die schrecklich Spaß macht

Vier Schauspieler mit ungeheurem komischen Talent, mehr sind gar nicht nötig, um einen klassischen Thriller von Alfred Hitchcock auf die Bühne zu stellen. Ruth Brauer-Kvam, Markus Kofler und Boris Pfeifer bestreiten die gesamte Palette von Nebendarstellern des Streifens „The Thirty-Nine Steps“, der 1935 in den Kinos dem Publikum Gänsehaut über den Rücken jagte. Lediglich Alexander Pschill ist von Anfang bis Ende Richard Hennay, der als Folge eines Theaterbesuchs in ein Spionagenetzwerk gerät und um Freiheit und Leben laufen muss. Die Langeweile, unter der bis dahin der reiche Schnösel gelitten hat, hat sich mit einem Schlag verflüchtigt. Er steht über Nacht unter Mordverdacht, balanciert über eine schmale Brücke, rennt durch schottische Sümpfe, schaut in die Mündung eines Pistolenlaufs und flüchtet in Handschellen, gekettet an die schöne, aber unwillige Pamela, in ein abgefracktes Hotel, bevor er am Ende die Machenschaften der Bande mit der (deutschen) Bezeichnung „Die 39 Stufen“ aufdecken kann.

Boris Pfeifer, Markus Kofler © Rita Newman

Spannung pur also, ganz Hitchcock, und trotzdem wird wesentlich mehr gelacht als gefürchtet. Schuld daran ist nicht nur der englische Stückeschreiber Patrick Barlow. Er hat das Drehbuch, das nach einem Roman von John Buchan entstanden ist, für Theater mit kleinen Besetzungen umgearbeitet und daraus ungeniert eine Slapstick-Comedy gemacht.

Der Zuschauer darf raten, wie viele Zitate aus anderen Hitchcock-Filmen eingebaut wurden. Genauso verantwortlich für den genialen Unernst ist aber auch die jeweilige Regie, für die in den Kammerspielen Regisseur Werner Sobotka verantwortlich zeichnet, dazu die Kostüme (Elisabeth Gressel), die den Darstellern den Rollentausch auf offener Bühne erlauben, und eben ein Ensemble, das diese Hetz mit Hitchcock mit entsprechendem Können über die Rampe zaubert.

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

An Gags wird nicht gespart. Am Arsch von zwei Statisten (alternierend Robert Hager oder Johannes Kemetter und Felix Krasser) leuchten die Scheinwerfer eines Autos in die Nacht. Der schottische Bauer spricht einwandfrei Tirolerisch, weil der einfach nicht Schottisch kann. In der Station Edinburgh entwickelt sich am Zugfenster ein hinreißender Word-Rap zwischen Reisendem, Zeitungsverkäufer, Bahnhofsvorstand und Polizisten. Ausführende sind wie in den meisten Fällen maximal zwei Personen. Eine Blasmusik marschiert als Marionettentruppe über die Bühne, in die sich unser Held als Triangelspieler einklinkt.

Das Messer im Rücken von Annabella lässt sich praktisch als Steuerung des leblosen Körpers verwenden und so weiter und so fort. Aber wie bei allen guten Witzen, wenn man sie aufzuschreiben versucht, verlieren sie ihre erheiternde Wirkung. Man muss „Die 39 Stufen“ einfach selbst erleben, um sich 2 ¼ Stunden (mit Pause) köstlich zu amüsieren. Man wird dazu bestimmt noch oft Gelegenheit dazu haben, denn diese Parodie auf Hitchcock hat eindeutig Kultcharakter.

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

Shakespeare in Love Ensemble © Astrid Knie

Shakespeare in Love: Der große Theaterdichter ganz normal als Mensch

Dominic Oley, Swintha Gersthofer © Astrid Knie

Eine Liebesgeschichte, die Historiker zum Glück nicht widerlegen können

Freilich könnte man sich jederzeit eine DVD ausborgen und sich zuhause den Film „Shakespeare in Love“ unter der Regie von John Madden aus dem Jahr 1998 bei Chips und einem Glas Wein gemütlich reinziehen. Aber was einem da entgeht, weiß man erst, wenn man die gleiche Geschichte in den Kammerspielen gesehen hat. Offenbar wirkt die Person des wohl bedeutendsten Bühnenautors genau so stark wie seine Stücke nur auf den Brettern, die ihm die Welt bedeutet haben. Man weiß sehr wenig über den Mann aus Stratfort-upon-Avon, man kennt nicht einmal sein Gesicht, denn das überlieferte Porträt ist erst Jahre nach seinem Ableben entstanden. Unbegreiflich für ein Genie, das einen Hamlet oder die Königsdramen gleichermaßen wie umwerfend komische Komödien geschrieben hat. Vielleicht war es dieses Loch in der Überlieferung, das Marc Norman & Tom Stoppard dazu bewogen hat, in die paar blutleeren Dokumente, die sein Dasein bezeugen, Leben hinein zu schreiben und den Poeten unvergleichlich lyrischer Sonette als ganz normal kindisch Verliebten zu zeigen.

Shakespeare in Love Ensemble  © Astrid Knie

Was eignet sich dazu besser als die Entstehungsgeschichte von „Romeo und Julia“, dieses in seiner Dramatik unübertroffene Poem auf die Liebe, das alle die Jahrhunderte bis heute noch jedes Herz gerührt hat ohne rührselig zu sein. Dazu kommen noch ein paar Zutaten wie das Verbot von Frauen auf der Bühne, was in unseren Tagen, abgesehen von Transvestitenshows, ausnahmslos für Heiterkeit sorgt, das Faible der herben Königin Elisabeth für Hunde auf der Bühne und eine Schreibblockade des Dichters, die natürlich durch einen Kuss umgehend behoben wird.

Siegrfried Walther, Dominic Oley © Astrid Knie

Fabian Alder hat für die Kammerspiele die Bühnenfassung von Paddy Cunneen (Deutsch von Corinna Brocher) zwar sehr nah am Film, also gemäß dem Drehbuch, und dennoch unglaublich eigenständig inszeniert. Das Bühnenbild von Ines Nadler erlaubt flotte Schnitte und Überblendungen ohne den Zuschauer zu verwirren. Die Kostüme (Frank Lichtenberg) sind üppig und bemühen sich historisch zu erscheinen. Abgesehen von Bierflaschen, die es damals sicher noch nicht gegeben hat, gibt es kaum einen Anachronismus.

Aber wie gesagt, Historiker haben bei einer solchen Produktion zum Glück nichts mitzureden. Die Musik nimmt sich, gespielt von Jörg Reissner auf der Gitarre und Lubomir Gospodinov auf den Reeds, durchaus authentisch aus, so könnten zwei Musikanten im Elisabethanischen Zeitalter geklungen haben.

Therese Lohner, Swintha Gersthofer © Astrid Knie

Das pralle Leben liefern aber die Darsteller; wie es sich für einen Shakespeare eben gehört. Dominic Oley ist der verliebte Dichter, seine Viola De Lesseps Swintha Gersthofer, die auch als Bursch verkleidet eine gute Figur macht. Kit Marlowe (Oliver Rosskopf) wird zwar erstochen, darf aber wieder auferstehen, um seinem Freund William beim Schreiben zur Seite zu stehen – eventuell ein leiser Hinweis auf eine der zahllosen Theorien, dass Shakespeare gar nicht der Autor all dieser Stücke war.

Ein originelles Paar sind Königin Elisabeth (Ulli Maier) und der garstige Wessex (Nikolaus Barton), die trotz ihrer „ernsten“ Rollen wundersam komisch wirken. Ebenso freut man sich, wenn Markus Kofler als Haushofmeister Tilney so richtig den bösen Hofschranzen heraushängen lässt. Sehenswert ist das Ensemble an sich, gemeint sind damit die Schauspieler aus Shakespeares Zeit, die durchwegs erlesen besetzt sind und mit gekonntem Gewurl einen Eindruck vom ganz normalen Chaos hinter einer Bühne vermitteln.

Zusammengehalten wird die Truppe von Henslowe, einem bis zum Eier zwicken geschundenen Theaterdirektor, der schon einiges mitzumachen hat, bevor eine Premiere zustande kommt. Siegfried Walther ist der duldsame Prinzipal, der den Sonderapplaus verdient hat, wenn er als Antwort auf das Ende des als Komödie geplanten „Romeo und Julia“ sarkastisch feststellt: „Da wird sich das Publikum aber biegen vor Lachen.

Shakespeare in Love Ensemble © Astrid Knie

Arsen und Spittzenhäubchen Ensemble © herwig Prammer

ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN Standing Ovations für Marianne Nentwich

Elfriede Schüsseleder, Christian Futterknecht, Marianne Nentwich © Herwig Prammer

Ein Mordsspaß kehrt zurück zur Komödie

Mörderinnen können reizend sein, so nett, dass kein Polizist ihnen eine Untat zutrauen würde. Joseph Kesselring hat sich zwei solche Damen erdacht und daraus ein köstliches Theaterstück gemacht. „Arsen und Spitzenhäubchen“ oder wie es im Original heißt „Arsenic and Old Lace“ wurde als Film weltweit ein Kassenschlager und lebte trotz Schwarz Weiß noch Jahrzehnte im Farbfernsehen weiter. Es ist einfach ein Riesenspaß, dem jungen Mortimer, einem harmlosen Theaterkritiker, dabei zuschauen zu können, wie er fassungslos der offenbar genetisch bedingten Mordlust seiner Familie gegenübersteht. Seine beiden Tantchen Abby und Martha Brewster sind passionierte Giftmörderinnen, die allerdings Stil haben. Erstens werden nur einsame Herren mit entsprechend präpariertem Holunderwein vom traurigen Leben erlöst und zweitens wird ihnen ein würdiges Begräbnis ausgerichtet – im Keller, wo der verrückte Bruder Teddy trotz der Würde als Präsident Roosevelt beim Ausheben von Schleusen für den Panamakanal beschäftigt ist.

Arsen und Spitzenhäubchen, Polizisten und Jonathan (quer) © Herwig Prammer

Der zweite Bruder, das schwarze Schaf in der Familie – er wird wegen seiner Morde von der Polizei gejagt – ist Jonathan. Er musste sich deswegen – welche Schande für eine solche Familie – ein neues Gesicht schnitzen lassen, wobei ihm der windige Dr. Einstein – nicht der Einstein – blöderweise die Visage von Borris Karloff als Frankenstein verpasst hat. Bei den Morden steht es zwischen den Tanten und Jonathan unentschieden: zwölf zu zwölf. Ein tödlicher Einstand in einer mehr als schrägen Competition, die auf jeden Fall entschieden werden muss. Mit derart kriminellen Anlagen kann Mortimer natürlich nicht heiraten, wenngleich der Anreiz dazu in Gestalt von Elaine Harper, der ebenso hübschen wie resoluten Pfarrerstochter von nebenan, durchaus gegeben wäre. Kesselring schafft es, in diesen Berg von Leichen ein Happy End hinein zu zaubern und für Mörderinnen eigene Moralgesetze zu schaffen, die sie von jeder Schuld an ihrem grausigen Tun reinwaschen.

Marianne Nentwich, Martin Niedermair, Elfriede Schüsseleder © Herwig Prammer

In den Kammerspielen ist Regisseur Fabian Alder gemeinsam mit dem Dramaturgen Matthias Asboth vom Film wieder zur Komödie zurückgekehrt. Schwarz ist ein Hilfsausdruck für den Humor, der in dieser Version den Abend beherrscht. Dazu gehört natürlich auch ein entsprechendes Ensemble. Aber bekanntlich gibt es in der Josefstadt keinen Mangel an großartigen Schauspielern, weshalb die doch zahlreichen Rollen (14 Stück) durchwegs erstklassig besetzt werden konnten.

Als Mortimer hat Martin Niedermair einiges durchzumachen, besonders in dem Moment, in dem ihm sein Bruder Jonathan in Gestalt des in seiner Bösartigkeit ungemein komischen Markus Kofler den Garaus machen will. Teddy Brewster (Alexander Pschill) hat als Verrückter natürlich jede Möglichkeit, auch so zu agieren. Seine artistische Tanzeinlage gleich zu Beginn, die rasenden Auftritte mit Trompete oder Schaufel und das Köpfen seiner Puppen und Bären sind Wahnsinn der Extraklasse. Dr. Einstein wird mit Ljubiša Lupo Grujčić tatsächlich ein Arzt keines Vertrauens: schmierig, versoffen und dem aggressiven Jonathan hundemäßig unterworfen.

Das nette Mädel Elaine Harper ist Salka Weber, deren umwerfender Natürlichkeit auch ein von Skrupeln geplagter Mortimer nicht widerstehen kann. Ihr Vater Dr. Harper, der Pastor, ist Félix Kama und die durchwegs geistig unterbelichteten Polizisten sind Oliver Rosskopf, Patrick Seletzky, Oliver Huether und Alexander Strobele. Es gibt auch Kurzauftritte zweier würdiger Herren: Bernd Ander als Mr. Gibbs und Christian Futterknecht als Mr. Witherspoon.

Elfriede Schüsseleder , Marianne Nentwich, Markus Kofler © Herwig Prammer

Als stets fein lächelnde Martha Brewster gewinnt Elfriede Schüsseleder ebenso die Sympathien sowohl der Polizei als auch die der Zuschauer wie Marianne Nentwich in der Rolle von Abby Brewster. Nach der Vorstellung wurde ihr noch auf der Bühne gratuliert.

Man glaubt´s nicht, aber die Nentwich wird demnächst 75. Direktor Herbert Föttinger entschuldigte seine Abwesenheit, indem er eine Laudatio auf diese lang dienende Josefstadtschauspielerin verlesen ließ, als Würdigung für ein Lebenswerk auf den beiden Bühnen dieses Hauses. Der Blumenstrauß war stattlich, die Dankesrede der Gefeierten kurz, aber umso länger der Applaus des Publikums, das seine Nentwich mit Standing Ovations hoch leben ließ.

Ljubiša Lupo Grujčić, Alexander Pschill, Leiche © Herwig Prammer

Lenya Story Ensemble © Moritz Schell

LENYA STORY Revue eines außergewöhnlichen Lebens

Sona MacDonald © Moritz Schell

Ich habe immer alles gegeben, ich will doch mein Publikum nicht betrügen

Lotte Lenya, geboren am 18. Oktober 1898 in Penzing, im 14. Gemeindebezirk von Wien, hat sich zur berühmtesten Wiener Künstlerin des 20. Jahrhunderts aufgeschwungen. Ihre Stärken waren weder das Notenlesen noch die eheliche Treue, sie ließ ihren Emotionen einfach freien Lauf, war wahrhaftig in ihrer Darbietung und konnte damit ihre Zuhörer fesseln. Warum man das noch 36 Jahre nach ihrem Tod am 27. November 1981 so einfach hinschreiben kann, liegt wohl an Sona MacDonald, die in den Kammerspielen liebt, leidet und mit ihrem Gesang die große Lenya wieder auferstehen lässt. MacDonald zieht das Publikum ähnlich in ihren Bann wie es Lotte Lenya seinerzeit getan haben muss. Dass es ihre Heldin nicht immer leicht im Leben gehabt hat, mag die schräge Bühne verdeutlichen (Regie Torsten Fischer), die dem Stehvermögen von Sona Mac Donald und ihren Männern in der Person von Tonio Arango einiges an Artistik abverlangt. Einfacher haben es in dieser Beziehung die vier Musiker, die lediglich beim Schlussapplaus auf die schiefe Ebene hinaus balancieren müssen.

Sona MacDonald, Tonio Arango © Moritz Schell

Mit dem Stück „Lenya Story Ein Liebeslied“ von Torsten Fischer und Herbert Schäfer lernt man einen der wesentlichen Komponisten des vorigen Jahrhundert und seine Musik endlich näher kennen. Lenya war mit Kurt Weill gleich zwei Mal verheiratet. Sie hatten sich in Berlin kennen gelernt und er hatte sie bereits bei der Uraufführung von Mahagonny eingesetzt. Den Durchbruch feierte sie aber in der Dreigroschenoper als Jenny.

Bertolt Brecht erhält damit ebenfalls einen Kurzauftritt als rüder Lehrer, der die Bewegungen der Sängerin beanstandet, weil sie zu wenig auf das Publikum ausgerichtet sind. Aber er hat für sie – und für Kurt Weill – dennoch den bitteren Lovesong „Surabaya-Johnny“ oder das ergreifende Abschiedslied „Ein Schiff mit acht Segeln“ getextet. Ihre Erfolge ende der 1920er- und anfangs der 1930er-Jahre waren also durchaus eine Frucht der gedeihlichen Zusammenarbeit dieser drei Ausnahmekönner.

Sona MacDonald, Tonio Arango © Moritz Schell

Aber Weill war Jude und seine Musik allein schon deswegen nicht nach dem Geschmack der Nazis. Als er 1935 nach Amerika emigrierte, begleitete ihn die von ihm mittlerweile geschiedene Lenya, um Weill in Amerika wieder zu heiraten. In diesem Stück wird mit viel Gefühl die Beziehung der beiden außergewöhnlichen Menschen herausgearbeitet. Briefe werden zitiert, dazwischen gibt es authentisch klingende Dialoge und vor allem Lieder, die Weill für Lenya vertont hat. Diese Songs sind ein Spiegel der Liebe, die Lenya mit ihm bis zu dessen Tod am 3. April 1950 in New York trotz aller Affären auf beiden Seiten verbunden hat.

1951 hat sich Lenya mit dem Vorsatz „für seine Musik zu kämpfen, sie am Leben zu erhalten“ bei einem Besuch in Wien gewundert, wie wenig dessen Musik in Österreich bekannt ist. Daran hat sich bis heute, abgesehen vom Mackie Messer und hie und da einer Opernaufführung, wenig geändert, aber eben nur bis heute, bis zur gefeierten Premiere der Lenya Story am Donnerstag, den 30. März 2017 in den Kammerspielen.

Sona MacDonald © Moritz Schell

Meo Wulf, Martina Stilp © Erich Reismann

HAROLD UND MAUDE Verbeugung vor Erni Mangold

Erni Mangold © Erich Reismann

Eine Hauptdarstellerin, die mit dem Neunziger kokettiert

Im Original von Colin Higgins steht Maude kurz vor ihrem 80. Geburtstag. In den Kammerspielen kann man locker 10 Jahre draufsetzen. Erni Mangold wurde genau am Tag der Premiere von Harold und Maude am 26. Jänner 2017 90 Jahre – und sie wurde gefeiert, nicht nur des Jubeltages wegen, sondern auch für die durch und durch authentische Darstellung ihrer Heldin. Mangold scheint sich über die Zeit erhoben zu haben. Durch sie spielt Alter in diesem Stück tatsächlich keine Rolle, nicht für sie, nicht für den jungen Harold und nicht für das Publikum, das von ihrer Natürlichkeit hingerissen war. Nach dem Schlussapplaus gab es Gratulationen durch Herbert Föttinger und Stadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny. Er überreicht ihr den Goldenen Rathausmann und machte Mangold damit offenbar eine Mordsfreude: „Mit Neunzig bekomme ich einen Mann geschenkt.“ Dabei fiel ihrerseits jedoch ein Satz, der die Bewunderer von Erni Mangold in Alarmbereitschaft versetzen sollte. Sie sagte, dass es Zeit wäre, die Türe zu schließen und meinte damit, dass diese Produktion ihre letzte Bühnenrolle sei.

Meo Wulf, Erni Mangold © Erich Reismann

Noch haben wir sie aber und genießen das gefühlvolle aufeinander zugehen dieser nur auf den ersten Blick unterschiedlichen Menschen. Im Grunde haben Harold und Maude sehr viel gemeinsam. Sie lieben Friedhöfe, brüten ungewöhnliche Ideen aus und leben außerhalb üblicher Normen. Sie gräbt einfach einen Baum vor dem Rathaus aus, weil es ihm dort nicht behagen könnte, und will ihn im Friedhof einsetzen.

Er schockiert seine Zeitgenossen mit fingierten Selbstmordversuchen und treibt sich auf Schrottplätzen herum, um zuzusehen, wie Autos zu kleinen Metallpaketen gepresst werden. Meo Wulf ist ein zurückhaltender Harold, ganz der Eigenbrötler, dem die Gesellschaft zuhause und in der Schule, aus der man ihn aufgrund seiner Streiche entfernt hat, zuwider ist. Da helfen auch die Bemühungen seiner Mutter nichts. Martina Stilp ist eine wunderbare Mrs. Chason, die sich an die Aktionen ihres Sohnes gewöhnt hat.

Silvia Meisterle, Meo Wulf © Erich Ereismann

Sie wird zur eleganten Komikerin, wenn sie mit einer Nonchalance sondergleichen den erhängten oder gerade erschossenen Sohn ignoriert und dabei wortreich über Nebensächlichkeiten plappert. Über eine Partnervermittlung lädt sie drei junge Damen (jede einzelne von ihnen erhält von Silvia Meisterle ihre spezielle Persönlichkeit) zu Vorstellungsgesprächen ein. Die Mädchen fallen jedoch angesichts einer abgetrennten Hand oder einer Explosion im Schrank in Ohnmacht.

Die Ausnahme ist die Schauspielerin Sunshine, die als Julia gleich selbst zum Harakiri-Messer greift. Auch Dr. Mathews kann nicht helfen, genauso wenig wie Pater Finnegan und Inspector Bernard (immer wieder Oliver Huether mit bekümmertem Gesicht als Wiedererkennungszeichen). Zurück ins Leben führt diesen Spieler mit dem Tod nur die über die Jahre sehr weise gewordene Maude, die ihr Ende selbst gewählt hat und sich von diesem Entschluss auch durch das Bitten Harolds nicht abbringen lässt.

Tany Gabriel, Oliver Huether, Meo Wulf © Erich Reismann
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