Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ciprian Mureşan The Ende of the Five-Year Plan

REMASTERED Die Kunst der Aneignung ist das Kunst?

Remastered Ausstellungsansicht

Ein Spaziergang durch Kunst der Gegenwart aus zweiter Hand

T. S. Eliot hat bereits 1919 folgende bemerkenswerte Behauptung niedergeschrieben, als es darum ging, ob in der Kunst das Nachbild dem Vorbild zwangläufig unterlegen sein müsste, also die nach einem bereits bestehenden Werk geschaffene neue Arbeit in der Hierarchie hinter diesem zu reihen ist. „Hat man sich einmal diese Idee der Ordnung (...) zu eigen gemacht, so wird man in der Behauptung nichts Widersinniges erblicken, dass das Vergangene durch das Gegenwärtige eine genau so große Umwandlung erfährt, wie das Gegenwärtige seine Richtlinien von dem Vergangenen her empfängt.“ Damit wurde sehr früh angedacht, dass sich, vereinfacht gesagt, neue Kunst durchaus an bereits Bestehendem bedienen darf und es trotzdem nicht ausgeschlossen ist, dass dadurch neue Kunst entsteht.

 

In der Kunsthalle Krems tritt Kuratorin Verena Gamper mit „Remastered. Die Kunst der Aneignung“ (bis 18. Februar 2018) den Beweis dafür an, dass auf Basis bereits bestehender Werke neue Kunst entstehen kann.

Jonathan Monk The Follower (2008/2017)

Sie selbst bezeichnet die Ausstellung als einen Spaziergang durch die Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts aus zweiter Hand, nicht ohne mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen, dass es sich dabei um eine durchaus saloppe Formulierung eines wesentlich komplexeren Gedankengebäudes handelt. Die Grenze zwischen Kopie und neuem Original ist schwer zu ziehen, kann bei den einzelnen Objekten aber durchaus festgestellt werden. Weiters muss der Begriff Dialog eingeführt werden, der sich zwischen Referenzwerk und der Aneignung auf Augenhöhe abspielen muss. Dieses Zwiegespräch macht den Reiz des hier Gezeigten aus. Es ist das Entdecken erstens des Originals, zweitens der Zusammenhänge und drittens der daraus resultierenden originären Idee im Neuen. Ein kleines Booklet gibt dazu übrigens praktisch Auskunft, sollte sich angesichts einer ganzen Reihe blutleerer Kopfgeburten Ratlosigkeit einstellen.

Die Ausstellung ist bezüglich ihres Verständnisses alles andere als einfach zugänglich und bedingt entweder umfangreiches Vorwissen bezüglich dieser Art der Kunst oder eingehende Erklärungen im Zuge einer Führung. Hilfreich freilich ist auch der dazu erschienene Katalog, der in alphabetischer Reihenfolge die Künstler mit ihren Werken vorgestellt und ihre Gedanken und Motivationen zum „Aneignen“ preisgibt.

Remastered Ausstellungsansicht

Es macht trotz allem Spaß, sich vor einem monströsen Flaschenständer an das zierliche Stück von Marcel Duchamp zu erinnern. Als Schöpfer liest man „Misha Stroj“ und den Titel „Portabottiglie“ (2006) und sieht auf einem Foto die piemontesische Winzerfamilie, die sich dieses Stück zur praktischen Nutzung einst zusammen geschweißt hat. Wer meint, vor einem Werk von Jackson Pollock zu stehen, ist keineswegs betrogen, wenn er liest, dass ein gewisser Klaus Mosettig die zufälligen Farbflecken und –schlieren fabriziert hat. Mosettig ist kein patscherter Fälscher, sondern selbst Künstler, der statt der Leinwand Papier genommen hat und anstelle des satten Schwarz von Pollock die Oberfläche je nach Lichteinfall in bleiernem Glanz schimmern lässt. Als Gemütsmensch hat Mosettig überdies keine Farbe verspritzt, sondern die Zufälligkeiten mit Graphitstiften auf das an die Wand projizierte Werk gezeichnet.

Ein seit Beginn seiner künstlerischen Laufbahn unveränderter „Aneigner“ ist Arnulf Rainer. Er hat Zeit seines Lebens nie etwas anderes gemacht als diverse Bilder zu übermalen. Sein Motto, dem er unbeirrbar treu geblieben ist: „Ich male nicht, sondern ich bemale, übermale oder zermale, das heißt, ich brauche einen Auslösefaktor, etwas Existierendes, das ich gestalte.“ Im hier gezeigten Fall sind es schwarz überstrichene Zeichnungen von Kollegen wie Josef Mikl, Jean Dubuffet oder Victor Vasarely.

Mel Chin & GALA Committee Food for Thought (1996)

Beschlossen wird der Rundgang durch scheinbar bereits und doch noch nie Gesehenes in der Zentralen Halle mit „Remastered: Film“. Gastkuratorin Naoko Kaltschmidt hat Filme gesucht und gefunden, die dem Gedanken des Aneignens entsprechen. Bei einigen der vorgeführten Arbeiten sind Spielfilme die Bezugsquelle, wie bei Antje Ehmanns & Harun Farockis (sprachlicher) Analyse der berühmten Szene aus Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976). Andre wiederum beschäftigen sich mit Animations- und Experimentalfilm.

So zu erleben, wenn Florian Zeyfang einen genuin analogen „Materialfilm“ von Birgit und Wilhelm Hein einer digitalen Übersetzung unterzieht. Kojen und ein großer altmodischer Fernseher mit Kopfhörern laden dazu ein, sich bei diesen Arbeiten hinzusetzen, zuzuschauen und einen mit dieser Ausstellung neu in die Kunstwelt der Gegenwart eingebrachten Begriff zu behirnen – denn auch Filme anschauen muss nicht immer nur ein Vergnügen, sondern darf auch eine intellektuelle Herausforderung sein.

Martin Kippenberger Modell INterconti (1987), hinten Arnulf Rainer 13 Übermalungen
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