Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der zerbrochene Krug Bühne © Wolfgang Voglhuber

DER ZERBROCHENE KRUG Trautmann überführt sich selbst

Wolfgang Böck, Erich Schleyer © Wolfgang Voglhuber

Üb immer Treu und Redlichkeit und mach´ als alter Adam der jungen Eve keine Avancen!

Der Dorfrichter Adam sitzt im wahrsten Sinne vor einem Scherbenhaufen. An solchen Tagen wie diesen sollte man sich das Aufstehen überlegen. In der Nacht davor musste er hastig aus dem Zimmer der jungen Eve retirieren, da deren Verlobter Ruprecht überraschend erschienen war. Nicht nur, dass er bei der Flucht einen überaus wertvollen Krug zerdeppert hat, zieht ihm der junge Mann noch mit der ausgerissenen Türschnalle eins über den Schädel. Er verhängt sich im Weinstock unter dem Fenster und hinterlässt ebendort als verräterisches Indiz die Perücke, das Zeichen seiner Amtswürde.

Wolfgang Böck, Hannah Hohloch, Hannes Gastinger © Wolfgang Voglhuber

Die erste Botschaft, die ihm am Morgen an die am brummenden Glatzkopf sitzenden Ohren dringt, ist zu allem Überfluss die Ankunft des Gerichtsrates Walter, der auf Revision der kleinen verlotterten Landgerichte in Bälde auch bei ihm eintreffen wird. Ein Traum verkündet ihm recht detailliert das kommende Geschehen: Er wurde von einem Kläger zum Richtstuhl geschleppt und sah sich selbst als Richter dort sitzen, der ihm „judicirt den Hals ins Eisen“, wie es Heinrich von Kleist seinen Adam im schönsten Blankvers sagen lässt. Er steht trotzdem auf und hält Gerichtstag. Irgendwas, denkt der Schlingel, wird ihm schon einfallen, um sowohl die andrängende Schar Rechtssuchender als auch den Gerichtsrat von seiner Missetat abzulenken und den Hals aus der Schlinge ziehen zu können.

Sophie Gutstein, Alexander Strömer, Andrea Köhler, Wolfgang Böck © VOGUS

Wolfgang Böck, breiten Fernsehkreisen als Traumann vertrauter Wohnzimmergast, lädt seinerseits nun in den Hof von Schloss Kobersdorf ein. Er hat selbstverständlich die Hauptrolle übernommen. Der Adam gibt ihm Gelegenheit, als grober Komödiant so richtig die Sau raus zu lassen. In der Inszenierung von Werner Prinz wird der Stoff, der eine Begebenheit des 18. Jahrhunderts erzählt, behutsam in die Zeitlosigkeit gehievt. Die Sprache bleibt erfreulicherweise dort, wo sie hingehört, eben in das kleine Dorfgericht, in dem damals ein in der Juristerei nicht gerade firmer Dorfrichter Recht zu sprechen gedachte.

Ausstattung und Kostüme? Naja, schwimmen im zeitlichen Nirwana. Die Gegenwart manifestiert sich u.a. in einer verschämt in der Garage hängenden Blechtafel mit der Aufschrift ELAN und einer Rostlaube, die ebensolche Flecken aufweist wie der Schädel von Adam. Es handelt sich dabei nur um einen der Gags, die das Geschehen immer wieder auflockern.

So singen Grete (Andrea Köhler) und Liese (Sophie Gutstein), die beiden aufgeweckten Mägde, ihrem Dorfrichter das gute alte deutsche Lied „Üb immer Treu und Redlichkeit“ ins Gewissen, und die alles aufklärende Frau Brigitte ist niemand anderer als Erich Schleyer, der mit herrlich trockener Komik den armen Adam unter der von ihr bzw. ihm gefundenen Perücke zappeln lässt.

 

Alexander Strömer gibt einen durchaus menschlichen Walter, der vor der Amtshandlung noch ein Fußbad im Lavoir nimmt und unter der Hans dem Bösewicht sogar einen Ausweg aus der mehr als blöden Situation anbietet.

Wolfgang Böck, Saskia Klar, Hannah Hohloch © Wolfgang Voglhuber

Er macht kein Hehl daraus, dass ihm Licht, der Schreiber (Hannes Gastinger) in diesem Amt vertrauenswürdiger erscheint. Der aber wachelt ab. Es dürfte doch wesentlich bequemer sein, zuzuschauen als selbst zu richten. Hannah Hohloch taucht als fuchsteufelswilde Marthe Rull mit dem zerbrochenen Krug auf und will diesen ersetzt haben. Ihr Hauptverdächtiger ist Ruprecht (Béla Bufe), Sohn des Bauern Veit Tümpel (Michael Reiter). Er hat die recht resche Eve (Saskia Klar) ganz schön hergestellt, als Schlampe bezeichnet.

Er darf sich am Ende nicht wundern, wenn sie ihm das Silberkettchen, das er ihr geschenkt hat, wieder zurück gibt und nichts mehr von ihm wissen will. Wirklich glücklich wird niemand, nicht einmal Herr Walter, der wie jeder gute Kontrolleur im Grunde nicht solche Verhältnisse, sondern ein funktionierendes Rechtssystem vorfinden wollte. „Verzeiht ihr Herren!“ sagt Adam, bevor er vor seiner eigenen Verurteilung davonläuft. Eine solche Entschuldigung wäre gar nicht nötig, denn diese Produktion der Schloss-Spiele Kobersdorf ist ein solides Stück Theater, das einen der wenigen heiteren Klassiker der deutschen Literatur einem breiten Publikum in einer absolut verdaulichen Form serviert.

Béla Bufe, Wolfgang Böck, Michael Reiter © Wolfgang Voglhuber
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