Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


How To Live Together Ausstellungsansicht

How To Live Together zwischen Erosion und Aufbruch

Goshla Macuga To the Son of Man Who Ate the Scroll 2016

Kann Kunst Rezepte zu neuem Zusammenleben bieten?

Nicolaus Schafhausen setzt große Erwartungen in die vom ihm kuratierte Ausstellung und äußert gleichzeitig den nicht gerade bescheidenen Wunsch, damit unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Da sich auf Englisch manches leichter sagen lässt als auf Deutsch, ist auch der Titel zu einem „How To Live Together“ (bis 15. Oktober 2017) geworden. Der Adressat ist eine Gesellschaft zwischen Erosion und Aufbruch, der die Kunst diesen bedenklichen Zustand zumindest bewusst machen soll. Die Probleme, die heutzutage die Menschen bewegen, aufregen oder verängstigen, sind jedoch sattsam bekannt. Viele der Themen in den ausgestellten Werken sind mit Migration, Flucht und Gewalt verbunden. Wer davon schon vom täglichen Medienkonsum die Schnauze voll hat, könnte leicht von einem Besuch der Kunsthalle abgehalten werden. Wäre aber schade, denn der Zugang seitens der Künstler zu diesen Problemen ist originell bis unterhaltsam und kann bei einigermaßen intensivem Hinschauen durchaus zu neuen Gedanken anregen.

Willem de Rooij Bouquet V. 2010

Der Konsum der zahlreichen Videoarbeiten nimmt alleine schon einen ganzen Tag in Anspruch. Da die Sprachenvielfalt dabei jedoch groß ist und die Untertitel durchwegs wieder Englisch sind, wird es manchmal mühsam, den hehren Anliegen der Schöpfer dieser Filme zu folgen.

Eine Ausnahme ist das tanzende Paar in Kiss-o-drome von Johan Grimonprez, einem Fragment aus Shadow World von Eduardo Galeano. Die Untertitel erzählen von einer Demonstration, die 1980 in der brasilianischen Stadt Sorocaba stattfand. Von der damaligen Militärdiktatur war öffentliches Küssen mit einer Haftstrafe bedroht worden, da dadurch die Moral untergraben würde. Aus Protest, so erfährt man weiter, veranstalteten die Menschen einen Tag lang einen riesigen Kussevent.

Kaspar De VosNative Kitch and Spititual Ravers 2016

Zu ähnlichen Formen friedlichen gemeinsamen Auskommens könnte das „Bouquet V. 2010“ von Willem de Rooij anregen. 95 unterschiedliche Blumen stehen für Diversität, wollen aber auch Spannungen zwischen Individuum und Kollektiv nicht verschweigen. Kann sich ja jeder seine Blume aussuchen und sich damit identifizieren, wenn´s ihm Spaß macht. Vielleicht kommt es zu Diskussionen zwischen Tulpe und Rose und angesichts einer welk gewordenen Blüte zum tiefen Seufzer über die Vergänglichkeit an sich.

Johan Grimonprez Kiss-o-drome

Abstoßend und anziehend zugleich sind die dem barocken Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt nachempfundenen Groteskbüsten von Kasper De Vos. Inspiriert wurde dazu der Künstler von der Gabber-Subkultur, einer Variante des Hardcore Techno, die in den 1990er-Jahren in den Niederlanden und in Flandern von jungen Leuten gepflegt wurde. De Vos hatte in YouTube-Videos diese Tänzer in ihrer Ekstase beobachtet und war dabei an Messerschmidts Charakterköpfe erinnert worden.

Er hat sie aus dem 18. Jahrhundert ins Heute übersetzt und lässt die lachenden, gähnenden und schreienden Gesichter auch ohne Kenntnis des ursprünglichen Auslösers auf den Betrachter wirken.

 

Als Aufruf zur Menschlichkeit will Goshka Macuga den in gespenstischer Freundlichkeit dasitzenden Androiden in seiner Arbeit „To the Son of Man who Ate the Scroll“ gesehen haben.

Ein als bärtiger Mann verkleideter Roboter gestikuliert und zitiert dabei den Besuchern aus Paul Austers Romanen und Martin Luther Kings Reden, Texte von Hannah Arendt, Friedrich Nietzsche, Judith Butler und Charlie Chaplin, allerdings so leise, dass sein Appell an Humanismus als Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Miteinander, einem gelungenen „How To Live Together“, in der Geräuschkulisse der Kunsthalle unterzugehen droht.

Sven Augustijnen Réduit, 2016
Kunsthalle Wien Logo 300

Statistik