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Ausstellungsansicht: Florian Hecker. Halluzination, Perspektive, Synthese © Jorit Aust

FLORIAN HECKER. Halluzination, Perspektive, Synthese

Ausstellungsansicht: Florian Hecker. Halluzination, Perspektive, Synthese, 2017 Foto: Jorit Aust

Sich einlassen auf „unerhörte“ Sounds

In der Szene selbst ist Florian Hecker bekannt wie ein bunter Hund, meint Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien. Gemeint ist damit ein Künstler, der mit seinen Arbeiten über die Grenze der bildenden Kunst hinausgeht, mit synthetischen Klängen Soundflächen erzeugt, die so gehört durchaus als Kompositionen zeitgenössischer Musik bezeichnet werden dürfen. Dass sie nun unter dem Titel „Halluzination, Perspektive, Synthese“ bis 14. Jänner 2017 in einem Ausstellungsraum erlebt werden können, verdanken sie, so die Erklärung dieses Phänomens, der auf ihre Architektur reduzierten Halle. Sie ist Aufführungsort, Resonanzraum und Bühne für Heckers Klangereignisse, die sich einer sprachlichen Beschreibung und Kategorisierung entziehen. Der Vorteil für den Rezipienten: Er ist nicht an einen Sitzplatz in einem Auditorium gebunden, sondern kann sich frei zwischen den Lautsprecherboxen bewegen, sich ihnen nähern, wieder Abstand gewinnen und, sollten die auf ihn eindringenden Geräusche unerträglich werden, unprätentiös den Raum verlassen.

Florian Hecker. Halluzination, Perspektive, Synthese Foto: David Avazzadeh

Über das Stiegenhaus betritt man zuerst den Hauptraum und gerät in die Klangwelt von FAVN. Gemeint ist damit eine Abstraktion zum Komplex der Psychophysik des späten 19. Jahrhunderts. Gegründet wurde dieses Teilgebiet der experimentellen Psychologie 1860 von Theodor Fechner. Sie erforscht gesetzmäßige Wechselbeziehungen zwischen subjektivem psychischen Erleben und messbaren objektiven physikalischen Reizen. Florian Hecker hat dazu Debussys Prélude à l´aprés-midi d´un faune (Nachmittag eines Fauns) und das dieser Komposition zugrunde liegende Gedicht L´après-midi d´un faune von Stéphane Mailarmés synthetisch zerlegt und mit seinen Klangmaschinen neu zusammengestellt. Man darf sich keine Ähnlichkeiten mit der damals vollkommen neuen Klangwelt Debussys erwarten, in der dieser das Schweben seines Fauns zwischen Wirklichkeit und Vorstellung durch Lösen von harmonisch und melodisch hergebrachten Grundmustern in feinem Pastell gemalt hat. Vielmehr handelt es sich um computergesteuerte Analyse, Umformung und anschließender Resynthese, mit der Hecker diese Ambivalenz fortschreibt.

 

In zwei Räumen unter den beiden Emporen werden „Affordance“ und eine eigens für die aktuelle Ausstellung „Halluzination, Perspektive, Synthese“ geschaffene Arbeit präsentiert. Im begleitenden Booklet liest man dazu, dass sie in ihrer vollständig synthetischen Qualität buchstäblich auf „unerhörten“ Sounds basieren und, was nicht gerade leicht verständlich ist, damit eine musikalische Ontologie, die kein Hörprozess vollständig erkunden kann, begründen.

Für Kuratorin Vanessa Joan Müller sind die drei Klanginstallationen audiovisuelle Werke. Sie geben erst in der Rezeption durch das Publikum ihr gesamtes tonales und psychoakustisches Spektrum preis, indem sie eine Form der Immaterialie produzieren, deren Wahrnehmung ein subjektiver Erfahrungsprozess ist. Man muss sich also darauf einlassen, um auch emotional in das Geheimnis der von Florian Heckers erzeugten Klangwelten einzudringen zu können, denn zu Sehen gibt es nichts, außer man halluziniert sich selbst Bilder im eigenen Kopf.

Florian Hecker, FAVN, processed performance still Original © Alte Oper Frankfurt, Norbert Miguletz
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