Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alles was Recht ist Ausstellungsansicht © Klaus Pichler

ALLES WAS RECHT IST Humorlos wie ein Gesetzestext

Das beeindruckende Rondell von Schloss Pöggstall

Viel Lesen bringt viel Wissen und einen verschämten Blick auf die Folterkammer

Schloss Pöggstall ist bekannt für sein mächtiges Kanonenrondell, einen Befestigungsbau, der auf das Selbstbewusstsein der damaligen Besitzer schließen lässt. Erbaut wurde es unter Kaspar von Roggendorf am Ende des 15. Jahrhunderts. Wo bis vor Kurzem die rechtsgeschichtliche Sammlung des Landes Niederösterreich mit entsprechendem Gruseln zu besichtigen war, wird im Zuge der heurigen Landesausstellung die Geschichte des Schlosses aufgearbeitet. An langen Textfahnen und per Video eingespielten Interviews mit den beteiligten Wissenschaftlern arbeitet man sich nach vor bis zu einem Schauraum mit tatsächlich beeindruckenden Exponaten. Der Kostümharnisch des Wilhelm von Rogendorf ist nur eines von etlichen Objekten, die auf den bedeutenden politischen Einfluss und die Macht dieses Geschlechtes schließen lassen. So zeigt ein Holzschnitt, den Albrecht Dürer während eines Abendessens bei den Brüdern Wilhelm und Wolfgang von Rogendorf in Antwerpen entworfen hat, in beachtlicher Größe das Wappen der Familie.

Constitutio criminalis Theresiana © Niederösterreichische Landesausstellung, Foto: Christoph Fuchs

Die eigentliche Landesausstellung beginnt ein paar Schritte weiter im Schloss selbst. Man nähert sich einem Gerichtssaal, darf diesen sogar betreten und auf einem der Bänke Platz nehmen. Seine Rolle, ob als simpler Zuhörer, als Zeuge, Schöffe oder Richter sucht man sich selbst aus. Man muss aber bereit sein, diese Verhandlung mitzuspielen. Wer will schon mit dem Gericht zu tun haben, überhaupt als Angeklagter. Zumindest ist man eingetreten in die Welt des Rechts, genauer gesagt, des Strafrechts. Auf das Zivilrecht, wird nicht eingegangen.

Bagstein in Form eines Frauenkörpers © Wr. Neustadt, Stadtmuseum, Foto: Allhartsberg, Peter Böttcher

In fünf von den Gestaltern eher willkürlich bestimmten Kapiteln wird der Besucher in seltener Humorlosigkeit belehrt, wie es sich mit dem Recht im Verlauf der menschlichen Geschichte verhalten hat und verhält. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung von Rechtsordnung und Justiz. Im zweiten Teil geht es um das Thema Strafe. Abschnitt Drei wird dem Unrecht im Nationalsozialismus gewidmet. Nicht zu sehen ist die in der Sammlung vorhandene Guillotine, auf der vielen Tausend Menschen während der Nazizeit der Kopf abgeschlagen wurde. An ihrer Stelle bechränkt man sich auf Lesestoff in Form von Walzen mit aufgedruckten Überlegungen zum Unrecht dieser Tage.

Teil Vier behandelt die historische Entwicklung der Folter, die bekanntlich bis heute sogar in manchen sich zivilisiert nennenden Teilen der Welt hemmungslos ausgeübt wird. Im fünften Abschnitt wird die Geschichte der Menschen- und Grundrechte aufgerollt. Es beginnt mit der Entstehung von Verfassungen und mündet in einer Darstellung der gegenwärtigen Verletzungen der Menschen- und Grundrechte.

Eine Gefängniszelle im Kaisersaal © Klaus Pichler

Zu sehen ist auch eine Constitutio criminalis Theresiana aus 1769. Sie war einer der ersten Versuche, Strafrecht zu vereinheitlichen. Dass darin die einige Jahre später von Joseph II. abgeschaffte Folter noch im Detail geregelt wird, vom Drehen der Daumenschrauben bis zum Ablassen vom Delinquenten, wenn diesen das Bewusstsein gnädig verlassen hat, erfährt man nur, wenn man sehr aufmerksam die Texte liest oder bei einer sehr guten Führung. Die Saaltexte an sich sind gut gemeint, aber umfangreich.

Im Kaisersaal, den normalerweise Bilder des von Joseph Fürnberg engagierten Malers G.G. Ablasser zieren, ist als Kontrapunkt zum traumhaftem Stuck an der Decke eine Gefängniszelle errichtet. Abgesehen davon, dass Fürnberg, der mit seiner Poststraße und der von ihm geförderten Glasfabrikation einen wirtschaftlichen Aufschwung in das südliche Waldviertel gebracht hat, verschwiegen wird, wird der Besucher, der Pöggstall bisher als spannende Einführung in die Rechtsgeschichte kennengelernt hatte, wenig finden, was diesen Ort davor so anziehend gemacht hat.

Sogar auf die angeblich original erhaltene Folterkammer, die Historiker jedoch als Fake aus der Habsburgerzeit enttarnt haben wollen, kann man nur einen verschämten kurzen Blick werfen. Political Correctness ist offenbar der Leitfaden dieser Ausstellung, die peinlich jede Emotion und jedes Augenzwinkern vermeidet. Alles was Recht ist, aber dieser Zugang ist einfach zu blutleer und erinnert jeden, der damit in irgend einer Form zu tun hat, an einen von ihm benutzten Gesetzestext.

Ein verschämter Blick in die Folterkammer
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