Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eugen Onegin Ensemble © Reinahrd Winkler

EUGEN ONEGIN Ein Feschak steht sich selbst im Weg

Martin Achrainer © Reinhard Winkler

Wunderschöne Klänge und große Stimmen öffnen einen Blick auf die russische Seele

Pjotr Iljitsch Tschaikowski hat seiner Oper „Eugen Onegin“ den Untertitel „Lyrische Szenen“ gegeben. Damit war in erster Linie wohl das musikalische Programm gemeint. Der Inhalt erzählt die schwer nachvollziehbare Tragödie eines Menschen, der sich selbst im Wege steht. Onegin hat alles, was er zum Glücklichsein braucht. Er besitzt genug Vermögen, hat einen wahren Freund und ist ein Feschak, der jede Frau haben könnte, wenn er sie nur wollte. Aber leider ist er mit Fadesse geschlagen und Zufriedenheit ist ihm ein Gräuel. Heiraten erscheint ihm wie eine verhängnisvolle Kombination aus beidem. So weist er die Liebe der Nachbarstochter Tatjana zurück, sucht sein Abenteuer bei Olga, deren Schwester und Verlobten seines Freundes Lenski und erschießt diesen im Zuge eines Duells. Onegin wird zum ruhelosen Wanderer. Als er bei einer Gesellschaft des befreundeten Fürsten Gremin Tatjana als dessen Ehefrau entdeckt, flammt Liebe in ihm auf, aber zu spät, denn diese Frau hat mittlerweile an Format gewonnen und widersteht ihren Gefühlen und dem stürmischen Drängen von Onegin.

Izabela Matula, Martin Achrainer @ Reinahrd Winkler

Ein solcher Typ, ein gelangweilter Schnösel und gewissenloser Aufreißer, sollte eigentlich unsympathisch sein. Alexander Puschkin, der den gleichnamigen Versroman geschrieben hat, entwickelt dennoch Zuneigung und zeigt uns einen Menschen, der von seiner Leidenschaftslosigkeit getrieben ist und einem sogar leidtun könnte. Schuld daran ist zu nicht unerheblichem Teil die Musik Tschaikowskis, die mit satten Klängen und ins Ohr gehenden Melodien einen tiefen Blick in die stets leidende und gleichermaßen zum Feiern aufgelegte russische Seele eröffnet.

Katherine Lerner mit Damenchor

Die Oper ist eines der meistgespielten Musikdramen und hat nun auch im Musiktheater Linz Eingang in das Programm gefunden. Mit Erfolg. Die Premiere am 14. April 2018 wurde bejubelt und es gab, abgesehen von einigen schwer erklärbaren Buhrufen für Regisseur Gregor Horres und Jan Bammes (Bühne und Kostüme), Applaus und überzeugende Bravos für Sänger und das Bruckner Orchester Linz (eine feste Hand in den rhythmischen Herausforderungen: Leslie Suganandarajah).

Das Bühnenbild ist eine mächtige Platte mit fest daran montierten Sesseln, die sich sowohl in der Waagrechten als auch in der Schräge für die verschiedenen Szenen praktisch einsetzen lässt. Der Chor des Landestheaters Linz wird ungemein fantasievoll geführt, zum Beispiel die Damen in bunten Krinolinen bei einem Kaffeekränzchen, das einem Gemälde aus der Hand eines russischen Gesellschaftsmalers entnommen sein könnte, oder mit den Herren gemeinsam als Schar beeindruckend singender Bauern, die ihrer Herrschaft ein Ständchen geben.

Michael Wagner © Reinahrd Winkler

Zu den Solisten: Martin Achrainer entspricht sowohl vom Aussehen als auch von der Stimme (kräftiger und zugleich lyrischer Bassbariton) der Erwartung, die man an den Helden Onegin stellt. Tatjana ist Izabela Matula, die im Gegensatz zu den anderen im Stil der Zeit (Mitte des 19. Jahrhunderts) gewandeten Mitspielern zuerst im schlichten Nachthemd und als elegante Frau Gremin mit einem unvorteilhaften Hosenanzug ihre große Leidenschaft noch dazu auf Russisch glaubhaft machen muss.

Aber wenn sie mit ihrem strahlenden Sopran voller Emotionen den Brief besingt, den sie dem Windbeutel Onegin schickt, vergisst man die kostümtechnische Einschränkung vollends. Ihr nicht mehr ganz junger Ehemann, der Fürst Gremin, hat mit Michael Wagner einen Bass gefunden, der die tiefsten Töne mit beruhigender Sicherheit auf die Bühne stellt. Dass der Dichter Lenksi am Anfang des zweiten Teiles erschossen wird, ist insofern ein Jammer, weil er zwangsläufig ab seinem Hinscheiden per Pistolenkugel nicht mehr singen kann. Rafał Bartmiński ist ein Tenor, der sowohl unten wie oben mit Stimmgewalt und gleichzeitiger Klarheit beeindruckt.

In den weiteren Rollen geben u. a. Jessica Eccleston (Olga), Katherine Lerner (Gutsbesitzerin Larina), Valentina Kutzarova (Amme) und Matthäus Schmidlechner (ein feiner französischer Tenor namens Triquet) ausgezeichnete Partien (alle in Originalsprache). Es zahlt sich also aus, nach Linz zu fahren, um gute Oper zu hören, zumal das Musiktheater mit seiner wundervollen Akustik und der optimalen Sicht von jedem Platz aus den Besuch zu einem uneingeschränkten Genuss macht.

Rafał Bartmiński, Tomat Kovacic, Martin Achrainer © Reinahrd Winkler

Rastislav Lalinsky, Julia Grüter © Yasmina Haddad

UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN Meditation über eine Kalendergeschichte

Julia Grüter © Yasmina Haddad

Musikalische „Zeit-Weichen“ durch 50 und mehrere Hundert Jahre

Johann Peter Hebel hat in seinen Kalendergeschichten einen Vorfall erzählt, der sich tatsächlich im schwedischen Städtchen Falun zugetragen hat. Er hat damit ein Begebnis weitergegeben, das die Menschen bereits zur Zeit seines Geschehens zutiefst berührt hat. Acht Tag vor der Hochzeit verunglückt der junge Mathias bei seiner Arbeit im Bergwerk. Er wird verschüttet. Seine Braut Anna trauert um ihn über 50 Jahre lang, bis man seinen Leichnam findet. Das Salz des Stollens hat ihn so jung bewahrt wie zur Zeit des Unfalls. Das mittlerweile alte Weiblein erhebt Ansprüche auf den Leichnam, da er nach wie vor ihr Bräutigam ist. Sie weiß, dass es nicht mehr lange dauert, bis sie mit ihm vereint sein wird und sagt am Schluss: „Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald und bald wird´s wieder Tag.“

 

Der deutsche Komponist Alois Bröder hat diese Erzählung seiner Oper „Unverhofftes Wiedersehen“ zugrunde gelegt und selbst nach Hebels Texten das Libretto geschrieben.

Paweł Żołądek, Julia Grüter, Rastislav Lalinsky © Yasmina Haddad

Mit einem an Klangfarben reichen Orchester führt er den Zuhörer zur Meditation über die Zeit, die in dieser Geschichte mehr als relativ wird. Was sind 50 Jahre, in denen sich ein Mensch aufgrund seines Todes nicht verändert, der andere aber alt geworden ist und dessen Gefühle trotzdem sich in keiner Weise gewandelt haben? Regisseur Gregor Horres lässt bei seiner Inszenierung in der BlackBox des Musiktheaters Linz auf stilisierten Bergwerkstollen Videos ablaufen, die einige Jahrhunderte herauf bis in die jüngere Vergangenheit die „Zeit-Weichen“, wie sie der Komponist bezeichnet, stellen. Während historische Geschehnisse in den 50 Jahren bis zum Auffinden des Leichnams wie der Tod von Kaiser Franz, der Siebenjährige Krieg oder die Teilung Polens auf der linken Seite eingeblendet werden, kommentieren Hakenkreuze, eine Aufnahme von einem Elvis-Konzert oder Katastrophen wie eine Sturmflut den engen Zeitrahmen zwischen 1670, dem Jahr, in dem das Unglück passierte, und die Auffindung von Mathias nach fast 50 Jahren.

 

Unter der musikalischen Leitung von Takeshi Moriuchi führen Instrumentalisten des Bruckner-Orchesters mit dem Chor des Landestheaters Linz die in ihrer Feinheit äußerst delikaten und technisch herausfordernden Klangbilder Bröders beeindruckend aus. Justus Seeger ist der Sprecher, der nicht ganz nachvollziehbar ständig harte Eier verzehren muss und dennoch auch mit vollem Mund deutlich die Gedanken von Johann Peter Hebel rezidieren kann. Mathias wird vom Schauspieler Paweł Żołądek dargestellt und erhält vom Tenor Xiaoke Hu seine Stimme.

Die Teilung der einen Gestalt in zwei Personen bringt feine Irritationen in den Ablauf, in dem der Tod, Rastislav Lalinsky angetan mit weißem Pelzmantel und ein auf der Projektionsfläche tanzendes Gerippe, eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Anna ist Julia Grüter, die sich von der lebensvollen jungen Frau in ein altes Weib wandeln muss, um schließlich mit Entschlossenheit ihre Anwartschaft auf den aufgefundenen Leichnam ihres Bräutigams gegen alle Zeitläufte durchsetzen zu können.

Justus Seeger, Xiaoke Hu, Julia GrüterJustus Seeger, Xiaoke Hu, Julia Grüter © Yasmina Haddad

La Damnation de Faust Chöre © Reinhard Winkler

LA DAMNATION DE FAUST Klangvoll verdammt von Hector Berlioz

Cahrles Workman, Jessica Eccleston, Michael Wagner © Reinhard Winkler

Vorsicht! Der böse Geist Méphistophélès treibt sich in Linz herum!

Goethes Faust! Eine ewig gültige Parabel für die Menschheit und das wohl bedeutendste Stück Theatergeschichte. Es ist nur natürlich, dass dieses Drama immer wieder vertont wurde und mit der Musik sein tiefgründiger Inhalt stets in einer neuen Dimension ausgelotet wurde. Hector Berlioz hat mit Almire Gandonnière nach einer Übersetzung von Gérard de Nerval mit „La Damnation de Faust“ eine Kompaktfassung geschaffen. Sie beginnt eigenartigerweise in Ungarn in der Puszta, bevor es in die Studierstube von Faust nach Deutschland geht. Es ist das Ostergeläute, das den Grübler und Zweifler vom Selbstmord abhält. Bei Berlioz werden die Glocken durch einen berückenden Frühlingsgesang des Volkes ersetzt. Umgehend erscheint Mephisto, in der Linzer Inszenierung von David Marton als Männerchor, aus dem sich der verhängnisvolle Begleiter erst nach und nach löst. Er bringt zu Unterhaltungszwecken Faust in Auerbachs Keller zu einem grölenden Haufen Besoffener, was den allseits ernsthaft Studierten aber wenig beeindruckt. Also muss mit gröberen Geschützen aufgefahren werden.

Charles Workman, Michael Wagner © Reinhard Winkler

Erlösen kann ihn nur eine Frau, die sich mit Marguerite findet. Sie wird Faust in einem Traumbild vorgeführt. Sie sehen und sich Verlieben ist eins. Mit teuflischen Tricks lässt Mephisto das Mädchen dem ihr zugeführten Mann verfallen. Sie verbringen eine Liebesnacht. Faust bleibt aber der nach seiner Erfüllung Suchende und lässt sich nicht mehr blicken. Marguerite leidet wie ein Hund und vergiftet, um bei eventuellem Erscheinen ihres Geliebten ungestört zu sein, ihre Mutter mit einem Schlafmittel, das ihr Faust für diese Zwecke gegeben hat. Während Faust, statt bei seinem Mädchen zu sein, nicht ganz nachvollziehbar durch das Gebirge irrt, erfährt er, dass sie zum Tod verurteilt wurde. Um sie zu retten, verschreibt er Mephisto seine Seele. Dieser erweist sich jedoch als wenig zuverlässig und reitet mit Faust geradewegs in die Verdammnis. Dass er während des tröstlichen Schlusschores, der Marguerite die himmlische Seligkeit verspricht, auf einer Projektion mit der Straßenbahn durch Linz fährt, darf als nicht böse gemeinte Idee des Regisseurs angesehen werden.

Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz © Reinhard Winkler

Das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Markus Poschner lässt in einer dem Komponisten Hector Berlioz entsprechend opulenten Besetzung (u. a. vier Harfen, vier Fagotte, Basstuba und Kontrabasstuba) dessen Musik klangprächtig ertönen. Chor, Extrachor, Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz sorgen für aufgeregte Volksmassen, irrlichternde Geisterscharen und eine angeheiterte Gästeschar im Weinkeller. Sie haben nicht nur zu singen, sondern auch Goethes Text zu sprechen.

Die Musik wird dadurch zwar unterbrochen, die Aufführung selbst aber wie mit einer Prise Chili pikant gewürzt. Das Bühnenbild (Christian Friedländer) besteht aus dem abrupten Ende einer Straße in einer öden Gegend irgendwo im Wilden Westen, in dem ein angejahrter Pick-up liegen geblieben ist. Die Rostlaube dürfte jedoch noch betriebbereit sein, da damit einige Fahrten unternommen werden, die in Hollywood-Manier die Insassen auf eingespielten Filmen von vorne zeigen, während im Heckfenster die Straße zur Hölle abläuft.

 

Ulf Bunde hat mit Brander als lustiger Gesell´ in Auerbachs Keller einen sehr dankbaren Kurzauftritt als Solist. Méphistophélès ist der kalte, berechnende Geist in Person von Michael Wagner. Es ist nicht nur eine Wonne, ihm beim Singen zuzuhören, sondern auch beim Sprechen. In Burgtheatermanier rezitiert er als Beifahrer von Faust Goethes Originalext. Jessica Eccleston ist eine Marguerite zum Liebhaben. Wenn sie in leiser Liebesahnung die Ballade vom König in Thule singt oder an der Abwesenheit ihres Geliebten beinahe zerbricht, und das alles mit einer wunderschönen Stimme, möchte man sie einfach in die Arme schließen und sagen, dass ja eh alles gut wird. Aber dem ist nicht so. Faust ist bei Berlioz ein Schwächling und seinen Skrupeln ausgeliefert. So lässt Charles Workman seinen Helden auch labil und willenlos durch das Geschehen treiben.

Wenn es aber darum geht, die vom Komponisten vorgegebenen Melodien umzusetzen, dann zeigt dieser Faust beachtliche Festigkeit und eine Virtuosität im Umgang mit seiner Stimme. „Hab Dank, schöne Dämmerung, du bist willkommen“ ist eine außergewöhnlich lyrische Arie, die auf Französisch natürlich noch viel schöner klingt, aber im Musiktheater mit den Monitoren auf der Rückseite des jeweiligen Vordersitzes auf Deutsch mitgelesen werden kann, ohne die Augen vom dramatischen Geschehen auf der Bühne abwenden zu müssen.

Michael Wagner (Projektion) und Chöre © Reinhard Winkler
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