Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Josephine Bloéb, Gerald Votava © Alexi Pelekanos

DER ZERRISSENE und kein Grund zum Zerreißen

Gerald Votava, Cathrine Dumont © Alexi Pelekanos

Nestroys Radikalkur gegen krankhafte Langeweile und Stroh im Hirn

Was hilft gegen Langeweile? Johann Nestroy empfiehlt dagegen ein sehr probates Rezept. Wenn sich die Fadesse bereits so tief ins Hirn wie bei Herrn von Lips geschlichen hat, kann sich die Heilung ganz von selbst einstellen. Auf der Suche nach Erlösung aus seiner Zerrissenheit, die nichts anderes ist als das Symptom einer seelischen Krankheit aufgrund des Mangels an Sensationen, verfällt Lips auf die Schnapsidee zu heiraten. Der Zustand des Gebundenseins erscheint ihm Spannung verheißend. Er will die erstbeste, die bei ihm ihre Aufwartung macht, ehelichen. Nestroy aber weiß es besser und dürfte sich bei der Konzeption der Handlung ins Fäustchen gelacht haben. Denn bei der Auserwählten handelt es sich um eine in vielerlei Männerbeziehungen vorbelastete Dame. Blöd, dass der Schlosser, der gerade ein Geländer auf seinem Schloss richten soll, ein unfreiwillig Verflossener der nämlichen Madame Schleyer ist. Es kommt zur Rauferei, bei der die beiden Kampfhähne Gluthammer und Lips in den reißenden Fluss stürzen. Warum? Der Schlosser hatte zuvor seine Arbeit unterbrechen müssen.

Josephine Bloéb © Alexi Pelekanos

Das rhythmische Gehämmer hatte die Festgesellschaft gestört und er hatte das Geländer nicht ordentlich befestigen können. Beide überleben, jedoch sind beide ebenso der Meinung, den anderen ins Jenseits befördert zu haben. Lips findet Schutz vor den gerichtlichen Häschern bei Krautkopf, wo ihn sein Patenkind Kathi liebevoll umsorgt. Sein Kontrahent taucht ebenfalls auf und wird von Krautkopf persönlich versteckt. Beim Herrn von Lips, der nun als Knecht arbeitet, hat die nestroyische Rosskur gewirkt. Er erkennt die Falschheit seiner Freunderln genauso wie das aufrechte Herz von Kathi und wächst mir ihr zu einem alles anderen als zerrissenen Ehepaar zusammen.

Haymon Maria Buttinger, Michael Scherff © Alexi Pelekanos

Regisseurin Sabine Derflinger hat vor dem Größten der Wiener Komödiendichter Respekt bewiesen. Sie hat ihn weder krampfhaft aktualisiert, schon gar nicht moralisiert und nur ganz sanft modernisiert. Nestroys Feuerwerk an witzigen Formulierungen wird zu den stimmungsvollen Klängen eines Akkordeons (ein singender Begleiter: Helmut Stippich) einfach fröhlich abgebrannt. Dazu braucht es natürlich auch das entsprechende Ensemble für alle diese typischen Nestroy-Charaktere.

Die drei Freunderln Stifler, Sporner und Wixer werden mit Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick zu richtigen Ekelpaketen, bei denen man sich wundert, dass sie nicht schon lange vor dem Showdown in die Wüste geschickt wurden. Madame Schleyer, die nur so heißt, weil sie den Schleyer genommen hat, der aber rechtzeitig das Zeitliche gesegnet hat, wird von Cathrine Dumont als aufdringliche Tussi angelegt. Sie hat nichts anderes im Sinn, als mit ihrem Handy Selfies zu schießen und sich in der Vorfreude des erheirateten Vermögens zu sonnen. Anton, der strenge, aber dennoch redselige Kammerdiener hat mit Helmut Wiesinger einen verlässlichen Darsteller gefunden, ebenso wie der Justiziar Staubmann mit Othmar Schratt. Dem Krautkopf hat man die Freude angesehen, mit der Haymon Maria Buttinger am Werk ist. Er kann halt nicht nein sagen, wenn Gluthammer ihn um Hilfe anfleht und sich in der Folge als recht unbescheidener Schutzbefohlener herausstellt. Michael Scherff darf als Schlosser so richtig den Brutalinski herauskehren und über das Stroh hadern, dass sich im Zustand als Strohwittiber in seinem Kopf festgesetzt hat.

Wenn er der herzensguten Kathi (Josephine Bloéb) die Hand drückt und diese vor Schmerz in die Knie geht, ist sie ihm trotzdem nicht böse. Sie ist ein aufgewecktes, liebenswertes Mädchen, das erst allmählich draufkommt, dass auch der verehrte Herr von Lips andere Ambitionen als die eines Taufpaten bei ihr haben könnte. Gerald Votava wandelt sich in sehenswerter Weise vom Zerrissenen zum sympathischen Wohltäter, der seine Gunst nach Einnahme von Nestroys Medizin gegen öde Langeweile nunmehr denen angedeihen lässt, die ihrer auch würdig sind.

Gerald Votava, Helmut Stippich © Alexi Pelekanos

Wichtiger Hinweis

Bis 17. Mei 2018 wird DER ZERRISSENE im Niederösterreichischen Landestheater in St. Pölten gespielt und am Mi., 4. und Do., 5. April 2018 als Gastspiel an der Bühne Baden.

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