Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Wie es euch gefällt Ensemble © Alexi Pelekanos

WIE ES EUCH GEFÄLLT Vergnüglicher Mummenschanz im Wald von Arden

Vidina Popov, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Verliebte sind Narren und Narren können durchaus Weise sein

Einer solchen Zivilisation möchte man sofort in die Wildnis hinaus entfliehen. Beherrscht wird sie von Herzog Frederick, einem Despoten, der am liebsten alle um sich verbannen würde. Zuerst trifft sein Zorn den Bruder Duke Senior, dann den jungen Orlando, der peinlicherweise seinen Ringer besiegt hat, danach Rosalinde, die Cousine seiner Tochter Celia, die mit ihr den Hof verlässt. Draußen im Wald von Arden herrscht lustiges Treiben. Duke Senior genießt das Leben in der Natur und lässt alle, die sich ihm anschließen wollen, gerne daran teilhaben, so auch den heiteren Philosophen Jaques, der ihm mit seinen Späßen die Zeit vertreibt. Sehr bald versammeln sich um ihn jedoch die Vertriebenen. Orlando erscheint mit seinem Diener Adam. Unerkannt für den Vater trifft auch Rosalinde ein, allerdings verkleidet als Bursche mit dem Namen Ganymed. Sie befindet sich in Begleitung ihrer Cousine, die sie als dessen Schwester Aliena ausgibt. Deren Begleiter ist der Hofnarr Touchstone, der sich, seines Junggesellendaseins überdrüssig, um das bärtige Bauernmädchen Audrey bemüht.

Stanislaus Dick, Katharina Knap, Bettina Kerl © Alexi Pelekanos

Weniger Glück in der Liebe hat der Schäfer Silvius bei Phöbe, einer Schäferin, die sich in den kleinen Ganymed verschaut hat, aber aus natürlichen Gründen bei ihm abblitzt. Zu allem Überfluss taucht auch Oliver auf, dem sein Bruder Orlando das Leben rettet und ihn damit vom alten Hass gegen ihn befreit. Amor verbindet Oliver mit Aliena und einer Hochzeit von vier Paaren steht nichts mehr im Wege.

Helmut Stippich, Toni Slama © Alexi Pelekanos

Das bunte Knäuel an Beziehungen, Irrtümern und Verwechslungen, das William Shakespeare mit seiner Komödie „Wie es euch gefällt“ geknüpft hat, muss erst einmal entwirrt werden. Im Landestheater Niederösterreich ist dieses Unterfangen in der Regie von Gottfried Breitfuß in entzückender Weise mit vielen intelligenten Gags und einem Haufen origineller Ideen geglückt. Im Wald von Arden wird übermütig Mummenschanz getrieben. Wald ist übertrieben, er besteht aus einem einzigen Baum.

Sogar der wird im Verlauf des turbulenten Geschehens mit einer zur Motorsäge umfunktionierten E-Gitarre umgesägt. Als Holzhacker betätigt sich Michael Scherff als guter Duke Senior und böser Herzog Frederick in Personalunion. Zu seiner Hofhaltung im Wald gehören Pfarrer Sir Oliver (Othmar Schratt) und Jaques (André Willmund), der neben dem Schauspielern ernsthaft gut Trompete spielt. Der zweite Musiker ist Helmut Thomas Stippich, der einige Musikinstrumente ebenso gekonnt wie den Edelmann Amiens und das Bauernmädchen Audrey spielt. Vielseitigkeit ist auch bei Helmut Wiesinger gefragt.

Er schafft es virtuos, sich in affenartiger Behändigkeit coram publico vom Diener Adam in Le Beau, danach in Corin, den Schäfer, und zuletzt sogar in Hymen zu verwandeln. Touchstone, der Narr, ist vielleicht der Weiseste von allen, zumindest vermittelt Toni Slama diesen Eindruck, wenn er von einer kleinen Stehleiter aus das Leben mittels seiner Bonmots erklärt. Aber auch er ist nicht gefeit vor dem Irrsinn der Liebe, über die er sich so herrlich lustig machen kann.

Wie es euch gefällt Ensembel und Katharina Knap © Alexi Pelekanos

Übler noch als ihm ergeht es jedoch Silvius (Stanislaus Dick), der aus verliebter Tollheit Räder schlägt und im Handstand Shakespeare rezitiert, um die spröde Phöbe (Vidina Popov) zu gewinnen. Lukas Spisser darf als Oliver zuerst seinen Bruder nicht mögen, um dann mit der Liebe Kraft Celia (Bettina Kerl) in Ballettmanier zu stemmen.

Orlando (Tobias Artner) und Rosalinde (Katharina Knap) hat es am schlimmsten erwischt. Der eine begeht Flurfrevel mit seinen Liebesgedichten, sie verkleidet sich als junger Mann, um ihm nahe sein zu können und ihn schließlich auch bekommt. Shakespeare hätte seine Freude gehabt mit diesem Wald von Arden, das Premierenpublikum jedenfalls war begeistert, es hat mit seinem Applaus bestätigt: „As You Like It“, wie es schon im Originaltitel heißt.

Wie es euch gefällt Ensembe © Alexi Pelekanos

Im Landestheater Niederösterreich wird Wie es euch gefällt noch bis 29. April 2017 gespielt und am 4. und 5. April 2017 als Gastspiel in der Bühne Baden. Für mehr Infos Logos unten anklicken.

Landestheater NÖ Logo 300
Bühne Baden Logo 300

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Eine hektisch zerredete Suche nach UTOPIA

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Ausgerechnet NÖ wird zur Insel der idealen Gesellschaft

Auf dem Weg einer Stückentwicklung vom Theaterkollektiv YZMA und dem Landestheater Niederösterreich führt die Reise an die sagenhaften Gestade von UTOPIA. Pate gestanden ist dafür Thomas Morus, der in einem philosophischen Dialog mit dem Titel „Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia“ von einer besseren Gesellschaft geträumt hat. Aus dem humanistischen Zwiegespräch wird in der Theaterwerkstatt ein Gefecht mit Worten, ein hektischer und lautstarker Kampf jede(r) gegen jede(n), der in ernüchternder Weise die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens beweist. Es gibt bereits auf der Fahrt einen Kapitän und eine ihm untergebene Mannschaft und auf der mit so vielen Idealen eingerichteten Insel einen Herrscher, einen Richter die Härte des Gesetzes. Zwischen diesen Fixpunkten einer angedeuteten Handlung ergießt sich über den Zuschauer ein Wust an klischeehaften Ideen für Weltverbesserung und Menschlichkeit, die in lustvoller Weise wortreich durch den Kakao gezogen werden.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Dazu kommen Videos, die an verschiedenen Orten Niederösterreichs gedreht wurden. Zu Wort kommen Menschen, die auf ihre Weise ein Art Utopia verwirklichen wollen. Heini Staudinger von der Waldviertler Schuhfabrik beispielsweise ergeht sich in salbungsvollen Reden.

Er beschließt seinen Sermon mit einem lauten Amen, um anzudeuten, dass Ironie nicht ganz ausgeschlossen ist. Ein Zisterzienserpater von Stift Heiligenkreuz ist überzeugt, dass er seine Idealvorstellung eines Lebens hinter Klostermauern verwirklichen kann. Am nächsten dran sind die Bewohner von Cohousing Pomali. Sie sehen sich als lebendige Gemeinschaft von 78 Menschen zwischen 0 und 74 Jahren, die Praktisch, Oekologisch, Miteinander, Achtsam, Lustvoll und Integrativ leben wollen.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Dem Ensemble, bestehend aus Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Florian Haslinger und Johanna Wolff, gebührt grenzenlose Bewunderung. Der Text ist ein brutales Stakkato und nahezu unmerkbar. Trotzdem schaffen es die vier jungen Leute, die frei herumschwirrenden Gedanken zu ordnen und zu einem Theaterabend zu verbinden.

Regie führt Milena Michalek, die Utopia auf zwei Projektionsflächen beginnen lässt und diese neben den Videos als beweglichen Bühnenaufbau nutzt, um die Darsteller munter herumkraxeln zu lassen. Im Grunde haben sie für sich ein Art Utopia des Theaters erfunden, dem man den Spaß anmerkt, den die Beteiligten daran haben, ungeachtet der Meinung des Publikums, das bei der Premiere durchaus von dieser Interpretation einer Suche nach Utopia angetan war.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Roppongi Ensemble © Alexi Pelekanos

ROPPONGI Bühnengerechte Essenz von Josef Winklers Roman

Katharina Knap, Vidina Popov, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

Sterben in Varanesi und Kamering

Der Kärntner Schriftsteller Josef Winkler hält sich gerade zu einer Lesereise in Japan auf, genau gesagt, im Tokioter Stadtteil Roppongi, als ihn die Nachricht vom Ableben seines 99-jährigen Vaters erreicht. Für die meisten Menschen wäre das ein Grund, das nächste Flugzeit nach Österreich zu nehmen und zum Begräbnis zu gehen. Nicht so für Josef Winkler. Ein Jahr zuvor hatte ihn der Vater verstoßen, ihm mit deutlichen Worten im Kärntner Dialekt am Telefon mitgeteilt, dass er ein Schwein sei und er nicht wolle, dass sein Sohn zum Begräbnis erscheine. Dieser habe seinem Geschmack nach die eigenen Leute in seinen Romanen zu sehr verunglimpft. Für den Schriftsteller beginnt eine die Seele zerfetzende Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Vater und mit seinem eigenen Leben, in dem er gerade diesem für ihn übermächtigen Menschen nicht nahe kommen konnte. Erinnerungen tauchen auf, Bilder von einer Indienreise, die ihn nach Varanesi geführt hat. An diesem für Hindus heiligsten Ort werden am Ufer des Ganges ihre Toten verbrannt.

Katharina Knap, Helmut Wiesinger © Alexi Pelekanos

Winkler beschreibt in einer für den Leser schonungslosen Ausführlichkeit die Rituale, die für einen fremden Zuschauer an die Grenze des Erträglichen gehen. Assoziationen zu Kamering, dem Kärntner Heimatort von Winkler und den Begräbnissen in der eigenen katholischen Familie führen zu einer bitteren Abrechnung mit Großmutter, Großvater, Vater und der übrigen Verwandtschaft. Es wird dem in Tokio verweilenden Schriftsteller im klarer, dass seine räumliche Distanz zu all dem ein Glücksfall ist. Letztendlich verschafft sie dem Sohn den entsprechenden Abstand, um sich vom Vater verabschieden zu können.

Katharina Knap © Alexi Pelekanos

Die ebenfalls in Kärnten geborene Julia Jost hat aus dem Roman eine Essenz gezogen und damit ein packendes Stück Theater gemacht. Am 20. Jänner 2017 wurde ROPPONGI im Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Jost hat in dieser Inszenierung für die Theaterwerkstatt selbst Regie geführt. Katharina Knap wird zum Autor, sie wird zur Berichterstatterin über grausam anmutende Totenrituale in Indien und über archaische Kärntner Gesellschaftsstrukturen.

Sie beschwört aber auch den inneren Kampf eines Menschen, dem das Sterben und der Umgang mit den Toten zum Mittelpunkt seiner Gedanken geworden sind. Vidina Popov mit zartem Flügelschlag ihrer Hände und ein lächelnder Tobias Artner sind die Kommentatoren dieser Auseinandersetzung. Wortlos sitzt Helmut Wiesinger auf der Bühne. Er ist der Vater, den nunmehr Sprachlosigkeit vom wortgewaltigen Sohn trennt. Auch die rüde Aufforderung „Red´ doch oder scheiß Buchstaben!“ erlösen ihn nicht aus dem Schweigen.

Schließlich sind es seine eigenen Worte, mit denen er Sohn Josef seinerzeit gequält hat. Schauplatz ist eine Art Glashaus (Bühne: Sebastian Faßnacht), zumindest dessen einzelne im Raum hängende Wände, die immer wieder durchstoßen und doch wieder zusammengesetzt werden. Der Zusammenhang mit dem Inhalt wird nicht ganz klar, aber sie geben die Möglichkeit für erstaunliche Lichteffekte, die der Fantasie den nötigen Raum zum Wandern zwischen Varanesi, Kamering und Roppongi  geben.

Helmut Wiesinger, Vidina Popov, Tobias Artner © Alexi Pelekanos
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