Kultur und Wein

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BERG. WITTGENSTEIN. ZUCKERKANDL und die Wiener Moderne

Postkarte von Koloman Moser, Josef Hoffmann, Carl Moll und Anton Hanak an Berta Zuckerkandl © ONB

Als im Salon die Sprache zum Schachspiel vertont wurde

Bei dem Begriff Wiener Moderne ist man versucht, zuerst einmal an die Maler zu denken, die sich in die internationalen Bestrebungen, mit dem Herkömmlichen, dem Gewohnten, Schluss zu machen, eingeklinkt haben. Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek öffnet mit der Ausstellung „BERG. WITTGENSTEIN. ZUCKERKANDL ZENTRALFIGUREN DER WIENER MODERNE“ (bis 17. Februar 2019) den Blick auf die geistigen Hintergründe dieser künstlerischen und auch gesellschaftlichen Revolution. Das Habsburgerreich war am Zerfallen, der Erste Weltkrieg zeichnete sich in einer heute unvorstellbaren Begeisterung für einen Krieg am Horizont ab, die Völker der Monarchie konnten einander nicht riechen und wollten weg in eine diffuse Selbständigkeit. Es gärte unter den Menschen vor allem Wiens, das – ähnlich wie heute – von einer Vielzahl von Nationen bewohnt wurde.

Alban Berg, Foto: Atelier d’Ora-Benda, 1924 © ONB

Wien war aber alles andere als ein sogenannter Schmelztiegel. Man war damals wie jetzt der Meinung, dass man, weil man Tscheche war, nichts mit einem Ungarn gemein hatte und schon gar nichts mit einem Österreicher, der deutsch sprach. Der Antisemitismus begann in diesen Tagen alle seine schrecklichen Erscheinung zu entwickeln, die ein paar Jahrzehnte später zur Katastrophe des Holocaust führten. Niemand bedachte offenbar, dass es gerade Juden waren, die Wien zu der Kulturmetropole gemacht hatten, auf die wir heute noch so gerne zurück schauen.

Ludwig und Paul Wittgenstein Noten studierend, Foto: Carl Pietzner © ONB

Mit über 200 Originalobjekten, darunter Manuskripte, Fotos, Zeichnungen, Bücher, Notenblätter, Briefe und Tagebücher werden die familiären, künstlerischen und gesellschaftlichen Netzwerke rund um den Komponisten Alban Berg, den Philosophen Ludwig Wittgenstein und Berta Zuckerkandl, einer Journalistin, deren Salons die Größen ihrer Zeit zum geistigen Austausch versammelten, dem heutigen Besucher, der sich nicht allzu viel mit diesen drei Namen anfangen kann, nähergebracht.

Die Objekte stammen großteils aus den umfangreichen Nachlässen der drei Persönlichkeiten, die sich alle in den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek befinden. Der erst 2017 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommene philosophische Nachlass Ludwig Wittgensteins wird dabei erstmals öffentlich gezeigt.

 

Dafür Begeisterung zu entwickeln, ist freilich eine andere Sache. Wer versteht schon einen Satz des 1918 vollendeten Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein?!

Für ihn waren Wörter wie Schachfiguren, mit denen er einen seiner Gedanken unkundigen Leser in drei Zügen matt setzt. Dennoch wurde der Tractatus zu einem Schlüsselwerk der abendländischen Philosophie. Alban Bergs Lulu ist Geschmackssache und eher eine Angelegenheit für Freaks der zeitgenössischen Oper. Von seinen anderen Kompositionen ist im derzeitigen Konzertbetrieb kaum etwas zu hören. Die Angst, vor einem leeren Auditorium zu spielen, ist bei Konzertveranstaltern und Musikern zu groß. Die Gespräche in den Salons von Berta Zuckerkandl sind verstummt. Geblieben ist von ihr das Gedruckte, in dem sie mit Verve, Streitlust und Pathos für eine neue Kunst eintrat. Sie war eine Verehrerin von Gustav Klimt, von dem einige ihr gewidmete Zeichnungen zu sehen sind. Die Ausstellung bringt dem Besucher diese drei Persönlichkeiten dennoch näher und erinnert daran, wie wesentlich deren Beitrag für die Entwicklung der Wiener Moderne gewesen ist.

Berta Zuckerkandl, Foto: Atelier d’Ora, 1908 © ONB
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