Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Thomas Bayrle, Tulpenfrau, 1967 Foto: Jens Ziehe © Bildrecht, Wien, 2017

THOMAS BAYRLE Zeichner von vielschichtigen Mustern

MAK-Ausstellungsansicht, 2017 THOMAS BAYRLE. © MAK/Georg Mayer

Man macht was als Künstler, weil man es eben gerne hat

Die Arbeiten des deutschen Künstlers Thomas Bayrle erfordern nächste Nähe gerade so wie entsprechende Distanz. Besieht man sie von der Ferne, steht man vor einer Pieta, einem Kleidungsstück oder einem japanischen Liebespaar nach einem Farbholzschnitt aus 1720. Geht man ganz nahe heran, öffnet sich eine Fläche, die aus einer dichten Masse unzähliger kleiner Motive besteht. Es kann sich um Handys handeln, um Schuhe, Tulpen oder um Totenköpfe. Ihre Menge ergibt ein Trompe-l'œil, wie man es aus dem Manierismus kennt. Über optische Umwege lässt es den Gegenstand erkennen, den Bayrle tatsächlich darstellen wollte, oder besser gesagt, dargestellt hat. Beide Ebenen seiner Bilder, sowohl das Große als auch das vermeintlich Kleine, sind wichtig und gleich wesentlich für deren Verständnis. Was Bayrle damit jeweils gemeint hat, klingt im Titel an. Sie entbehren nicht dem Humor und der Witzigkeit, die einen Betrachter die Vielschichtigkeit des Inhalts ahnen lassen. Der Rest wird dem Wissen um den intellektuellen Hintergrund überlassen, das man sich beispielsweise mit dem zur Ausstellung erschienen Katalog erwerben kann.

Thomas Bayrle, $, 1980 Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Wie Thomas Bayrle selbst sagt, macht er als Künstler das, was er gern hat. Er kann nicht genau sagen, warum. Es entsteht einfach nach der bedenkwürdigen Devise „Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“.

Thomas Bayrle, Verdun (Totentanz), 1987 Foto: Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Thomas Bayrle (*1937) ist gelernter Weber und Stoffdesigner. Die Arbeit des Dessinateurs hat inzwischen der Computer übernommen, der sich damit einer Technik bemächtigt hat, bei der schon vor 200 Jahren Lochstreifen verwendet wurden und die damit als frühe Vorläuferin unserer Rechner angesehen wird. Erfinder dieses bereits „digital“ gesteuerten Webstuhls war Joseph-Marie Jacquard, der damit die Textilherstellung revolutionierte. Für Bayrle sind die auf diese Weise entstandenen geheimnisvollen Inhalte eines Stoffmusters das Material für seine Kunst. Die Themen dazu bezieht er aus der Alltagskultur und seinen Überlegungen zu Politik und Wirtschaft.

So liegt ein aus Kreuzen bestehendes Kruzifix schwer auf einer Fläche aus immer gleichen Symbolen für eine von der Hochfinanz geförderte Waffenproduktion. „Verdun (Totentanz)“ nennt Bayrle dieses bedrückende Bild, einen Stempeldruck auf Leinwand aus 1987. Eine Webarbeit ist die „iPhone Pietà“, eine ungemein aufwändige Verbindung des gesamten, dem Künstler zur Verfügung stehenden Repertoires an Techniken, die vom digitalen Entwurf bis zur traditionell handwerklichen Fertigung reichen.

Die Ausstellung „THOMAS BAYRLE Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ (bis 2. April 2018) ist auf verschiedene Schauplätze des MAK aufgeteilt. Arbeiten sind im MAK DESIGNLABOR, in der MAK GALERIE und in der MAK-Schausammlung Gegenwartskunst zu finden. Der Rundgang wird damit zu einer Entdeckungsreise duch die Welt der angewandten Kunst, die sich mit dem Schaffen von Bayrle faszinierend verquickt.  In der Säulenhalle betritt man im wahrsten Sinn des Wortes ein Werk von Bayrle, das aber erst entschlüsseln werden kann, wenn man sich in den ersten Stock hinauf begibt. Mit dem Blick von oben fügen sich die Handys zu einem Bild mit dem Titel „iPhone meets Japan“ zu dem oben erwähnten Liebespaar aus 1720. Die Installation wurde eigens für diese Ausstellung geschaffen, als Tribut an die zwischen Neorenaissance und Industriearchitektur angesiedelte Säulenhalle, vor deren Mixtur an Stilen und der Dichte seiner Dekorationen Thomas Bayrle nach eigener Aussage ungemeinen Respekt verspürte und diesen auch in seine Arbeit einfließen ließ.

iPhone Pietà
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