Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Lederstempel, BUCHEINBÄNDE DER WIENER WERKSTÄTTE © MAK/Georg Mayer

BUCHEINBÄNDE DER WIENER WERKSTÄTTE als bibliophiles Gesamtkunstwerk

MAK-Ausstellungsansicht, 2017, BUCHEINBÄNDE DER WIENER WERKSTÄTTE © MAK/Georg Mayer

Frosch-, Kröten- und Krokodilleder als Zierde einer Bücherwand

Es war der Gedanke an das Gesamtkunstwerk, das Entwerfer und Handwerker der Wiener Werkstätte auch zum Buch greifen ließ; nicht um darin zu lesen, sondern um es möglichst prächtig oder ausgefallen zu umhüllen. 1905 löste ein Zeitungsartikel in der Wiener Sonn- und Monatagszeitung einen „Kampf gegen die schrecklichen, roten, goldverzierten Einbanddecken unserer Prachtwerke“ aus. Die Inspiration für die Wiener Werkstätte kam vom Arts and Crafts Movement, das auf den britischen Inseln bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ausgelöst worden war. Einer deren Begründer war William Morris, Maler, Architekt, Dichter, Kunstgewerbler, Ingenieur und Drucker. Seine Kreationen lieferten Josef Hoffmann und Koloman Moser entscheidende Impulse, so auch bei den Bucheinbänden.

Josef Hoffmann, Bucheinband mit Originalschuber © Sammlung Ernst Ploil

Engagiert wurde dazu der renommierte Buchbinder Carl Beitel, der von ihnen zum Geschäftsführer ihrer Buchbinderei eingesetzt wurde. Höchste Qualität der manuellen Fertigung war damit ebenso gesichert wie die originelle Gestaltung der Bücher, bei denen es sich Beitel nicht nehmen ließ, sie wie ein Schmuckstück mit seinen Initialen CB zu punzieren.

Josef Hoffmann, Entwurf für einen Einband des Buches © MAK

Das MAK, das auch diesbezüglich über entsprechende Sammlungen verfügt, widmet den Bucheinbänden erstmals eine eigene Ausstellung – vielleicht gerade noch rechtzeitig, um in einer Zeit, in der das Buch bereits mit dem Rücken zu Wand steht, auf die Möglichkeit eines bibliophilen Schatzes hinzuweisen. Mit ca. 70 Büchern aus Privatsammlungen von Ernst Ploil, Gastkurator, und Richard Grubman wird die Schau zu einem faszinierenden Rückblick auf eine Zeit, als es auch noch ein haptisches Vergnügen machen sollte, ein Buch zum Blättern oder Lesen in die Hand zu nehmen.

Leder in vielen Variationen umhüllt die gebundenen, mit durchaus lesenswertem Text bedruckten Blätter, so auch Frosch-, Kröten- und Krokodilleder, das zum Teil erhaben aufgebracht wurde und allein schon deshalb verbietet, das Buch einfach irgendwo in einer Bücherwand verschwinden zu lassen.

 

An den Wänden des Kunstblättersalls zeigen 40 originale Entwurfszeichnungen den gedanklichen Prozess bis zum fertigen Prachtband. Rund 500 Lederstempel vermitteln dazu eine Ahnung von der Handarbeit, die damit verbunden war. Die Kunst des Buchbindens bestand darin, Ideen nur soweit umzusetzen, als die Struktur des Materials nicht dagegen spricht, heißt es sinngemäß im Begleitext zu dieser Ausstellung, die bis 28. Mai 2017 zu sehen ist.

Die Einbände sind Ausdruck des Credos der Wiener Werkstätte „gutes Material und technisch vollkommene Durchführung“ und zeigen ein breites Repertoire an technischen Möglichkeiten. Zu bewundern sind Ledereinlegekunst, Blinddruck, Handvergoldung und Lederflechten. Nach 1918, man hatte den Ersten Weltkrieg hinter sich gebracht, wurde das Dekor noch um einiges verspielter und üppiger. Bei den Entwürfen mischten nun auch Frauen mit, so die Künstlerinnen Irene Schaschl-Schuster, Mathilde Flögl oder Maria Likarz-Strauss. Ihre Arbeiten zeichnen naturalistische figürliche Motive und Blumen aus, ganz im Gegensatz zu dem von Josef Hoffmann entworfenen Dekor, dessen raffinierte Einfachheit bis heute auf den ersten Blick als Arbeit der Wiener Werkstätte zu erkennen ist.

Josef Divéky, Bucheinband , Ausführung: Wiener Werkstätte, 1911 © Sammlung Richard Grubman

MAK-Ausstellungsansicht © MAK/Georg Mayer

GLÄSER DER EMPIRE- UND BIEDERMEIERZEIT Gesammelte Schätze

nton Kothgasser (1769–1851), Ranftbecher mit Fischen © MAK/Hanady Mustafa

Gläser eher zum Anschauen als zum Trinken

In weit abgelegenen Waldgebieten Böhmens und des Waldviertels entstanden damals Kunstwerke, die bei Hofe und den Palais, aber genauso in betuchten bürgerlichen Haushalten der Kaiserstadt reißend Absatz fanden. Ende des 18. Jahrhunderts, also in der Zeit von 1780 bis 1840, erlebte die Produktion von prächtig gestalteten Trinkgläsern einen Höhepunkt. Man kann sich schwer vorstellen, dass daraus getrunken wurde. Man hielt sich die Gläser wohl zum Herzeigen, präsentierte sie in hübschen Vitrinen, um sich am Staunen der Besucher über die Kunst der Glasmacher und das eigene finanzielle Vermögen zu laben. Die Gläser waren selbstredend nicht wohlfeil und lassen bis heute ahnen, was es bedeutete, sich solche Artefakte anschaffen zu können. Gleichzeitig boten die Gläser Stoff zur Konversation. Waren es die Motive, die die Wand oder den Boden zierten, die raffinierte Technik, mit denen Medaillons und unglaubliche Farben aufgebracht waren, oder das handwerkliche Vermögen, aus dem spröden Material der sogenannten „Steingläser“ sensationelle Formen zu schneiden.

Joseph Mildner (1765–1808) © Graphisches Atelier Neumann

Selbstverständlich kannte man die Namen der Meister, die ihren Erfindungsreichtum für ausgefallene Designs glänzen ließen und damit untereinander eine äußerst fruchtbare Konkurrenz erzeugten.

 

Joseph Mildner war zweifellos ein Star der Szene. Er betrieb seine Werkstatt in Gutenbrunn im südlichen Waldviertel. Die einzige brauchbare Verkehrsverbindung in diese damals noch mit dichtem Wald bestandene Gegend hatte ein Unternehmer namens Joseph von Fürnberg mit einer Poststraße geschaffen. Holz gab es genug und auch anderes für die Glasmacherei benötigtes Material. Die Glashütten waren auch bedeutende Arbeitgeber. Sie waren ein Anziehungspunkt für die Gesellen, die auf der Bühne vor dem glutheißen Ofen mit der Pfeife unter gesundheitlich bedenklichen Umständen das Glas in die von Mildner erdachten Formen bliesen, die Kugler, die für die letzten Schliff verantwortlich waren, und alle die anderen Könner, die für den feinen Goldschmuck und die teils transparent gemalten Miniaturen verantwortlich waren.

 

Das alles sollte zumindest im Hinterkopf mitschwingen, wenn man bewundernd vor solchen Gläsern steht. Bis 17. April 2017 bietet das MAK dazu erstmals seit 1922(!) ausreichend Gelegenheit. Titel der Ausstellung: GLÄSER DER EMPIRE- UND DER BIEDERMEIERZEIT. Sie stammen aus der Sammlung des MAK und der Glassammlung Christan Kuhn.

Zu sehen sind 360 ausgewählte Objekte, die, so das MAK, einen Einblick in die technischen und künstlerischen Entwicklungen dieser Zeit geben. Neben den sensationellen Kreationen Mildners (1765-1808) sind Arbeiten aus der Werkstatt des Samuel Mohn (1762-1815) und seines Sohnes Gottlob (1789-1825) sowie von Anton Kothgasser (1769-1851) vertreten. Der Glasschnitt als eine der schwierigsten Arten der Glasbearbeitung hatte ebenfalls im Biedermeier Hochkonjunktur. Die dazu präsentierten Beispiele stammen zum guten Teil aus der Sammlung Christian Kuhn, deren Fokus auf Steingläsern liegt. Gezeigt werden dazu unter anderem Arbeiten von Friedrich Egermann aus Nordböhmen, dessen „Lithyalinen“ effektvoll verfärbte, inhomogene Teile und verschiedenfarbige Oberflächen auszeichnen. Sie bauen bereits eine Brücke zu den Gläsern, die hundert Jahre später für Wien typisch waren und in der gleichzeitig laufenden Ausstellung DAS GLAS DER ARCHITEKTEN, Wien 1900-1937 ebenfalls bis 17. April 2017 zu erleben sind.

Lithyalinbecher, Veredelung: Friedrich Egermann © Graphisches Atelier Neumann
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