Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

Mosel: Ein Reisebericht zur Weinseligkeit

Von den Römern zum Nacktarsch

Wein ist ein verlässlicher Begleiter der Mosel. Er gedeiht auf steilen Hängen entlang ihres gewundenen Laufes von der alten Bischofsstadt Trier bis zur Mündung in den Rhein in Koblenz. Geerntet und gekeltert wird er noch von vielen kleinen Winzern in mühsamer Handarbeit und von ihnen selbst in der Straußwirtschaft kredenzt; möglichst in einem der pittoresken Fachwerkhäuser, die nahezu aus jeder Ortschaft eine Sehenswürdigkeit machen.

 

  

Eines der großen Rätsel an der Mosel ist zweifellos die Herkunft des Namens Nacktarsch in Verbindung mit dem Städtchen Kröv. Wissenschaftler haben sich darüber bereits den Kopf zerbrochen und sind sich trotzdem nicht einig. Die einen schieben es Mönchen zu, die sich wunderten, dass auf dem kahlen Felsen, einem „nackten Arsch“ hinter dem Ort, so gute Reben gedeihen. An einer weiteren Variante sind ebenfalls Kirchenherren schuld. Die Kröver mussten für ein Kloster Trauben ernten. An einem einzigen Tag durften sie für ihre eigenen Keller lesen. Um diesen Ertrag zu schmälern, ließ der Abt Essen zubereiten, das Durchfall provozierte. Alle Kröver hockten hinter den Weinstöcken, außer einem. Dieser ließ lediglich die Hosen fallen und arbeitete fleißig weiter. Kommentar des Klostervogtes: „Diesem Nacktarsch werde nicht einmal ich Herr!“ Sprachforscher hingegen vermuten den Ursprung dieses deftigen Namens im keltischen Wort „nackars“ für felsige Höhe. Die beliebteste aller Deutungen ziert jedoch jede Weinflasche in Kröv: Der Kellermeister hält einen strampelnden Buben unter den Arm geklemmt und versohlt diesem den nackten Arsch, angeblich als Folge unerlaubten Weingenusses der männlichen Jugend.

Kienheim und Lösnich

 

"Römerschiff" in Neumagen-Dhron

Wie schmeckt nun dieser Wein, der dort den Alltag bestimmt. Kurz gesagt: so gut, wie ihn jeder einzelne Winzer macht. Kommt hierzulande die Rede auf den Moselwein, wird schnell die Nase gerümpft: sauer und trotzdem süßlich! Ein Vorurteil, das mit dem ersten Schluck Steffensberg selektive Handlese feinherb umgehend revidiert wird. Zugegeben, es gab Zeiten, in denen man mit Quantität zu punkten versuchte und die Qualität dabei auf der Strecke blieb.
Inzwischen hat man sich jedoch auf die wahren Stärken des Weinanbaugebietes Mosel (bis 2007 Mosel-Saar-Ruwer) besonnen und versteht es, diese in großartige Weine umzusetzen.
 

Auf den ersten Blick scheinen die Voraussetzung nicht die besten zu sein. Als Moselle entspringt der Fluss in Frankreich, folgt der Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland weit in den kühlen Nordosten. Ab Trier gräbt sich die Mosel mit vielen Windungen tief zwischen die beiden witterungsmäßig eher herben Mittelgebirge Hunsrück und Eifel ein und mündet am Deutschen Eck in Koblenz in den Rhein.

Freitreppe im Weingarten


Hier gibt´s Moselwein zum günstigen Preis

Erfahrene Winzer wissen, dass jede noch so kleine Veränderung in diesem System große Veränderungen am Wein nach sich zieht. Es braucht nur ein Stück vom Wald gerodet oder ein Felsen gesprengt zu werden und schon fehlt es im späten Herbst an den notwendigen Zucker- oder Säuregraden.

Es ist eine Plackerei, die Arbeit im Steilhang, und viele kleine Betriebe denken ans Aufhören. Doch – Gottlob! – stehen diesen müden die engagierten Winzer gegenüber. Sie sehen im Steilhang die Zukunft der Mosel und haben sich seiner Rettung verschrieben. BREVA, gebildet den Ortsnamen Bruttig-Frankl, Ernst und Valwig, ist einer dieser Wege, genau genommen ein Wanderweg, auf dem die Gäste am eigenen Leib erfahren können, wie mühselig allein das Auf und Ab im „Wingart“ ist. Man braucht sich dann nur mehr die mit Trauben gefüllte Kiepe (Putte) am Rücken vorzustellen, um das nächste Glas Wein mit größerem Bedacht als bisher zu trinken. An der Mittelmosel gibt es die Bergrettung, einen Verband junger Weinbauern aus Kröv, Traben-Trarbach, Wolf, Enkirch und Reil, alles Ortschaften, die entlang des Handschuhs liegen. So nennt man diesen Teil der Mittelmosel, da sich der Verlauf der Flussschlingen auf der Landkarte tatsächlich wie ein Fäustling ausnimmt.

Die Winzer, die sich in jugendlicher Bescheidenheit als Klitzekleiner Ring bezeichnen, sind im wahrsten Sinne des Wortes zur Rettung der Weinberge angetreten. Sie nehmen sich um eine brache-gefährdete Steillage an, fechsen aus den alten Stöcken wunderbaren Wein zu gutem Preis, erregen damit das Kaufinteresse anderer Winzer, verkaufen den geretteten Berg und nehmen sich die nächste gefährdete Steillage vor.

Manche der Hänge sind selber prominent genug, um „ihren“ Wein über bekannte Winzer unter die Leute zu bringen. Es gibt kein Heimkommen von der Mosel ohne ein paar Flaschen vom Erdener Treppchen, eine Felslandschaft nahe Bernkastel-Kues, oder dem Calmont, dem steilsten Weinberg Europas zwischen Ediger-Eller und Bremm, mit der stolzen Erinnerung, alle diese Klettereien tatsächlich auch bestanden zu haben.

Der römische Tempel, der auf den Höhen des Calmont von Archäologen rekonstruiert wurde, beweist die große Tradition des Moselweines. Spätestens ab der Zeitenwende, man nimmt sogar an, mit den Kelten ein halbes Jahrtausend davor, war der Weinbau an die Mosel gekommen. Die römischen Legionäre bekamen als Teil ihres Solds Wein zugeteilt. Wie er geschmeckt hat, kann man nur vermuten. Wie und aus welchen Trauben er hergestellt wurde und wie er gehandelt wurde, ist dagegen sehr gut erforscht.

Kellerabgang in Erden

 

Stiegenaufgang in einem Weingarten bei Traben

Zu sehen gibt es eine Nachbildung, das Original befindet sich im Landesmuseum Trier. Das authentische Erlebnis einer antiken Flussfahrt jedoch bietet das getreu nachgebaute Weinschiff namens Stella Novomagi, auf der sich der Besucher sogar selbst in die Riemen legen kann.

Erst ab dem 19. Jahrhundert erleichterten Dampfschiffe und Eisenbahn den stets mühseligen Transport. Einer der ersten Nutznießer war das Städtchen Traben-Trarbach. Dort, so ist zu erfahren, sei die Mosel in Flaschen abgefüllt und als Wein verkauft worden. Sofern dieses Bonmot aus dem Munde des Trabeners Rolf Zang kommt, handelt es sich nicht um neidische Ironie, sondern um fein kaschierten Stolz auf einstige Größe. Herr Zang, bekannt für launige Führungen durch die bemerkenswerte Kellerwelt des Doppelstädtchens, erzählt, dass um 1880 Traben-Trarbach nach Bordeaux die zweitgrößte Weinhandelsmetropole Europas gewesen ist.

Begünstigt wurde diese unglaubliche Entwicklung durch den Umstand, dass es sich um eine evangelische Enklave an der im Übrigen katholischen Bevölkerung an der Mosel handelte. Zang: „Der Wein wurde zu den protestantischen Brüdern nach England und Holland exportiert“, eine Klientel, die bis heute für die verlässliche Abnahme des ausdrücklich als „lieblich“ bezeichneten Weines sorgt.

Über der Erde hat der damals erworbene Wohlstand zu einem an der Mosel eher untypischen Ortsbild geführt. Wo andernorts noch malerische, aber letztlich biedere Fachwerkhäuser dominieren, präsentiert sich Traben-Trarbach als Jugendstilmetropole. Der p.t. Gast, der heute noch standesgemäß und stilvoll per Raddampfer anreisen kann, wird vom Moselschlösschen und dem Hotel Bellevue, zwei architektonischen Juwelen dieser Epoche, empfangen.

Auch der ökonomisch Reisende ist an der Mosel ausnehmend gut aufgehoben. Ältere Herrschaften, also Leute, die das Arbeitsleben hinter sich gelassen haben und damit über genügend Zeit und Lebensfreude verfügen, ziehen wochenlang mit ihren Campingwagen von einem Standplatz zum nächsten. Der Tag bietet in Fahrraddistanz eine Fülle an Sehenswürdigkeiten.

 

Historische Städte mit nahezu ungestörtem mittelalterlichem Ambiente reihen sich wie Perlen entlang des Ufers aneinander, jede mit ihrer besonderen Attraktion, zum Beispiel der Reichsburg in Cochem, dem historischen Marktplatz in Beilstein mit Klostertreppe und -kirche mit der berühmten Schwarzen Madonna, der Burg Eltz und dem Merowingerkreuz (Basaltlava, 7. Jh.), der ältesten Monumental-Darstellung des gekreuzigten Christus nördlich der Alpen in der Gemeinde Moselkern, der Klosterruine in Wolf oder der großen Sonnenuhr im Ürziger Würzgarten, von der die Winzer einst auch aus der Ferne die Zeit ablesen konnten.

Dreigiebelhaus in Kröv


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Ob es an der Mosel dafür, also für unerlaubtes Weintrinken, überhaupt je derart handgreifliche Sanktionen gegeben hat, darf bezweifelt werden, ja, vielmehr: war Weintrinken an der Mosel jemals nicht erlaubt?! Schon bei der Erschaffung des Menschen, so wird erzählt, hätte der Liebe Gott mit einem sanften Fußtritt zuerst den Hunsrücker aus einem Holzstamm und den Menschen in der Eifel aus einer Erdscholle geholt und von beiden eine grobe Antwort erhalten. Freundlich hingegen war der Moselianer, der aus dem Weinstock hervorging. „Erst trink ma mol a Fläschle Wein und dann können ma ja drüber rede´“, sagte der und hält sich seither treu an dieses Motto.
 

Man kann mit dem Schiff unterwegs sein und gemächlich Weinhänge und reizende Ortschaften an sich vorbeiziehen lassen, an einem der zahlreichen Weinfeste teilnehmen oder zu Fuß die Klettersteige in den weltberühmten Steillagen erklimmen, ohne einen guten Schluck geht’s einfach nicht. Vorsicht: sollte man auf ein selbst gelenktes Fahrzeug, egal ob Auto oder Fahrrad, angewiesen sein, ist auch an der Mosel Enthaltsamkeit geraten.

Moselschleife am Calmont

Ihre Ufer mit dichtem Waldbestand an der Oberkante sind steil, steinig und unwegsam.
Trotzdem hat man Weinstöcke zwischen die Felsen gesetzt und versteht es seit jeher, scheinbare Nachteile in einen Vorteil zu wandeln. Die Hauptsorte ist der Riesling, ein rassiger, fruchtiger Weißwein, der eigens für die Mosel geschaffen zu sein scheint. Er benötigt exakt dieses Terroir, dieses sensible Zusammenspiel aus Geologie, Klima und Kultur, das hinter der unverwechselbaren Persönlichkeit des Moselweines steht.
 

Zum Teil wachsen die Rebstöcke in fast senkrecht aufragenden Felswänden, mit Steigungen, die von den Winzern nur per Schrägaufzug bewältigt werden können. Der Untergrund ist Urgestein, hauptsächlich Schieferplatten. Sie speichern jedoch wie kaum ein anderes Gestein die Wärme der Sonne, die fast senkrecht auftrifft, und mildern die Nachtkälte, die mit rauen Winden aus dem Hunsrück und von der Eifel herabfällt. Gleichzeitig hält der poröse Schiefer das Wasser und gibt dem Wein seine Mineralität, den soliden Grundgeschmack neben der frischen Frucht.

Bernkastel-

 

Kues (Nikolaus von Kues Stiftung)

Den Einstieg in die Frühgeschichte des Moselweins bietet die alte Römerstadt Trier. Ein Pflichtbesuch sind neben der Domkirche, der Konstantinbasilika, den Kaiserthermen und der Porta Nigra die weitläufigen Keller der Bischöflichen Weingüter in der Gervasiusstraße. Zwischen endlosen Reihen von Holzfässern mit Weinen aus den bekanntesten Lagen von Mosel, Saar und Ruwer stößt man auf ein Stück römische Wasserleitung. Immerhin wurden damals in der größten Stadt nördlich der Alpen an die 40.000 Einwohner mit Wasser versorgt.

Wein dagegen war Luxus. Gewonnen wurde er aus der Elbling-Traube, vom lateinischen alba, weiß. In den Bischöflichen Weingütern hat man mit einem Elbling 2009 nach mehr als eineinhalb tausend Jahren das römische Erbe wieder aufgenommen, allerdings mit dem Know-how einer der größten und modernsten Kellereien an der Mosel.

Röm. Wasserleltung im Keller der Bischöfl. Weing.

 

 Trier, in der Porta Nigra

Entlang der gesamten deutschen Mosel, zum Beispiel in Erden oder Brauneberg, finden sich römische Kelteranlagen. Sie wurden freigelegt und so gut instand gesetzt, dass auf ihnen wie ehedem die Trauben gepresst werden können. Um das Produkt an den Konsumenten zu bringen, war bereits eine ausgeklügelte Logistik entwickelt worden. Der Fluss wurde, soweit es die damaligen Verhältnisse zuließen, als Verkehrsweg genutzt. In Neumagen-Dhron stieß man auf ein aus Stein gehauenes Weinschiff, vermutlich Teil des Grabmals eines römischen Weinhändlers.

Sucellua, gallo-römischer Schutzgott

 

Keller am Doctorberg in Bernkastel-Kues

Zur spielerischen Vertiefung des Moselwissen empfiehlt sich der Besuch des Weinkulturellen Zentrums in Bernkastel-Kues, einem modern gestaltetes Museum, in dem sich der Besucher an interaktiven Stationen in die Welt des Moselweines touchen und an der Duftbar sogar schnüffeln kann, mit anschließender Besichtigung der Nikolaus von Kues Stiftung und dem Besuch der Vinothek, in der die besten Moselweine auf einem Platz versammelt wurden.

An den Abenden warten die Straußwirtschaften, unsere Heurigen. Sie servieren den Schoppen, ca. zwei Zehntel Liter, zu einem sensationellen günstigen Preis und dazu einfaches Essen. Nicht versäumen sollte man das Cräwes, eine deftige Winzerspeise aus Erdäpfelpüree und Sauerkraut mit Speck und Schweinerippchen, den Spießbraten und den Flammkuchen. Am würdigen Abschluss steht garantiert wieder ein Glas Wein, ein Riesling halbtrocken beispielsweise, natürlich Kabinett Spätlese, von einer der steilen Rieden, durch die man sich ein paar Stunden zuvor noch redlich zu Fuß gemüht hat.

Noch mehr Bilder von der Mosel

Felswand im Wingart bei Lösnich

 

Grevenburg bei Traben-Trarbach

 

 

Erden: Fachwerkhaus

 

Abendstimmung im Wingart bei Kröv

Schifffahrt auf der Mosel

 

Traben-Trarbach: Brückentor

 

 

Erden: Fachwerkhaus

 

Rieslingtraube

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