Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Mostviertel: Königinnen und Barone geben sich die Ehre

G´sundheit!

Sollst leben!

Man mag es ja geahnt haben, dass in den mächtigen Vierkantern nicht einfaches Volk hausen kann. Diese Gehöfte, die aussehen wie wehrhafte kleine Burgen, sind nicht selten Residenzen von Königinnen und Baronen. Die bodenständige Architektur dieser bäuerlichen Ansitze prägt die Landschaft im Westen von Niederösterreich zwischen Wienerwald und Enns. Eingebettet sind sie malerisch in eine hügelige Landschaft, deren Horizont nicht selten von Obstbaumreihen abgeschlossen wird.

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r.o.: Nö Mostköniginnen Christina Schmatz und Lydia Wieser

l.o.: Im Frühling schmücken die Obstbäume mit ihrer weißen Blütenpracht das Mostviertel

l.u.: Denkmal der Mostbirne bei Amstetten

Die Prinzessinnen, Königinnen und Barone sind jüngeren Datums. Sie verdanken ihren Adel dem Most. Dieses archaische Getränk, hergestellt aus herben Mostbirnen, hatte Ende des 20. Jahrhunderts ein Tief durchgestanden. Die knorrigen alten Bäume fielen der Flurbereinigung zum Opfer, anstelle von Most wurde Bier getrunken. Um ein Haar wäre der Namengeber des Mostviertels vergessen worden – bis man sich in den 1980er Jahren wieder darauf besonnen hat, welch einmaligen Schatz man eben zu vernichten im Begriff ist.

 

In der Zwischenzeit hat sich der Bestand in Birnbäumen bestens erholt. Man spricht von 1.000.000 Stück, die in den Streuobstwiesen wieder wie ehedem das ganze Jahr über für ein zauberhaftes Bild sorgen; im Frühling mit weißem Blütenrausch, im Sommer mit angenehmen Aussichten auf kühlen Schatten, im Spätherbst mit einer Farbenpalette, wie sie einem Maler der Romantik gut anstünde, und im Winter mit bizarrer Melancholie.

o.: Mostbaronin Doris Hausberger führt durch die Mostelleria

u.: Herzerwärmender Mostello

Und nebenbei erfährt man auch den Hintergrund der endemischen Nobilität. Ein Mostbaron ist einer von derzeit 21 Auserwählten aus Mostproduzenten, Edelbrennern, Gastronomen und Hoteliers, denen diese Auszeichnung verliehen wurde. Stolz wird der Hut mit Federbusch getragen und die Birne im Wappen geführt. Hübsch, g´scheit und nicht auf den Mund gefallen sind Voraussetzung zur Ernennung als Mostköniginnen und -prinzessinnen. Der jüngste Hochadel, vertreten von Christina Schmatz und Lydia Wieser (siehe Foto ganz oben), sind beredet Beispiele für eine geglückte Kür.

 

Beschlossen wird der launige Umtrunk üblicherweise mit einem Stamperl. Das Mostviertel verfügt über ein erstaunliches Potential an erstklassigen Edelbränden. Sie reichen vom sorgfältig destillierten Birnenbrand bis zu Raritäten wie den Edelbränden aus der Elsbeere (Adlitzbeere) oder den Pielacher Dirndln (Kornellkirschen).

 

Wenn schon Genuss, dann in allen seinen Möglichkeiten. Der meist ungewollte Zufalls-Essig, der sich sommers einst der Fässer bemächtigt hat, wurde gekonnt gezähmt. Am Hof von Mostbaron Leopold Reikersdorfer wird sogar aus Nüssen Essig gemacht und aus Birnensaft ein süßer Balsam.

 

Der Phantasie sind beim Most offenbar keine Grenzen gesetzt, beziehungsweise wird weit darüber hinausgeschaut. Josef V. Farthofer, Betreiber der Mostelleria in Öhling, hat für seinen Mostello gedankliche Anleihen im Duero-Tal (Portugal) genommen. Wie beim Portwein wird nun auch im Mostviertel gespriteter Most hergestellt, nach der klaren Formel, dass nur feinster Birnenbrand und bester Birnenmost in aller Ruhe dieser genussvollen Region zu diesem bisher einmaligen Dessertwein heranreifen dürfen.

Im Norden zieht die Donau die Grenze. Im Süden erheben sich die Alpen, dominiert vom Ötscher, dem Altvater, wie er in Urzeiten von den Bewohnern dieser in vielerlei Beziehung gesegneten Gegend ehrfürchtig genannt wurde.

 

Die Menschen dieses Landes haben ihren natürlichen Adel erhalten, bis heute, und sie scheuen sich nicht, noble Titel zu führen; zwar mit einem Augenzwinkern und einem Seitenblick auf die Werbewirksamkeit für regionale Vermarktung, durchaus aber mit dem Selbstbewusstsein, die ihnen ihre Verbundenheit zu Grund und Boden verleiht.

 

Ihr ältester Stand sind die Schwarzen Grafen der Eisenwurzen. In den engen Tälern im Süden des Mostviertels treiben bis heute ungestüme Bäche und Flüsse deren Hammerwerke, die einst für gediegenen Reichtum gesorgt haben. Zeiten und Produktionsmethoden mögen sich geändert haben, aber viele der alten Werkstätten, in denen wie vor Hunderten von Jahren Werkzeuge geschmiedet werden, haben diesen Wandlungen getrotzt. Zum Teil wird noch gewerblich an der Esse gearbeitet, zum Teil werden liebevoll Schauschmieden betrieben, um eine große Vergangenheit am Leben zu erhalten.

o.: Mostbaron Leopold Reikersdorfer mit Moststurm

u.: Auch aus Nüssen kann man Essig machen

Der Most selbst hat in den Jahren seiner „Durststrecke“ eine gewaltige Läuterung durchgemacht. Noch vor 40, 50 Jahren galt er als österreichische Nationalsäure und das beleibe nicht immer zu Unrecht. In der Zwischenzeit hat er sich zu einem ernstzunehmenden kulinarischen Speisenbegleiter und Durstlöscher gemausert. Er darf sortenrein ausgebaut und kritisch degustiert werden, ganz wie sein Verwandter der Wein, der – nebenbei bemerkt – im Traisental ebenfalls ein hochqualitatives Genussprodukt des Mostviertels ist.

 

Freilich kann man den Most längst in unseren Supermärkten erstehen. Wie so oft kommt aber auch hier eine alte Binsenweisheit zum Tragen: Die feinste Kreszenz aus grüner Pichl, Gelbmostler, Speck- oder Dorschbirne schmeckt um vieles besser dort, wo sie gemostelt wurde. Man darf sicher sein, nur autochthone Früchte im Aroma und am Gaumen auszunehmen.

 

„G´sundheit“ heißt hier das Prost und wird artig mit dem frommen Wunsch „Sollst leben!“ beantwortet. Ein Glas Most schließt Gastfreundschaft und erzählt von Land und Leuten. So wurde der beste Most dem Taufpaten aufgetischt, der Gödnmost, der nun den süßeren Godnmost als weibliches Pendant erhalten hat. Der Jungspund ist der kraftstrotzende Neue, der sich, kaum noch den Fässern entwachsen, mit erstaunlicher Reife präsentiert.


Einladende Gemütlichkeit

Bilder vom Mostfest im Schloss Wolfpassing

4. November 2011