Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Marcel Broodthaers Un jardin d’hiver II, 1974 © MOMA

NATURGESCHICHTEN Kunst-Spuren des Politischen

Jonathas de Andrade ABC da Cana, 2014

Der leise Aufschrei zu lauten Problemen

Kunst hätte so viel zu sagen. Sie könnte das Gewissen der Menschen aufrütteln, den Verantwortlichen die wahren Probleme aufzeigen und gleichzeitig ihrem ureigensten Auftrag erfüllen, indem sie Emotionen im Rezipienten erweckt. Leider fehlt ihr dazu in den meisten Fällen die entsprechende Breitenwirkung. Nachdem sich im 20. Jahrhundert die Kunst auf das Verständnis eines elitären Zirkels von Connaisseuren reduziert hat und ihrer kleine Schwester, der sogenannten leichten Muse, die Unterhaltung der Massen überlassen hat, ist ihr einiges an Schlagkraft abhanden gekommen. Museen sind die einzigen Orte, die für jedermann auch zeitgenössische Kunst anbieten. Aber es muss einer erst hineingehen und dort außerdem einigermaßen verständliche Objekte vorfinden, um sich nicht verarscht und um sein Eintrittgeld und darüber hinaus um Steuergeld geprellt zu finden. So manche Installation oder so manches Bild wird erst durch ausführliche Erklärung zugänglich und für den in den meisten Fällen unbedarften Betrachter damit zum Kunstwerk.

Mark Dion The Ethnographer at Home, 2012

Was dennoch fehlt, ist die Berührung, nicht die taktile, die im Grunde ebenfalls hilfreich sein kann, sondern die seelische. Die Gedanken des Künstlers, und seien sie noch so engagiert, gehen einen anderen herzlich wenig an, wenn diese nicht so umgesetzt sind, dass sie den Blick fesseln und Neugier erwecken, um dahinter zu kommen, warum der Museumsbesucher betroffen sein sollte.

Candida Höfer Zoologischer Garten Paris II, 1997 © Bildrecht Wien, 2017

Eine lobenswerte Ausnahme von snobistischer Abgehobenheit ist die Ausstellung im mumok „Naturgeschichten Spuren des Politischen“ (bis 14. Jänner 2018). Inhalt der Schau sind „Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlich naturgegebenen Geschichtsbildes“, so Kurator Rainer Fuchs.

Das bedeutet im Klartext, dass Natur seit dem Auftreten des Menschen von diesem beeinflusst und gestaltet wurde und umgekehrt die Natur ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der Menschheit gewesen ist. Eh klar, möchte man sagen. Wenn man aber vor den Fotos von Candida Höfer steht, mit Tieren aus verschiedenen Zoos, spürt man plötzlich den Touch in Form von Mitleid mit diesen Kreaturen. Beobachtet man Joseph Beuys, der sich mit einem Kojoten in einen Käfig sperren lässt, genügt dazu der Hinweis, dass der Künstler mit diesem Video die brutale Ausrottung der Ureinwohner Amerikas aufzeigen wollte. Wie sehr wir uns die Natur untertan gemacht haben, erfährt man in der Rauminstallation von Marcel Broodthaer mit dem Titel „Un jardin d´hiver II (1974). Palmen, wie man sie in jeder Blumenhandlung und besseren Einrichtungshäusern zu kaufen bekommt, grünen im Wintergarten des Kleinen Mannes, um diesem das ganze Jahr über kostengünstig Tropenfeeling im kalten Norden zu ermöglichen.

Christian Philipp Müller Drei Schwestern Korridor, 2017 © mumok / Klaus Pichler

Auf drei Ausstellungsebenen im mumok und mit der ergreifenden Installation „The Tar Museum“ von Mark Dion im Naturhistorischen Museum spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Angesprochen werden Kolonialismus und seine Folgen (z. B. als bitterer Humor in „The ABC da Cana“ von Jonathas de Andrade aus 2014). Totalitäre Ideologien werden entlarvt (Sigma aus Rumänien und OHO aus Slowenien mit Arbeiten aus den 1970er- und 1980er-Jahren).

Die Folgen von Nationalismus und dem damit verbundenen tödlichen Hass werden in den Fotos von Sandra Vitaljić gegenwärtig: Wälder und Felder, unter deren Baumwurzeln und Grasflächen nationalistisch ausgelöste Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges und der Jugoslawienkriege zwischen Kroaten und Serben begraben liegen. Ingeborg Strobl liegen die langsam verschwindenden Almhütten am Herzen. Ihr Beitrag: Rumex alpinus (2017).

Gemütliche Bänke auf grünen Bergwiesen und ein Fernseher zeigen bald Vergangenes. Aufgezählt sind hier nur einige der Objekte, wobei man sich für jedes einzelne genügend Zeit nehmen sollte. Sehr lesbar formulierte Saaltexte helfen dem Zugang auf die Sprünge. Der Besucher wird also nicht allein gelassen und hat eine Menge zum Schauen und wohl auch zum Weitererzählen, um dieser wirklich großartigen Ausstellung doch den ihr zustehenden Zulauf zu schaffen.

Ausstellungsansicht / exhibition view Naturgeschichten. Spuren des Politischen © mumok/Klaus Pichler
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