Nach den Sauriern und den Meteoriten hat nun auch der Mensch den ihm gebührenden Platz im Naturhistorischen erhalten. Generaldirektor Christian Köberl hat damit bereits einen dritten Meilenstein auf dem Weg zur längst anstehenden Modernisierung dieses ehrwürdigen Museums gesetzt. Wer das Haus kennt, weiß was es bedeutet, eine Museumslandschaft nach heutigem Standard in denkmalgeschützte Mauern zu integrieren. Dass es möglich ist, in altmodischen, immens hohen Räumen Wissen auf Augenhöhe spannend zu vermitteln, beweisen die beiden im Jänner 2013 eröffneten Anthropologie-Säle.
r.o.: Weichteilrekonstruktion von „Lucy“ von der französischen Künstlerin Elisabeth Daynès
r.u.: Rekonstruktion der Zwillinge vom Wachtberg
r.g.u.: Weichteilrekonstruktion eines Mannes von der französischen Künstlerin Elisabeth Daynès
Leiste & Titelseite: Hands-On Station im neuen Anthropologiesaal des NHM, Thema: Gehirnevolution
Eine weitere Schwierigkeit stellte sich mit der wissenschaftlichen Aufbereitung, so ao. Univ. Prof. Dr. Maria Teschler-Nicola, Direktorin der Anthropologischen Abteilung. Komplexe Inhalte mussten möglichst verständlich aufbereitet werden und sollten trotzdem anspruchsvoll bleiben. Ein Spagat, den jedes seriöse Museum trainieren muss, wenn es Wert darauf legt, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Darüber hinaus bringen gerade auf diesem Gebiet neue Erkenntnisse wissenschaftlich scheinbar Gesichertes permanent ins Wanken, und darauf muss man reagieren können.
Schwerpunkte der neuen Anthropologie-Dauerausstellung sind „Aufrechter Gang“ und „Gehirnevolution“, zusammengefasst im Generalthema „Hominidenevolution“. Der Weg führt dabei von unseren nächsten lebenden Verwandten zurück zu den ersten Anfängen der Menschwerdung und von dort ein Stück wieder herauf zum Homo sapiens. Ihm und damit gleichzeitig uns werden an dieser Stelle Blumen gestreut, wenn er als kosmopolitischer, an unterschiedliche Naturräume adaptierter, moderner Mensch vorgestellt wird. Ein Blick in das sympathisch wache Auge von „Lucy“ (siehe Foto rechts oben) könnte allerdings Zweifel an unserer Überlegenheit aufkommen lassen.
Den Gestaltern darf geschickte Auswahl der Objekte bescheinigt werden. Sie standen vor der keineswegs einfachen Aufgabe, aus dem gewaltigen Bestand des eigenen Museums in großer Bescheidenheit die bedeutendsten Stücke auswählen und mit geliehenen Exponaten verknüpfen zu dürfen. „Typenexemplare“, die die Schau bevölkern, sensationelle Funde im Original und Abformungen machen neugierig auf die Saaltexte. Nachzulesendes Wissen wurde ebenso für mehrere Ebenen des Interesses aufbereitet wie der spielerische Zugang. An den Hands-On Stationen wie einem CSI-Tisch, auf dem man mittels Mikroskop, Lupe und Röntgen ein virtuelles Skelett auf Alter, Geschlecht etc. untersuchen kann, oder der Möglichkeit, sich als Urmensch zu fotografieren, wird Menschheitsgeschichte wahrhaft begreiflich.
Wo es möglich war, wurde ein Österreich-Bezug hergestellt. Neben kaum bekannten Affenfossilien aus der Schatzkammer der anthropologischen Abteilung sind Funde aus Mähren und der Wachau zu sehen. Nicht nur zu berühren, sondern auch berührend an sich ist der Sensationsfund der „Zwillinge“ vom Wachtberg in Krems. Es handelt sich um zwei offenbar gleichzeitig verstorbene und gemeinsam bestattete Säuglinge. Wir kennen weder Kult noch Ritus, aber man spürt über den Zeitraum von 27.000 Jahren hinweg die Trauer unserer frühen Vorfahren. Die Kinder waren mit Rötel bestreut und unter dem schützenden Schulterblatt eines Mammuts geborgen bestattet worden.
Ein neuer Meteoritensaal im Naturhistorischen Museum Wien
Himmlische Zeugen an der Wiege der Erde
„In Rekordzeit von weniger als einem Jahr ist es uns gelungen, die größte Meteoriten-schausammlung der Welt in einem neu verpackten, modernen und spannenden Kontext zu präsentieren“, durfte Generaldirektor Univ. Prof. Dr. Christian Köberl am 13. November 2012 jubeln. Für den leidenschaftlichen Meteoritenforscher hatte sich eine wohl brennende Herzensangelegenheit erfüllt. Jetzt kann er einem breiten Publikum anschaulich beweisen, wie faszinierend „das Feld der Meteoritenkunde ist“ und warum „Meteoriten viel mehr sind, als einfach nur Steine, die vom Himmel fallen.“
Grau oder braun, zumeist sehr unscheinbar sind die Brocken, die als „Fall“ beobachtet oder als „Fund“ entdeckt und gesammelt werden. Durch die Wissenschaft wurden sie zum Sprechen gebracht und erzählen erstaunliches über die Geschichte der Schöpfung. „Ihre Zusammensetzung hat Aufschlüsse über die Herkunft der chemischen Elemente gebracht, aus denen unsere gesamte Welt – und auch wir Menschen – bestehen“, erklärt Köberl und bescheinigt damit den Meteoriten, dass sie die einzigen Zeugen für die Entstehung unserer Erde und des Sonnensystems sind, die nun auch der Laie mittels eines Screen-Triptychons verfolgen kann.
Die kosmischen „Eindringlinge“, die durchwegs das stattliche Alter von 4,5 Milliarden Jahren aufweisen und damit beinahe so alt wie das Sonnensystem (4,6 Milliarden Jahre) sind, rasen mit einer Geschwindigkeit von 40.000 bis 200.000 Stundenkilometern durch das All Richtung Erde. Beim Eindringen in die Erdatmosphäre werden sie abgebremst und dabei so stark erhitzt, dass ein Teil ihrer Masse durch Schmelzen und Verdampfen verloren geht. Der „Impact“, also der Aufschlag auf der Erde erfolgt dennoch mit großer Wucht und hat, je nach Größe, Krater bis zu 200 km (Yucatan/Mexiko) Durchmesser geschaffen.
So kann der Besucher auch in der Präsentation im neuen Meteoritensaal anhand einer 3D Animation an einem „Impact-Simulator“ auf einem Touch-Screen Meteoriten auf unser Wien niedersausen lassen und damit (zum Glück nur virtuelle) Zerstörungen anrichten, die sich über halb Europe erstrecken. Das Museum, das nach dem Saurier-Saal mit den Meteoriten den zweiten großen Brocken fälliger Neugestaltung geschafft hat, kann nun auch in diesem Punkt stolz auf große Vergangenheit verweisen: Das erste öffentliche Museum Österreichs (1765 von Maria Theresia an den Staat übergeben) besitzt die älteste und eine der wichtigsten Meteoritensammlungen der Welt.
Der berühmte Eisenmeteorit Hraschina gilt als Gründungsmeteorit. 1751 war er bei Zagreb gefallen. Er wurde nach Wien gebracht und in der kaiserlichen Schatzkammer aufbewahrt, bis er 1778 in das Naturalien-Cabinet, dem Vorläufer des Naturhistorischen Museums, transferiert wurde. Mit dem durch ihn erweckten wissenschaftlichen Interesse an Meteoriten wuchs die Sammlung im Laufe des 19. Jahrhunderts zur weltweit größten und umfangreichsten und mit ihren Kustoden zu einem Zentrum wissenschaftlicher Meteoritenkunde heran. Gemeinsam dem Hraschina war zeitgenössischen Beobachtungen zufolge übrigens eine zweite Eisenkugel vom Himmel gefallen. Sie hatte allerdings weniger das wissenschaftliche, denn das praktische Interesse erweckt: Sie wurde zerteilt und zu Nägeln verarbeitet.
Das Buch zur Ausstellung:
Franz Brandstätter, Ludovic Ferriére, Christian Köberl,
METEORITEN METEORITES
Zeitzeugen der Entstehung des Sonnensystems,
Verlag des Naturhistorischen Museums Edition Lammerhuber 2012,
AMAZING AFRICA! Fotos als Hommage an die Afrikaner
Ein Kontinent und seine Menschen
„Oft vergessen wir das. Die Unbekannten auf unseren Fotos sind die wahren Akteure auf der Bühne der Welt-Nachrichten“, sagt Pascal Maitre. Er ist Fotograf, der seine Karriere 1979 als Photojournalist begonnen hat und heute für renommierte internationale Medien wie GEO, Stern, L´Express oder National Geographic arbeitet. Seine Arbeit hat ihn mit den einfachen Menschen zusammengeführt, „mit denen, die dem Himmel und der Erde verbunden sind“, wie Maitre es ausdrückt.
r.u.: Albertsee, Das Wrack der Robert Corindon in Butiaba
l.o.: Ost-Provinzen, Goldmine bei Mongbwalu
l.u.: Die Baobab-Allee nahe Morondava
Mit dem Bild- und Textband AMAZING AFRICA! macht er die Menschen dieses Kontinents für uns sichtbar, jene, „die nach Wasser in Sandmeeren suchen oder nach Geistern im Herzen der Wildnis. Mit Nobelpreisträgern und Bauern, Nomaden und Geschäftsmännern.“ Er findet für jeden den idealen Blickwinkel, von der Poesie eines Tuareg in abendlicher Wüstensonne bis zur Realität der Arbeiter, die klein wie Ameisen in einer Saphirmine schuften, oder der Massen, die sich in den Straßen einer übervölkerten Stadt drängen.
Die kurze Zeit bis 11. November 2012 sollte man nützen, einen guten Teil dieser Fotos in der Ausstellung im Naturhistorischen Museum anzusehen. „Tradition, Umwelt, Konflikte“ ist das Programm von AMAZING AFRICA! Die 80 gezeigten Fotos tragen dazu bei, das eigene Bild dieses Kontinents einer Korrektur zu unterziehen, eine bisher vielleicht zu einseitige Vorstellung dieser Vielschichtigkeit zu öffnen, vor allem aber auch dann hinzuschauen, wenn sich das Auge sträuben will, sich mit der Wirklichkeit dieser Aufnahmen auseinanderzusetzen.
Sauriersaal im Naturhistorischen Museum wieder eröffnet
Dinos Relaunch
Der Saal mit den Sauriern war seit der letzten Umgestaltung 1986, spätestens aber seit Jurassic Park, attraktiver Anziehungspunkt vor allem für ganz junges Publikum. Man möchte es nicht glauben, aber sogar an diesen Knochen, die mehrere Hundert Millionen Jahre unbeschadet überstanden haben, sind die letzten paar Jahre nicht spurlos vorübergegangen. So haben vor allem jüngste Erkenntnisse in der Forschung, gleichzeitig aber auch neue technische Möglichkeiten der Präsentation eine Neugestaltung des Saales nahegelegt.
Seit dem 4. Oktober 2011 gibt es wieder Gelegenheit, Saurier im Naturhistorischen Museum zu besuchen. Altbekannte Skelette dieser Giganten der Vorzeit beherrschen wie ehedem den Raum. Sie wurden aber in die Mitte gerückt, um sie dem Betrachter von allen Seiten näher zu bringen, so nahe, dass er sie angreifen könnte, wenn er dürfte. Aber Hands-on gilt nur für einige Bereiche, wie Knochen und versteinertem Saurierkot.
Zur Attraktion schlechthin dürfte sich das lebensgroße Modell eines Allosaurus entwickeln. Sein elektronisches Innenleben lässt den Giganten verblüffend lebendig und sogar ein wenig bedrohlich erscheinen. Schließlich leitet sich der Begriff Dinosaurier aus dem Altgriechischen ab und heißt soviel wie schreckliche Echse – die durchaus gefiedert sein konnte, wie ein urzeitliches bissiges Riesenhendl in einer der gezielt sparsam eingerichteten Vitrinen demonstriert.
Über Saurier selbst kann man vor allem Kindern kaum was Neues erzählen – sie wissen es meistens schon. Dennoch hat man nicht auf umfangreiche Infos verzichtet. Schließlich dürfen sich auch Erwachsene für Dinos interessieren. Video-Schauen wäre dann die gemeinsame Beschäftigung.
Mittels feiner Animation entführen die Saurier in diesen Filmen die Besucher aus dem Museum hinaus in ihre Zeit, in der sie die Erde dominiert haben. Ausgestorben sind sie aufgrund der Einwirkungen eines Asteroidenimpakts vor 65 Millionen Jahren. Dadurch wurde Platz gemacht für die Entwicklung der Säugetiere und damit letztlich der derzeit die Erde beherrschenden Spezies Mensch.
Prähistorischer Goldschatz im Naturhistorischen Museum
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Salzkammergut Schatzkammergut
Erschienen war die Schatzmeisterin der Republik persönlich, um dem Naturhistorischen Museum einen Schatz anzuvertrauen. Finanzministerin Maria Fekter übte sich darin freilich in einer durchaus ungewohnten Rolle als Geberin.
Gemeinsam mit den Bundesforsten ist die Republik Österreich Eigentümer eines Goldschatzes, der im Mai 2005 auf dem Arikogel am Ostufer des Hallstätter Sees gefunden und am 12. Oktober 2012 dem Naturhistorischen Museum übergeben wurde.
Es handelt sich um Goldschmuck aus der Zeit um 1000 bis 1200 v. Chr. Wie die feinen, ungemein modern anmutenden Armspiralen und einfachen Spiralen aus Golddraht an ihren abgelegenen Fundort im Waldboden des Salzkammergutes gelangt sind, darüber herrscht noch keine Klarheit. Durch die unsachgemäße Bergung seitens des ursprünglichen „Schatzsuchers“ waren zu viele Spuren für eine genaue archäologische Befundung zerstört worden.
Es könnte sich um ein Versteck vor Feinden gehandelt haben oder um kultisches Deponieren. Das Salz, das in dieser Gegend seit Jahrtausenden abgebaut wird, hat stets für Wohlstand gesorgt, und es wäre durchaus denkbar, dass es sich bei diesem Schmuck um ein Dankesopfer gehandelt hat.
Die Goldschmiedearbeiten zählen zu den bedeutendsten Zeugnissen der Urnenfelderkultur im Alpenraum. Sie sollen in naher Zukunft der Öffentlichkeit vorgestellt und gleichauf mit der wohl wertvollsten Frauenstatuette, unserer Venus von Willendorf, als Highlight des Naturhistorischen Museums präsentiert werden.