Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ragtime Ensmeble © Werner Kmetitsch

RAGTIME Zündender Unterricht in amerikanischer Geschichte

Ragtime Ensemble © Volker Beinhof

Musik der „zerrissenen Zeit“ für eine Zeit der Zerrissenheit

Das New York am Beginn des 20. Jahrhunderts ist am 13. Jänner 2018 endlich in Graz gelandet. 1996 war das Musical Ragtime in Toronto erstmals aufgeführt worden. Am Broadway wurde es von 1998 bis 2000 erfolgreich gespielt, erlebte 2003 in London seine Premiere und wurde erst nach einer kleinen Ewigkeit für ein derartiges fetzendes Stück Musiktheater 2015 im Staatstheater Braunschweig inszeniert. Nun hat sich die Oper Graz an „Ragtime“ herangewagt und mit der Österreichpremiere sich nicht nur als mutige, sondern auch als hochprofessionelle Musicalbühne bewiesen, vor allem aber mit dem Orchester des Hauses (Leitung: Robin Engelen) und einer internationalen Topbesetzung. Das auf den Roman „Ragtime“ von E. L. Doctorow basierende, mit einem Buch von Terrence McNally und der Musik von Stephen Flaherty gefertigte Musical ist keineswegs „preisgünstig“ an die Leute zu bringen. Es verlangt eine gewaltige Besetzung an Statisterie, Chor und vor allem exzellente Solisten, die drei grundverschiedene Gesellschaftsschichten abdecken müssen.

Dionnne Wudu, Alvin Le Bass © Werner Kmetitsch

Es gibt die Reichen, also einen Hersteller von Feuerwerkskörpern, dessen Frau, im Stück nur die Mutter, deren Sohn und den jüngeren Bruder, die in einem noblen Vorort von New York wohnen. Zu ihnen stößt durch eine Verzweiflungstat Sarah, eine Schwarze, die ihr Neugeborenes vor deren Haus ablegt, und in ihrem Gefolge der Vater des Kindes, Coalhouse Walker, ein Pianist. Ein richtiger Michael Kohlhaas wird er auch, wenn er bis zur Selbstvernichtung Gerechtigkeit fordert, nachdem seine Frau erschossen wurde und rüde rassistische Gesellen von der Feuerwache seinen ganzen Stolz, einen neues Auto, versenkt haben.

Randy Diamond © Werner Kmetitsch

Schwarz und Weiß prallen aufeinander, die Verachtung der Nigger gegen den Hass der Rechtlosen. Gleichzeitig erlebt Tateh, ein Jude aus Lettland, den Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten. Er hat sich nach dem Tod seiner Frau mit der Tochter auf den Weg nach Amerika gemacht. Nach harten Zeiten bringt er es als talentierter Hersteller von Scherenschnitten bis zum Produzenten in der eben entstehenden Filmindustrie. Dazwischen wird dieses New York von historischen Personen repräsentiert.

Harry Houdini, die um das Recht der Unterprivilegierten kämpfende Emma Goldmann, Henry Ford oder der in einem Eifersuchtsdrama ermordete Architekt Charles S. Whitman treten ebenso auf wie Booker T. Washington, ein farbiger Sozialreformer und Bürgerrechtler. Sie alle erzählen sowohl die tragische Geschichte von Coalhouse, als auch über das Amerika dieser Tage, dessen Musik der Ragtime war, in freier Übersetzung die „zerrissene Zeit“, die über alle Gesellschaftsschichten und Vorurteile hinweg wie eine Klammer über den tiefen zwischenmenschlichen Klüften gelegen ist, ohne diese jedoch schließen zu können.

Monika Staszak, Wolfgang Höltzel © Volker Beinhof

An dieser Zerrissenheit hat sich erschreckender Weise auch nach 100 Jahren wenig geändert. Das ist eine der unüberhörbaren Botschaften dieses Musicals, das von Philipp Kochheim nach Braunschweig und Kassel auch für Graz inszeniert wurde. Als Sarah konnte dafür die faszinierende schwarze Stimme Dionne Wudu gewonnen werden. Ihr gegenüber steht nicht weniger stimmgewaltig die Sopranistin Monika Staszak als Mutter ihres beachtlich reif agierenden Buben (Maximilian Hörmann).

Randy Diamond ist ein warmherziger Tateh, dem man auf der Stelle ein paar Daumenkinos abkaufen möchte, damit er mit seiner Tochter (Selina Bacher) in der Neuen Welt überlebt. Markus Schneider ist der jüngere Bruder vom Vater, der eine wundersame Wandlung in Bezug auf seine soziale Einstellung erlebt, während der ältere (Wolfgang Höltzel) bis zuletzt an seiner Abneigung gegenüber Schwarzen festhält. Erst als Coalhouse Walker von den von ihm als Ehrenmänner bezeichneten Ordnungskräften trotz erhobener Hände erschossen wird, erkennt er den Wahnsinn, den eine solche Trennung zwischen den Hautfarben hervorgerufen hat.

Alvin Le Bass lässt keinen Moment den geringsten Zweifel aufkommen, dass der von ihm verkörperte Coalhouse auf Seiten des Rechts steht. Er führt das Publikum durch das Geschehen, klimpert auf einem verstimmten Klavier virtuos einen Ragtime, singt mit der Überzeugung eines unterdrückten Schwarzen und hinterlässt im – übrigens begeisterten – Publikum das Gefühl, dass noch einiges zu tun ist, um die zerrissene Zeit mit zündenden Rhythmen und ins Ohr gehenden Balladen endgültig zusammen nähen zu können.

Ragtime Ensemble @ Werner Kmetitsch

Ballett und Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

EINE NACHT IN VENEDIG als launige Serenade

Sieglinde Feldhofer, Lothar Odinius, Elena Puszta © © Werner Kmetitsch

Und der Himmel hängt voller Gondeln

Diese drei Frauen bestimmen das Geschehen und machen sich mit den Männern ihren speziellen Karnevalsspaß. Da helfen weder Eifersuchtsszenen säumiger Bräutigame, volle Hosen der Ehemänner noch die routinierte Zudringlichkeit eines Herzogs. Es macht den Reiz dieser Operette von Johann Strauß Sohn aus, dass diese bewusste „Eine Nacht in Venedig“ zwar für keinen der Herren so verläuft, wie er es sich vorgestellt hat, dass sie am Ende dennoch alle zufrieden sind. Diese allgemeine Glückseligkeit überträgt sich unmittelbar auch auf das Publikum und bringt es zum Träumen. Wer möchte nicht einmal in seinem Leben in einem der Palazzi Karneval feiern, losgelöst von der Moral des Alltags, versteckt hinter einer Maske sich Liebesschwüren eines galanten Kavaliers hingeben oder solche in das Ohr einer unbekannten Schönen flüstern. Wenn diese Herrschaften dann noch so großartig singen können, wie die Solisten der Oper Graz, dann steht einem exquisiten Faschingsvergnügen nichts mehr im Wege. Also auf nach Venedig am Kaiser Josef-Platz 10!

Ivan Oreščanin (Pappacoda), Alexander Geller (Caramello) © Werner Kmetitsch

Man darf sich in diese launige Serenade einfach hineinfallen lassen ohne dabei in einen der Kanäle zu plumpsen. Man ist hingerissen von den traumhaften Melodien unseres Walzerkönigs und bestens unterhalten von den humorigen Texten, mit denen Richard Genée und F. Zell diese von Witz und Leichtlebigkeit sprühende Handlung in ein musikalisch ansprechendes Libretto verpackt haben.

Alexander Geller (Caramello), Sieglinde Feldhofer (Ciboletta) © Werner Kmetitsch

Peter Langdal war in seiner Inszenierung die unverbindliche Heiterkeit dieser Operette offenbar ein Anliegen, das er konsequent umgesetzt hat. Dass es alles andere als bierernst zugeht, macht schon der Musiker klar, der mit seiner Violine als eine Art Pausenclown das Publikum auffordert, die Handys abzudrehen und vor dem zweiten Teil unbeholfen mit einer zerlegten Posaune erscheint, die aber auch im Ganzen an seinen Lippen nichts als einen gräuslichen Furz von sich gibt.

Der bestens einstudierte Chor wird zu einer diebischen Bande, die hemmungslos Kerzenleuchter und sonstige Wertgegenstände aus dem Palazzo fortschleppt. Stets präsent ist das quirlige Ballett, das alle die Rollen übernimmt, die man sich bei einem solchen venezianischen Fest erwartet.

Ivan Oreščanin (Pappacoda), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Während der vom Orchester unter der Leitung von Marius Burkert ernsthaft gespielten Ouvertüre wird ein morgendlich ramponierter Herzog Guido von Urbino (Lothar Odinius) aus dem Bett geholt und gestylt, um später als eleganter Karl Lagerfeld die Frau des Senators Bartolomeo Delaqua (Götz Zemann) abschleppen zu können. Barbara (Elisabeth Pratscher) ist ausnehmend attraktiv, aber auch schlau, und sie weiß, wie sie es anstellen muss, um sich mit ihrem Neffen Enrico Piselli (Benjamin Rufin) vergnügen zu können.

Ihr Gatte, den Herzog kennend, will sie nämlich für die kritische Zeit sicherheitshalber in ein Kloster abschieben. Statt ihrer wird aber ihre Ammenschwester, das Fischermädchen Annina (Elena Puszta) in eine Gondel gesetzt, die wiederum von Caramello (Alexander Geller), dem Barbier des Herzogs, in dessen Auftrag entführt wird. Da es auch dieser jungen Dame nicht an Charme und gutem Aussehen mangelt, ließe sich der Tausch ganz einfach durchführen. Wäre da nicht ein stets nicht eingelöstes Heiratsversprechen seitens von Caramello, der nunmehr zuschauen muss, wie sich sein Herr ungeniert an seine Braut heranmacht.

Senator Delaqua spitzt auf den Posten des Verwalters beim Herzog und will ihm Cibolletta (Sieglinde Feldhofer), die Zofe seiner Frau, als Barbara unterjubeln. Irgendwann fällt auch dem mittlerweile sexuell auf Hochtouren laufenden Herzog zwangsläufig auf, dass eine Barbara ein Fake sein muss. Aber was soll´s, der Kompromiss, beide zu nehmen, ist schnell geschlossen. Ciboletta gefallen die Avancen des mächtigen und reichen Mannes. Sie ist gar nicht abgeneigt, ihrem säumigen Bräutigam Pappacoda (Ivan Oreščanin), einem Spaghettikoch, untreu zu werden. Zuletzt, und da hängt in diesem vom Bühnenbildner Ashley Martin-Davis geschaffenen Venedig tatsächlich der Himmel voller Gondeln, erscheint die wahre Barbara, mit ihrem Liebhaber an der Hand. Der Herzog sieht ein, dass er bei dieser Frau, für die er das alles veranstaltet hat, keine Chance hat. Kurzerhand macht er Pappacoda zum Leibkoch und Caramello zum Verwalter. Immerhin hat er nun deren lebenslustige Gattinnen für eventuelle amouröse Abenteuer bequem bei sich im Haus.

Eine Nacht in Venedig Ensemble © Werner Kmetitsch

Nora Sourouzian (Azucena), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

IL TROVATORE als Varieté aus dem Berlin von 1930

Nora Sourouzian (Azucena), Stefano Secco (Manrico), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Eine düstere Rumpelkammer voll Hass, Eifersucht und Mord

Es handelt sich tatsächlich um eine äußerst unselige Verkettung fataler Umstände. Eine alte Frau wird am Bettchen des Kindes eines Grafen betreten. Nachdem dieses in Folge ihres Besuches kränkelt, wird die Alte umgehend verdächtigt, mit ihren Hexenkünsten Unheil über das Kind gebracht zu haben. Sie wird deswegen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Deren Tochter hat das gräfliche Kind an sich genommen und will es in die Flammen werfen. In einem Anfall von Wahnsinn tötet sie aber den eigenen Sohn und zieht, im Hinterkopf voller Rachegelüste, den fremden Buben als eigens Kind auf. Antonio García Gutiérrez, dem Dichter des Schauspiels „El trovador“, war diese Tragödie noch lange nicht genug grausames Schicksal. Der herangewachsene junge Mann verliebt sich in dieselbe Frau wie sein Bruder, der natürlich keine Ahnung hat, dass sein Rivale, der Troubadour, mit ihm verschwistert ist. Es kommt zur blutigen Auseinandersetzung, die letztendlich zum Tod des Liebespaares führt. Triumphierend verkündet die Ziehmutter, dass der Tote der Bruder des jungen Grafen ist.

Lana Kos (Leonora) © Werner Kmetitsch

Ihre raffiniert eingefädelte Rache ist gelungen. So unwahrscheinlich das Ganze klingt, so wahr dürfte es sein. Die Handlung, die Giuseppe Verdi in seiner Oper „Il Trovatore“ vertont hat, lässt sich zeitlich relativ exakt in die Jahre 1412 und 1413 mit den Kämpfen um die vakant gewordene Krone von Aragón einordnen. Sogar die Schauplätze will man gefunden haben. Bei der Feste Castellor dürfte es sich um die Burg von Castellar westlich von Saragossa handeln. In der Burg von Aljaferia zeigt man heute noch die „Torre del Trovador“, wo der junge Mann gefangen gehalten wurde.

Stefano Secco (Manrico), Lana Kos (Leonora), Ensemble der Oper Graz © Werner Kmetitsch

In der Oper Graz hat man den Troubadour in das Berlin um 1930 verlegt. Regisseur Ben Baur ist überzeugt, dass damals der Tanz auf dem Vulkan „Freigeister, Militärs, Verführer und Verführte“ in den Varietés und Tanzpalästen der Stadt versammelte. Die Parallele sieht er „im Schimmer dieser undurchsichtigen Zeit“, in der sich die Figuren verweben. Er treibt diesen Vergleich so weit, dass sogar ein Nummerngirl wie im Stummfilm in aufreizender Aufmachung ein Textschild über die Bühne trägt.

Leicht bekleidete Mädchen tanzen lasziv mit feuer-flammenden Federfächern und aus dem Zigeunerchor wird die belustige Gästeschar eines nächtlichen Etablissements. Die Bühne ist eine düstere, zeitweise recht voll geräumte Rumpelkammer, in der Hass, Eifersucht und Mord fröhliche Urständ feiern. Wem diese Interpretation zu weit hergeholt erscheint, darf sich guten Mutes in die herrliche Klangwelt dieser Oper fallen lassen und einfach Verdi genießen. Die Inszenierung ist trotz aller der oben genannten Einwände ungemein dicht und emotional mitreißend.

 

Eine Wonne für die Ohren bietet das Ensemble der Oper Graz. Ferrando (Wilfried Zelinka) wird mit weiß geschminktem Gesicht und fast nacktem Oberkörper (Kostüme: Uta Meenen) zu einem geheimnisvollen Jolly Joker, der mit wohltuendem Bass den Soldaten die Geschichte von der Hexe erzählt und immer dann beruhigend eingreift, wenn das Geschehen zu turbulent zu werden droht. Rodion Pogossov singt mit imponierendem Bariton den Grafen Luna.

Er kann von Eifersucht zerrissen richtig böse sein und doch mit seinem Gewissen hadern, also auch großartig spielen. Die Zigeunerin Acucena ist Nora Sourouzian, deren Mezzosopran nicht nur in der Tiefe, sondern auch in dramatischer Höhe ein Erlebnis ist. Lana Kos als Leonora verdient sich zu Recht jeden Sonderapplaus nach virtuos halsbrecherischen Ausflügen zu Spitzentönen, an denen Verdi in ihrer Rolle nicht gespart hat. Manrico Stefano Secco erinnert speziell in der Arie „Di quella pira l’orrendo foco“ (Das Feuer des Scheiterhaufens brennt auch in mir) an große Verdi-Tenöre, die noch so tragische Inhalte mit Schmelz und frischem Schwung interpretieren können. Sie alle werden vom Grazer Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Andrea Sanguineti mit vollen Klängen und feinen Tempi behutsam getragen. Zuletzt eine kleine Bemerkung zur Besetzung: In dieser Oper hat man die seltene Gelegenheit, einen Cimbasso zu hören, eine Bass-Ventilposaune, die von Verdi anstelle der Tuba eingesetzt wurde, da sie sich aufgrund ihrer zylindrischen Mensur klanglich besser mit den Posaunen mischt.

Stefano Secco (Manrico), Nora Sourouzian (Azucena) © Werner Kmetitsch
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