Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gustav Klimt, Die Poesie (Detail Beethovenfries), 1901/02 © Belvedere Wien

KLIMT UND DIE ANTIKE Erotische Begegnungen

Gustav Klimt, Sitzender weiblicher Halbakt, 1904 Leopold Museum, Wien

Die Entdeckung prallen Lebens im kühlen Marmor

Die Forschung um das Erbe der Antike war hierzulande eben erst so richtig in Gang gekommen. 1898 war das Österreichische Archäologische Institut gegründet worden, nachdem seit 1895 in Ephesos erfolgreich gegraben worden war. Die Freizügigkeit griechischer Kunstwerke faszinierte die Menschen im Allgemeinen, die Künstler im Besonderen, da sie klassischer Kunst gegenüber standen, die sich in ihrer Größe über alle kleingeistigen moralischen Regeln erhob. Die Mythen, die damit erzählt wurden, kannte man in gebildeten Kreisen bestens und verwendete sie begeistert als Allegorien, einerseits um sein Wissen glänzen zu lassen und andererseits, nicht unwesentlich, um sozusagen saubere Sinnlichkeit darstellen zu können. Eine marmorne Göttin war trotz ihrer Nacktheit gegen jeden Verdacht der Schmuddeligkeit gefeit, war aber um nichts weniger anziehend schön und erotisch als eine der Prostituierten, deren Fotos unter dem Ladentisch gehandelt wurden. Knabenliebe und sexuelle Akte auf den Vasen ließen sich mit den hehren Gedanken von Philosophen wunderbar gescheit erklären. Man brauchte dazu nur das Symposion von Platon gelesen zu haben, was damals noch Standard in den höheren Schulen war. Kurz gesagt, die Antike war für Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine wahre Fundgrube für Themen, die ihnen Freiheiten wie kein anderes Sujet erlaubten.

 

Gustav Klimt baute genau darauf einen guten Teil seines Werkes auf. Bekannt sind die Dekorationen im Wiener Burgtheater oder im Kunsthistorischen Museum, der Beethovenfries oder die unzähligen Anspielungen auf den Plakaten für die Secession.

Gustav Klimt, Freundinnen (Wasserschlangen I), 1905/06 © Belvedere, Wien

Es handelt sich dabei um ein Kunstbuch, in dem 15 Dialoge von Hetären in der Übersetzung des Wiener Schriftstellers Franz Blei von Gustav Klimt mit äußerst freizügigen Zeichnungen illustriert wurden. Die äußere Gestaltung wurde von der Wiener Werkstätte unter Josef Hoffmann durchgeführt. Es entstand damit ein bibliophiles Kunstwerk, das in seiner Art zu den schönsten des Jugendstils zählt.

Ausstellungsansicht „Klimt und die Antike. Erotische Begegnungen“ © Belvedere (Foto: Johannes Stoll)

13 Luxuseditionen der „Hetärengespräche des Lukian“ sind zweifellos die Highlights der Ausstellung KLIMT UND DIE ANTIKE Erotische Begegnungen“, die bis 8. Oktober 2017 in der Orangerie des Unteren Belvederes zu bewundern sind. Man darf sich ohne Genierer den feinen Linien der Zeichnungen nähern, um die Details überhaupt erkennen zu können, mit denen Klimt die sexuelle Verzückung der von ihm gezeichneten Frauen erfasst hat. Auffallend ist deren natürliche Haltung.

Als klassischen Lesestoff gibt es daneben die schlüpfrigen Gespräche der Hetären. Bei diesen Damen handelt es sich um griechische Prostituierte von höherem Stand, in ihren Anforderungen vergleichbar der japanischen Geisha. Die ausgestellten Exemplare stammen aus dem Besitz prominenter Persönlichkeiten wie Koloman Moser, Hermann Bahr oder Berta Zuckerkandl, die im letzten Teil mit Porträts gewürdigt werden.

Den Beginn macht jedenfalls eine Entdeckung, die von Direktorin Stella Rollig im Vorwort zum opulenten Katalog ausführlich beschrieben wird. Ab 1845 waren die kaiserlichen Bestände der Antikensammlung im Unteren Belvedere für die Bevölkerung zur Besichtigung freigegeben worden. Der Maler Carl Goebel d. J. hatte akribisch genau diese Säle auf Aquarellen festgehalten und zeigt auf einem der Blätter aus 1889 das „Eintrittskabinett in die ägyptische Sammlung“. Zu sehen ist darauf unter anderem der sogenannte Musensarkophag, der sich in einem allegorischen Werk Klimts aus demselben Jahr wiederfindet. Klimt könnte also diesen Sarkophag im Unteren Belvedere studiert haben. Mit der Präsentation des Sarkophags, so schreibt Stella Rollig begeistert, wie auch Klimts korrespondierender Arbeit schließt sich also nach mehr als 120 Jahren der Kreis.

Die Hetärengespräche des Lukian, Edition A, 1907 Privatbesitz, © Belvedere, Wien
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