Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Papyrus, Griechisch, Soknopaiu Nesos, 1.–2. Jh. - © Österreichische Nationalbibliothek

HANDSCHRIFTEN UND PAPYRI von Homer bis Cicero

Pergament, Latein, Ober- oder Mittelitalien, Anfang 13. Jh. - © Österreichische Nationalbibliothek

Verwinkelte Wege des Wissens ins Heute

Wer hat sich schon einmal die Frage gestellt, wie antike Dichtungen oder Schriften der Philosophen die Zeiten überlebt haben, um heute zumindest noch in humanistischen Gymnasien den Schülern vermittelt werden zu können. Sie sind einfach da und in wunderbar praktischen Schmierern ins Deutsche übersetzt. Wie sind sie ursprünglich niedergeschrieben worden? Wohl auf Papyrus, einem allerdings sehr leicht zerfallenden Material. Also mussten sie immer und immer wieder abgeschrieben werden, später auch auf dem schon etwas dauerhafteren Pergament, bis endlich ab dem Jahr 1450 der von Johannes Gutenberg erfundene Buchdruck für eine Revolution in der Tradition von Texten sorgte. Waren vorher die Klöster und ihre Schreibstuben die Garanten für die möglichst fehlerfreie Weitergabe, so konnten nun brave Handwerker und kundige Setzer bis dahin mühsam überlieferte Schriften auf der Druckerpresse in jeder nur gewünschten Anzahl herstellen.

Papyrus, Latein und Griechisch, Arsinoites?, 4. Jh. - © Österreichische Nationalbibliothek

In den Jahrhunderten bis dahin lauerten etliche Gefahren. Abgesehen von den Problemen beim Versand von Schriftstücken in einer Zeit unsicherer Straßen und immer wieder brennender Bibliotheken gingen etliche davon einfach durch den „Zeitgeist“ verloren.

Für das mühsame Schreiben in eiskalten, finsteren Scriptorien kamen nur die wichtigsten Texte infrage, die von Personen mit bestimmten, jedoch maßgeblichen Ansichten und Geschmäckern ausgewählt wurden. Was nicht wesentlich erschien, wurde ausgeschieden und ging im Strom der Geschichte unwiederbringlich unter. Sie sind damit die eigentlichen Meinungsmacher unserere abendländischen Kultur. Gott sei Dank war man in einigen Fällen umsichtig und behielt zumindest die Reste der Papyri auf, die auf wundersame Weise die Jahrtausende überlebten. Es waren weit gespannte Netze der Kommunikation und die vielfältigen Bemühungen der Menschen um den Zugang zu Bildung und Literatur, dem wir die Reste, ernüchternde 10%, des schriftlichen Kulturgutes der Antike verdanken.

Pergament, Latein, (Süd?-) Italien, 1. Hälfte 5. Jh. - © Österreichische Nationalbibliothek

Es sind, wie schon im Titel gesagt, verwinkelte Wege des Wissens, denen man bis 14. Jänner 2018 in einer Sonderausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek unter dem Titel „Handschriften und Papyri“ nachgehen kann.

Auf Fuzzerln von Papyrus haben sich beispielsweise „Drei Briefe an Marcedo“ (Latein, Ägypten, 5-2 v. Chr.) erhalten. Sie stellen die ältesten im Original erhaltenen Zeugnisse lateinischer Briefkultur und zugleich die früheste sicher datierbare römische Dokumentenschrift dar. Im 1. - 2. Jahrhundert entstand der Papyrus, auf dem in Griechisch das 6. Buch von Homers „Ilias“ neben mathematischen Übungen entdeckt wurde. Ebenfalls ein Bruchstück aus Papyrus ist das beidseitig beschriebene Doppelblatt eines Codex, der eine zweisprachige Ausgabe von Ciceros erster Rede gegen Catilina enthielt. Dem griechischsprachigen Benutzer sollte damit offenbar das Verständnis des lateinischen Textes erleichtert werden. Auf Pergament geschrieben sind Basistexte zur Rhetorik u.a. Ciceros, denen aufgrund freien Platzes das Lehrgedicht „De ornamentis verborum“ hinzugefügt wurde. Sie schaffen als luxuriöse Handschrift in der Ausstellung einen beruhigend soliden Gegensatz zu den eher fragilen Relikten antiken Wissens auf vergänglichem Papyrus.

Palimpsestierte theologische Sammelhandschrift mit Nikodemus-Evangelium (Faksimile) © ONB
Österreichische Nationalbibliothek Logo 300

Statistik