Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Bühne in der Burg Perchtoldsdorf © Julie David

MINNA VON BARNHELM, der vielleicht kurzweiligste aller Klassiker

Minna von Barnhelm Ensemble © Sabine Weinert

Eine Frau, die sich nichts pfeift um falsche männliche Befindlichkeiten

Der Krieg ist aus! Blöd für einen Offizier, der überdies unehrenhaft entlassen wurde. Muss doch was dran sein am gegenseitigen Umbringen, dass ihm sogar so großartige Männer wie der Major Tellheim nachtrauern. Als Gotthold Ephraim Lessing 1767 das Lustspiel „Minna von Barnhelm“ fertig stellte, war der Siebenjährige Krieg gerade vier Jahre vorbei. Die Menschen konnten sich noch recht gut an das Gemetzel zwischen Preußen und Großbritannien/Kurhannover auf der einen Seite und den kaiserlichen österreichischen Truppen im Verband mit Frankreich und Russland erinnern. In der Gegend trieben sich marodierende Haufen von Veteranen herum, teils ordentlich ramponiert und ihren Lebensunterhalt im besten Fall mit einem Musikinstrument bestreitend. Der Frieden war ihnen allen ein Gräuel und ihr einziger Hoffnungsstrahl war, wie es Wachtmeister Paul Werner ausdrückt, dass zumindest im fernen Persien ein Krieg ausgebrochen war, an dem man sich lustvoll beteiligen konnte.

Anna Unterberger, Marie-Christine Friedrich © Lalo Jodlbauer

Wenn in einen solchen Haufen viriler Rauflust weibliche Vernunft vom Format der sächsischen Adeligen Minna von Barnhelm und ihrer ebenso vifen Kammerfrau Franziska einbricht, kann eine solche Begegnung von Haus aus nicht friktionsfrei ablaufen. Lessing lässt keinen Zweifel daran aufkommen, auf welcher Seite er steht. Die Herren, und mögen sie vor Ehrgefühl platzen, sind die Dummen. Sie müssen am Ende einsehen, dass die Frauen doch Recht haben, wenn sie sich keinen Deut um ihre seltsamen Befindlichkeiten scheren und sie einfach so lieben, wie sie eben von der Natur verpfuscht worden sind.

Andreas Patton, Nikolaus Barton © Jalo Jodlbauer

Für die Sommerspiele Perchtoldsdorf hat Veronika Glatzner diesen Klassiker in ihre sanften Hände genommen und im Grund unprätentiös zu einem kurzweiligen Stück Sommertheater inszeniert. Ihr genügt eine Drehbühne mit eingebauten Stiegenhäusern, um diese vor der mächtigen Kulisse der Burg als Schauplatz eines Berliner Hotels ganz für sich genug sein zu lassen. Das Haus gehört einem schmierig freundlichen Wirten, der aus Sorge um sein Geld den Major kurzerhand ausquartiert.

Statt seiner lässt er eine finanziell offenbar besser gestellte Dame in dessen Zimmer einziehen. Dominik Warta wird als Gastronom zur Hauptperson, an der Tellheims treuer Diener Just (Nikolaus Barton) sowie dessen Herr bitter scheitern. Aber der Wirt dürfte ein Herz für Musikanten haben, die in seinem Lokal mit teils abenteuerlichen Instrumenten aufspielen (Michael Pogo Kreiner auf einer Zigarrenkisten-Gitarre, Judith Prieler mit Violine und Gläsern, Petra Staduan mit Zigarrenkiste, Gesang und Blockflöte).

Raphael Nicholas, der die Bettler-Band mit dem Akkordeon begleitet, macht nebenbei noch aus einigen Nebenrollen herzhaft lustige Auftritte als Feldjäger oder Riccaut de La Marlinière. Wachtmeister Paul Werner wird von Roman Blumenschein in aller Schneidigkeit eines Subalternen verwirklicht, dem einfach nichts anderes übrig bleibt, als sich dem frechen, aber dennoch allerliebsten Frauenzimmerchen Franziska (Anna Unterberger) zu unterwerfen. Andreas Patton jammert sich glaubwürdig als geschasster Offizier, Krüppel und angeblich gewester Ehrenmann Tellheim durch das Geschehen. Hätte ihn die strahlend verliebte Minna von Barnhelm (Marie-Christine Friedrich) in seinem Selbstmitleid jemals ernst genommen, wäre der Weltliteratur eine Frauengestalt verloren gegangen, die zu ihrer Zeit, also Jahrhunderte vor jeder Frauenrechtlerin, bereits das Selbstbewusstsein ihres Geschlechts genial eingesetzt hat, um eindrucksvoll zu beweisen, wie wirkliches Zusammenleben von Frau und Mann ablaufen sollte und, quod erat demonstrandum, durchaus auch kann.

Andreas Patton © Lalo Jodelbauer
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