Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Molière, Ensemble © Sophie Wiegele

Molière, Ensemble © Sophie Wiegele

MOLIÈRE durch die Augen des Kollegen Bulgakow

Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer © Sophie Wiegele

Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer © Sophie Wiegele

Wie sehr es schmerzt, wenn am Heiligenschein der Scheinheiligen gekratzt wird.

Wie Clowns gewandete Gestalten kullern chaotisch unter dem Vorhang heraus, begleitet von einer Theaterkapelle, treiben ihre Späße und singen abwechselnd Mozarts Arie „Reich mir die Hand, mein Leben“. Wäre nicht diese gut 100 Jahre später entstandene Melodie, es könnte sich um das Ensemble auf der Bühne des Palais-Royal Mitte des 17. Jahrhunderts handeln. Aber bereits das Gendern mit akustischem Binnen-I im gesprochenen Text verrät, dass in der Zeit frei hin und her gesprungen wird. Michail Bulgakow (1891-1940) hat seinerzeit diese „Komödie“ über den französischen Satiriker Molière auf die Zustände in der Sowjetunion und auf „König“ Stalin gemünzt, was für Regisseur Michael Sturminger den Auftrag bedeutete, diese bitterböse Farce auch für die Gegenwart zu aktualisieren. Entstanden ist jedoch keineswegs politisches Kabarett, sondern ein Stück zum Nachdenken, inwieweit pointierte Kritik an der Macht, das berühmte Kratzen am Heiligenschein der Scheinheiligen, die eigene Person beeinträchtigen kann. Molière wird schlussendlich zwischen Kirche und Thron aufgerieben; der Grund dafür: Tartuffe, der frömmelnde Parasit, in dem sich der Erzbischof von Paris zu deutlich erkannt hat.

Michou Friesz, Birgit Stöger © Sophie Wiegele

Michou Friesz, Birgit Stöger © Sophie Wiegele

Emanuel Fellmer, Wojo van Brouwer © Sophie Wiegele

Emanuel Fellmer, Wojo van Brouwer © Sophie Wiegele

Wojo van Brouwer jubelt und leidet als Jean-Baptiste Poquelin de Molière, dem der Sonnenkönig Ludwig XIV. (Michou Friesz) begeistert applaudiert. Der König liebt die Spitzen, die in den Stücken seines Favoriten auf die Gesellschaft um ihn herum abgefeuert werden. Erst als der Erzbischof (Birgit Stöger) mit einem gewaltigen Intrigenspiel ansetzt und dem Dichter eine Todsünde nachweist – Molière hätte seine eigene Tochter geheiratet und mit ihr ein Kind gezeugt – muss sich auch Ludwig XIV. von seinem Günstling zurückziehen. Schuld daran ist der Vernaderer Zacharie Moyron (Milena Arne Schedle), Adoptivsohn des Dichters und Verführer von dessen junger Frau.

Einzelne Rollen sind also nicht nach Geschlecht, sondern nach Typen besetzt. Frauen bleiben Frauen, wenn es um die persönlichen Verhältnisse des Helden geht. Die erste Ehegattin Armande Béjart de Molière ist wie deren Tochter und Moliéres zweite Frau Madeleine Béjart weiblich besetzt (Hannah Rang, Veronika Glatzner). Rchtige Männer sind u. a. „Der gerechte Schuster“, ein Hofnarr (Nikolaus Barton schimpft ungeniert Dialekt) oder Raphael Nicholas. Als „Register“ webt er, angetan mit Tüllröckchen, trocken kommentierend durch das Geschehen und beherrscht auch das Fagott. Ein Meister der Fechtkunst ist Emanuel Fellmer. Sein „Einäugiger“ ist schwarzer Musketier und Chef der königlichen Leibwache, der keinen Augenblick Zweifel darüber aufkommen lässt, dass er jeden, der sich ihm in den Weg stellt, mit seinem Degen abstechen würde. Das übrige Ensemble umrahmt – teils mit Musikinstrumenten, als Klosterschwestern oder mit geschickt inszeniertem Gewusel – den Untergang Molières bis zu seinem in ergreifendem Sentiment zelebrierten Tod.

Raphael Nicholas © Sophie Wiegele

Raphael Nicholas © Sophie Wiegele

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