Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

project space karlsplatz: eine strahlende Zukunft, die uns allen blühen kann:

Tschernobyl heute

Lächerliche 30 km ist die unbewohnbare Zone bei Tschernobyl lang, lächerlich in Anbetracht der schrecklichen globalen Auswirkungen der Reaktor-Katastrophe im April 1986. In diesem Todeskreis liegt Prypjat, eine kleine ukrainische Stadt. Sie wurde geräumt. Dass niemand unbefugt hineingelangt, darüber wacht die Miliz. Nur die Hauptstraßen wurden dekontaminiert, um im Falle eines weiteren Unfalles in Reaktor 4 (z.B. Einstürzen des „Sarkophags“) Verkehrswege bereitstellen zu können.

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Sergey Shestakov, Untitled, aus der Serie Journey into the future. Stop #1, Courtesy Museum „Moscow House of Photography”

Der Fotograf Sergey Shestakov durfte im Oktober 2010 die Sperrzone betreten. Aus Prypjat stammen die meisten seiner Bilder: ausgestorbene Straßen, verlassene Häuser, ein Rummelplatz, ein Kindergarten und Zeitschriftenständer, auf denen einstige Jubelblätter vermodern. Die Details machen betroffen, sind herzzerreißend, zum Beispiel ein Teddybär oder die Puppe, die hier bleiben mussten, während ihre Freunde, die Kinder, weg gebracht wurden und – man kann nur für sie hoffen – die Strahlung möglichst unbeschadet überlebt haben.

 

Die Gefahr, die heute und noch für Millionen von Jahren diesen Landstrich unbewohnbar macht, ist unsichtbar. Sie hat an den toten Gegenständen nichts verändert. An ihnen nagen nur Feuchtigkeit und Rost, wie an dem Riesenrad, das noch gar nicht in Betrieb gewesen war. Es hätte den Besuchern der Stadt von oben einen erhabenen Blick auf die Atommeiler gewähren sollen. Dreck hat sich überall drauf gelegt und irgendein Grabschänder hat sich doch gefunden, die Schränke zu durchwühlen und die Fensterscheiben einzuschlagen.

 

„Fahrt in die Zukunft – Stop #1: Tschernobyl“ betitelt Shestakov diese beklemmende Fotoserie. Im Kindergarten fand er das Buch einer russischen Kinderbuchautorin „Die Fahrt in die Zukunft“. Die Station Nr. 1 hat der Fotograf hinzugefügt, „da Tschernobyl nicht die Endstation ist…“

 

Es braucht Mut, diese Ausstellung im project space der KUNSTHALLE wien (bis 23. März 2012) anzuschauen und den apokalyptischen Gedanken zuzulassen: genau das Gleiche kann uns allen jederzeit passieren; wir sind umzingelt von Atomkraftwerken. Man muss deswegen die Fotos intensiv anschauen, auch wenn es unangenehm ist, eine mehr als wahrscheinliche Zukunft aus der Perspektive der Vergangenheit vorauszusehen. Verdrängen ist sinnlos. Auch bei Fukushima 2011 hat es nichts genützt.