Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

Vom künstlerischen Segen, den uns das Handy beschert

Die Dramen um das Drama

Mit der Erfindung des Handys und seiner Weiterentwicklung zum tragbaren Gehirnfortsatz als jüngste Stufe menschlicher Entwicklungsgeschichte in Form des allwissenden Smartphones teilt sich unser Dasein bekanntlich in Zeiten des Telefonierens, SMSens, Surfens und kurzer, unvermeidlicher Schlafpausen. Eine solche Lebensweise überträgt sich selbstverständlich auch auf Orte, an denen die lustigen Signalgeräusche eines Mobiltelefons nicht allgemein goutiert werden. Nicht in jedem Fall sind sie harmonisch oder melodiös auf die Darbietungen eines auf der Bühne unverschämter Weise live spielenden Orchesters abgestimmt.

Vergesst die Bühne! Die wahren Dramen spielen sich am Handy ab.


 

Da jederzeit der entscheidende Anruf erfolgen kann, der den Lotto-Sechser verkündet oder eine die Welt verändernde Entscheidung in der Sekunde verlangt, muss das Handy natürlich auch ins Theater mitgehen. Da derart bedeutende Anrufe üblicherweise ausbleiben und ein nicht benutztes Telefon im Tascherl ein unziemliches Ärgernis darstellt, wird es ersatzweise dafür benutzt, um den Lieben zu Hause oder fernen Freunden mitzuteilen, dass man soeben das Theater betreten hat, an der Garderobe mit Trinkgeld das Gewand losgeworden ist, noch schnell das Klo aufsuchen wird, dort aber warten muss, weil bereits zahlreiche telefonierende Notdürftige davor warten, und lässt niemanden überhören, dass man sich dann erleichtert zum Sitz begibt.

 

Ohne das Gespräch zu unterbrechen hat man beim Billeteur ein Programm gekauft. Auch die Musiker im Orchestergraben hätten diese wesentliche Info erfahren, hätten sie nicht störenderweise auf ihren Instrumenten unkoordiniert gestrichen, geblasen oder getrommelt. Man sollte es der Theaterdirektion gehörig mitteilen, dass sich die Damen und Herren Musiker gefälligst in ihrer Garderobe oder besser noch daheim einspielen sollten. Besucher, die bereits auf ihren Plätzen sitzen und telefonieren, stehen freundlicherweise auf, um dem Anrufer den Weg zu seinem Sessel frei zu machen. Wenn endlich alles sitzt, macht das vollbesetzte Haus durchaus den Eindruck eines mit Plüsch ausgeschlagenen Fernamts.

 

Wenn man nun derjenige ist, der das Handy an solchen Abenden nicht bei sich hat, dann wird man ohne Aufpreis mit gleich mehreren Dramen beglückt. Für das eine auf der Bühne hat man teure Karten gekauft, die anderen werden einem frei Haus und gratis geliefert. Die Geschichte vorne an der Rampe ist an sich bekannt. Viel spannender sind die Stories, die sich links, rechts, vor einem und hinter einem abspielen.

 

Dame auf dem Sitz dahinter: „Die Antschi-Tant liegt im Spital, eh schon eine Woche und soll morgen raus kommen, aber ob die Ärzte wirklich…“, aber kaum hat man Interesse an dieser Mitteilung gefunden, wird deren Telefonat vom Herrn daneben übertönt: „Du, Burli, gestern das Abachterln war ein Hammer! Wieviel? Siebene?!“

 

Kurze Pause, in der man wieder Antschi-Tantes Krankengeschichte weiterverfolgen kann: „No, großartig haben sie operiert. War ja alles schon vereitert, ganz entzunden…“

 

Gott sei Dank, der Herr hat wieder zu Stimme gefunden: „Was ich da tu?! Meine Frau hat g´sagt, das soll ich mir anschauen. Was? Welches Stück? Was weiß ich, irgendwas, wo dauernd g´sungen wird. Eine Oper??? Na, hoffentlich nicht, weil…“

 

Leider gehen die Argumente für seine Aversion gegenüber dem Musiktheater unter der schrillen Stimme einer weiteren Sitznachbarin unter: „Hallöchen!!! Wie geht´s? Ja, wie geht´s dir denn? Alles Picobello!? Also, mir geht´s gut und dem Karli auch. Aber der ist nicht mitgegangen…, äh!.. Was meinst damit? Ob er stattdessen bei der Freundin ist? Was red´st für einen Stumpfsinn. Der macht das nicht! Woher willst grad du das wissen?“

 

„Weil die Antschi-Tant viel zu fett ist.“

 

„Und das Gedudel von die Holzbischkotten! Ich halt´s net aus!“

 

„So was will eine Freundin sein, eine Schlangen bist!“

 

„Dafür haben sie gesagt, dass man wegen so viel Schlatz in der Lungen ruhig sterben kann, aber sie hat wieder g´sagt, dass…“,

 

„Ich bin doch nicht eifersüchtig! Auf dich, du Schlampen, schon gar nicht.“

 

„…entweder schlaf´ ich eh ein oder ich…“

 

„Was, er ist bei…“

 

Spannung pur, vom Regisseur Zufall in eine tolle Dramaturgie verpackt! Wo befindet sich der untreue Gatte nun wirklich auf seinen Abwegen? Wird die Antschi-Tant überleben? Übersteht der Banause den Theaterabend? Im Moment lässt sich noch nichts Schlüssiges erfahren. Das Licht im Saal geht aus. Übrig bleibt der grüne Schein von Hunderten von Displays in den Gesichtern des Publikums. Als Ouvertüre ertönen per Lautsprecher eingespielte Handysignale, gefolgt von der warmherzigen Aufforderung, die Mobiltelefone nach der Vorstellung verlässlich wieder einzuschalten. Eine wichtige Mitteilung, vor allem das mit dem wieder aufdrehen. Wie sonst soll man als nicht telefonierender Theaterbesucher die Antwort auf die wirklich großen Fragen der Menschheit bekommen!? Gäbe es nicht vor, zwischen und nach den läppischen Szenen aus der Scheinwelt des Theaters die wahren Dramen des Lebens, wie sie laut und deutlich an den Handys dargeboten werden.

 

Interview mit einem Spucknapf bei der Weinverkostung:

Jetzt rede ich!

Man kann nicht jeden Tag gewinnen, oder anders gesagt, es gibt Tage, die man besser vergisst. Einer davon ist heute. Ich wurde eingeteilt für eine Publikumsverkostung, als einer von vielen, die dafür vorgesehen sind, nicht getrunkenen Wein aus den Kostgläsern aufzunehmen und möglicherweise auch entleert zu werden, spätestens dann, wenn der unappetitliche Inhalt blassrot ins Tischtuch sickert.

 

Dieser Job ist unter der Würde eines professionellen Spucknapfs, das will ich hier festgehalten haben. Üblicherweise werde ich, wie es der Würde unseres Hauses entspricht, einem kundigen Weintester zugeteilt. Ich throne vor ihm auf dem Tisch, unmittelbar hinter den Kostgläsern. Zusammen sind wir ein Team: ich, der Koster und die Gläser. Alles läuft perfekt. Meine Aufgabe ist es, die weinige Spucke zu empfangen, wenn der Tropfen entsprechend lang über den önologisch geschulten Gaumen gerollt ist. Himmlisch, nichts ist dabei zu hören außer dezentem Schlürfen, dem Geräusch des Kugelschreibers und den kurzen, präzisen Ansagen seitens der Verkostungsleitung.

 

Und heute!? Weiß nicht, wer unglückseligerweise den Karton mit den Edelnäpfen gegriffen hat. Ich stehe da in lautem Gedränge, einmal auf diesem, dann auf jenem Tisch. Man kann sich weder an die Gläser gewöhnen, noch an den Winzer und, aber wer wollte das schon, an den Spucker.

 

Die ersten Minuten am frühen Nachmittag waren noch am ehesten zu ertragen. Einige wenige Profis, die zum Kaufen da waren, haben ohne großes Tamtam gezielt Weinproben geordert, gekostet und ein paar Worte mit dem Weinbauer geplaudert, bevor sie die Gläser entleert haben, um zum nächsten Stand zu pilgern. Ich habe ihnen angesehen, dass es zu einer solchen Tageszeit alles andere als Spaß macht, Wein zu sich zu nehmen – und trotzdem dürfte sich in ihren Kreisen herumgesprochen haben, dass sich öffentliches Ausspucken bei solchen Anlässen einfach nicht gehört.

 

Je länger der Nachmittag dauerte, also bis jetzt, wurde die Situation zunehmend brutaler – nicht nur für mich, den Kübel zum Ausleeren der Kostproben, auch für alle anderen Akteure. Nicht einmal den Hauptdarstellern wird Respekt gezollt. Weine mit Adel müssen sich mit dicken, nach Himbeere schmeckenden Lippenstiften am Glasrand matchen, ihr feines Frucht-Aroma wird von dichten Wolken diverser Parfüms vernebelt und sie müssen sich am Gaumen gegen Zwiebelbrot und würzige Käseproben durchboxen.


 

Ein Schütt-Krug, der seine Ehre bewahren konnte.

Bei einer Publikumsverkostung hat ein Spucknapf eigentlich nichts zum Lachen


 

Mit Grausen erinnere ich mich daran, wie wehrlos ein großer Pinot blanc war, als man ihn in ein gebrauchtes Rotweinglas schüttete und durch flottes Schütteln den edlen Weißen zu einem erbärmlichen Rosé verschnitt. Der Winzer hatte wohl keine Möglichkeit mehr zum Widerstand. Von allen Seiten wurden ihm Gläser vor die Nase gehalten – zwischen, über und unter den Schultern der sogenannten Angedockten. Ich meine damit diejenigen Herrschaften, die sich ungeachtet des großen Andranges in teils beachtlicher Breite vor dem Kosttischchen postieren. Dort verharren sie hartnäckig, bis gründlich jeder Wein – fast hätte ich gesagt: verkostet – also, bis jeder Wein über Glas und Mundhöhle im Spucknapf gelandet ist.

 

Schwer zu sagen, was dabei unangenehmer ist: von Unberufenen bespuckt zu werden oder deren Reden anhören zu müssen. Mit jeder Kostprobe werden sie lauter. In der irrigen Meinung, durch den langsam angewachsenen Alk-Spiegel g´scheiter geworden zu sein, lassen sie ihrem Weinwissen freien Lauf. Dieses wiederum missbraucht die so gewonnene Freiheit, um sich, wenn auch dürftig und mager, als üppiges Lexikon der Weinsprache zu gebärden.

 

Die anderen, die sich mit wachsender Lautstärke an den runden Tischchen abseits der Koststände über dies und das unterhalten, kann ich gnädiger Weise nicht verstehen. Der Lärmpegel, gemixt aus sich gegenseitig übertönender Rechthaberei, prustendem Gelächter und schrillem Kirren, ist einfach schon zu hoch, um sich noch über eine der ohnehin meist unnötigen Quick-Expertisen wundern zu müssen.

 

Aber auch ein solcher Tag geht vorbei – einen anderen Trost habe ich im Moment nicht, außer vielleicht die Aussicht, durch einen kleinen Umbau an meinem Plastikkörper als Weinkühler auftreten zu dürfen. Ein solcher, so durfte ich beobachten, wird wenigstens erst gegen Ende der Verkostung mit unsereins verwechselt, zu einem Zeitpunkt, an dem es schon egal ist, ob man voll ist mit abgestandenem Wasser von den Eiswürfeln oder mit der mir bestens vertrauten Cuvée aus Wein und Spucke.

 

Einmal anders gefragt:

Welches Essen darf den Wein begleiten?

Oder noch schärfer: Darf Essen überhaupt den Wein begleiten? Andersrum ist die Frage ein beliebtes Quiz zwischen Gourmet und Sommelier. Der eine bestellt das Essen und erwartet sich Beratung, was ihm der andere dazu einschenken soll. Dazu einschenken! Was heißt das!? Wird dem Wein eingeschenkt!? So richtig eingeschenkt!? Keiner ist noch auf die Idee gekommen, zuerst den Wein zu fragen – ob´s ihm überhaupt recht ist, Begleiter zu spielen, quasi zum kulinarischen Escort-Service degradiert zu werden.

 

Es war das Weinregal im Vorzimmer, in dem unvermutet diese Kommunikation begonnen hat, besser gesagt, die dort von Ankunft bis Genuss zwischengelagerten Flaschen fingen an zu reden. Die lauteste Klage tönte vom weißen Eck´ her. „Jetzt rede ich!“ ließ sich ein Weinviertel DAC, also ein aufrechter Grüner Veltliner, vernehmen. Hatte er meinen begehrlichen Blick in seine Richtung aufgefangen? Tatsächlich stand deftiges Futter auf dem Programm. Selchfleisch, gebratene Blunzen und dazu Sauerkraut mit Senf und Brot. „OK! OK! Das wär´ gemein“, beruhigte ich den aufgeregten Weinviertler, „dein Pfefferl in Ehren, aber sicher nicht als Verdauungshilfe nach dem Sautanz.“ „Das allein wär´s nicht“, schrie der Verzweifelte, „man attackiert mich mit Essig! Krampensaurer Presswurst! He?! Das muss einer erst überleben!“

 

In diesem Moment mischte sich der Schilcher ein, ein wahrer Säure-Experte: „So was stecke ich noch locker weg, und das ganz ohne Restzucker, ha, ha! Du musst einmal gegen Käferbohnensalat bestehen, gegen einen vom Kernöl blickdicht versteckten Mischmasch aus staubtrockenen Hülsenfrüchten und brennender Zwiebel.“ Der zaghafte Einwand eines Welschrieslings vom Neusiedlersee, dass man sich eben den Sitten und Gebräuchen wilder Weinbergvölker zu fügen habe, wurde energisch von den beiden Klageführenden abgeschmettert. Unisono hielten sie dem blumenreichen Sonnengereiften vor, dass er keine Ahnung von den Grausamkeiten der Heurigenwirte und Buschenschänker habe.

 

„Oh doch“, meinte dieser, „erstens gibt es auch bei uns im Seewinkel den Heurigen, zweitens bin ich ja wesentlich sensibler als ihr beiden. Mich krümmt es bereits bei einem leicht versalzenen Zanderfilet. Aber wenn ich das selige Leuchten in den Augen der Genießer sehe, kann ich ihnen nicht mehr böse sein. Meine einzige Konsequenz: Ich schmeck´ nach nichts mehr.“

 

„Masochist!“ knurrte der Smaragd, „deine Lust an Weinquälerei nervt. Spaß an der Freud hin oder her. Ihr alle“, und dabei wandte er sich der Gesamtheit der im Regal vereinigten Flaschen zu, „ihr alle da wisst ja, dass ich zu den ganz Großen zähle“, er ignorierte geflissentlich das Murren der Angesprochenen, „dass ich über unvergleichliche Komplexität in Frucht und Mineralität verfüge, über eine Ausgewogenheit in…“

 

„Und was willst du mit der Angeberei sagen?“ fuhr ihm brüsk ein ungeduldig gewordener erdiger Südburgenländer in die Wachauer Parade. Der Smaragd war im Moment sprachlos, hatte aber sofort begriffen, dass er gegen einen Falstaffsieger besser schwiege als zu hören, dass man es selber im SALON lediglich auf die Plätze geschafft habe. „Also“, fuhr er in kleinlautem Lamento fort, „man gibt mit mir an. Man gibt mit mir schrecklich an. Und dann schüttet man das Weltkulturerbe über die Vorspeise, gleich nach dem Gruß aus der Küche. Was kann da noch folgen!?“

Typische, von jedem Wein gefürchtete Marende


 

„Wird sich schon was finden“, nahm der Blaufränkische ruhig das Gespräch an sich. Auch er hatte eine Leidensgeschichte zu erzählen. „Weißer Wein zu weißem Fleisch, roter Wein zu dunklem Fleisch…ich kann den Spruch nicht mehr hören“, begann er klar zu legen, „damit bleibst du immer ein Rindvieh, und wenn es hoch hergeht, ein Hirsch oder eine Wildsau.“ Das rote Mittelburgenland pflichtete ihm bei, was in der Umgebung zu ungläubigem Gekicher führte, gekrönt von der spitzen Bemerkung einer Flasche Chardonnay vom Römerland Carnuntum: „Dass ich das noch erleben darf, Blaufränkischland d´accord mit dem Eisenberg, hi, hi, hi.“

 

„Liebe Dame, bitte keine Bosheiten, zumal Sie selber mehr als leidtragend sind“, wies sie ein Riesling von der Mosel sanft zurecht, „Ihr feines, was sag´ ich, Ihr edles Aroma muss sich oft genug mit Salzbrezeln und Kartoffelscheiben herumschlagen…“ „Mit Soletti und Erdäpfelchips, meinst du“, unterbrach derb der Wiener G´mischte Satz das deutsche Liebeswerben, „bei uns heißt´s auch Backhendln und Stelzen, nicht Hühnchen und Eisbein.“ Der Riesling, eine noble Spätlese mit reifem Charakter aus steiler Lage überhörte den rohen Einwurf und fuhr fort: „Man hat verlernt zu trinken. Wir haben doch alle unsere Finessen. Keiner von uns allen, die wir dieses Regal bevölkern, braucht sich zu den Billigen zählen zu lassen. Aber kaum ist man wer, kaum wird man in Connaisseur- und Gourmetkreisen beachtet, wird schon gefragt, zu welchem Essen man passen könnte. Wären wir nicht zwei Weine“, er wandte sich zu Madame Chardonnay, „ich möchte sagen, nur wir zwei passen zusammen.“

 

Allgemeines Lachen war die Folge. Vor allem der Süßwein, ein Picolit aus dem Friaul, konnte sich nicht einkriegen: „Allora, Riesling und Chardonnay, das wäre eine Cuvée, ecco!“ „Basta, Passito, basta! Du hast am wenigsten zu lachen“, holte ihn Landsmann Friulano wieder runter, „dich stopft man voll mit Torten oder mit Schimmelkäse und wer würdigt deinen Adel, die Vielfalt süßer Früchte, deine Harmonie!? Ich hingegen bin es gewohnt zu dienen, mich an Salami, San Daniele und Montasio anzuschmiegen, aber du? Du solltest zumindest eine Spur von Stolz in dir tragen!“ „Und was, meinst du, soll ich machen?“

 

Die Antwort darauf blieb der Friulano schuldig. Warum? Ganz einfach, weil er aufgemacht und getrunken wurde, ganz allein, ohne Marende, gut gekühlt und jedes Glas beäugt, berochen und bekostet. Worauf dieser vor Dankbarkeit überfloss und mit jedem Schluck ein Stück mehr von seiner zauberhaften italienischen Heimat in den Colli Orientali del Friuli erzählte.

 

Eine gutgemeinte Warnung vor Ausstellungseröffnungen

Man hat´s nicht leicht als Ehrengast

Große Museen verstehen es, Eröffnungen von Ausstellungen zu zelebrieren. Das Publikum, selten unter 50 plus, ist fein gewandet und hat ernste Miene aufgesetzt. Herren tragen sogar Sakko, die Damen, ganz dem Anlass angepasst, teure Brüsseler Spitze auf ergrauter Dauerwelle. Schließlich geht es um Flämische Kunst des 15. Jahrhunderts, deren stattliche Bestände aus dem hauseigenen Depot hervorgeholt wurden und für einige Monate dem gedämpften Licht der Museumsräume ausgesetzt werden.

Die Reihenfolge der Redner ist fein abgestuft. Ganz unten in der Rangordnung, also an der Basis, oder besser, als die Basis, darf der Kurator Arbeit und Bilder erklären. Er wüsste zu jedem der Bilder eine spannende Geschichte. Das gewaltige Wissen zur gesamten Periode lässt sich aber schwer in unterhaltsame Bahnen lenken. Schon im ersten Gemälde verfängt sich sein Mitteilungsbedürfnis und verliert sich in einem Dickicht von Details. Die anfänglich hochinteressierten Gesichter, in deren matte Front er wacker hineinredet, verlieren allmählich die Spannung. Das Glänzen der Augen weicht dem matten Einerlei geschlossener Lider.

Die bedenklich hängenden Köpfe erheben sich erst ruckartig, als eine neue Stimme vom Rednerpult tönt. Sie gehört dem Botschafter des Landes, dessen Künstler vor nunmehr 550 Jahren diese Werke geschaffen haben. Dieser Herr, meistens ist es ein Herr, bedient sich trotz des diplomatischen Amtes seiner Heimatsprache, die Satz für Satz von einer jungen Dame auf Deutsch wiederholt wird. Er überbringt unverbindliche Grußbotschaften von wem immer, ist stolz auf „seine“ Maler, weist sich mit Reminiszenzen an großartige Ausstellungen mit flämischer Kunst irgendwo sonst in der Welt als musealer Globetrotter aus und kann es letztendlich doch nicht unterdrücken, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den in Kürze gezeigten Bildern um ehemaliges Eigentum seiner Heimat gehandelt habe. Es war als Scherz gemeint.

Die Direktorin des Museums, sie hatte ihrem Dösen bislang ein freundliches Grinsen aufgesetzt, zieht die Brauen hoch; mit dem deutlich ungesagten Wunsch: „Nur keine solchen Diskussionen in meiner Kunstsammlung! Wir Republikaner können nichts dafür, wenn sich seinerzeit unsere Monarchen bei euch bedient haben.“
 
Eine gute Stunde ist inzwischen vergangen, bis sie selber den Mund aufmachen darf. Die Direktorin des Museums kann sich zwar nur mehr in Versicherungen darüber ergehen, dass ohnehin schon alles gesagt sei, schafft aber das Kunststück, mit solch bedeutungsschwangeren Beteuerungen eine weitere Stunde zu füllen, bevor die das Wort an ihre Freundin, an die anwesende, für derlei Angelegenheiten zuständige Ministerin, feierlich übergibt.

Die Politikerin hat auf diesen Moment lange genug gewartet. Sie hatte der Eröffnung von Beginn an beiwohnen müssen. Ohne sie wäre nicht eröffnet worden. Mit ihrer Rede macht sie ihre Wartezeit wett und spricht auf die Minute genau so lange wie die Vorredner zusammen. Sie ist wie jeder politisch tätige Mensch mäßig kunstsinnig, rhetorisch aber bestens geschult. Unglaublich und faszinierend, wie geschickt sie politische Tagesthemen in die Kunst des ausgehenden Mittelalters einzuflechten versteht und dabei routiniert übersieht, dass das – wie gesagt – bereits etwas in die Jahre gekommene Auditorium erneut in kommunalem Schlummer versunken ist.

Erst das spätabendliche ministerielle Kommando „Ich erkläre die Ausstellung hiemit für eröffnet“ weckt die schlafende Kunstgemeine und bringt sie hurtig zum Laufen. Ziel ist das Buffet, das während der Reden durch einladendes Klingen leerer Gläser und voller Flaschen dezent angekündigt worden war. Und die Bilder? Wer hat schon dafür Zeit und vor allem den Willen, nach erfolgter Kunstbetrachtung vor abgeräumten Tellern und ausgetrunkenen Weinflaschen zu stehen.

Österreichisches Wein-Orakel

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