Kaum eine Weltstadt hatte so viele Bezeichnungen: Istanbul, Konstantinopel, Ostrom und Byzanz. Kaiser Konstantin (reg. 306-337) hatte sich 330 an der Stelle der Ortschaft Byzantion eine neue, nach ihm benannte Residenz, die Konstantinsstadt, oder griechisch Konstantinupolis, und gleichzeitig damit ein Zentrum des oströmischen Reiches geschaffen. Konstantinopel oder Byzanz als klangvoller Begriff für das Machtzentrum an der Grenze von Orient und Okzident, das diese Funktion auch dann behielt, als die Stadt am Goldenen Horn 1453 von den Osmanen erobert und fortan Istanbul genannt wurde.

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Panorama: Die Flucht nach Ägypten, Ikone, Kretische Werkstatt, 2. Hälfte 15. Jh., Athen, Benaki-Museum
r.g.o.&. Titel: Teile einer Frauenkrone (sogenannte Krone des Kaisers Konstantin IX. Monomachos) Konstantinopel, Fundort: Ivánka pri Nitré (Slowakei); 1042–1050; Goldzellenschmelz; Budapest, Ungarisches Nationalmuseum, © Budapest, Ungarisches Nationalmuseum
l.o.: Mosaik mit weiblichem Tiger, Südliches Kleinasien oder Syrien, spätes 5.-6- Jh., München, Archäologische Staatssammlung Foto: K. Rainer
l.u.: Emaillierte Halskette aus dem Schatz von Preslav Byzantinisch, Ende 9. bis Mitte 10. Jhdt.; Gold, Perlen, Bergkristall, Amethyst, Email; Veliki Preslav, Archäologisches Museum, © Veliki Preslav, Archäologisches Museum
l.g.u.: Modell eines byzantinischen Kriegsschiffes (Dromone), 10., 11. Jh.
l.g.g.u..: Rosettenkästchen mit Schiebedeckel Konstantinopel, 10./ 11. Jhdt.; Elfenbein und Bein © Triest, Ministerium für Kulturgut in Friaul-Julisch Venetien, Archäologisches Museum Cividale, Fotoarchiv
Leiste. Armreif mit Edelsteinbesatz, spätes 4. bis frühes 5. Jh., Mainz, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Foto: RGZM Robert Müller

In der von Univ.-Prof. Dr. Falko Daim kuratierten Ausstellung bot sich die Möglichkeit, einen Zeitraum von über 1000 Jahren auf gute zwei Stunden Besichtigungszeit zu konzentrieren. Der Besucher erlebt Byzanz aus verschiedenen Blickwinkeln heraus. Beleuchtet wird beispielsweise seine Funktion als neues Rom, das Kaisertum, wie es uns auf Münzen überliefert wurde, oder das Verhältnis zu den Nachbarn wie den Awaren und Bulgaren mit dem Highlight der Schau: Der Goldschatz von Preslav wurde 1978 gefunden und besteht aus 150 goldenen, silbernen und silbervergoldeten Objekten, die vermutlich Mitte des 10. Jahrhunderts während eines russisch-bulgarisch-byzantinischen Konflikts vergraben worden waren.
An keiner Stelle des Rundgangs wird jedoch die Grenze zwischen den beiden Kontinenten Asien und Europa angesprochen. Sie führt heute mitten durch Istanbul. „Byzanz verstehen – Europa anders denken lernen“ ist daher eines der Hauptanliegen der Ausstellung. Das oströmische Reich umfasste in seiner Blütezeit weite Teile der Levante, Nordafrikas, sogar den Süden Spaniens und pflegte in diesem Raum die Leitkultur, der man nacheiferte, und an die das heutige Westeuropa erst mit der Renaissance einigermaßen anschließen konnte.


| Eigenartig, dass man zwar die Namen kennt, vielleicht einige kunstvolle Mosaike im byzantinischen Brückenkopf Ravenna und die Hagia Sophia, die von den Muslimen zur Moschee umgewandelt wurde, die aber nach wie vor oströmische Prachtentfaltung erahnen lässt. Viel mehr weiß man gemeinhin aber nicht. Unser, wenn man so will, angeborenes Geschichtsbild orientiert sich nach wie vor an der Entwicklung von Westeuropa und seinem geistlichen Zentrum Rom als Sitz des Papstes, der schließlich die Hegemonie auch über abgespaltene Christenkirchen beansprucht.
Genau darin liegt aber eine Reihe von Missverständnissen, mit denen sich die diesjährige Jahresausstellung auf der Schallaburg zumindest auseinandersetzt, auszuräumen sind sie ohnehin nicht so leicht. „Das Goldene Byzanz & der Orient“ (bis 4.11.2012) bietet in 19 Räumen des Renaissanceschlosses „mehr Information über Byzanz als ein Byzantiner in seinem ganzen Leben“ bekommen kann, meint Ausstellungsarchitekt Erich Woschitz in seinem Beitrag zum mehr als üppigen Katalog – und hat damit gar nicht so unrecht.

r.o.: Dem Original nachgebaute, funktionsfähige Steinschneidemaschine im Hof der Schallaburg
r.u.: Ein Ständchen auf dem Nachbau einer byzantinischen Doppelorgel

Ein wahrhaftiges Aha-Erlebnis diesbezüglich bietet die „Hagia Sophia auf dem Lemoniberg“. Wir sind von mehr Byzanz umgeben, als wir meinen möchten. Der Wiener Jugendstill war massiv davon inspiriert. Ein Modell der Kirche auf dem Steinhof (Otto Wagner), wegen seiner gelbgoldenen Kuppel im Volksmund respektlos der Lemoniberg genannt, verdeutlicht diesbezügliche künstlerische und architektonische Verbindungen genauso wie das Heeresgeschichtliche Museum von Theophil Hansen oder Bilder von Gustav Klimt (z.B. der Kuss in der Villa Stoclet, Brüssel, oder die Zwickel im Kunsthistorischen Museum Wien).
Damit nicht nur die Erwachsenen etwas von dieser Ausstellung mitnehmen können, wurden Kinder und Jugendliche in die Gestaltung eingebunden. Von ihnen stammen die Comics, die in jedem Raum dessen Inhalt ihrer Altersgruppe gemäß übersetzen. Zum Erlebnis gerundet wird das „Goldene Byzanz“ durch eine dem Original nachgebaute Steinschneidemaschine, durch die Rekonstruktion einer Orgel, beide absolut funktionsfähig, und einem Schaubeet im Garten mit Gemüsesorten aus der Zeit Konstantinopels.
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