Kultur und Wein

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Warum isst die Welt wie sie isst Ausstellungsansicht

WARUM ISST DIE WELT WIE SIE ISST? Erster Teil: Aus der Erde auf den Teller

Wildbretküche in Schloss Niederweiden

Drei aufschlussreiche Jahresausstellungen zu unserer Ernährung in feudalem Ambiente

Schlosshof, der geliebte Sommersitz von Prinz Eugen, hat nicht nur wunderschöne, in den letzten Jahren revitalisierte barocke Räume. Er verfügt auch über einen Gutshof, der auch für gewaltige Gesellschaften Lebensmittel produzieren konnte. Der kleine Mann war als nicht nur ein großer Feldherr, sondern auch ein vorsorglicher Ökonom und, wenn man so will, ein Großbauer. Er wusste um den Wert eines Feldes, auf dem das Korn wuchs, aus dem seine Untertanen für seinen Hofstaat das Brot buken. Unsereins ist dieses Bewusstsein in vielerlei Hinsicht verloren gegangen. Lebensmittel haben einfach da zu sein. Obst soll Saisonen haben? Lächerlich. Zu Weihnachten gibt es Erdbeeren, Weintrauben und Spargel, ohne dass sich jemand fragt, wie das möglich ist. Fleisch wird in Sonderaktionen möglichst preisgünstig abgesetzt und keiner kümmert sich um die Tiere, deren Dasein zum Gegenstand eines Preiskampfes herabgewürdigt wird. Was sich hinter den Kulissen der Nahrungsmittelproduktion abspielt, mag schockierend sein. Aber man kann die Augen davor verschließen?

Warum isst die Welt wie sie isst? Ausstellungsansicht

Der Supermarkt ist schon längst die letzte Station einer weltweiten Ausbeutung der Erde und des Meeres. Es geht ums Geld, das damit verdient werden kann und nicht um den Fisch, der mit riesigen Netzen gefangen wird und deswegen im Aussterben begriffen ist, auch nicht um den Boden, der jahrelang mit Kunstdünger gedopt wird, so lange, bis er aufgibt und nichts als eine Wüste zurück bleibt. Die rapide wachsende Weltbevölkerung kann trotz der Massenproduktion nicht ausreichend ernährt werden. Ein Paradoxon? Nein, weil sich ein kleiner Teil der Menschen auf diesem in seinen Ausmaßen durchaus begrenzten Globus eine Logistik entwickelt hat, die ihr Überfluss gegenüber dem Mangel auf der anderen Seite ermöglicht.

Detailfoto aus Warum isst die Welt wie sie isst?

All das klingt moralisierend und scheint mit den Freuden des Essens nur wenig zu tun zu haben. Soll es auch nicht, denn dieses Thema, mit dem in den nächsten drei Jahren Schlosshof und Schloss Niederweiden bespielt wird, ist alles andere als appetitlich. Im Jahr 2018 geht es um den Weg des Essens aus der Erde auf den Teller. Gestaltet ist diese Reise entsprechend sachlich, fast so nüchtern wie der Magen vor dem Frühstück. Der Besucher betritt einen Kubus, der ihn quasi unter die Erde führt.

An den Wänden sind Texttafeln, die zum Lesen und Nachdenken einladen. Das Verständnis erleichtern Piktogramme, die auf einen Blick die Unverhältnisse, in denen wir bereits leben, deutlich machen. Immer wieder wird der kulinarische Imperativ angesprochen: Weniger Fleisch essen! Um überleben zu können. In den Ausstellungsräumen selbst werden zum Beispiel industrielle und häusliche Verarbeitung gegenübergestellt, das Food-Design in den grellen Farben der Produkte im Marktregal erklärt uns die Geschichte der Lebensmittelproduktion anhand der Fischstäbchen verdeutlicht. „Jetzt geht´s an Eingemachte“, also um das Haltbarmachen von Lebensmitteln, und bei „Was ist alles drin?“ werden die geheimnisvollen Zahlen auf den diversen Packungen erklärt.

Küchengeräte erzählen über „Die Technik des Kochens“, das nach Befürchtung der Gestalter immer mehr dem Fertigprodukt weichen muss. Fast wie zu Prinzens Zeiten erscheinen die Bilder von Burger, Sushi und Wiener Schnitzel in „Gerichte mit Geschichte“ im noblen goldenen Rahmen. Es wird über das vielschichtige Reinigen von Früchten nachgedacht und die Suche nach neuen Eiweißquellen eröffnet. Dass dabei auch Insekten eine große Rolle spielen werden, daran müssen wir uns allmählich gewöhnen.

Warum isst die Welt wie sie isst Ausstellungsansicht

In der Orangerie des Schlosses gibt es zwei durchaus zukunftsweisende Projekte zu bestaunen. Das eine ist Aquaponic. In Aquarien werden Fische gehalten, deren Exkremente nach entsprechender Behandlung als Dünger in darüber angebrachten Pflanzkästen eingebracht wird. Es handelt sich dabei um eine alte Technik, die schon die Azteken vor ca. 1000 Jahren angewendet haben, die Chinesen in ihren Reisfeldern jedoch schon vor mindestens 11.000 Jahren.

Für die Ausstellung wurde eine Anlage errichtet, an der man sich von der Wirkungsweise dieser Idee, die durchaus üppige Gemüsepflanzeln hervorbringt, überzeugen kann. Das zweite sind Pilze auf Kaffeesud. Austernseitlinge gedeihen prächtig auf Beuteln gefüllt mit dem bisher unbrauchbaren Rest der Kaffeehäuser und Hotels und schließen so einen Kreislauf, denn nach drei Pilzernten wird bei den jungen Betreibern von „Hut & Stiel“ das Substrat kompostiert und als Erde weiterverwendet.

Warum isst die Welt wie sie isst? Ausstellungsansicht

Das nahe Schloss Niederweiden wurde für den Abschnitt „Sinn und Sinnlichkeit“ ausgewählt. Es gibt eine Hands-on-, besser Nose-on-Station, an der sich der Besucher von der Fähigkeit seines Geruchssinnes überzeugen kann. Gar nicht leicht, ohne optische Hilfe die durchs lange Stehen etwas veränderten Aromen von Ananas, Banane oder Sekt zu definieren.

In „Du bist, was du isst“ gibt´s Ratschläge, wie man für eine bessere Welt essen oder sich schlank und gesund essen kann. Das Motto „Ich glaube, also esse ich“ erzählt über die verschiedensten Vorschriften in den Weltreligionen, die immer wieder die Nahrungsaufnahme beeinflusst haben. Aus kleinen Lautsprechern hört man Geräusche, die diversen Speisen zugeordnet werden sollen und erfährt nebenbei, dass es sogar eigene Klangdesigner gibt, von denen das anregende Knacken eines Erdapfelchips ganz genau gestaltet wird. Zur Optik braucht man gar nicht viel zu sagen, denn die Weisheit, dass man schon mit den Augen isst, ist nicht neu, wird aber in der Produktion bis zur Manipulation des Konsumenten ausgereizt. Eigene Entscheidungen ermöglichen zweifärbige Säulen, an denen Fragen wie „Würden Sie Insekten essen? Ja oder nein“ oder „Bevorzugen sie Koscher oder Halal?“ durch Knopfdruck beantwortet werden können. Das jeweilige Verhältnis zwischen Gelb und Blau ergibt am Ende eine „demokratische“ Entscheidung, die sich allerdings nicht auf die Zukunft unseres Essens auswirken wird.

Warum isst die Welt wie sie isst? Station Hut und Stiel
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