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Jacques Offenbach bringt Pariser Leben auch nach Langenlois

Ensemble Damen  © Schlossfestspiele Langenlois,  Fotograf Kurt-Michael Westermann

Ein Melodienrausch vom Erfinder der Operette

Auf zum Flughafen und ab geht´s zum Weekendtrip in „die Stadt voll süßer Freuden“! Grundsätzlich ist Paris Mitte des 19. Jahrhundert gemeint. Dort ist die heitere kleine Geschichte von den beiden Lebemännern Raoul de Gardefeu und Bobinet Chicard, die Jacques Offenbach unter dem Titel „Pariser Leben“ vertont hat, ursprünglich angesiedelt. Es kann aber auch eine Parabel auf unsere Spaßgesellschaft sein, die einfach für ein paar Tage aus dem Trott aussteigen will, indem sie ein paar Flugstunden entfernt anderswo diverse Vergnügungen sucht. So wurde in Langenlois unter der Regie von Robert Lehmeier aus der Bahnhofshalle kurzerhand ein Airport. Über Lautsprecher werden die Besucher aufgefordert, ihre Plätze einzunehmen, den (nicht vorhandenen) Tisch vor sich hochzuklappen und sich anzuschnallen. Die Ouvertüre hebt tatsächlich ab. Die Musik hat einfach Schwung und dazu die entsprechenden Interpreten mit dem Schloss Schönbrunn Orchester Wien unter der Leitung des Intendanten Andreas Stoehr.

Andrea Purtic und Georg Lehner  © Schlossfestspiele Langenlois,  Fotograf Kurt-Michael Westermann

„Pariser Leben“ ist nicht gerade das meist gespielte Werk von Jacques Offenbach, der gemeinhin als Erfinder der Operette gilt. Ob es zu Unrecht in den Hintergrund von „Orpheus in der Unterwelt“ oder „die schöne Helena“ gerückt wurde, das muss jeder für sich entscheiden. Es ist und bleibt ein Risiko, Raritäten auf den Spielplan zu setzen. Bei den Schlossfestspielen Langenlois hat man es gewagt und, nach dem Schlussapplaus bei der Premiere zu schließen, auch gewonnen.

Hege-Gustava Tjønn und Ensemble  © Schlossfestspiele Langenlois,  Fotograf Kurt-Michael Westermann

Da es sich, wie man dort erfährt, um den ersten großen durchschlagenden Erfolg des Komponisten gehandelt hat, kann man nur wünschen, dass dieser auch auf die Produktion anno 2014 abfärbt.

 

Dem Ensemble wird es allerdings nicht leicht gemacht, Pariser Feeling über die Rampe zu bringen. Sie schaffen es trotzdem, vor der zwar traumhaften Kulisse von Schloss Haindorf auf einer aber mehr als spartanisch gestalteten Bühne Lebenslust zu verbreiten.

Was die Flotte von Scheibtruhen dabei verloren hat, wird eigentlich nicht so klar. Vielleicht haben sie einen tieferen Sinn, aber in einer Stadt, in der sich das Interesse seiner Bewohner angeblich auf sexuelle Freizügigkeit, Saufen und Feiern beschränkt, sind diese Hackler-Symbole schwer einzuordnen. Soll der G´schaftlhuber (Ernst-Dieter Suttheimer) eine Persiflage sein? Er ist überzeugt, dass er für die Weiber (unter anderen für die Handschuhmacherin Gabrielle/Elena Schreiber mit überzeugender Stimme) zahlen muss, und fährt sein Geld in der Scheibtruhe spazieren. Das wäre doch zuviel der Ehr´ für den gealterten Baumeister und seine Katzis und Spatzis.

Georg Lehner ist der stimmgewaltige schwedische Baron Gondremark, dessen Gattin Christine die Sopranistin Hege-Gustava Tjønn. Sie sucht ebenso wie ihr Gespons das Abenteuer und findet es mit Gardefeu (André Bauer). Ihre Arie unter den vom Chor hochgehaltenen Lustern ist einer der berührenden Momente dieser Aufführung. Ihr Mann bemüht sich vergeblich um Entspannung bei Metella, die ihm von einem Freund empfohlen wird.

André Bauer, Renée Schüttengruber © Schlossfestspiele Langenlois,  Fotograf Kurt-Michael Westermann

Renée Schüttengruber macht mit erotischer Ausstrahlung und nebenbei mit großer Stimme glaubhaft, dass ihretwegen sogar die Männerfreundschaft zwischen Gardefeu und Bobinet (Georg Prohazka) in die Brüche gegangen ist. Aber erst dadurch wird die Handlung ermöglicht.

Ernst-Dieter Suttheimer, Georg Lehner, Renée Schüttengruber, Hege-Gustava Tjønn © SFS Langenlois

Jacques Offenbach macht vergessen, dass die Texte kaum Inhalt haben. Es geht einfach um das Pariser Leben, damals wie heute im übertragenen Sinn. Mit dem Cancan kommt regelmäßig Leben ins Geschehen und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass es um diese herrliche Musik fast zu schade ist, in einer seichten Gesellschaftskomödie verbraten zu werden – und man wird vom Komponisten selbst bestätigt. Die vielleicht schönste Melodie hat er sich selbst „gestohlen“.

Sie erklingt im „Pariser Leben“ just an der Stelle, wo alle ihren Rausch ausschlafen, und man hört sie wieder als Barcarole in Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, die 1881, also nach seinem Tod, ihre Uraufführung feierte.

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