Kultur und Wein

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Schloss Rothmühle in Schwechat

WEDER Lorbeerbaum NOCH Bettelstab als zeitlose Parodie

Weder Lorbeeerbaum noch Bettelstab Szenenfoto © Babrara Palffy

Ein scharfzüngiges Statement wider überheblichen Bürgersinn und gehässige Gutmütigkeit

An sich heißt es, dass in Wien einer g´storben sein sollte, ehe man ihn anerkennt. Johann Nestroy war zwar schon zu Lebzeiten berühmt, von der Zensur und ihren Hintermännern gefürchtet und vom Volk geliebt wegen seiner „Stuck“, die ihnen Gelegenheit zum befreiten Lachen gaben. Aber der Dichter konnte sich recht gut in die Künstlerkollegen hineindenken, denen weniger Erfolg als ihm beschieden war. Mit dem Johann Leicht in der parodierenden Posse „Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“ schuf er ihnen eine Gestalt zur Identifikation. Dieser arme Kerl verfügt, dank Nestroy, über eine gewaltige verbale Ausdruckskraft, die jedoch von seinen Zeitgenossen keineswegs goutiert wird. Diesen war allerdings bekannt, dass Nestroys Mitgefühl nicht ganz ernst zu nehmen war. Allein der Titel verrät, dass es sich um eine Persiflage eines in diesen Tagen auch von der Kritik begeistert aufgenommenen Rührstücks aus der Feder eines gewissen Karl von Holtei mit dem Titel „Lorbeerbaum und Bettelstab“ handelte. Nestroy lässt seinen Helden zwischen den beiden Extremen relativ unbeschadet hindurchwandeln.

Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab Szenenfoto © Barbara Palffy

Dabei verzichtet er jedoch nicht, diesen Leicht in geübtem Zynismus im Glauben der Leute sterben zu lassen und ihm damit einen verspäteten Erfolg seines Stücks anzuhängen. Ganz nebenbei legt Nestroy in diesem frühen Werk seiner Karriere als Autor von über 80 Stücken ein Bekenntnis zur eigenen Bescheidenheit ab, wenn er diesen Dichter sagen lässt: „Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen, unterhalten, lachen sollen d'Leut' und mir soll die G'schicht a Geld tragen, dass ich auch lach', das ist der ganze Zweck.

Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab Szenenfoto © Barbara Palffy

Wenn damals sein Publikum genau gewusst hat, wer und was gemeint war, gilt das Gleiche für heute, wenn ein doch selten gespieltes Stück wie dieses dankenswerter Weise der Vergessenheit entrissen wird. Der Unterschied ist die Aufnahme des Nestroy´schen Spottes. Seinerzeit hat man es ihm übel genommen, dass er sich über ein beliebtes Drama lustig gemacht hat. Heutzutage fällt diese Befindlichkeit weg. Mittlerweile weiß man, dass Nestroy der Lorbeer gebührt.

Und man ist bereit, die von ihm karikierte Gesellschaft in all ihrem überheblichen Bürgersinn und der gehässigen Gutmütigkeit, wie sie Nestroy anprangert, herzlich zu lachen. Es darf dabei schon einiges an Kabarettistischem dazu kommen, wie ausführliche Couplets, in denen niemand verschont wird, auch nicht die Kollegenschaft von Bühne, Film und Fernsehen. Begleitet werden die zu Sängern mutierten Schauspieler dabei vom Blinden Poldl (Thomas Franz-Riegler) auf der Gitarre. Die Politik manifestiert sich unter anderem in der Trump-Locke des reichen Seifensieders Grundl (Christian Dungl), die Seitenblicke in der publicitygeilen Gästeschar des Chicho Ree (im Original Cichori, Kaffeesieder) und am Buffet die Verfressenheit der Teilnehmer bei Lesung und Hochzeit, denen es vollkommen wurscht ist, ob einer den Lorbeerbaum erklimmt oder am Bettelstab geht.

Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab Szenenfoto © Babrara Palffy

Peter Gruber, Intendant der Nestroy Spiele Schwechat hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Kleinode aus der prall gefüllten Schatzkiste, die uns Nestroy hinterlassen hat, zu bergen. Er hat selbst Regie geführt und das Schlingern von Johann Leicht zwischen Lorbeerbaum und Bettelstab im stimmungsvollen Hof des Schlosses Rothmühle inszeniert. Der erste Teil kommt frontal von der Bühne. Nach der Pause muss das Publikum mit den Schauspielern in die Brühl wandern.

Gemeint ist der Gastgarten, um dort vom Heurigenbankerl aus den Showdown zwischen der Liebe des nunmehr zum Harfenspieler (in diesem Fall eine Teufelsgeige) herabgekommenen Dichters und seiner ehemaligen Angebeteten verfolgen zu können.

 

Die Besetzung ist üppig, mehr als 31 Rollen, die ihre Darsteller wollen – im Grunde eine wundervolle Gelegenheit, jungen Schauspielern, unter anderem aus der Schule der großen Elfriede Ott (gab der Premiere die Ehre ihrer Anwesenheit), eine Auftrittsmöglichkeit zu geben. Zu den „alten Herren“ zählt der „Weltenbummler“. Herr Überall, der Von Wien nach Fischament und dann wieder von Fischament nach Wien mehr Kilometer zurücklegt als James Cook bei seinen Weltreisen, hat mit Franz Steiner einen Komödianten der unaufdringlichen Art gefunden, der mit seinen ständig wiederholten Reminiszenzen an Fischamend zu Recht etliche Lacher erntet.

Ihrer Therese, der bedauernswerten Ehefrau des erfolg- und geldlosen Musensohnes, gibt Julia Kampichler wahre Bodenständigkeit. Gatte Johann (Eric Lingens, der mit seinen Worttiraden gekonnt dem ersten Darsteller dieser Rolle, nämlich Nestroy himself, nacheifert) verschaut sich hingegen neben all dem Jammer in die reiche Agnes (Lilian Jane Gartner). Das hübsche schwärmerische Ding ist jedoch bereits verlobt, und zwar mit Johanns sträflich dummen Freund Blasius (Valentin Frantsits) als Sohn des Seifensieders), der stolz behauptet: „ Ja es kann auch nix seyn; sie hat mir ja, fallt mir g'rad ein, Dings dader – ewige Liebe geschworen, mein Vertrauen ist unerschütterlich.“ Es wird also nichts mit einem fröhlichen Bäumchen wechsle dich, denn Theresia verschwindet nach Unbekannt und deren Sohn Johann (Christian Leutgeb) wird von Agnes gemeinsam mit der eigenen Tochter Julie (Annabelle Staudacher) großgezogen. Bei soviel Widrigkeiten bleibt dem zur eigenen Mitte gelangten Leicht nichts anderes mehr übrig, als am Schluss nüchtern Fazit zu ziehen: „Leckst´s mich im Arsch!“

Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab Szenenfoto © Barbara Palffy
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