Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Siena, ein Juwel der Toskana, glänzt in seiner Vergangenheit

Palio, Contraden und die Madonna mit dem schützenden Mantel

Über der Basilika San Domenico sollen einst Christus, Petrus, Paulus und Johannes der siebenjährigen Katharina von Siena in einer Vision erschienen sein. In der Kirche werden noch der Kopf und ein Finger als Reliquien der Heiligen in einer ihr geweihten Kapelle verehrt. Von der Aussichtsterrasse davor zeigt sich Siena von seiner schönsten Seite.

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Panorama: Siena von San Domenico aus gesehen

l.g.o.: Fahne der Contrade Drago/Drache

l.o.: Basilika San Domenico

l.u.: Torre del Mangia

l.g.u.: Die Piazza del Campo wird für den Palio präpariert.

r.o.: Die Grenzen der Contraden werden deutlich markiert.

Leiste: Die Wölfin mit den Zwillingen ist ein Symbol der Stadt und soll die Abstammung von Rom demonstrieren.

Man steht den Fassaden eng verschachtelter Backsteinhäuser auf Augenhöhe gegenüber. Wenn ihre Farbe in der Wärme des späten Lichts aufglüht, wird schlagartig klar, warum man von Sienarot spricht und damit ein besonders schönes Rotbraun gemeint ist. Es zieht sich vor dem Blick über den Berg bis tief hinab zur Via Esterna di Fontebranda, die vom Tal durch das gleichnamige Tor zu einem der wichtigsten und schönsten Brunnen der Stadt, dem Fonte Branda, und von dort steil hinauf Richtung Piazza del Campo führt.

 

Über eine Landschaft flacher Dächer erhebt sich mächtig der Duomo, die Kathedrale mit Kuppel und kantigem Turm. Sie zeigt sich streng schwarzweiß gestreift und macht damit deutlich, dass Schwarz und Weiß die wahren Farben der Stadt sind. Sie spielten schon bei der legendären Gründung Sienas eine wesentliche Rolle. Senius und Askius, die Söhne des Remus, hatten aus Rom fliehen müssen. Apollo hatte sie dazu mit zwei Pferden, einem weißen und einem schwarzen, ausgestattet. Senius gründete Siena, sein Bruder Askius die Stadt Asciano. Auf ihrer Flucht hatten sie, als wäre solches selbstverständlich, ein Standbild der Römischen Wölfin mitgeführt, die von Siena als Symbol übernommen wurde. Der Mythos sollte auf den römischen Ursprung verweisen, der jedoch von Wissenschaft eher den Etruskern zugesprochen wird.

 

Links vom Dom ragt wie eine lange Nadel der Torre del Mangia, Rathausturm, 102 m, aus der Dachlandschaft. Er galt bei seiner Fertigstellung 1348 als Wunder der Baukunst und als unübersehbares Zeichen des Selbstbewusstseins einer Stadt, die sich in ihrer Bedeutung zu dieser Zeit mit Weltstädten wie Paris, London oder Rom messen konnte und sie wahrscheinlich in Schönheit weit übertraf. Die Straßen waren mit Pietra serena gepflastert, die Wände waren verputzt und mit Gobelins geschmückt und Marmor in verschiedensten Farben wurde reichlich verwendet, wie der Grüne aus Montarrenti, der gelbe Brocatello und vor allem Travertin, der „Marmor der Sienesen“ an den wichtigsten Gebäuden der Stadt.

Scharen von Pilgern auf der Via Francigena, dem Frankenweg, zogen durch die Stadt und ließen Geld und Weltläufigkeit in ihren Mauern zurück. Seit 1240 ist Siena als Universitätsstadt dokumentiert, hatte mit dem Ospedale Santa Maria della Scala eine großartig funktionierende Sozialeinrichtung (Waisenhaus, Spital) und brachte mit seiner nach wie vor existierenden Bank Monte dei Paschi (1472 ggr.) neuen Wind ins spätmittelalterliche Finanzwesen. Dass der Dom nicht ganz so groß geworden ist, wie er geplant gewesen war, sogar darauf wird bis heute hingewiesen. Eine vorschnell errichtete Wand blieb stehen und im Straßenpflaster ist die Position nie aufgestellter Säulen deutlich markiert.

 

Das stolze Siena wurde 1555 von Florenz besiegt und wurde unter den Medici Teil des Großherzogtums Toskana. Der Stachel sitzt bis heute tief im Fleisch der Sienesen. Ihre Seele hat sich die Stadt jedoch bewahrt. Nicht einmal der Verlust der Unabhängigkeit konnte das Vertrauen in die Madonna und ihren Schutzmantel erschüttern. In höchster Not werden ihr sogar die Schlüssel der Stadt übergeben, wie 1944, als die Front durchzog und die Stadt einigermaßen verschonte. Ihr Fest wird am 15. August mit Maria Himmelfahrt, dem Patrozinium der Kathedrale, nach wie vor groß gefeiert und ist einer der beiden Anlässe für die wichtigste Veranstaltung Sienas, für den Palio, dessen Entstehen ebenfalls auf die Flucht ihres sagenhaften Gründers zurückgeführt wird, auf den „Palio alla Lunga“ von Senius und Askius.

 

Tage vor dem 2. Juli und dem 16. August herrscht in der Stadt bereits große Aufregung. Die Straßen und engen Gassen sind mit den Fahnen der jeweiligen Contraden geschmückt. Contrade ist mehr als nur die Bezeichnung für einen Stadtteil mit eigenen Namen und Wappen (z. B.: Aquila/Adler, Chiocciola/Schnecke, Civetta /Eule, Leocorno/Einhorn, Bruco/Raupe, Drago/Drache). Man sagt, es handelt sich um eigene kleine Städte in der Stadt mit eigenem Territorium. Siena besteht aus drei Stadtteilen, dem Terzo di Città, di San Martino und di Camollia, die sich in der Via Termini treffen und auf die sich die 17 Contraden verteilen. Sienesen sagen selber, dass die Contrade ihr eigenes kleines Vaterland sei, dessen Ehre und Gedeihen bei jedem Palio, an dem sie teilnimmt, auf dem Spiel steht.

r.o.: Il Duomo, die Kathedrale von Siena

r.u.: Orgel des Domes

r.g.u.: Köpfe von Päpsten am Sims des Presbyteriums des Domes unterstreichen die Bedeutung der Stadt

l.u.: Schutzmantelmadonna, Fresko im Ospedale Santa Maria della Scala

l.g.u.: Siena in seinem schönsten Rot

Die Regeln des Palios sind in der Vorbereitung kompliziert, vor allem was die Teilnahme und die Auswahl der Bàrberi, der Pferde, betrifft. Wenn es aber an den Start geht, auf der Piazza del Campo, die für dieses Rennen bestens mit einer dicken Sandbahn präpariert wurde, dann zählt nur der Sieg des Pferdes. Der Reiter darf in einer der engen Kehren des muschelförmigen Platzes den Sattel verlassen und sich in Sicherheit gebracht haben. Das Rennen selbst dauert nur einige Minuten, Beobachter bezeichnen es als Explosion, der als Echo der Jubel einer der Contraden folgt. Palio ist für die Sienesen aber das ganze Jahr, sie bezeichnen Palio als ihre Daseinsberechtigung und Darstellung ihrer „uneinigen Einigkeit“ und als Quintessenz ihrer Geschichte.

 

Kurzer Nachtrag: Man wird nun verstehen, warum es während der Zeit des Palio schwierig ist, in Siena ein Zimmer zu ergattern. Man hätte zwar Gelegenheit, die scheinbar unversehrt erhalten gebliebene mittelalterliche Seele dieser Stadt unmittelbar zu erfahren, wird aber im Gedränge von Besuchermassen untergehen, trotz der in Stein gemeißelten Zusicherung an der Porta Camollia: Cor Magis Tibi Sena Pandit (Siena öffnet dir sein Herz weiter als seine Tore).