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Zur schönen Aussicht Ensemble © Reinhard Steiner

„Zur schönen Aussicht“ – Ödön von Horváth essentiell

Zur schönen Aussicht Ensemble © Rolf Bock

Es gibt keinen Verlass auf den lieben Gott

Ödön von Horváth ist der klarsichtigste Chronist des Vorabends der verheerenden Katastrophe, die mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg über Europa hereingebrochen ist. 1924 hat er bereits beobachtet, wie sich finstere Wolken der Unmenschlichkeit zusammengeballt haben und hat als warnendes Wetterleuchten die pechschwarze Komödie „Zur schönen Aussicht“ geschrieben. Der Titel ist zynisch und sollte wohl eine Warnung sein, die man seinerzeit jedoch geflissentlich ignoriert hat. Das Stück wurde einfach nicht aufgeführt. Erst 1969 wurde es von Gerald Szyszkowitz dem Vergessen entrissen und der Theaterwelt wiedergegeben. Es ist Horváth pur, die dramatische und sprachliche Essenz dieses Dichters, der schonungslos das Böse in den abgründigsten Tiefen der Seele aufstöbert und ans Licht zerrt. Die meisten seiner Typen sind miese Karikaturen. Der Anflug von einem Glauben an die Menschen beschränkt sich wie in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ auch hier auf das Mädchen, das ihrer Liebe gegenüber dem Bösen ausgeliefert war, sich aber letztendlich daraus befreien kann.

Die Männerriege Zur schönen Aussicht © Rolf Bock

Diese Botschaft in „Zur schönen Aussicht“ hat in unseren Tagen bedenkliche Aktualität erhalten. Umso löblicher ist die mutige Entscheidung von Martin Gesslbauer, dem Intendanten der Sommerspiele Schloss Sitzenberg, mit diesem Stück den Reigen der Sommertheater zu eröffnen. Als Regisseur konnte Reinhard Hauser gewonnen werden, der diesen Horváth mit entsprechendem Respekt vor dem todernsten Hintergrund trotzdem als Komödie auf die Bühne im wunderschönen Innenhof des Schlosses gestellt hat. Man darf also mit gutem Gewissen lachen, wenn Michael Duregger als windiger Kellner Max und Marcus Strahl als brutaler Chauffeur Karl handgreiflich aneinandergeraten und dabei mehr und mehr von ihrer dunklen Vergangenheit offenbaren.

Michael Duregger (Max), Gerhard Karzel (Müller) © Rolf Bock

Strasser, der Hotelier mit mächtigem Gamsbart und Trachtenjoppe, der nix als Schulden hat und aus dem einen und einzigen Grund überlebt, da er nicht die Spur von Gewissen hat, erhält von Michael Schefts die überzeugend abstoßende Persönlichkeit. Ausgerechnet in ihn hat sich Christine verliebt, das nette Mädel, und ist glatt von ihm schwanger geworden. Anna Sophie Krenn versteht es in berührender Ruhe, sich in dieser Rolle von der ätzenden Gesellschaft zu lösen und den erlösenden Schritt weg von der schönen Aussicht zu tun.

Dazu gehören auch der Vertreter Müller, der erfolglos Geld von Strasser einfordert und von Gerhard Karzel die entsprechend schmierige Gestalt erhalten hat, und Baron Emanuel F. von Stetten. Gerhard Dorfer ist als hoffnungsloser Spieler und Habenichts beinahe liebenswürdig. Man ist überzeugt, dass dieser abgebrannte Kleinadelige um Geld alles tun würde, sogar die überraschend reich gewordene Christine trotz bedenklicher Standesunterschiede zu ehelichen. Seine Schwester Ada Freifrau von Stetten ist der einzige zahlende Gast dieses Hotels. Als Gegenleistung müssen dafür Strasser, Max und Karl ihre erotischen Gelüste erfüllen. Edith Leyrer scheut nicht davor zurück, in dieser Rolle alle Facetten eines abgetakelten Vamps auszuspielen, bis zur besoffenen Alten, die in abstoßender Weise ihre Geilheit an den Mann bringen will.

Angeblich hat es diese Leute gegeben und sie waren reale Vorbilder für Ödön von Horváth in „Zur schönen Aussicht“, die sich als solche als Fata Morgana herausgestellt hat. Viel gebessert hat sich daran bis heute nicht. Noch können wir darüber schmunzeln, wenn andere uns vorspielen, wie schlecht die Menschheit im Grunde ist, sollten aber doch kurz darüber nachdenken, in welcher der Rollen ein jeder und eine jede von uns zu schlüpfen bereit wäre. Dass man sich bei all dem am wenigsten auf den lieben Gott verlassen kann, ist nur eines der Erkenntnisse, die man auf den Weg von Schloss Sitzendorf nachhause mitnehmen kann.

Gerhard Dorfer (v. Stetten), Marcus Strahl (Karl) © Rolf Bock
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Schloss Sitzenberg  Foto:© Peter Bors

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