Kultur und Wein

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Davide Dato  © Johannes Ifkovits

DER FEUERVOGEL Alte russische Märchen neu erzählt und getanzt

Rebecca Horner, Masayu Kimoto in "Der Feuervogel" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Feuervogel protegiert Grillhendl

Schade, dass man Musik, und noch dazu getanzte, mit Worten nur unzulänglich beschreiben kann. Das Wiener Staatsballett und das Orchester der Wiener Volksoper muss man einfach persönlich erleben, um eine Idee davon zu haben, was es bedeutet, einen ganzen Abend mit dem russischen Komponisten Igor Strawinski verbringen zu dürfen. Die beiden Märchen Petruschka und Der Feuervogel werden mit Movements to Stravinsky getrennt. Nur eines darf man sich nicht erwarten: klassisches Ballett. Es ist moderner Tanz, den das Staatsballett virtuos beherrscht. Es zeigt ein für solche Stücke, die vom Ensemble Balletts Russes vor mehr als 100 Jahren uraufgeführt wurden, ungewöhnliches Repertoire an Figuren und Schritten. Die Geschichten, die damit erzählt werden, sind ebenfalls alles andere als plüschig getanzte Märchen. Es ist eine, man könnte sagen, revolutionäre Sicht auf zwei bekannte Ballette – sie werden nicht nur heutig getanzt, sondern auch vom Inhalt her für die Gegenwart interpretiert.

Davide Dato in "Petruschka" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Petruschka ist keine Puppe auf einem russischen Jahrmarkt. Er ist zwar eine Marionette, aber er wird gegängelt von seiner Familie und von der Direktorin der Schule, an der er eine unmögliche Schar von Kindern unterrichten soll. Brutalitäten sind an der Tagesordnung, deren eindringliche Schärfe durch die Musik unterstrichen wird. Die Choreographie stammt von Eno Peci, der gnadenlos eine Uhr über der Szene laufen lässt. Sein Lehrer ist Davide Dato, der sich im wahrsten Sinn des Wortes für seinen Beruf zerspragelt und Frau (Nina Tonoli) und Kind (Raphael Grotrian) vernachlässigt.

Nikisha Fogo, Greig Matthews in "Movements to Stravinsky" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Rebecca Horner, die Schuldirektorin, die als eine Art Catwoman das Geschehen beherrscht, ist die kalte Chefin, die mithilfe zweier Schlägertypen (Trevor Hayden, Arne Vandervelde) ihren Untergebenen fertig macht. Kein Stück für angehende Pädagogen, die angesichts der Grausamkeiten, zu denen Vorgesetzte und Schüler fähig sind, wohl umgehend einen anderen Berufswunsch ins Auge fassen. An dieser Stelle ein Kompliment an den ersten Trompeter des Orchesters der Volksoper (Dirigent: David Levi), der halsbrecherische Stellen souverän meistert.

Movements to Stravinsky sind so besehen eine Erholung. Gespielt wird „schöne“ Musik Strawinkis. Teile aus der Pulcinella Suite, das Larghetto aus Les Cinq Doigts, die Apotheose aus Apollon musagète und die Serenata aus der Suite Italienne in einer Fassung für Cello und Klavier. András Lukács hat dafür die Choreographie, das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Er hat zwar die Musik ausgewählt, will sich aber nicht auf die Handlung beziehen. Lukács: „Meine Idee ist es, das Publikum anhand der Musik, der Choreographie und natürlich der Darstellung der Tänzerinnen und Tänzer in eine Stimmung zu versetzen, die es ermöglichen soll, sich ausschließlich auf die Schönheit der Bewegung einzulassen.“

 

Der Feuervogel beginnt mit einem Lacher der Zuschauer. Ivan (Masayu Kimoto) kommt statt als Prinz als Grillhendl verkleidet vor ein russisches Großkaufhaus und soll dort Flyer verteilen.

Dass sich drinnen der Boss des Einkaufstempels, ein gewisser Koschey (Mihail Sosnovschi) mit seiner Trophäe Vasilissa (Rebecca Horner) vergnügt, lässt in ihm das Verlangen aufkommen, es dem Herrn da drinnen gleich zu tun. Mithilfe des Feuervogels (Davide Dato), der aus einer Schaufensterpuppe zum Leben erwacht, kann er den großen Koschey vernichten, sich selbst an dessen Stelle setzen und sogar Vasilissa für sich gewinnen. Dann allerdings macht er einen großen Fehler. Er verstößt seinen Protegé und muss seinem Nachfolger, einem Flyer verteilenden Hotdog (Andrés Garcia-Torres) ins Auge schauen. Das Ensemble sind Arbeiter und Putzfrauen, Prinzessinnen und Kunden, die alle sehr heutig eingesetzt sind. Sogar Tätigkeiten wie Aufwaschen und Kartons schlichten lassen sich mit modernem Tanz ausdrücken, der in der Choreographie von Andrey Kaydanovskiy sich mit der Musik von Igor Strawinski zu einem vollkommen neuen Erlebnis dieses an sich bekannten Balletts verdichtet.

Rebecca Horner in "Petruschka" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor;
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