Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Maria Yakovleva (Juliette) & Masayu Kimoto (Roméo) © Volksoper Wien/Johannes Ifkovits

ROMÉO ET JULIETTE Symphonie von Berlioz als großes Ballett

Maria Yakovleva (Juliette) & Masayu Kimoto (Roméo)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Mächtige Emotionen werden nochmals verstärkt durch bezaubernde Bewegungen

Hector Berlioz hatte „Roméo et Juliette“ als dramatische Symphonie geschaffen. Die Tragödie von William Shakespeare mit ihrem Überschwang an Gefühlen hatte den Komponisten zu dieser Musik inspiriert. Berlioz schätzte den vollen Orchesterklang, riesige Chöre und stimmgewaltige Gesangssolisten. Er sparte nicht in der Besetzung, wenn es darum ging, Empfindungen wie Liebe und Hass in Töne zu setzen. Er war einer der Entdecker des Reichtums an Klangfarben, die mit einem Symphonieorchester geschaffen werden können. Dazu kommt der Inhalt dieses Stücks, das bereits zur Zeit von Berlioz Millionen Menschen zu Tränen gerührt hatte. Die zwei jungen Leute aus verfeindeten Familien, deren Liebe so stark ist, dass sie am Ende zu beider Tod führt, muss einfach kreative Geister immer wieder zu Neuem anregen.

 

Dass dieser Stoff auch als Ballett umgesetzt werden kann, ist nicht neu, auch nicht mit der Musik von Hector Berlioz, die sich geradezu anbietet, getanzt zu werden.

Roman Lazik (Pater Lorenz)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Choreograph Davide Bombana hat jedoch für das Wiener Staatsballett eine eigene tänzerische Handlung zu diesem Tongemälde geschaffen, ausgeführt von den bekannten Protagonisten Shakespeares. Aber er hat auch die Schuldige an diesem fatalen Geschehen gefunden. Es ist die Königin Mab, zuständig für das Irrationale. Sie sät erfolgreich Zwietracht, wo bereits vom Frieden die Rede ist. Bei den zwei Liebenden hat sie keine Chance, aber dafür umso mehr bei Mercutio, dem sie eine Welt voll Reichtum vorgaukelt, und bei den übrigen Mitgliedern der Familien Capulet und Montague. Die einen sind bei ihm die Regierenden, die anderen die Beherrschten.

Bombana beruft sich dabei auf Berlioz selbst, der dieser bösartigen Gestalt zwei Stücke gewidmet hat und wollte, dass Königin Mab eine Hauptrolle spielt. Sie erscheint immer dann, wenn die Spannung am höchsten ist. Gemeinsam mit vier Doubles ruft sie Konflikte hervor und sekundiert lustvoll bei den Duellen. Ihr gegenüber steht Pater Lorenzo als Verkörperung der Vernunft. Er beschwört die gegnerischen Parteien, sich zu versöhnen. Fast hat er Erfolg, aber am Ende huscht Königin Mab durch die Reihen und wirbelt alles wieder durcheinander.

Rebecca Horner (Königin Mab)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Das Orchester der Wiener Volksoper unter der Leitung von Gerrit Prießnitz gibt den Klängen von Hector Berlioz die entsprechende Wucht im tiefen Blech, aber gleichzeitig auch die Feinheit, die in ausnehmend heiklen, offenen Stellen speziell bei den Holzbläsern gefordert ist. Eine zarte Julia ist Maria Yakovleva und dazu passend Masayu Kimoto als Roméo. Ihr Pas de Deux hat die Unschuld zweier Jungverliebter. Pater Lorenzo (Roman Lazik) ist eine würdige Gestalt, dem Yasushi Hirano für seinen Friedensappell eine wohltuend kräftige Bassstimme leiht. Altistin Annely Peebo singt voll Energie ein Hohelied auf jugendliche Liebe, bevor Tenor Szabolcs Brickner gemeinsam mit dem Chor der Volksoper Wien das frivole Treiben von Königin Mab mit Mercutio kommentiert.

Der übermütige Mercutio erhält von Alexander Kaden, ein friedlicher Benvolio von Gleb Shilov und der aggressive Tybalt von Martin Winter den entsprechenden Charakter. Rebecca Horner tanzt, ach was, tanzt!? Sie schlängelt und windet ihre verführerisch schöne Königin Mab im hellblauen Tutu angriffslustig durch ein Geschehen, das wie auch die Musik von Hector Berlioz sogar angesichts einer solchen Katastrophe wie der Tod zweier junger Leute infrage stellt, ob irgendwann Versöhnung möglich ist.

Maria Yakovleva (Juliette), Martin Winter (Tybalt) & Ensemble  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Davide Dato  © Johannes Ifkovits

DER FEUERVOGEL Alte russische Märchen neu erzählt und getanzt

Rebecca Horner, Masayu Kimoto in "Der Feuervogel" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Feuervogel protegiert Grillhendl

Schade, dass man Musik, und noch dazu getanzte, mit Worten nur unzulänglich beschreiben kann. Das Wiener Staatsballett und das Orchester der Wiener Volksoper muss man einfach persönlich erleben, um eine Idee davon zu haben, was es bedeutet, einen ganzen Abend mit dem russischen Komponisten Igor Strawinski verbringen zu dürfen. Die beiden Märchen Petruschka und Der Feuervogel werden mit Movements to Stravinsky getrennt. Nur eines darf man sich nicht erwarten: klassisches Ballett. Es ist moderner Tanz, den das Staatsballett virtuos beherrscht. Es zeigt ein für solche Stücke, die vom Ensemble Balletts Russes vor mehr als 100 Jahren uraufgeführt wurden, ungewöhnliches Repertoire an Figuren und Schritten. Die Geschichten, die damit erzählt werden, sind ebenfalls alles andere als plüschig getanzte Märchen. Es ist eine, man könnte sagen, revolutionäre Sicht auf zwei bekannte Ballette – sie werden nicht nur heutig getanzt, sondern auch vom Inhalt her für die Gegenwart interpretiert.

Davide Dato in "Petruschka" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Petruschka ist keine Puppe auf einem russischen Jahrmarkt. Er ist zwar eine Marionette, aber er wird gegängelt von seiner Familie und von der Direktorin der Schule, an der er eine unmögliche Schar von Kindern unterrichten soll. Brutalitäten sind an der Tagesordnung, deren eindringliche Schärfe durch die Musik unterstrichen wird. Die Choreographie stammt von Eno Peci, der gnadenlos eine Uhr über der Szene laufen lässt. Sein Lehrer ist Davide Dato, der sich im wahrsten Sinn des Wortes für seinen Beruf zerspragelt und Frau (Nina Tonoli) und Kind (Raphael Grotrian) vernachlässigt.

Nikisha Fogo, Greig Matthews in "Movements to Stravinsky" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Rebecca Horner, die Schuldirektorin, die als eine Art Catwoman das Geschehen beherrscht, ist die kalte Chefin, die mithilfe zweier Schlägertypen (Trevor Hayden, Arne Vandervelde) ihren Untergebenen fertig macht. Kein Stück für angehende Pädagogen, die angesichts der Grausamkeiten, zu denen Vorgesetzte und Schüler fähig sind, wohl umgehend einen anderen Berufswunsch ins Auge fassen. An dieser Stelle ein Kompliment an den ersten Trompeter des Orchesters der Volksoper (Dirigent: David Levi), der halsbrecherische Stellen souverän meistert.

Movements to Stravinsky sind so besehen eine Erholung. Gespielt wird „schöne“ Musik Strawinkis. Teile aus der Pulcinella Suite, das Larghetto aus Les Cinq Doigts, die Apotheose aus Apollon musagète und die Serenata aus der Suite Italienne in einer Fassung für Cello und Klavier. András Lukács hat dafür die Choreographie, das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Er hat zwar die Musik ausgewählt, will sich aber nicht auf die Handlung beziehen. Lukács: „Meine Idee ist es, das Publikum anhand der Musik, der Choreographie und natürlich der Darstellung der Tänzerinnen und Tänzer in eine Stimmung zu versetzen, die es ermöglichen soll, sich ausschließlich auf die Schönheit der Bewegung einzulassen.“

 

Der Feuervogel beginnt mit einem Lacher der Zuschauer. Ivan (Masayu Kimoto) kommt statt als Prinz als Grillhendl verkleidet vor ein russisches Großkaufhaus und soll dort Flyer verteilen.

Dass sich drinnen der Boss des Einkaufstempels, ein gewisser Koschey (Mihail Sosnovschi) mit seiner Trophäe Vasilissa (Rebecca Horner) vergnügt, lässt in ihm das Verlangen aufkommen, es dem Herrn da drinnen gleich zu tun. Mithilfe des Feuervogels (Davide Dato), der aus einer Schaufensterpuppe zum Leben erwacht, kann er den großen Koschey vernichten, sich selbst an dessen Stelle setzen und sogar Vasilissa für sich gewinnen. Dann allerdings macht er einen großen Fehler. Er verstößt seinen Protegé und muss seinem Nachfolger, einem Flyer verteilenden Hotdog (Andrés Garcia-Torres) ins Auge schauen. Das Ensemble sind Arbeiter und Putzfrauen, Prinzessinnen und Kunden, die alle sehr heutig eingesetzt sind. Sogar Tätigkeiten wie Aufwaschen und Kartons schlichten lassen sich mit modernem Tanz ausdrücken, der in der Choreographie von Andrey Kaydanovskiy sich mit der Musik von Igor Strawinski zu einem vollkommen neuen Erlebnis dieses an sich bekannten Balletts verdichtet.

Rebecca Horner in "Petruschka" © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor;
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