Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

Eine Verbeugung vor ungeahnten Möglichkeiten des Balletts

Schwerelos aus den Tiefen des Unbewussten in den Tod und wieder zurück ins Leben

AndreyKaydanovskiy (Die Seele), Ensemble © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn
THE SECOND DETAIL: Olga Esina © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Mit einer einfachen Tonleiter beginnt eine kurzweilige Lehrstunde in Sachen Ballett. ÉTUDES, eine Choreographie von Harald Lander, uraufgeführt 1948 vom Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen, lässt einen bis dahin gewaltig aufwühlenden Ballett-Abend in der Staatsoper Wien überraschend beruhigend ausklingen. Der Zuschauer wird faszinierter Zeuge imaginärer Übungen an der Stange und verfolgt den Weg der Tänzerinnen von der ersten Spitze bis zum schwerelosen Soloauftritt. Den Solisten wird viel Zeit und Platz eingeräumt, mit einem Feuerwerk an Schrittkombinationen und großen Sprüngen spontane Begeisterung auszulösen (Ballerina: Kiyoka Hashimoto, Solisten: Denys Cherevychko, Davide Dato, Roman Lazik, drei Sylphiden: Eszter Ledàn, Flavia Soares, Maria Tolstunova). Begleitet werden sie dabei von Carl Czerny, dem Meister der Etüde (von Knudåge Riisager für Orchester bearbeitet) und dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Peter Ernst Lassen.

Allein damit würde sich der etwas kühle Titel „Ballett-Hommage“ erklären. Aber er verbirgt noch weit mehr als einen Rückblick auf klassisches Ballett. Bereits THE SECOND DETAIL von William Forsythe öffnet ein Fenster zur Gegenwart.

Unter dem schroffen Motto THE als Anspielung auf das ES der Tiefenpsychologie und Sigmund Freuds Über-Ich wird ins Unbewusste getanzt, in eine Welt, die sich grau in grau, aber damit umso klarer präsentiert. Schwere rhythmische Schläge einer elektronischen Klangkulisse treiben die Suche nach innen unerbittlich vorwärts. Erst eine Lichtgestalt, eine Frau im weißen Kleid, wirbelt Turbulenzen in das Geschehen, das bis dahin im scheinbar bekannten Bewegungsrepertoire abgelaufen ist.

ÉTUDES: Kiyoka Hashimoto, Ensemble © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Es wäre aber nicht Forsythe, der mit seiner 2005 gegründeten Company zur tänzerischen Avantgarde zählt, hätte er den Tänzern nicht schon dabei die Freiheit zu eigener Kreativität eingeräumt, so Noah Gelber, der dieses Kleinod aus 1991 mit dem Wiener Staatsballett einstudiert hat.

Géraud Wielick (Engel), Emilia Baranowicz (Die Seherin) © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Eine ganze Geschichte erzählt CONTRA CLOCKWISE WITNESS (For Ole). Es geht um die Nachtoderlebnisse eines Erhängten, dessen Seele mit dem Ableben keineswegs einverstanden ist. Verschiedene andere Tote kreuzen seinen Weg in einem Jenseits, das ihm anhand eines stattlichen Buches die entsprechende Einschulung für seine neue Existenz aufzwingen will. Erstaunlicherweise schafft der Mann das schier Unmögliche und reißt sich zuletzt als Wiedererstandener den Strick vom Hals. Es gehört Mut dazu, sich mit einem solchen Thema in einem Genre wie dem Ballett auseinanderzusetzen. Die Choreographie von Natalia Horecna schaffte es jedoch, mit Solisten wie András Lukács (Der Mann) und Andrey Kaydanovskiy (Die Seele) und einem mitreißenden Musikprogramm (u.a. A Door Is Ajar, einem Traditional, oder Gin von den Tiger Lillies) die Zuschauer mit Ernst, aber noch mehr Komik in eine Welt zu bannen, die hoffentlich keiner von uns so bald „erleben“ muss.

 

Tanzperspektiven: Vier Mal mehr als klassisches Ballett

Neue Töne aus dem „Graben“, neue Schritte auf der Bühne

Fotos © Copyright: Wiener Staatsballett/Michael Pöhn

Der Titel verspricht nicht gerade einen Reißer: Tanzperspektiven. Dass sich dahinter ein spannender Abend mit erstaunlich viel Neuem verbirgt, sowohl oben auf der Bühne, als auch (falls vorhanden) unten im Orchester, lässt sich hinter einer derart trockenen Ansage bestenfalls vermuten. Aber wer leistet sich schon auf den reinen Verdacht hin eine Eintrittskarte in die Staatsoper?! Kurz gesagt, es wäre schade, als Freund des Balletts gerade diese Produktion zu versäumen, diesen mutigen Ansatz mit dem Blick nach vorne auf der soliden Basis von klassischen Elementen.

r.g.o.: Eventide: Eno Peci, Emilia Baranowicz

l.u.: Vers un Pays Sage: Olga Esina, Roman Lazik

l.o.: A Million Kisses to my Skin: Olga Esina, Vladimir Shishov

l.u.: Windspiele: In der Luft Kirill Kourlaev

Leiste u. Titel: Vers un Pays Sage: Olga Esina, Roman Lazik

Vielleicht wäre bereits der Hinweis auf die vier weltweit gefeierten Stars der Choreographie hilfreich, um Interesse für die Perspektiven zu wecken. Direktor Manuel Legris konnte für das Wiener Staatsballett David Dawson, Helen Picket, Jean-Christophe Maillot und Patrick de Bana gewinnen und setzte damit seine Tänzer in einigen Passagen ungewohnten Herausforderungen aus. Bewegungen abseits des herkömmlichen Schrittrepertoires erforderten entsprechendes Sondertraining, das neben einem ohnehin beachtlichen Aufführungspensum des Staatsballetts bewältigt werden musste.

 

Perspektiven weisen an sich in die Zukunft. Warum sich dann unter den Komponisten Johann Sebastian Bach findet, kann nur daran liegen, dass es bereits Mut erfordert, die Musikwelt mit getanztem Bach zu konfrontieren. David Dawson hat unter „A Million Kisses to My Skin“ das Klavierkonzert Nr. 1 (Solist: Igor Zapravdin) herangezogen. Mathematische Präzision der musikalischen Struktur versus einen weichen Bewegungsfluss und Beine im Tempo der melodischen Kaskaden aus Sechzehnteln machten das Wohlgefühl spürbar, das Dawson mit „einer Million Küsse auf meiner Haut“ beschrieb.

 

In vielen Punkten radikaler präsentierte sich Helen Picket mit „Eventide“, mit dem Zauber der magischen Stunde zwischen Tag und Nacht, dem „Kuss, der uns für kurze Zeit mit dem Kosmos verbindet“, so Picket. Die Amerikanerin hat dazu eine Wiener Neufassung erarbeitet. Seltsam für ein Haus mit einem so großartigen Orchester tönt aus Lautsprechern Musik u.a. von Philip Glass und Jan Garbarek. Die Tänzer wirbelten dazu durch ein orientalisches Puff, geführt von herzzerreißend klagenden, bisweilen aufdringlich zweistimmigen Saxophonen oder auch indischen Klangbildern von Ravi Shankar.

In einem Gemälde verschwinden auf beeindruckende Weise zwei Tänzer am Ende von „Vers un Pays Sage“. Jean-Christophe Maillot hat dafür die Idee eines Bildes seines Vaters Jean Maillot herangezogen („Weises Land“) und mit Musik von John Adams kombiniert. Dessen „Fearful Symmetries“, ebenfalls von der Konserve, sind farbenfrohe Harmonik und straffe Rhythmen, geführt von einem unerbittlichen Walking Bass. Erstmals erfüllt sich an diesem Abend die vom Versprechen der Perspektiven evozierte Erwartung, die Darbietung einer zeitgenössischen Dance Company mitzuerleben.

 

„Windspiele“ hebt ab! Komponist ist Peter Iljitsch Tschaikowski, die Musik aber weit ab vom Plüsch eines Schwanensees oder Nussknackers. Konzertmeister Rainer Küchl meistert unter dem Dirigat von Markus Lehtinen virtuos den ersten Satz des einst als unspielbar gehandelten Violinkonzerts in D-Dur.

Dessen atemberaubende Solis lassen die Tänzer im Grande Finale dieses Abends tatsächlich abheben. Choreograph Patrick de Bana eröffnet mit dieser (am 20. Februar urgeführten) Kombination aus traditioneller Musik und unglaublichen Sprüngen eines Kirill Kourlaev zweifellos Ausblicke auf eine fesselnde Zukunft unseres Wiener Staatsballetts.

 

Manon, Ballett von Kenneth MacMillan mit Musik von Massenet

Wunderschön und absolut unmoralisch

Manon ist die Geschichte eines Mädchens, das die Männer verrückt macht und selber an seiner Lebenslust zugrunde geht. Abbé Prévost (1697-1763) hat uns ihre kurze Lebensgeschichte geschenkt und damit einen herrlich bittersüßen Stoff für großes Musiktheater (z. B. Giacomo Puccinis Manon Lescaut). Es handelt sich um einen autobiografischen Roman. Die Leidenschaften, denen der unglückliche Held, der Chevalier des Grieux, ausgeliefert ist, sind also vermutlich allesamt selbst erlitten. Prévost bedauert, dass seine Geliebte von Moral und Treue wenig hielt, sich ohne weiteres von ihrem Bruder Lescaut an den reichen Monsieur G. M. (Guillot de Morfontaine) als Kurtisane verkaufen ließ, vergnügungssüchtig und verschwenderisch war. Dennoch kann der alte Abbé zufrieden resümieren, dass er „nach ihrem eigenen Geständnis der einzige war, in dessen Umgang sie die süßen Freuden der Liebe vollkommen genießen konnte.

Szenenfotos © Wiener Staatsballett

Der britische Tanzdramatiker Kenneth MacMillan (1929-1992) hat Manon 1974 als Ballett auf die Bühne gebracht. Die Musik dazu stammt von Jules Massenet (1842-1912), jedoch nicht aus dessen Oper Manon. MacMillans Arrangeur Leighton Lucas hat aus dessen übrigem Werk für den Tanz passende Kompositionen ausgewählt und damit gemeinsam mit dem Choreographen eine tiefe Verbeugung vor Massenet gemacht. Am 14. November 1993 gab es die Uraufführung an der Wiener Staatsoper und – nicht zuletzt auf Betreiben von Ballettdirektor Manuel Legris – am 8. Jänner 2013 eine bejubelte Wiederaufnahme, mit Ermanno Florio am Dirigentenpult, Maria Yakovleva als Manon und Friedemann Vogel als Chevalier des Grieux.

Ohne Wenn und Aber wird das beginnende 18. Jahrhundert auf die Bühne gestellt, in den Kulissen und den Kostümen (Peter Farmer), aber auch in der Choreographie (Kenneth MacMillan, Einstudierung: Karl Burnett und Patricia Ruanne). Sie erlaubt den Damen und Herren des Wiener Staatsballetts klassisches Ballett in höchster Vollendung und trotzdem zutiefst empfundene Emotionen und Stimmungen auszudrücken: Liebe oder Eifersucht, die zu Handgreiflichkeiten und zum Morden führt, gleichzeitig aber auch die heitere Sittenlosigkeit dieser Zeit, die allerdings ihre Opfer fordert. So schwankt ungemein lebensnahe Kirill Kourlaev als besoffener Soldat Lescaut in einem grandiosen „Pas de Deux“ mit seiner lasziven Geliebten (Ketevan Papava) über die Bühne.

 

Der Vorteil für das Orchester der Staatsoper an einem solchen Abend: Es braucht keine Rücksichten auf Sänger zu nehmen. Es darf aufgedreht werden, vor allem im tiefen Blech, das für Massenet offenbar der ideale musikalische Vermittler mächtiger Leidenschaften ist, zumindest gleichwertig mit den hemmungslos romantischen Melodiebögen in den Celli. Manon, wenngleich erst Ende des 20. Jahrhunderts in diese Form gebracht, verschafft mit ihrem eindeutigen Bekenntnis zum neoklassischen Ballett dem Publikum damit einen Sprung zurück in der Zeit und schenkt ihm ein paar Stunden Atemholen abseits der herben Realität unserer Tage.

 

Auch mit dem Nussknacker lassen sich noch große Premieren feiern

Nurejew und Tschaikowsky erzählen ein schönes Märchen

Die Geschichte stammt von ETA Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig, ein eher düsteres Märchen von einem schönen Jüngling, der in einen hässlichen Nussknacker verwandelt wird. Dieser Stoff, in der Version von Alexandre Dumas, wurde von Peter Iljitsch Tschaikowsky zum Ballett vertont. Zeit der Handlung ist Weihnachten, und seit seiner Entstehung ist der Nussknacker an den Tagen vor dem Christfest nicht aus den Programmen der Opernhäuser wegzudenken, als musikalische Einstimmung und Steigerung kindlicher Vorfreude auf die Bescherung unterm Christbaum daheim.

 

Eine Premiere im Oktober mag dabei etwas verfrüht wirken. Wenn aber die Wiener Staatsoper und das Wiener Staatsballett an eine Neueinstudierung, überdies mit einer tiefen Verbeugung vor Rudolf Nurejew, herangehen, spielt der Termin der Aufführung keine Rolle mehr. Der Nussknacker wird zum weltweit beachteten Großereignis. Die Inszenierung Nurejews ist, kurz gesagt, zeitlos schön, einfach schön. Dass der große Tänzer das ganze Stück hindurch auf der Bühne spürbar bleibt, ist zum guten Teil auch der gemeinsamen Neueinstudierung durch Aleth Francillon und Manuel Legris, dem Direktor des Wiener Staatsballetts, zu verdanken.

 

Nurejew sah den Nussknacker als Lebensaufgabe an und er nahm in allen seinen Stationen weltweit eine besondere Stellung ein. So atmet auch die von der Wiener Staatsoper adaptierte Inszenierung und Choreographie der Pariser Oper aus 1985 den Geist dieses kompromisslosen Bekenntnisses zu Ästhetik, Wohlklang und klassischem Ballett. Bühne und Kostüme (Nicholas Georgiadis) schaffen Gemälde, die durch die Tänzer zum Leben zwischen „Realität und Traum“ erweckt werden. Allein der Tanz der Schneeflocken wird zum faszinierenden Erlebnis, wenn sich zwischen den Tänzerinnen der Raum schwerelos aufhebt und durchscheinend wird.

Szenenfotos © Wiener Staatsballett

Die doch beachtliche Anzahl an Tänzern, die der Nussknacker erfordert, kann in Wien zum Glück in bester Qualität gestellt werden. Scharen von Kindern tanzen mit der Selbstverständlichkeit eines routinierten Ensembles und haben offensichtlich Spaß daran, in einem Märchen ihre Späße treiben zu können, sodass man vergisst, wie viel Disziplin und Probenarbeit dafür aufgewendet werden muss (Einstudierung Nathalie Aubin). Auffallend natürlich agieren auch die Ratten, deren Rudel gegen Spielzeugsoldaten kämpft. In den Kostümen stecken jeweils Studierende der Ballettschule der Wiener Staatsoper, die in dieser Produktion ihr Rollendebüt im Haus am Ring geben.

 

Clara ist Liudmila Konovalova, die von Moskau über Berlin nach Wien gekommen und seit 2011 als Solotänzerin im Wiener Staatsballett engagiert ist. Ihr Prinz, bzw. Pate Drosselmeyer ist ebenfalls Russe, geboren und ausgebildet in St. Petersburg und Solotänzer des Wiener Staatsballetts. Vladimir Shisov ist Nurejew, wenn er nach dem Pas de Deux mit Clara in einem Solo durch den Ballsaal wirbelt. Am tiefsten wird man von den beiden Solisten berührt, wenn sich nur dieses Paar in aller Zierlichkeit zweier Tänzer in reizvollem Gegensatz zu mächtigen Tschaikowsky-Akkorden (das Orchester der Wiener Staatsoper besticht vor allem im tiefen Blech mit klarem Wiener Klang) auf der Bühne bewegt.

 

Romeo und Julia, Sergej Prokofjew und das Wiener Staatsballett

Hemmungslos romantisch

Fotos © Wiener Staatsballett

Was wäre die Weltgeschichte ohne diese süße Tragödie!? Wie immer William Shakespeare zu diesem Stoff gekommen ist, aber mit seinem Drama „Romeo und Julia“ hat er uns die schönste und traurigste Liebesgeschichte geschenkt, über die je Tränen vergossen wurden. Somit ist es durchaus legitim, auch in unserer Zeit der gewollten Rationalität und krampfhaften Nüchternheit auf der Bühne nicht auszulassen, was das Herz rühren könnte, egal ob auf dem Theater, in der Oper oder wie in der Staatsoper beim Ballett, das am 14. September 2012 zum 156. Mal mit dem unglücklichen Liebespaar ein volles Haus begeistert hat.

 

Der Russe Sergej Prokofjew hat die Musik dazu geschrieben, ein opulentes Tongemälde, mit großen Klängen, beherrscht vom tiefen Blech, mit der Kontrabasstuba als geschmeidige Führerin durch die Themen. Eine derart solide Basis erlaubt das Schweben, das Abheben der Tänzer aus der Schwerkraft

Vor einer Kulisse mit Bildern, gemalt wie von alten Meistern, wird in schönster Weise gehasst, geliebt, gerauft, gefochten und gestorben. Da die Handlung zwischen den einzelnen virtuosen Tanznummern Brücken braucht, dürfen sich die Tänzer durchaus als große Pantomimen erweisen, um ohne jedes Wort die an sich bekannte Geschichte zu erzählen.

 

Julia ist Olga Esina. Die Erste Solotänzerin des Wiener Staatsballetts stammt aus St. Petersburg. Ihr Romeo, Roman Lazik, kommt aus Bratislava und war dort bereits Erster Solist am Nationaltheater, tanzt seit 2007 an der Wiener Staatsoper und wurde 2010 Erster Solotänzer des Wiener Staatsballetts. Der Brite John Cranko (+1973) hat die Choreographie erdacht. Deren Wurzeln liegen in den 1950er Jahren, und 1962 bejubelte die Kritik bereits ihre dramatische Spontaneität, Kraft und Farbe. Bis heute hat sich daran nichts geändert, man darf mit bestem Gewissen dank John Cranko einen seltenen Abend hemmungsloser Romantik genießen.

 

Das Wiener Staatsballett mit Don Quixote in der Staatoper

Ohne ein Wort Geschichten erzählen

Fotos © wiener staatsballett/michael pöhn

Das Genie Rudolf Nurejew ist gegenwärtig. 1966 brachte er das Ballett Don Quixote an die Wiener Staatsoper. 16 Mal war er Basil, die eigentliche Hauptfigur in dieser Episode aus dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra. Der Ritter von der Traurigen Gestalt war übrigens in allen 46 Aufführungen (bis 1985) Michael Birkmeyer. Ursprünglich aufgegriffen hatte den Stoff Marius Petipas in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der damit ein szenisches Ballett geschaffen hatte, das in berauschend abwechslungsreicher Weise dem Tanz wie dem Inhalt der Erzählung Rechnung trägt.

Thomas Mayerhofer ist Don Quixote mit einem gewaltigen Spektrum des Ausdrucks. Man nimmt ihm den steifen alten Mann ebenso ab wie den eleganten Kavalier, aber auch den Träumer großer Ideale, die in einer ergreifenden Traumbegegnung mit Dulcinea zu den Höhepunkten des Abends zählen. Dulcinea wird von der ersten Solotänzerin Liudmila Konovalova getanzt, die auch Kitri verkörpert und damit zwei Rollen fulminant verbindet. Ihr Fächer klatscht temperamentvoll und lässt keinen Zweifel offen, dass der stramme Barbier Basil (Vladimir Shishov im erfolgreichen Rollendebüt an der Staatsoper) der ihre ist.

Manuel Legris, Direktor des Wiener Staatsballetts, hat höchstpersönlich die Einstudierung für die nunmehrige Produktion übernommen, besser gesagt, er hat Nurejews Fassung von Paris wieder nach Wien „heimgeholt“. Er hat es dabei auch bei der Musik belassen. Bei der Wiener Premiere 1966 war die Komposition von Ludwig Minkus alles andere als freundlich aufgenommen worden. Knapp 40 Jahre danach bewährt sie sich aber nach wie vor als handwerklich profunder musikalischer Schrittmacher für die virtuos tänzerischen Leistungen von Solisten und Ensemble (Arrangement John Lanchbery, Dirigent Kevin Rhodes).

 

Es geht um die Liebesgeschichte von Basil und der Wirtstochter Kitri. Ihr Vater hat den reichen Adeligen Gamache als Schwiegersohn im Auge. Dass alles so ausgeht, wie man es sich von solchen Storys erwartet, dafür sorgen Don Quixote und sein Diener Sancho Pansa (ein großartiger Christoph Wenzel) und eine Reihe von glücklichen Zufällen, die nicht zuletzt durch den patscherten, aber dennoch zum Guten hoch motivierten Ritter Don Quixote in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Das Happy End ist eine durch List herbeigeführte Hochzeit von Basil mit Kitri, während Don Quixote und Sancho Pansa zu neuen Abenteuern aufbrechen.

 

Choreographien von Balanchine, Neumeier, Tharp und Forsythe

Juwelen der Neuen Welt II

An sich ist der Titel „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ unübersetzbar. William Forsythe, 1949 in New York geboren, ist ein Meister sowohl die Körpersprache als auch einer der Wörter. Insofern sollte man sich seiner Choreographie ausgerechnet zu Franz Schubert und dem 4. Satz von dessen Symphonie C-Dur, 4. Satz einfach überlassen, ohne über verwirrende Zusammenhänge nachzudenken, die durch die Paarung von Schubert und Tanz hervorgerufen werden. Über einem unerbittlich pochenden Rhythmus über ständig ins düstere Moll modulierenden Harmonien wippen fröhlich, unbeschwert starre Reifröckchen der Tänzerinnen, die wiederum verhindern, dass sie ihren Partnern in deren amethystfarbenen Badeanzügen zu nahe kommen.

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r.o.: Rubies Choreographie: George Balanchine Maria Yakovleva, Mihail Sosnovschi © Wiener Staatsballett / Dimo Dimov

l.o.u.Leiste: The Vertiginous Thrill of Exactitude Choreographie: William Forsythe Liudmila Konovalova, Masayu Kimoto, Kiyoka Hashimoto © Wiener Staatsballett / Dimo Dimov

l.u.: Bach Suite III Choreographie: John Neumeier Mihail Sosnovschi, Kiyoka Hashimoto © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Bach, richtig, Johann Sebastian Bach, auch der lässt sich tanzen – sofern er von John Neumeier, geboren 1942 in Milwaukee, Wisconsin, mit Ballett ergänzt wird. Die Orchestersuite Nr. 3 erfasst spätestens beim wunderschönen Ohrwurm namens Air die Zuhörer und hält sie bis zur anschließenden Pause in Atem. Bewegung macht die beinahe mathematischen Strukturen der Musik Bachs sichtbar, löst damit optisch die vielen Schichten einer Fuge auf, verteilt sie auf die beeindruckend bis akrobatisch wirkenden Solisten Maria Yakovleva, Roman Lazik und Kiyoka Hashimoto, Mihail Sosnovschi.

 

Twyla Tharp aus Portland, Indiana, schafft mit einem Thema von Josef Haydn, den dazu komponierten Variationen von Johannes Brahms und ihrer Choreographie meditative Momente. Man kann sich wie in eine weiche Tuchent aus Klang und Bewegung fallen lassen und bliebe gern dort liegen, wenn nicht, ja, wenn nicht begeisterte Zuhörer bei jedem Trugschluss zwischen den Sätzen die herrliche Spannung der Pausen wegklatschen würden; ein sonderbarer Brauch, der bei einem Konzert vollkommen undenkbar wäre – aber den Tänzern sei der Zwischenapplaus gegönnt, sie haben ihn verdient.

 

Ein Juwel schon vom Titel her ist Rubies (Rubine) von George Balanchine, einem in den USA tätig gewesenen St. Petersburger (1904-1983). Vom ebenfalls in St. Petersburg (1882) geborenen Igor Strawinsky stammt die Musik zu diesem Ballett. Die Uraufführung von Rubies fand am 13. April 1967 in New York statt. Die Amerikaner waren begeistert. Die Time schrieb damals in Anspielung auf die rubinroten, mit Edelsteinen besetzten Kostüme: Wenn Männer zu Van Cleef & Arpels gehen, resultiert ein Besuch meist in einem überzogenen Bankkonto. Wenn Balanchine hingeht, ist das Resultat ein Juwel von einem Ballett.

Balanchine & Robbins – Hommage an zwei Ballett-Legenden

Getanzte Konzerte

Wenn der Pianist Igor Zapravdin, versteckt im Dunkel des Orchestergrabens, Chopin spielt, ist man versucht, sich zurück zu lehnen und die Augen zu schließen. Seine Interpretation der Nocturnes ist der gefühlvolle Ausdruck von Nachtgedanken, denen man so gerne nachhängen möchte. Gedacht sind sie aber für das Geschehen auf der Bühne, sind Ballett mit Piano, kongenial von sechs Solisten des Staatsballetts sichtbar gemacht.

 

„In the Night“ mit den Nocturnes von Chopin ist Teil zwei dieses Abends, der zwei Großen des Balletts gewidmet, oder besser gesagt, deren Choreographien vorbehalten ist: George Balanchine (1904-1983) und Jerome Robbins (1918-1998).

 

Diese beiden Choreographen gelten als die Hauptautoren des Balletts des 20. Jahrhunderts. Robbins, gebürtiger Amerikaner, avancierte im Laufe seiner eigenen großen Karriere vom Adepten zum künstlerisch ebenbürtigen Partner von Balanchine, mit dem ihn eine fast 40 Jahre parallel verlaufende „Schöpfungsgeschichte“ verbindet.

 

Zu Beginn beherrscht mit Glass Pieces (Philipp Glass) in der Choreographie von Robbins sowohl in der Musik als auch im Inhalt Avantgarde. Auf einer leeren, nur von einem schwarz-weiß karierten Hintergrundprospekt abgeschlossenen Bühne gehen Menschen aneinander achtlos vorbei, scheinbar getrieben von hektischen Klängen oder reduziert auf ihre Schatten, die sich mit den eingeflochtenen Figuren der Solotänzer zum zeitgenössischen Gemälde verbinden.

Olga Esina & Roman Lazik (in „Stravinsky Violin Concerto“)

© Wiener Staatsballett/Michael Pöhn

Der dritte und der viertel Teil sind zwei an sich grundverschiedene Arbeiten Balanchines. Der Choreograph hatte u.a. für „Agon“ mit Igor Strawinsky für das Ballett zusammengearbeitet und sich später selbständig anderen Kompositionen Strawinskys zugewendet. Das Konzert in D (Uraufführung 18. Juni 1972, New York) für Violine und Orchester ist eines dieser Stücke, die Balanchine dazu inspirierten, die zwei selbständigen Künste Komposition und Tanz miteinander zu verbinden. Grandioser Solist ist der Geiger Rainer Honek.

 

Tschaikowski mit Thema und Variationen aus der Orchestersuite Nr. 3 G-Dur wirkt nach Strawinsky nahezu wie eine freundliche Draufgabe. Die gelben und orange Kostüme (Christian Lacroix) sind dazu angetan, dem Auditorium ein erfreutes „Ah!“ zu entlocken und lassen dieses genüsslich der durchaus konventionellen Choreographie Balanchines (Uraufführung am 26. November 1947 in New York) bis zu einer genialen Hebefigur (Liudmila Konovalova und Denys Cherevychko) im satt aufgetragenen Schlussakkord folgen.

 

Erstmals in der Wiener Staatsoper: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Geld

als Gesetz

und Moral

Über 80 Jahre hat es gedauert, bis die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill und Bertolt Brecht (Uraufführung 1930 in Leipzig) im Haus am Ring aufgeführt wurde (Erstaufführung am 24. Jänner 2012). Was immer die Gründe waren, dass es so lange gedauert hat, bis dieses Stück Einzug in die heil´gen Hallen finden durfte, darf vermutet werden: Musik und Stoff unterscheiden sich grundlegend von der „kulinarischen“ (Brecht) Oper, mit der das Wiener Publikum bisher verwöhnt wurde.

 

Die Geschichte erzählt eigentlich eine krause Utopie. Weil sie auf ihrer abenteuerlichen Suche nach Gold in einem Nirgendwo hängen bleiben, beschließen drei von den Konstablern gesuchte Typen, eine eigene Stadt zu bauen. Ihr Ziel: Anderen Glücksrittern mit hemmungslosen Vergnügungen das Geld aus der Tasche zu ziehen, „weil von Männern das Gold leichter zu bekommen ist als von Flüssen“ (Leokadja Begpick). Die „Netzestadt“, so die Bedeutung von Mahagonny, wächst und zieht Unzufriedene aus aller Herren Länder an.

Bilder (© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn) anklicken zum Vergrößern


l.g.o.: Clemens Unterreiner (Sparbüchsenbill), Il Hong (Alaskawolfjoe), Christopher Ventris (Jim Mahoney), Norbert Ernst (Jack O'Brien)

l.o.l.u.r.: Szenenfotos l.u.: Elisabeth Kulman (Leokadja Begbick)

r.o.: Tomasz Konieczny (Dreieinigkeitsmoses), Elisabeth Kulman (Leokadja Begbick)

l.u.: Elisabeth Kulman (Leokadja Begbick)

Leiste u. Titel: Bühnenbild

Dass diese Oper nicht in ein politisches und moralisches Manifest ausartet, verdankt sie der Musik von Kurt Weill. Sie darf ohne schlechtes Gewissen als unterhaltsam empfunden werden, geradeso als emotional ergreifend und muss trotz ihres streckenweise tänzerischen Schwunges als große Komposition gehört werden. Die Gesangspartien sind anspruchsvoll. Sie verlangen den Sängern vor allem glasklare Aussprache ab, wie sie Brecht für seine Texte gefordert hat. Die Harmonik bewegt sich am Rande der Tonalität von Shanty, Tarantella und Blues mit Drumset mitten im Orchester und Instrumenten wie Banjo, Bandoneon und Zither bis zu (teils ironisch zitierter) klassischer Musik.

l.o.: Angelika Kirchschlager (Jenny Hill), Clemens Unterreiner (Sparbüchsenbill)

l.u.l.: Herwig Pecoraro (Fatty), Tomasz Konieczny (Dreieinigkeitsmoses)

r.: Szenenfoto mit Hurrikan

Das Unternehmen floriert so lange, bis erstens die Polizei und zweitens ein alles vernichtender Hurrikan anrücken. Jim Mahoney, einer von vier Holzfällern, die in Alaska Geld gemacht haben und der nun in Mahagonny mit der Hure Jenny zusammenlebt, stören wie viele andere Bewohner die vielen Verbote, mit denen ihr Paradies überreglementiert wird. Als die Katastrophe naht, kann er völlige Freiheit durchsetzen. Sein Leitspruch: „Du darfst!“, und zwar alles – so lange du Geld hast.

 

Ausgerechnet Jim verliert sein ganzes Geld. Er hat es in einem Boxkampf auf seinen Freund gesetzt. Der wird dabei jedoch erschlagen. Jim besäuft sich daraufhin, kann die Zeche nicht bezahlen und wird weder von Jenny noch von seinen Freunden ausgelöst. Er hat damit das einzige verbliebene Gesetz gebrochen. Mangel an Geld wird (in seinem Fall) mit dem Tod bestraft. Besser wird dadurch nichts, auch der Untergang kann nicht abgewendet werden. Mahagonny versinkt im Chaos.

Ingo Metzmacher steht in der Wiener Staatsoper am Pult. Er ist überzeugt, dass Mahagonny große Oper ist, „wenn zu einem großen Text – Brecht – Musik geschrieben wird, die den poetischen Raum ausweitet.“ Jim wird von Christopher Ventris gesungen. Für die Jenny ist Angelika Kirchschlager an die Staatsoper zurückgekehrt. Inszeniert wurde Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Jérôme Deschamps. Er macht die Stadt in einem Bilderbuch sichtbar, in dem umgeblättert wird. Die dadurch entstehenden harten Brüche zwischen den Szenen sind ganz im Sinn von Brecht, der uns mit Mahagonny einmal mehr vor Augen führt, wie zuletzt die Moral kommt.


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