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Das Stadttheater Walfischgasse und der Beweis von David Auburn

Anna Sophie Krenn, Michael Schusser, Foto: Sabine Hauswirth

Trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn

Der geniale Mathematikprofessor Robert ist verrückt geworden. Die Maschine, so bezeichnet er sein Gehirn, arbeitet nicht mehr richtig. Betreut wird er von seiner jüngeren Tochter Catherine. Deswegen hat sie ihr Mathematikstudium aufgegeben. Sie hat von ihrem Vater das mathematische Genie geerbt, aber, wie es scheint, auch die Anlagen zur Geisteskrankheit. Die beiden Menschen sind gefangen in einer Welt abstrakter Gedanken und Zahlen.

Anna Sophie Krenn, André Pohl, Foto: Sabine Hauswirth

Während Robert seine Zeit mit sinnlosem Schreiben und dem Entschlüsseln geheimer Botschaften in zufälligen Buchstaben- und Zahlenkombinationen verbringt, leidet Catherine unter tagelanger Agonie, während der sie oft nicht einmal das Bett verlassen kann.

Anna Sophie Krenn, Eva-Christina Binder, Foto: Sabine Hauswirth

Als Robert stirbt, trifft zur Beerdigung Cathys ältere Schwester Claire ein. Die elegante Claire ist tüchtig, hat ein gewinnbringendes Studium absolviert, verdient prächtig und will demnächst heiraten. Für sie stellt es kein Problem dar, ihre versponnene Schwester bei sich in New York aufzunehmen, vor allem, weil sie vorausblickend bereits das Elternhaus in Chicago verkauft hat. Für Catherine ist diese Vorstellung schmerzlich, eigentlich unerträglich. Es wäre die endgültige Trennung von ihrem Vater.

 

Genau in dieser Konfliktsituation erscheint Hal, ebenfalls Mathematiker. Robert war sein Doktorvater. Hal durchforscht den Nachlass des Professors, da er überzeugt ist, in dessen Aufzeichnungen geniale Erkenntnisse zu entdecken. Dass er den „Beweis“ schlechthin findet, hat er Catherine zu verdanken, die damit aber für die entscheidende Wende in dieser Geschichte sorgt. Mehr soll nicht verraten werden, nur ein Satz, den Catherine dem in seinem analytischem Denken und gleichzeitig in seiner Eitelkeit gefangenen Mathematiker verletzt entgegenschleudert: „Nicht beweisen, du hättest mir glauben müssen!“

Das Stadttheater Walfischgasse hat das Stück „Der Beweis“ von David Auburn auf die Bühne gestellt. Es genügen dazu vier Personen und eine sparsame Ausstattung, um das Publikum zwei Stunden lang auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn trittsicher zu führen. Die Regisseurin Carolin Pienkos begnügt sich mit einer Bank auf der Veranda des Hauses und einem Innenraum, ausgestattet lediglich mit einem Fauteuil, die von den Schauspielern je nach Bedarf nach vorne gedreht werden. Den Rest konnte sie offenbar dem grandiosen Ensemble überlassen, zumindest hat man bei den vier Darstellern dieses Gefühl.

Michael Schusser, Eva-Christina Binder, Foto: Sabine Hauswirth

André Pohl macht die Verzweiflung eines seiner Geisteskrankheit bewussten Genies ebenso deutlich wie zärtliche die Zuneigung zum einzigen Menschen, der ihn verstehen kann, eben seiner Tochter Catherine. Michael Schusser schwankt wunderbar als bubenhaft wirkender Jungprofessor Hal zwischen wissenschaftlicher Neugier und seiner Liebe zu Catherine. Eva-Christina Binder ist die selbstbewusste Clair, deren Optimismus und überaus praktisches Denken am Grübeln ihrer Schwester abprallen.

Catherine in der Person von Anna Sophie Krenn macht es keinem ihrer Mitmenschen leicht, sie einfach lieb zu haben. Sie ist eben ein Genie und lässt es alle, wirklich alle, auch das Publikum spüren. Man weiß nie, wie sie reagieren wird, weder beim Kuss von Hal, noch in der berührenden Szene, in ihr der Vater nach seinem Tod eine Flasche Champagner zum Geburtstag schenkt.

 

Das einzige Manko dieses Stücks, für das Auburn 2000 den Pulitzer-Preis erhielt, ist der Beweis an sich. Es wird auch am Ende nicht verraten, um welch epochalen „Proof“, so der Originaltitel, es sich handelt. Der Grund dafür dürfte wohl ganz einfach darin liegen, dass David Auburn Bühnenautor und kein Mathematik-Genie ist; aber schließlich ist nicht alles im Leben nur Mathematik.

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