Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Johanna Orsini-Rosenberg © Judith Stehlik

Viel Glück AUF DER SUCHE NACH DEM SECHSTEN SINN

Paul Skrepek, Johanna Orsini-Rosenberg © Judith Stehlik

Karl bohrt den Karl zu Karl, aber Karl gibt nicht auf, ein ganzer Karl

Eines darf man auf keinen Fall: den Versuch wagen, in den Texten von Konrad Bayer einen tieferen Sinn zu finden, wenn auch niemand Geringerer als Ernst Bloch diese als beeindruckend und philosophisch bezeichnet hat. Das einzige Mittel, den dadaistischen Wortkaskaden auf den Grund zu kommen, ist und bleibt der sechste Sinn. Erstaunlich wie rasch sich diese angeblich übersinnliche Gabe einstellt, wenn man fünf Viertelstunden dieser Art von Literatur ausgesetzt ist, während man die seltsamen Abenteuer eines gewissen Goldenberg verfolgt. Zum einen ist es Bewunderung für die als Mann auftretende Johanna Orsini-Rosenberg. Sie rezitiert noch so unmögliche Kombinationen von Buchstaben mit virtuosem Tempo und logisch scheinender Betonung wie ganz gewöhnliche Sätze aus irgend einem x-beliebigen Roman. Zum anderen ist es der Spaß, der sich nach kürzester Zeit einstellt, sobald man dahinter gekommen ist, dass einen damit niemand belehren und schon gar nicht beschimpfen will. Ein Vorteil ist das Wissen um den geistigen Nährboden der Texte.

Johanna Orsini-Rosenberg © Judith Stehlik

Bayer war Mitglied er Wiener Gruppe, zu der unter anderen Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Oswald Wiener und Gerhard Rühm gehörten. Zeit der Entstehung dieser Avantgarde sind die Jahre 1954 bis 1960. Ausgehend vom Art Club im Strohkoffer gab es Happenings, mit denen Zeitgenossen erfolgreich irritiert oder geärgert wurden. Wie sollten die braven Mitbürger auch verstehen, was diese paar Wahnsinnigen aus dem damals längst entschlafenen Dadaismus über den Zweiten Weltkrieg herüber gerettet hatten. Aber keine andere Art der Kunst hätte in diesen Tagen die Berechtigung gehabt, ernsthaft als solche bezeichnet zu werden.

Paul Skrepek © Judith Stehlik

Im Gegensatz zu den späteren Wiener Aktionisten waren die Literaten noch ausgesprochen lustige Burschen. Es floss kein Blut und Gewalt wurde schlimmstenfalls als abschreckendes Wort gebraucht. Sie zerlegten einfach die Sprache in ihre Atome, um daraus einen neuen Kosmos zu schaffen. Sie förderten Möglichkeiten von deren Verwendung an den Tag, die bis dahin niemand beispielsweise im harmlosen  Buchstaben A oder im biederen Namen Karl vermutet hätte.

Bayer hat jedoch entdeckt, welch ungeahntes Potential in K A R L steckt und hat daraus ein über etliche Minuten dauerndes Wortspiel gebaut, das in einem faszinierenden Stakkato hunderterlei Bedeutungen von Karl offenbar werden lässt. Oder der Genuss eines Stücks Apfelstrudel, der vom Zucker auf der knusprigen Kruste über die delikate Fülle bis zum Biss in das Fleiiiischschsch des Apfels zum hochdramatischen Ereignis aufgespaltet wird.

 

Die zweite Hälfte des Ensembles ist der Musiker Paul Skrepek. Er singt unter anderem „Glaubst i bin bled“, das einst durch die Worried Man Skiffle Group bekannt wurde, in neuer Vertonung und begleitet Bayers Texte gefühlvoll auf der Kontragitarre. Für diese Produktion hat er eine Art musikalischer Weltmaschine gebaut, die selbsttätig Schlagzeug spielt, mit einem Tonband und einem alten Plattenspieler Geräusche fabriziert, eine Spirale Richtung endlos drehen lässt und am Schluss wie auf einem Transparent Texte zum Lesen bietet.

Für die Bühne aufbereitet hat Konrad Bayers Schrägheiten Elisabeth Gabriel, die auch selbst Regie geführt hat. Sie hat es geschafft, das Absurde in einen perfekt gebauten Bogen zu spannen, der trotz seiner Sinnlosigkeit fesselt und, man darf es ruhig so formulieren, bestens unterhält. Es ist eben Literatur „ganz im Stil der Jahrhundertwende“ (© Konrad Bayer), wenn Ringe auf die Tischplatte klirren, von der Dame in Rot sehr einfach getanzt wird und die Unterschiede aufhören, wo Leben und Eigentum bedroht sind.

Johanna Orsini-Rosenberg, Paul Skrepek © Judith Stehlik

Weiße Neger sagt man nicht Ensemble © Anna Stöcher

WEISSE NEGER SAGT MAN NICHT besser s´Maul halten!

Nancy Mensah-Offei, Georg Schubert © Anna Stöcher

Wie man sich intelligent der Mitbewerber entledigt

Ist das TAG jetzt zur moralischen Anstalt geworden? Wird dem Publikum nun auch dort Rassismus und Fremdenfeindlichkeit um die Ohren gewatscht, wie in manchen anderen Theatern? Keine Angst, nein! Es wäre ja kein Paradoxon, das hinterlistig im Titel lauert. Die Rede ist da von weißen Negern, wobei das berühmte Unwort mit N dabei ganz deutlich ausgesprochen und es dem Zuschauer anheim stellt wird, wem er diese nach allgemeiner Ansicht diskriminierende Titulierung angedeihen lässt. Die Hautfarbe spielt in dabei die geringste Rolle, abgesehen von einigen Rülpsern und patscherten Äußerungen, die den anderen Teilnehmer gegenüber einer farbigen Mitbewerberin in – man möchte sagen – alter Gewohnheit ausrutschen. Solche Entgleisungen sind eher dreckiger Schnee von gestern und diejenigen, die derlei Unkorrektheiten eventuell noch als lustig empfinden, sind, brutal gesagt, nichts als Ewiggestrige. Da gibt es schon ganz andere Probleme in unserem Zusammenleben als mehr oder weniger Teint im Gesicht.

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Ob sie es so gewollt hat oder nicht, lässt sich schwer sagen, aber das Stück, dessen Texte von der Regisseurin Esther Muschol gemeinsam mit dem Ensemble des TAG erarbeitet wurden, ist vielmehr ein ernüchternder Blick auf die Willenlosigkeit von Karrieristen, denen in einem Assessment (der neusprachliche Ausdruck für ein Auswahlverfahren von Führungskräften) keine Peinlichkeit zu groß ist, um sich ihr nicht zu unterziehen.

Es wird der Arsch des Vordermannes bzw. der Vorderfrau willig massiert, man lässt sich ins Maul schauen und auf Mundgeruch überprüfen, oder macht bei saublöden Rollenspielen mit. Stellenweise ist das Stück erschreckend nah an der Realität. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wenn eine Bewerberin aufgefordert wird, als Chefin einen schwierigen Mitarbeiter zurecht zu stutzen und nur deswegen ausgezeichnet reagiert hat, weil sie dessen Herzanfall ignoriert.

Georg Schubert, Jens Claßen © Anna Stöcher

Das Ensemble des TAG wird ein lebensnaher Kreis von Bewerbern, die um einen Führungsposten in einem internationalen Konzern rittern. Georg Schubert ist als Hans mit allen per Du. Er ist gelernter Funkenschuster, also Elektriker, der sich hochgearbeitet hat und nun mit rustikaler Natürlichkeit punkten will. Der schlanke Salomon Weiß (Raphael Nicholas) steht sich selbst ganz verkrampft auf den Zehen und vergisst allzu gern, sich nach dem Binkeln die Hände zu waschen. Michaela Kaspar macht als biedere Amelia Schulz ganz auf Naive, die zwischen Rissen in ihrer weiblichen Fassade die Härte von Stahl durchschimmern lässt. Björn Sellscheid ist doppelter Doktor und als Leiter des Assessments souverän. Jens Claßen lässt seinen Helden aber im Verlauf des Geschehens gekonnt zum armen Würstel mutieren, das sich bis zur Ratte erniedrigen lässt, nachdem zutage gekommen ist, dass er in das Verfahren nur als Testperson eingeschmuggelt worden war.

Die offenbar wirkliche Leiterin, die sich aber erst im Verlauf des Geschehens als solche zu erkennen gibt, scheint Beatrix Melichar zu sein, der Elisabeth Veit unangenehme Kälte verleiht. Als sie Titania Coleman, die einzige farbige Bewerberin, aufgrund eines Formfehlers – sie hat den Unterlagen kein Foto beigelegt – ausscheiden lässt, schlägt diese zurück. Nancy Mensah-Offei darf in dieser Rolle bereits in einem Prolog auf ihre Rache hinweisen und sich – mit Erfolg – fünf dumme weiße Neger suchen.

Weiße Neger sagt man nicht Ensemble © Anna Stöcher
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