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Alois Frank als Friedrich Carl Langmann © Rolf Bock

SCHARLACHROT Richter Gnadenlos verurteilt sich selbst

Alois Frank als Friedrich Carl Langmann © Rolf Bock

Ein Plädoyer für die vernichtende Macht der Erziehung

Alles muss überperfekt sein. Mit dem Maßband wird die Länge der Tischtuchzipfel und die Lage der Servietten geprüft. An den drei Hosen sind die Bugfalten nicht messerscharf genug, und die Stiele der Rosen sind nicht exakt gleich lang. Am liebsten möchte Friedrich Carl Langmann, Richter am Jugendgerichtshof, der Verkäuferin den Prozess machen und sie wegen ihrer Nachlässigkeit zu Kerkerhaft verdonnern. Die Welt um ihn herum entspricht absolut nicht seinen Vorstellungen von Zucht und Ordnung.

Alois Frank als Friedrich Carl Langmann © Rolf Bock

Aber er bemüht sich, seinen Teil dazu als Richter Gnadenlos, wie er hinter vorgehaltener Hand von den Kollegen genannt wird, beizutragen. Für ihn sind die anderen Richter nur Weicheier und Mastdarmakrobaten, die nichts als Verachtung verdienen. Schon sein Vater war Jurist, auch seine Mutter, die aber aus Rücksicht auf die Familie ihre Karriere dem Ehemann und dem Sohn geopfert hat. Es ging das ganze Leben von Friedrich Carl nur um die Erziehung, um das tadellose Hineinwachsen in ein Dasein, das als Präsident des Obersten Gerichtshofes seinen Höhepunkt finden sollte. Sein Vater hatte es nur bis zum Senatspräsidenten gebracht. Er war also in den Augen der Mutter gescheitert. Und was ist an allem Schuld? Der blöde Sex, der an sich weder beim Vater noch beim Sohn jemals wirklich eine Rolle gespielt hat. Aber vielleicht gerade deswegen hat beiden ein bescheidener Anflug von Geilheit das Vorwärtskommen unmöglich gemacht. Allen Frauen, natürlich außer der Mutter, gebührt deswegen die Todesstrafe, denn sie haben nichts anderes im Sinn, als so intelligente und moralisch starke Herren wie Friedrich Carl und seinen Erzeuger zu verführen und damit in eine abgrundtiefe Bredouille zu bringen.

 

Bernhard Görg hat einem solchen Menschen wie Friedrich Carl Langmann mit dem Stück „Scharlachrot“ Leben geschenkt. Der Name des Autors wird manche vielleicht erstaunen. Es handelt sich tatsächlich um Dr. Bernhard Görg, promovierter Jurist und u. a. einstiger Vizebürgermeister von Wien. Der theaterbegeisterte und diesbezüglich auch talentierte Unternehmer und Ex-Politiker hat diesen packenden Monolog geschrieben. Damit erlaubt er seinem Helden, innerste Beweggründe frei herauszusagen, ohne ihn auf Widerspruch stoßen zu lassen. Als gewandter Jurist ist für Friedrich Karl Langmann die Schuldfrage von Anbeginn dieser Verhandlung mit sich selbst sonnenklar. Es sind seine Erziehung und das Elternhaus, die ihn so nachhaltig geprägt haben.

Sie sind in seinen Augen die wahre Ursache, dass er als einsamer, in seiner Pedanterie verfangener Mann nur mehr sich selbst als Gesprächspartner hat. Wie er dieser Misere zu entgehen trachtet, wird natürlich nicht verraten. Nur so viel: Es ist spannend, den vielschichtigen Ausreden für das persönliche Scheitern zuzuhören und zuzusehen. Das seine dazu trägt Alois Frank bei, der dem im Grunde armen Hund Friedrich Karl alle Unsympathie mitgibt, die einen solchen Typen auszeichnet. Sein Jammer, dass man ihn den Spitznamen Orangenhaut Charly verpasst hat, gibt dem Ganzen einen wohltuenden Spritzer Humor. Dazu zählt auch der Auftritt in der scharlachroten Robe. Derart würdevoll gewandet wird seine Autorität sich selbst gegenüber mordsmäßig unterstrichen. Er verschwendet nicht den leisesten Gedanken daran, dass er an der Trostlosigkeit seines Daseins selbst schuld sein könnte. Regisseurin Eva Christina Binder hat mit einer sparsamen Inszenierung, lediglich mit Projektionen und geschickter Lichtführung, diese Selbstdarstellung eines wahrhaft ausgetrockneten Juristen ansprechend auf die Bühne des Theater Center Forum II gestellt.

Alois Frank als Friedrich Carl Langmann © Rolf Bock
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