Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Maddalena-Noemi Hirschal, Alexander Braunshör © Lilli Crina Rosca

BUNBURY Nur ein wahrer Ernst hat Sexappeal

Dagamr Bernhard, Stefano Bernardin © Lilli Crina Rosca

Ein erfundener Bruder, der leibhaftig auftaucht und zu seinem Erfinder wird

Zwei Herren wollen sich amüsieren. Der eine, John Worthing, kurz Jack, wohnt am Land auf einem schönen Anwesen, was ihn aber nicht ganz befriedigt. Es zieht in die Stadt, um dort Amüsement zu suchen. Da er Vormund der jungen Cecily ist, hat er Vorbildfunktion und erfindet deswegen den moralisch herabgekommenen Bruder Ernst, den er in der Stadt besuchen muss, um ihn auf den rechten Weg zurück zu bringen. Dabei besucht er den Lebemann Algernon Moncrieff.

Lilly Prohaska, Christian Rajchl © Lilli Crina Rosca

Der hat neben einem Haufen Schulden und einem erfundenen Freund namens Bunbury vor allem eine hübsche Cousine namens Gwendolen, der gegenüber sich Jack kurzerhand als Ernst ausgibt. Wäre da nicht deren Mutter Lady Bracknell, stünde einer Verlobung des vermeintlichen Ernst mit Gwendolen nichts im Wege. Die strenge Dame will davon jedoch nichts wissen. Algernon seinerseits erfährt von Cecilys Existenz, besucht diese und stellt sich ihr als Jacks Bruder Ernst vor. Die Mädchen fahren unglaublich auf den Namen Ernst ab und wollen sich nicht im Traum vorstellen, dass ihr Geliebter anders heißen könnte. Das heißt für die Männer: Sie müssen sich neuerlich taufen lassen, und zwar auf Ernst, um für ihre Verlobten überhaupt interessant zu sein. Der Originaltitel des Stücks „The Importance of Being Earnest“ spielt mit dem Doppelsinn des Wortes Ernst, das Oscar Wilde in einem erfrischenden Guss pointierter Dialogen witzig zerpflückt. Dass dabei die englische Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts tüchtig durch den Kakao gezogen wird, ist eine unterhaltsame Nebenerscheinung, ebenso wie der geheimnisvolle Bunbury, der zuletzt einfach eines ominösen Todes stirbt.

Lucy McEvil, Dagmar Bernhard © Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar hat diese Salon-Komödie für das Theater Akzent inszeniert und in die an sich von heterosexuellen Bedürfnissen bestimmte Handlung eine lasziv homoerotische Ebene eingezogen; was durchaus den Intentionen des Autors Oscar Wilde entsprechen dürfte. Algernon Moncrieff (Stefano Bernardin) macht kein Hehl daraus, dass er seinen hübschen Diener Lane (dargestellt vom klassischen Pianisten Marko Kölbl, der anfangs ordentlich in die Tasten haut) durchaus anziehend findet.

Es passt einfach zum Lebensstil dieser Leute, ein bisschen Bi zu sein. Eine imponierende Erscheinung ist die „herrliche Dame“ Lucy McEvil als Lady Bracknell, die mit mächtigem Bass ihre Umgebung kujoniert. Die zwei Mädchen Gwendolen Fairfax (Maddalena-Noemi Hirschal) und Cecily Cardew (Dagmar Bernhard) sind diesbezüglich eindeutig gepolt.

Sie strahlen liebreizenden Charme aus, sind gleichzeitig aber voll ungebremster weiblicher Bösartigkeit, mit der sie der anderen an den Kragen gehen, um Ernst, das Objekt ihrer Begierde, zu erkämpfen. Sie wissen ja nicht, dass Nämlicher nur eine Erfindung von John Worthing (Alexander Braunshör) ist und ohnehin jede ihren Verehrer für sich alleine hat.

 

Bis sich aber die überraschende Wahrheit herausstellt, dass Jack tatsächlich Ernst ist, erlebt man einiges an sehenswerten Turbulenzen, in denen auch die Gouvernante Miss Prism (Lilly Prohaska) und der stets süßsauer lächelnde Pastor Chasuble (Christian Rajchl) keine unwesentliche Rolle spielen. Von Gegenwartsbezügen wird, abgesehen von einigen bissigen Bemerkungen, größtenteils Abstand genommen und der Zuschauer mit Projektionen (Peter Hirsch) und einer stilvoll eingerichteten Bühne (Markus Liszt), vor allem aber auch mit passenden Kostümen (Heida Url) in eine Zeit entführt, in der das Leben noch viel zu wichtig war, um es ERNST zu nehmen.

Marko Kölbl, Stefano Bernardin © Lilli Crina Rosca
Theater Akzent Logo 600

Statistik